Lebensmittelspenden

Zum Erntedank Lebensmittel spenden. 

Auch in diesem Jahr wird wieder anlässlich des Erntedankfestes am 3. Oktober um Lebensmittelspenden in den Rösrather Kirchen gebeten.

Damit die gespendeten  Lebensmittel auch eine zweckentsprechende Verwendung finden, werden sie nach den Gottesdiensten von Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtlern der  TAFEL RÖSRATH abgeholt und kurzfristig weiterverteilt. Dadurch verringern sich für die Empfänger die entsprechenden Ausgaben im Supermarkt, und es bleibt ihnen vielleicht etwas übrig für Aktivitäten  der sozialen Teilhabe, z. B. für Bücher, Zeitungen, Sport, Musik, Ausflüge, Kino, Feiern usw.

Als Spenden eignen sich neben frischem Obst und Gemüse auch andere, nicht kühlpflichtige Lebensmittel, z. B. Konserven (bitte nicht in Glasbehältnissen), Nudeln,  Reis, Kaffee, H-Milch, Dauerwurst (nicht  kühlpflichtig),  verpackte Backwaren.

Um die Altäre mit den Gaben schmücken zu können, wird darum gebeten, für die  Abgabe der Spenden möglichst folgende Termine einzuhalten:
Forsbach: Samstag, 2. 10., 9 – 12 Uhr,
Volberg: Samstag, 2. 10.,  9 – 13 Uhr,
Rösrath: Wegen des an diesem Sonntag stattfindenden Konfirmationsgottesdienstes wird es dort keinen Erntedank-Altar geben.

Falls  diese Zeiten nicht zusagen, können die Gaben natürlich auch noch am Sonntag in den Gottesdienst  mitgebracht werden..

Dr. Gerd Wasser
Tel. 02205/82926

 

Theologischer Impuls


Von Glanz und Schönheit der Hebammen – und der subversiven Liebe Gottes.

Theologische Impulse (103) von Dr. Thorsten Latzel, Präses.

Wie wichtig und wertvoll Hebammen sind, habe ich in den Zeiten erlebt, als unsere drei Kinder zur Welt kamen. Da gab es weise, lebenskompetente Frauen, die meine Frau berieten, begleiteten, für sie da waren, ihr im wahrsten Sinne den Rücken stärkten – anders, als andere Menschen das konnten. Ein Segen in einer der wohl sensibelsten und anspruchsvollsten Zeiten im Leben. Umso problematischer, dass vor allem versicherungstechnische Regelungen die Arbeit von Hebammen in unserer Gesellschaft immer weiter belastet haben. An manchen Orten in Deutschland herrscht „Hebammenmangel“ und kommt es zu Versorgungsengpässen bei der Geburt.

In der Bibel wird von vielen Berufen erzählt: Hirten, Händlerinnen und Handwerkern, Königinnen und Prophetinnen, Seeleuten und Soldaten. Doch kein Beruf erfährt solch eine Wertschätzung wie der der Hebammen.

Zwei mutige Hebammen waren es, die auch am Anfang der Geschichte des Volkes Israel standen. Geburtshelferinnen des Volkes Gottes, noch bevor Gott es aus Ägypten herausführte. Schifra und Pua. Die Bedeutung ihrer Namen ist nicht sicher, wahrscheinlich „Schönheit“ und „Glanz“. Schönheit und Glanz widersetzen sich dem Befehl des Pharaos, der die männlichen Neugeborenen der hebräischen Frauen töten lassen wollte. Sie handeln subversiv – aus der Liebe Gottes heraus. Die Haltung eines religiös motivierten Widerstands, wie sie für viele Menschen beispielhaft werden sollte: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg 5,29) Und beeindruckend ist, wie sie das tun. Als der Pharao sie vor sich zitiert und zur Rede stellt, verweisen sie klug auf die Stärke der hebräischen Mütter: „Sie sind kräftige Frauen. Ehe die Hebamme zu ihnen kommt, haben sie geboren.“ (2. Mose 1,19)

Schönheit und Glanz schützen die Frauen so nicht nur vor der Gewalt, sie betonen zugleich ihre Stärke. Sie lassen die Frau selbst in deren eigener Schönheit glänzen – und durchbrechen so in doppelter Weise ihren Opferstatus. Wegen dieser subversiven Liebe, welche „die Gewaltigen vom Thron“ stößt und „die Niedrigen“ erhebt (Luk 1,52), segnet Gott die Hebammen: „Darum tat Gott den Hebammen Gutes.“ (2. Mose 1,20)

Hebammen sind es, die als Erste in der Bibel den Satz sprechen, den wir später als Heilszusage aus dem Mund von Prophetinnen, Priestern und Engeln kennen: „Fürchte dich nicht …“. So sagen es die „Wehmütter“ den Gebärenden zu, wenn das Neugeborene zur Welt kommt. Etwa zu Rahel, als sie ihren Sohn Benjamin gebiert – und zugleich darüber verstirbt (1. Mose 35,17; vgl. 1. Sam 4,20). Ein Zuspruch unter Frauen, mitunter der letzte Trost der Härte des eigenen Todes zum Trotz. „Fürchte dich nicht, denn dir ist ein Kind geboren.“ Der Verkündigungsengel spricht an Weihnachten genau diesen „Hebammen-Satz“, den jene damals den gerade geboren habenden Müttern zuflüsterten.

Gott selbst wird in Psalmen mehrfach in der Weise einer Hebamme beschrieben. Ein Gefühl tiefster Verbundenheit, der Lebensbegleitung vom ersten Augenblick an. Etwa:

„Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen,
du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter.
Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an,
du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an.“ (Ps 22,10f.; vgl. 71,6)

Gott erschafft den Menschen, kennt ihn schon vor seiner Geburt, hilft ihm wie eine Hebamme ins Leben, begleitet hindurch und auch darüber hinaus.

Hebammenkunst (griech. Mäeutik). Seit Sokrates gilt sie zugleich als Sinnbild für eine dialogische Gesprächshaltung. Durch Nachfragen wird das verborgene Wissen des Gegenübers geweckt und ihm bzw. ihr so zur Erkenntnis verholfen. In den platonischen Dialogen kann das mitunter recht gekünstelt wirken – vor allem, wenn die eine Person vermeintlich schon Bescheid weiß und ihr Wissen nur verbirgt (die sog. sokratische Ironie). Unsere Kinder haben für solches „Pädagogengemache“ in jedem Fall einen feinen Sensor. Etwas anderes ist es, wenn eben auch die „Hebamme“ Teil des Prozesses ist und trotz all ihrer Erfahrung auch nicht vorher weiß, was entsteht. Geburten sind immer wieder neu ein Wunder. So zumindest verstehe ich persönlich eine geistliche Hebammenhaltung: Nicht wir bringen Gott zu den Menschen, sondern wir entdecken – in Christus – Gott mit und bei den Menschen: „Er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.“ (Apg 17,27f.) So wie Jesus Christus selbst überrascht war vom Glauben des römischen Hauptmanns oder der kanaanäischen Frau und von der Frömmigkeit des Samariters erzählte.

Geistliche Hebammenkunst – das heißt für mich, aus subversiver Liebe Mächtigen zu widerstehen, Unterdrückten den Rücken zu stärken, Schönheit und Glanz derer zu entfalten, die mir anvertraut sind, und mich immer wieder von Gottes Gegenwart überraschen zu lassen. So ist geistliche Hebammenkunst eine Form der Nachfolge Christi.

Als die Welt in Wehen lag
Als die Welt in Wehen lag
und die Hebammen fehlten,
mussten Hirten einspringen,
schweigsame Gesellen,
die sich besser mit Lämmern auskannten.
Und ein Engel flüsterte der Welt ins Ohr,
was diese sonst der Mutter sagen:
„Fürchtet euch nicht.
Ihr habt ein Kind.“ (TL)

Christus als Hebamme
Er fragte:
„Was willst du, dass ich dir tue?“
Er tat,
was andere wundersam heilte.
Er sagte:
„Dein Glaube hat dir geholfen.“
Er half
in ein neues Leben aus dem Tod.
„Wer aber sagt ihr, dass ich sei?“ (TL)


Weitere Texte: www.glauben-denken.de

Als Bücher: https://praesesblog.ekir.de/inhalt/theologische-impulse-als-buecher

Kontakt: praeses@ekir.de

Bild: Gundula Vogel auf www.pixabay.com

Chorproben -Termine

  • Kammerchor – die Probe des Kammerchors findet am 16.09. um 20 Uhr im Gemeindesaal des Gemeindezentrums Forsbach statt.
    Hier gilt die 2-G-Regel.
  • Gospelchor – am 22.09. um 19.15 Uhr findet in der Ev. Kirche Volberg ein Kennenlerntreffen mit gemeinsamem Singen des Gospelchors der Ev. Gemeinde Volberg-Forsbach-Rösrath und der Kantorin Katharina Wulzinger statt.
    Alle Interessierten sind hierzu herzlich eingeladen.
  • Kinder- u. Jugendchöre – auch Kinder- und Jugendchöre wird es wieder geben. Organisatorisch benötig die neue Kantorin hierfür noch einige Zeit.
    Sobald die Kinder- und Jugendchöre Probentermine haben, werden diese hier und auf unserer Internetseite bekanntgegeben.
  • Kantorei – die Probe der Kantorei fand bereits am 14.09. im Gemeindesaal des Gemeindezentrums Rösrath statt.

Kontakt:

TEL. 0176 87 999 716
Katharina.Wulzinger@ekir.de

Kantorei
Kammerchor
Gospelchor
Kinder- und Jugendchöre

A-cappella-Chormusik

Samstag, 11. September, 18 Uhr in der Versöhnungskirche Rösrath.

Eintritt frei – um eine Spende für die Betroffenen der Unwetterkatastrophe wird gebeten.

 

Theologischer Impuls

„Umtopfen“ – oder: wie Sie die Wurzeln Ihres Lebens pflegen.

Theologische Impulse (102) von Dr. Thorsten Latzel, Präses.

Vor ein paar Wochen habe ich die Bäume aus unserer Wohnung umgetopft. Fici benjaminae, Birkenfeigen. War dringend nötig. Ihre Töpfe waren für sie längst schon zu klein geworden. Nun habe ich keinen besonders grünen Daumen, danach aber ziemlich schwarze Fingernägel. Mehrere Stunden war ich dran: verbrauchte Erde aus den Ballen lösen, vorsichtig das verknotete Wurzelwerk freilegen, dann in frische Erde einpflanzen, mit Wasser begießen. Eine geradezu meditative Tätigkeit. Einem anderen Lebewesen beim Wachsen helfen. Ich stehe eigentlich nicht so auf Gartenarbeit. Das Ganze hat mich aber wohl deswegen berührt, weil das Umtopfen symbolisch für unsere aktuelle Lebensumstände war. Umzug als fünfköpfige Familie.

Wer das einmal gemacht hat, weiß, wovon ich rede. Die Zeit und Energie, die es braucht, bis nicht nur die Kartons ausgepackt, sondern alle wirklich angekommen sind: in der Wohnung, in der Nachbarschaft, in der Schule, am Arbeitsplatz. Alles neu. Keine Routinen. Und wer das hinter sich hat, kennt auch all die passenden Sätze, die man dann mitunter hört.

Etwa: „Dreimal umziehen ist wie einmal abgebrannt.“ (wohl von Benjamin Franklin) Klingt schön metaphorisch, dramatisch, lebensweise, ist aber eigentlich unsinnig. Auch ohne dass man mit Menschen aus den verbrannten Landschaften in Griechenland, Italien, der Türkei redet. Es handelt sich trotz aller Anstrengung um selbst gewählte Migration. Ein freiwilliger Wechsel des Wohnsitzes aus Arbeitsgründen. Im Schwyzerdütsch, in dem alles etwas freundlicher klingt, gibt es dafür das nette Wort „Zügeln“. Das wiederum ist dann zu harmlos. Unsere Wirklichkeit bewegt sich irgendwo zwischen Zügeln und Hausbrand.

Oder: „Ein neues Haus, ein neuer Mensch.“ Goethe darf bei solchen Sinnsprüchen natürlich nie fehlen. Ein neuer Lebensort bietet die Möglichkeit, sich selbst neu zu entdecken – oder zumindest gewisse Seiten von sich. Vor allem für kreative Charaktere mit stärker hysterischen Persönlichkeitsanteilen. Meine Erfahrung nach dem, grob kalkuliert, zehnten Umzug ist allerdings: Irgendwo in einem der Koffer hat sich dann doch wieder mein alter Adam versteckt. Wäre aber auch schade gewesen, so ganz ohne ihn.

„Wenn du einen Garten in deiner Bibliothek hast, wird es Dir an nichts fehlen.“ (Cicero) Damit kann ich etwas anfangen. Gute Bücher als biographische Wegbegleiter und ein schöner Ort, um sie zu lesen: Das macht für mich viel vom Zuhause-Gefühl aus. Gerade, weil der Garten hier mehrdeutig „in“ der Bibliothek verortet ist – als Ort zum Lesen bzw. im Gelesenen. Ein inneres Reich der Freiheit, das einen äußeren Spiegel hat („hortum in bibliothecam“; oft wird der Satz verkürzt auf „einen Garten und eine Bibliothek“). Damit können aber verständlicherweise nicht alle etwas anfangen: „Auch den Möbelpackern sind Leute, die lesen, zuwider. Aber sie haben wenigstens einen guten Grund dafür.“ (Gabriel Laub)

„Beim Abschied wird die Zuneigung zu den Sachen, die uns lieb sind, immer ein wenig wärmer.“ (Michel de Montaigne) Die „Zuneigung zu den Sachen“ hat uns als Familie diesmal besonders beschäftigt, weil die Wohnfläche etwas kleiner geworden ist. Was nehme ich mit in die nächste Lebensphase hinein? Und was brauche ich davon wirklich? Die berühmte „Koffer-einsame-Insel-Überlegung“. Die 10.000 Dinge, die ein/e Europäer/in angeblich durchschnittlich besitzen soll, toppen wir locker. Auch wenn ich die Bezeichnung „Wohlstands-Messi“ unserer Tochter natürlich strikt von mir weise. Ein Lebensstil, der Dinge nach kurzem Gebrauch wieder wegwirft, erscheint mir auch wenig „minimalistisch“. Doch wie macht man es, dass man die Dinge besitzt und nicht umgekehrt die Dinge einen besitzen? Bei Paulus gibt es dazu den schönen Gedanken des „haben als hätte man nicht“ (1. Kor 7,29ff.) Oder wie ich es einmal an einem Haus in Edinburgh gelesen habe: „Heute meins, morgen deins. Warum sorgst du?“ (Hodie mea mane tua cur curas). Am Ende werde ich ohnehin nichts mitnehmen. Leben in „schöner Endlichkeit“. Das macht das Loslassen leichter. Zumindest theoretisch.

Bei Umzügen gibt es bei uns eine eigene Dramaturgie. Wir sind die ersten drei Wochen sehr schnell. Lampen, Möbel, Kleider, Bilder, Gardinen. Was bis dahin nicht ausgepackt ist, bleibt bis zum nächsten Umzug in den Kartons. Oder wird dann weggeworfen. Doch das Schönste in dieser Zeit sind die Menschen. Die alten Freunde, die einen begleiten, die neuen, die einem „Brot und Salz“ bringen. Diesmal etwa die Pfarrerin aus unserer Gemeinde, ein alter Studienfreund oder unsere neue Nachbarin Charlotte. „Brot und Salz“, auf dass beides im Haus nicht ausgehen möge. Für den Glauben hat beides noch eine tiefere Bedeutung. Brot, um mit anderen das Brot zu brechen, Mahlgemeinschaft zu halten. Gegenwart Christi. Salz, um selbst für andere Salz der Erde zu sein. Segensgaben, um selbst zum Segen zu werden. Starke Zeichen aus alter Zeit, in der solche Dinge nicht einfach immer im Supermarkt zu kaufen waren.

Womit ich wieder bei unseren Bäumen wäre. Es gibt Dinge, die kann ich mir selbst nicht sagen, nicht selber machen. Dass meine Wurzeln und die jedes einzelnen Familienmitglieds wieder treiben. Dass jede und jeder guten Boden findet. Dass da Menschen sind, die den neuen Ort zur Heimat werden lassen. All das braucht man immer im Leben. Beim Umzug wird es mir nur noch einmal stärker bewusst. Wie unsere Benjamini: verbrauchte Erde aus den Ballen lösen, vorsichtig das verknotete Wurzelwerk freilegen, dann in frische Erde einpflanzen, mit Wasser begießen. Und dann warten, was geschieht. So bekommt man ein neues Gespür für die großen Umzugsgeschichten in der Bibel.

Umzug, biblisch

Adam und Eva zogen aus dem Paradies,
weil sie mussten.
Abraham und Sarah zogen ins verheißene Land,
weil sie glaubten.
In Jesus zog Gott durch unsere Welt,
weil er an uns glaubte.
Woher und wohin
zieht es eigentlich mich? (TL)


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Theologischer Impuls

„Katastrophen“ – und wie ich versuche, geistlich mit ihnen umzugehen.

Theologische Impulse (101) von Dr. Thorsten Latzel, Präses.

Zu den kleinen „Alltags-Ritualen“ unserer Familie gehört das gemeinsame Ansehen der Tagesschau. Richtig „old-school-mäßig“. Kurz vor acht ruft irgendwer durch das Treppenhaus. Und alle kommen zusammen, um mitzukriegen, was an dem Tag los war, um sich darüber auszutauschen. Das hilft, gerade wenn in der Welt viel passiert, es viel zu diskutieren gibt. Unser kleines familiäres Forum.

Nun ist Nachrichten zu schauen selten erbaulich. In diesem Sommer besonders wenig. Überschwemmungen, verheerende Brände auf den verschiedenen Kontinenten. Dann der Vormarsch der Taliban, die schrecklichen Bilder vom Flughafen in Kabul. O-Ton unserer ältesten Tochter: „Wir sitzen im Himmel und schauen der Hölle zu.“

Das Wort „Katastrophe“ taucht in der Berichterstattung regelmäßig auf, bei den menschlich mitverursachten Naturphänomenen wie bei den militärisch-politischen Ereignissen. Und leicht können dabei apokalyptische Gefühle aufkommen, zumal wenn das Corona-Virus weiter mutiert und die nächste Welle kommt. Selbst die olympischen Spiele erfüllten in diesem Jahr kaum ihre ablenkende Funktion: eine kommerzialisiert-entleertes Event ohne Publikum. „Schnittchen und Spiele“. Doch was heißt es eigentlich, wenn man diesbezüglich von „Katastrophen“ spricht – und wie lässt sich geistlich mit ihnen umgehen? Drei Annäherungen, wie ich persönlich versuche, geistlich damit umzugehen:

1. Von Katastrophen sprechen wir im Allgemeinen, wenn ein Unglück so groß ist, es jedes Maß und jede Grenze überschreitet – in verschiedener Hinsicht:

– Das betrifft das objektive Ausmaß der Verwüstung, wenn etwa in den schrecklichen Schlammlawinen vor einigen Wochen mehr als 180 Menschen ums Leben kamen, kleine Bäche zu reißenden Sturzwassern wurden, Häuser mitgerissen haben und ganze Orte zerstört zurückließen. Mehr Leid, als unser kollektives Sehen und Verstehen erfassen könnte. Eine Katastrophe an sich.

– Das betrifft erst recht die Grenzen des individuellen, persönlichen Erlebens, des seelisch Verkraftbaren, wenn man selbst betroffen ist. Es widerfährt einem Menschen etwas tief Traumatisierendes, was er oder sie einfach nicht verarbeitet bekommt, was einem auch im Innern den Boden unter den Füßen wegreißt. Eine Katastrophe für mich.

– Das betrifft vor allem auch die Grenzen der Selbsthilfe-Möglichkeiten, des/der Einzelnen wie der betroffenen Gemeinschaft. Der Katastrophenfall wird ausgerufen, wenn die zuständigen Kräfte keine Chance mehr haben, es Hilfe von außen braucht. Konkret, wenn die Flut eben auch Brücken, Straßen, Strom-, Wasserversorgung zerstört hat und auch die, die man sonst um Hilfe ruft, nicht mehr helfen können.

Katastrophen als Grenzen und Maße übergreifendes Unglück: Sie machen deutlich, wie wenig wir unser eigenes Leben in der Hand haben. Wie verletzlich, vulnerabel unsere Gesellschaft ist, auch in einem hochentwickelten, reichen Land wie Deutschland. Seuchen, Fluten, Feuersbrünste: all das kannten wir lange aus anderen Zeiten oder Weltgegenden. Jetzt rückt es dichter an uns heran. Und damit auch die Erfahrung, an die Grenzen unserer eigenen Selbsthilfe-Möglichkeiten zu kommen. Vor allem, wenn der Menschen gemachte Klimawandel weiter fortschreitet und die nächste „Jahrhundert-Flut“ nicht lange auf sich warten lassen wird. In alten Kirchenliedern wird Gott oft um Bewahrung angerufen. Solche Bitten gewinnen angesichts solcher Erfahrungen eine neue Brisanz:

„Du wollest auch behüten / mich gnädig diesen Tag /
vor Teufels List und Wüten, / vor Sünden und vor Schmach, /
vor Feu’r und Wassersnot, / vor Armut und vor Schanden, /
vor Ketten und vor Banden, / vor bösem, schnellem Tod.“ (EG 443,3)

Unsere Kinder wachsen damit auf, dass es nicht selbstverständlich ist, „normal“ zu leben. Die Kruste unseres heilen Lebens ist dünn, allzu dünn geworden.

2. Der Begriff „Katastrophe“ stammt aus dem Griechischen und meint ursprünglich eine „Umkehrung“ oder sprachlich noch genauer: eine „Wendung nach unten“. In der antiken Tragödie bezeichnet er den plötzlichen Wendepunkt im Schicksal des Helden oder der Heldin (Peripetie), von dem ab das Unglück seinen Lauf nimmt. „Katastrophen“ in diesem klassischen, tragischen Verständnis sind meist Folgen menschlichen Fehlverhaltens und sollen idealerweise eine reinigende, „kathartische“ Wirkung haben. Für die Held-/innen wie für die Zuschauenden. Doch welche Läuterung geschieht eigentlich, wenn wir massenmedial die Katastrophen mitverfolgen? Hilfs- und Spendenbereitschaft? Ja, das ist sicher gut. Aber dann? Und was bedeutet es, wenn das Unglück eben nicht einfach die Verursacher trifft, sondern das Leid der einen mit dem Konsumverhalten von vielen zusammenhängt?

Bei einem meiner Gespräche in den überfluteten Gebieten sagte ein Presbyter den eindrücklichen Satz: „Leute mit sauberer Kleidung sind uns hier suspekt.“ Diese katastrophale Flut hat etwas mit Menschen gemacht, den Betroffenen, den Helfenden, den vielen Menschen, die mit ihnen mitgelitten haben. Die Flut hat etwas zerstört, auch innerlich. Auch bei mir. „Nach der Flut“ kann und darf es keine „Weiße-Kragen-Theologie“ mehr geben, in der wir „über“ Klimawandel, Krisen, Katastrophen reden. All das trägt jetzt Namen und Gesichter von Angehörigen, Freunden, Kollegen. Wir brauchen nach der Katastrophe eine kathartische, reinigende Theologie. Eine, die uns von irrigen Selbstbildern und Lebenszielen befreit. Die uns freisetzt, das, was wir schon längst als richtig erkannt haben, auch zu leben. Eine „transformative Spiritualität“ (U. Schneidewind). Oder in den vier programmatischen kurzen ersten Sätzen des Wanderpredigers aus Nazareth: „Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes ist nahe. Ändert euren Sinn. Und glaubt an das Evangelium.“ (Mk 1,15) Eine Katharsis hier nicht aus der „Wendung nach unten“ (Katastrophe), sondern einer „Wendung nach oben“: sich bestimmt sein lassen von der unbedingten Gegenwart Gottes in Jesus Christus. Das ist für mich jetzt unsere Aufgabe als Kirche: so von dieser Gegenwart Gottes zu reden, dass es uns selbst und andere frei macht, so zu leben, wie wir es schon längst als richtig erkannt haben: anti-katastrophisch, nach oben gewandt.

3. Wenn gegenwärtig viel und oft von Katastrophen geredet wird, sagt das allerdings auch etwas über unsere kollektive Wahrnehmung aus. Eine Neigung zum „Katastrophisieren“, das fatale Fokussiert-Sein auf den Untergang. In der Psychologie wird damit eine kognitive Verzerrung bezeichnet, die das Unglück maximiert und die eigenen Möglichkeiten minimiert. „Das wird immer schlimmer werden. Ganz gleich, was wir tun.“ Die nächste Verschwörungstheorie lässt dann nicht lang auf sich warten. Solches apokalyptisches Denken ist aber zutiefst unchristlich. Mit der Theologin Dorothee Sölle gesprochen: „‚Da kann man nichts machen‘, ist der gottloseste aller Sätze.“ Eben weil der Satz der Botschaft Jesu von der Gegenwart Gottes und dem Wandel des Menschen grundlegend widerspricht. Deshalb ist es wichtig, gerade in Zeiten schlimmer Katastrophen nicht zu katastrophisieren. Und den entsprechend selbstverliebten Unheilspropheten nicht nachzulaufen.

Viele der biblischen Texte sind in katastrophalen Zeiten entstanden – im Alten Testament in der Zeit des Exils, als der Tempel zerstört, das Land verwüstet, das Volk deportiert war. Im Neuen Testament nach dem Tod Jesu, dem Ausbleiben seiner Wiederkunft, der Verfolgung von außen. Gerade in diesen katastrophalen Zeiten entstanden Gegengeschichten, die davon handeln, dass Gott sein Volk Israel und seine Welt nicht im Stich lässt, allen verheerenden Erfahrungen zum Trotz. Dieser Hintergrund hilft uns, den tröstenden und ermutigenden Charakter mancher Texte für uns neu zu verstehen.

„Die Schöpfung Gottes“- in katastrophaler Zeit
1. Tag: Gott schafft uns Zeit, den Wechsel von Tag und Nacht. Gott ist Herr über Licht und Finsternis, beides steht in seiner Hand und gehört zu seiner Schöpfung.

2. Tag: Gott hält uns Raum frei. Er gründet das Firmament, um die Wasser zurückzuhalten. Gott setzt den Chaos-Kräften eine Grenze.

3. Tag: Gott schenkt uns eine Lebensgrundlage: festes Land und Pflanzen, um davon zu leben.

4. Tag: Gott lässt uns Sonne, Mond und Sterne scheinen – und er entmachtet so die Astralgottheiten der damaligen Siegermächte. Es sind Lampions, die uns des Tags und des Nachts scheinen sollen.

5. Tag: Gott schafft für uns Tiere als Mitgeschöpfe im Wasser und in der Luft. Fische, die in den Fluten spielen, und Vögel, die in den Lüften tanzen. Alles, um sich daran zu freuen.

6. Tag: Gott schafft für uns Tiere als Mitgeschöpfe auf dem Land. Und er schafft uns selbst – damit wir für die anderen, für seine Schöpfung da sein können. Damit wir das „Seufzen der anderen Kreaturen“ hören und als Erstgeborene der neuen Schöpfung anders leben.

7. Tag: Und Gott schafft uns Ruhe – indem er selber ruht und uns in der Stille begegnet.

Es ist an der Zeit, dass wir anfangen, die alten Texte neu zu lesen und anderen davon zu erzählen. Allen Katastrophen zum Trotz.


Weitere Texte: www.glauben-denken.de

Als Bücher: https://praesesblog.ekir.de/inhalt/theologische-impulse-als-buecher

Kontakt: praeses@ekir.de

Bild: Hermann Traub auf www.pixabay.com

ab 20.08. 3-G-Regel

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Geschwister,

Nordrhein-Westfalen hat eine komplett neue Corona-Schutzverordnung herausgegeben, die am Freitag, 20. August 2021, in Kraft tritt. Sie ist geprägt von der sogenannten „3-G-Regel“, die allerdings nicht unmittelbar auf Gottesdienste Anwendung findet. Alle Änderungen, die sich auf unseren Dienst und unsere Angebote auswirken, finden Sie hier.

Regeln für Gottesdienste
Die neue NRW-Schutzverordnung hat eine Überarbeitung unserer Regelungen für Gottesdienste notwendig gemacht. Da die Verordnung ab 20. August gilt, beachten Sie bitte die Hinweise für Gottesdienste schon an diesem Wochenende!

Nordrhein-Westfalen
In Nordrhein-Westfalen gelten ab 20. August 2021 die Regelungen der Coronaschutzverordnung vom 17. August 2021.
==>> Corona-Virus-Regeln-NRW

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Johann Weusmann
Vizepräsident
Evangelische Kirche im Rheinland
Landeskirchenamt
www.ekir.de/klingelbeutel

Video-Gottesdienste

Regeln für Gottesdienste:
Die neue NRW-Schutzverordnung hat eine Überarbeitung unserer Regelungen für Gottesdienste notwendig gemacht. Da die Verordnung ab 20. August gilt, beachten Sie bitte die Hinweise für Gottesdienste schon an diesem Wochenende! Anmeldungen mit dem Kontaktformular sind b.a.w. nicht mehr erforderlich.

Nordrhein-Westfalen
In Nordrhein-Westfalen gelten ab 20. August 2021 die Regelungen der Coronaschutzverordnung vom 17. August 2021.
==>> Corona-Virus-Regeln-NRW

  • 15.August, 11:00 Uhr Gottesdienst in der Volberger Kirche mit dem Gospel-Chor
    Pfarrer Thomas Rusch
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  • 22.August, 11:00 Uhr Gottesdienst in der Volberger Kirche
    Pfarrer Thomas Rusch
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  • 29.August, 11:00 Uhr Gottesdienst in der Volberger Kirche
    Pfarrer Thomas Rusch
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  • 05. September, 11:00 Uhr Gottesdienst in der Volberger Kirche
    Pfarrer Armin Kopper
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  • 12. September, 11:00 Uhr Gottesdienst in der Volberger Kirche
    Pfarrer Armin Kopper
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  • 19. September, 11:00 Uhr Gottesdienst in der Volberger Kirche
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Die Termine und Links für die nächsten online-Gottesdienste werden wir für Sie ständig aktualisieren.

 

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Beitragsfoto:
Sandra Schildwächter, Gemeindebrief

Theologischer Impuls

„Kaum Worte für diese Verwüstung“ – Wie reden von unaussprechlichem Leid?

Von der Unwetter-Katastrophe gibt es im Netz und in den Medien eine wahre Flut an Bildern. Doch es fällt schwer, davon zu reden. Berufliche Kommentator-/innen kommen ins Straucheln oder laufen Gefahr, üblich gestanzte Sätze zu verbreiten. Angela Merkel drückte diese Sprachnot bei ihrem Besuch in den überschwemmten Gemeinden so aus: „Die deutsche Sprache kennt kaum Worte für diese Verwüstung.“ Genau genommen liegt das Problem dabei nicht an einem Mangel an Begriffen. Die deutsche Sprache ist auch hinsichtlich Katastrophen reich: Flut, Schlammwelle, Verwüstung, Zerstörung, Kataklysmus, Überschwemmung, Unwetter, Chaos, Sintflut, Hochwasser, Schlag- oder Sturzregen. Das Problem liegt vielmehr in der Sinnwidrigkeit des Geschehens. Sprache lebt von Ordnung, Sinnstrukturen, geregelten Beziehungen zwischen Zeichen. Doch das Wesen dieser Katastrophe ist gerade ihre Sinnwidrigkeit, das Wegreißen von Ordnung und Vernichten von Beziehungen. Die Wasser haben uns auch die Worte weggespült. Weil sie ihren Haftpunkt, ihr Bezugsnetz verloren haben. Angesichts der tiefen Sinnwidrigkeit dieses Leides wissen wir mit unseren vielen Wörtern nichts anzufangen. Das Problem ist ein pragmatisches, kein semantisches.

Doch Schweigen ist keine Alternative. Zumindest nicht auf Dauer. Ja, es gibt ein notwendiges Schweigen, dort, wo das Leiden zu groß wird. Und mir dreht sich der Magen um, wenn ich jetzt im Netz manche frommen Schreibtisch-Spekulationen lese, dies sei das Gericht Gottes, wofür auch immer. Die Freunde Hiobs „saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.“ (Hiob 2,13) Was hätten sie erst getan bei solch einer kollektiven Flutkatastrophe? Und selbst dann, nach dieser geistlichen Karenzzeit, gehen die Freunde Hiobs mit ihrer klugen Schultheologie in die Irre. Hier lese nach, wer meint, Gottes Pläne jetzt allzu genau zu kennen. In der theologischen Deutung von solchen Katastrophen ist ein zentrales Kriterium für mich, ob ich die Sätze seelsorglich im Angesicht der Betroffenen zu sagen vermag. Von dem unaussprechlichen Leiden lässt sich daher geistlich, theologisch meines Erachtens nur so sprechen, dass die Betroffenen selbst zu Wort kommen, dass wir hinhören, was sie erlebt haben, dass wir ihnen Raum schaffen, ihre Klage, Trauer, Bitte wie auch ihren Dank für Rettung zu äußern und vor Gott zu bringen. Es geht nicht um ein Reden über die Verwüstung, sondern um ein Gespräch mit den Verwüsteten, das sich selbst von dieser Verwüstung berühren lässt, sich selbst ihrer Sinnwidrigkeit existentiell aussetzt.

Genau hier können dann die alten Texte des Glaubens eine Hilfe sein, um den Chaoskräften nicht das letzte Wort und das Schweigen zu lassen. Um den Betroffenen und Trauernden wieder eine Stimme zu geben. Alte Gesangbuchlieder von Paul Gerhardt (Befiehl du deine Wege), Dietrich Bonhoeffer (Von guten Mächten) oder Lothar Zenetti (Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr). Oder eben die Psalmen: „Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle. Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen. Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser.“ (Ps 69,2ff.) Die Pointe liegt hier im Personalpronomen: Es gibt eine Leidenswirklichkeit und Erfahrungen von Sinnwidrigkeit, von denen sich angemessen nur im „Ich“, „Du“, „Wir“ reden lässt, nicht im abstrakten „Es“. Im Gebet und im Zuspruch für andere. Dies ist letztlich der Weg, den Gott selbst in Jesus Christus gewählt und uns aufgezeigt hat: Gott begegnet dem sinnwidrigen Leid als „Ich“ – leidend am Kreuz – und als „Du“ – heilend anderen zugewandt.

Das ist es, was auch Aufgabe von Seelsorge und Gottesdienst in der kommenden Zeit – nach der ersten Krisenintervention – sein wird: Menschen Raum geben, dass sie in eigener oder geliehener Sprache ihren Erfahrungen vor Ort Ausdruck geben können. Das bedeutet nicht, dem Leid nachträglich oder abstrakt einen Sinn zu verleihen, den es nicht hat. Das Wesen von Leiden ist gerade seine Sinnwidrigkeit. Aber es heißt, Menschen zu helfen, mit der Sinnwidrigkeit umzugehen. Sich nicht auf Dauer von ihr bestimmen oder zum Opfer machen zu lassen, sondern sich selbst von Gott her als frei, widerständig, gehalten zu erfahren – allen widersprechenden Erfahrungen zum Trotz.

„Vom unaussprechlichen Leid reden“ – das heißt für mich, den Betroffenen zuzuhören, mit ihnen zu schweigen und vor Gott ihren Klagen, Bitten, Dank Raum und Sprache zu geben. Dazu helfe uns Gott.


Weitere Texte: www.glauben-denken.de

Als Bücher: https://praesesblog.ekir.de/inhalt/theologische-impulse-als-buecher

Kontakt: praeses@ekir.de

Bilder: Claudia Wasser und Udo Hartenfels

Theologische Gedanken

Die Fluten als widergöttliche Chaosmächte – oder: Christus im Schlamm.

Theologische Gedanken zur Überschwemmung von Dr. Thorsten Latzel, Präses

Liebe Christinnen und Christen,

die verheerende Flut hat Menschen getötet, Häuser zerstört, ganze Ortschaften verwüstet. Auch viele unserer Gemeinden sind davon betroffen. Die schrecklichen Erfahrungen und Bilder haben mich wie viele andere tief erschüttert. Ich bin froh, dass unsere Gemeinden und Landeskirche so schnell reagiert haben: mit konkreter Hilfe vor Ort, Notfallseelsorge, Spenden, Gottesdiensten, einem digitalen Trauer- und Klageraum („#unwetterklage“) und vielem mehr. Danke an die vielen Menschen, die sich hier engagieren.

Zugleich wirft die Unwetter-Katastrophe auch theologische Fragen auf, manchmal mit einer problematischen Rede von einem Gerichtshandeln Gottes.

Hier ein paar persönliche Gedanken dazu, wie die Katastrophe geistlich interpretiert werden kann.

Mich erreichen aktuell Anfragen wie: „Ist die Überschwemmung nicht ein Gerichtshandeln Gottes, mit dem er uns zur Umkehr rufen will?“ Um klar zu antworten: Nein! Ich halte solche Deutungen für theologisch schief, logisch kurzschlüssig und hochproblematisch. Oft verbinden sich solche Interpretationen mit bestimmten Werturteilungen, worin die „Unmoral“ unserer Gesellschaft im Allgemeinen oder der Kirche im Besonderen bestehe.

Nein, wir können als Menschen Gott nicht in die Karten schauen. Biblisch gesprochen: „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“ (Jes 55,8f.) Auch in den Evangelien wendet sich Jesus gegen solche vereinfachenden religiösen Geschichtsdeutungen – sei es bei der Deutung des damaligen Unglücks beim Turm von Siloah (Luk 13,1-5) oder bei der Interpretation der Heilung eines Blindgeboren (Joh 9,1ff.). Jedes Mal widerspricht er der religiösen Vereinnahmung fremden Leidens zum Zwecke moralischer Selbstvergewisserung.

Auch im Blick auf die Vorstellung, wie Gott in der Geschichte handelt, halte ich die Deutung für theologisch abwegig. Gott ist kein Theater-Gott, der wie aus der Nebel-Maschine auftaucht, um hier oder dort mal richtig reinzuhauen und Tacheles zu reden (deus ex machina). Gerade die Sintflut-Geschichte (1. Mose 6-9) verabschiedet doch eine solche Vorstellung – weil, so die Geschichte, „das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens böse von Jugend an“ ist (1. Mose 6,5; 8,21). Und wo sollten wir dann anfangen und aufhören bei den „Plagen“ der Menschheit: Jede Seuche (Corona, Schweinegrippe, Ebola, Aids, …), jedes Unwetter (Taifun, Hurrikan, Zyklon …) oder Dürre, jeder Gebäudeeinsturz, Flugzeugabsturz, Terroranschlag, … eine Botschaft Gottes? Und wenn schönes Wetter ist, ist Gott zufrieden oder nur geduldig? Nein. Das ist nicht das Gottesbild des Evangeliums. Gott „lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matt 5,45) Allen Freund-/innen apokalyptisch-theologischer Geschichtsdeutungen sei das Jona-Büchlein zur Lektüre herzlich anempfohlen: Gottes herzliche Fürsorge für Mensch und Vieh ist eine Zumutung für alle Untergangspropheten.

Das heißt nicht, dass theologisch nichts zur Flut zu sagen wäre. Die Bibel bezeugt Gott als Schöpfer, der den Chaosmächten, den Ur-Fluten eine Grenze setzt, um so Leben von Menschen, Tieren, Pflanzen zu ermöglichen. Davon spricht der erste Schöpfungsbericht (1. Mose 1-2,4a), ebenso wie viele Psalmen, etwa Psalm 74,12-17: „Gott ist ja mein König von alters her, der alle Hilfe tut, die auf Erden geschieht. Du hast das Meer gespalten durch deine Kraft, zerschmettert die Köpfe der Drachen im Meer. Du hast dem Leviatan die Köpfe zerschlagen und ihn zum Fraß gegeben dem wilden Getier. Du hast Quellen und Bäche hervorbrechen lassen und ließest starke Ströme versiegen. Dein ist der Tag und dein ist die Nacht; du hast Gestirn und Sonne die Bahn gegeben. Du hast dem Land seine Grenze gesetzt; Sommer und Winter hast du gemacht.“ Gott ist ein schöpferischer Gott, der Raum für Leben schafft und die urzeitlichen Chaosmächte bekämpft, die dieses Leben gefährden. Wenn man die Unwetter theologisch interpretieren will, dann doch eher so: Sind wir Menschen mit unserer Konsum- und Lebensweise selbst zu einem Leviathan, einem urzeitlichen, mythologischen Ungeheuer geworden, das den Bestand des Lebensraumes von Menschen, Tieren, Pflanzen bedroht? Entfesseln wir mit unserer Lebensweise zerstörerische Kräfte, die Gott als Schöpfer gerade eingehegt hat? Auch hier formuliere ich bewusst mit Vorsicht. Einen „deus ex machina“ halte ich auch mit ökologischen Vorzeichen für verkürzt. Und auch mit politisch richtiger Nachhaltigkeitsperspektive kennen wir nicht den „Masterplan Gottes“. Wie Gott in der Geschichte handelt, bleibt uns letztlich verborgen. Wir wissen aber um die Liebe Gottes zu allen seinen Geschöpfen – eine kreative, kämpferische, mitleidende Liebe. Eine Liebe, die keine Chaosfluten schafft, sondern sie im Gegenteil verhindert. Sinnbild dessen ist für mich Christus als leidender Schöpfungsmittler am Kreuz. Heute beim Seelsorge-Gang durch Ehrang zum Verteilen von Kaffee, Brötchen und Keksen trafen wir auf eine Frau aus der Gemeinde. Sie hatte das Kruzifix ihrer katholischen Oma im überschwemmten Keller gefunden und sichtbar nach draußen auf eine rote Kiste gestellt. Der Gekreuzigte im Schlamm der Überschwemmung. Für mich ist Gott heute genau dort gewesen – mitten im Schlamm der Überschwemmung, auf der Seite der leidenden Menschen, wie seit Urzeiten im Kampf gegen die Chaosmächte.

Flut-Gebet

Gott, die Wasser haben mir auch die Worte weggespült.
Das Leid, das Menschen gerade geschieht, ist so unfassbar,
dass ich selbst beim Klagen nicht weiß, wo anzufangen.
Bei denen, die ertrunken sind? Bei den Vermissten?
Wir wissen selbst heute noch nicht einmal, wie viele.
Bei denen, die ihr Haus, ihr Geschäft, alle ihre Lebenserinnerungen verloren haben?
Mit der eigenen Wohnung haben viele zugleich ihre Heimat, ihr Vertrauen verloren.
Gott, Du weißt um die Not, für die uns die Sprache fehlt.
Um die vielen Tränen, die dennoch nicht reichen, und die ungeweinte Trauer.
Gott, schenk uns die Kraft jetzt für einander da zu sein.
Einander festzuhalten, wo unser Grund und Halt weggespült wurde.
Gott, gib uns Mut, wieder aufzustehen. Gegen Schlamm und Schutt.
Lass uns für einander Trösterinnen und Hoffnungsbringer sein.
Gott, hilf uns umzugehen mit dem, was wir nicht verstehen.
Und hilf uns so zu leben, dass sich solche Katastrophen nicht vermehren.
Sprich Du selbst Amen, wenn wir es nicht mehr können. (TL)


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Bild: Thorsten Latzel

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