23.07. – Läuten u. beten

Freitag, 23. Juli, 18 Uhr: Läuten und beten angesichts der Flutkatastrophe.
Präses Dr. Thorsten Latzel ruft zu einem Zeichen des Zusammenhalts auf
Düsseldorf (21. Juli 2021). Angesichts von Leid und Not, die die Flutkatastrophe über viele Menschen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gebracht hat, ruft die Evangelische Kirche im Rheinland zu einem Zeichen des Zusammenhalts auf: Gemeinden und Einrichtungen werden am kommenden Freitag, 23. Juli, um 18 Uhr die Glocken läuten und eine Andacht feiern.

„Lassen Sie uns gemeinsam hörbar machen, dass wir uns gegenseitig unterstützen, füreinander beten und uns in der Nachfolge Christi gegen die zerstörerischen Mächte des Chaos stemmen“, schreibt Präses Dr. Thorsten Latzel in einem Brief an Mitchristinnen und Mitchristen.

Wie Kirche hilft und wo sie präsent ist
„Die Aufräumarbeiten haben erst begonnen. Menschen sind gestorben oder werden noch vermisst. Häuser wurden weggeschwemmt, Existenzen zerstört. Viele Mitmenschen benötigen jetzt konkrete, unmittelbare Hilfe und tröstende Zeichen der Solidarität“, betont Präses Latzel. Die Evangelische Kirche im Rheinland sammelt gemeinsam mit der Evangelischen Kirche von Westfalen und der Diakonie RWL Spenden. Die rheinische Kirche hat digital einen Klageraum (#unwetterklage) und eine Hilfe-Börse (#kirchehilft) eingerichtet. Notfall-Seelsorgerinnen und Notfallseelsorger sowie Engagierte sind in den betroffenen Gemeinden vor Ort. Es wird zu Gottesdiensten und zu Gebeten eingeladen.

Stichwort: Andacht digital mitfeiern
Die rheinische Kirche stellt den Gemeinden und Einrichtungen einen Entwurf für eine Andacht aus Anlass der Flutkatastrophe zur Verfügung. Am Freitag, 23. Juli, um 18 Uhr besteht außerdem auf der Startseite von ekir.de die Möglichkeit, die Andacht – aufgezeichnet in der Christuskirche in Ratingen-Homberg – mitzufeiern.

Kirche hilft helfen

Börse für Hilfe: ekir.de/kirchehilft

Viele brauchen nach der Flutkatastrophe Unterstützung. Viele wollen helfen. Um Hilfsangebote und Bedarf im kirchlichen Bereich vernetzen zu können, haben wir eine Hilfe-Börse im Internet eingerichtet. Unter www.ekir.de/kirchehilft können Gemeinden direkt veröffentlichen, was Sie brauchen bzw. suchen. Wer Hilfsangebote machen möchte, findet dort eine E-Mail-Anschrift.

Diese Hilfsangebote stellen wir im Intranet EKiR.intern einschließlich der Kontaktinformationen ein, so dass sich Gemeinden direkt an die Spenderinnen und Spender wenden können, wenn sie ein Angebot annehmen möchten

Spenden-Konto eingerichtet

Zur Nothilfe für die vom Hochwasser betroffenen Menschen hat die Evangelische Kirche im Rheinland bereits am Freitag gemeinsam mit der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe und der westfälischen Nachbarkirche ein Spendenkonto eingerichtet.
Das Konto bei der Diakonie RWL hat die IBAN DE79 3506 0190 1014 1550 20 bei der KD-Bank, Stichwort: Hochwasser-Hilfe.
Für Ihre Spende können Sie gerne auch unser Online-Spendentool nutzen.

Theologische Gedanken

Die Fluten als widergöttliche Chaosmächte – oder: Christus im Schlamm.

Theologische Gedanken zur Überschwemmung von Dr. Thorsten Latzel, Präses

Liebe Christinnen und Christen,

die verheerende Flut hat Menschen getötet, Häuser zerstört, ganze Ortschaften verwüstet. Auch viele unserer Gemeinden sind davon betroffen. Die schrecklichen Erfahrungen und Bilder haben mich wie viele andere tief erschüttert. Ich bin froh, dass unsere Gemeinden und Landeskirche so schnell reagiert haben: mit konkreter Hilfe vor Ort, Notfallseelsorge, Spenden, Gottesdiensten, einem digitalen Trauer- und Klageraum („#unwetterklage“) und vielem mehr. Danke an die vielen Menschen, die sich hier engagieren.

Zugleich wirft die Unwetter-Katastrophe auch theologische Fragen auf, manchmal mit einer problematischen Rede von einem Gerichtshandeln Gottes.

Hier ein paar persönliche Gedanken dazu, wie die Katastrophe geistlich interpretiert werden kann.

Mich erreichen aktuell Anfragen wie: „Ist die Überschwemmung nicht ein Gerichtshandeln Gottes, mit dem er uns zur Umkehr rufen will?“ Um klar zu antworten: Nein! Ich halte solche Deutungen für theologisch schief, logisch kurzschlüssig und hochproblematisch. Oft verbinden sich solche Interpretationen mit bestimmten Werturteilungen, worin die „Unmoral“ unserer Gesellschaft im Allgemeinen oder der Kirche im Besonderen bestehe.

Nein, wir können als Menschen Gott nicht in die Karten schauen. Biblisch gesprochen: „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“ (Jes 55,8f.) Auch in den Evangelien wendet sich Jesus gegen solche vereinfachenden religiösen Geschichtsdeutungen – sei es bei der Deutung des damaligen Unglücks beim Turm von Siloah (Luk 13,1-5) oder bei der Interpretation der Heilung eines Blindgeboren (Joh 9,1ff.). Jedes Mal widerspricht er der religiösen Vereinnahmung fremden Leidens zum Zwecke moralischer Selbstvergewisserung.

Auch im Blick auf die Vorstellung, wie Gott in der Geschichte handelt, halte ich die Deutung für theologisch abwegig. Gott ist kein Theater-Gott, der wie aus der Nebel-Maschine auftaucht, um hier oder dort mal richtig reinzuhauen und Tacheles zu reden (deus ex machina). Gerade die Sintflut-Geschichte (1. Mose 6-9) verabschiedet doch eine solche Vorstellung – weil, so die Geschichte, „das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens böse von Jugend an“ ist (1. Mose 6,5; 8,21). Und wo sollten wir dann anfangen und aufhören bei den „Plagen“ der Menschheit: Jede Seuche (Corona, Schweinegrippe, Ebola, Aids, …), jedes Unwetter (Taifun, Hurrikan, Zyklon …) oder Dürre, jeder Gebäudeeinsturz, Flugzeugabsturz, Terroranschlag, … eine Botschaft Gottes? Und wenn schönes Wetter ist, ist Gott zufrieden oder nur geduldig? Nein. Das ist nicht das Gottesbild des Evangeliums. Gott „lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matt 5,45) Allen Freund-/innen apokalyptisch-theologischer Geschichtsdeutungen sei das Jona-Büchlein zur Lektüre herzlich anempfohlen: Gottes herzliche Fürsorge für Mensch und Vieh ist eine Zumutung für alle Untergangspropheten.

Das heißt nicht, dass theologisch nichts zur Flut zu sagen wäre. Die Bibel bezeugt Gott als Schöpfer, der den Chaosmächten, den Ur-Fluten eine Grenze setzt, um so Leben von Menschen, Tieren, Pflanzen zu ermöglichen. Davon spricht der erste Schöpfungsbericht (1. Mose 1-2,4a), ebenso wie viele Psalmen, etwa Psalm 74,12-17: „Gott ist ja mein König von alters her, der alle Hilfe tut, die auf Erden geschieht. Du hast das Meer gespalten durch deine Kraft, zerschmettert die Köpfe der Drachen im Meer. Du hast dem Leviatan die Köpfe zerschlagen und ihn zum Fraß gegeben dem wilden Getier. Du hast Quellen und Bäche hervorbrechen lassen und ließest starke Ströme versiegen. Dein ist der Tag und dein ist die Nacht; du hast Gestirn und Sonne die Bahn gegeben. Du hast dem Land seine Grenze gesetzt; Sommer und Winter hast du gemacht.“ Gott ist ein schöpferischer Gott, der Raum für Leben schafft und die urzeitlichen Chaosmächte bekämpft, die dieses Leben gefährden. Wenn man die Unwetter theologisch interpretieren will, dann doch eher so: Sind wir Menschen mit unserer Konsum- und Lebensweise selbst zu einem Leviathan, einem urzeitlichen, mythologischen Ungeheuer geworden, das den Bestand des Lebensraumes von Menschen, Tieren, Pflanzen bedroht? Entfesseln wir mit unserer Lebensweise zerstörerische Kräfte, die Gott als Schöpfer gerade eingehegt hat? Auch hier formuliere ich bewusst mit Vorsicht. Einen „deus ex machina“ halte ich auch mit ökologischen Vorzeichen für verkürzt. Und auch mit politisch richtiger Nachhaltigkeitsperspektive kennen wir nicht den „Masterplan Gottes“. Wie Gott in der Geschichte handelt, bleibt uns letztlich verborgen. Wir wissen aber um die Liebe Gottes zu allen seinen Geschöpfen – eine kreative, kämpferische, mitleidende Liebe. Eine Liebe, die keine Chaosfluten schafft, sondern sie im Gegenteil verhindert. Sinnbild dessen ist für mich Christus als leidender Schöpfungsmittler am Kreuz. Heute beim Seelsorge-Gang durch Ehrang zum Verteilen von Kaffee, Brötchen und Keksen trafen wir auf eine Frau aus der Gemeinde. Sie hatte das Kruzifix ihrer katholischen Oma im überschwemmten Keller gefunden und sichtbar nach draußen auf eine rote Kiste gestellt. Der Gekreuzigte im Schlamm der Überschwemmung. Für mich ist Gott heute genau dort gewesen – mitten im Schlamm der Überschwemmung, auf der Seite der leidenden Menschen, wie seit Urzeiten im Kampf gegen die Chaosmächte.

Flut-Gebet

Gott, die Wasser haben mir auch die Worte weggespült.
Das Leid, das Menschen gerade geschieht, ist so unfassbar,
dass ich selbst beim Klagen nicht weiß, wo anzufangen.
Bei denen, die ertrunken sind? Bei den Vermissten?
Wir wissen selbst heute noch nicht einmal, wie viele.
Bei denen, die ihr Haus, ihr Geschäft, alle ihre Lebenserinnerungen verloren haben?
Mit der eigenen Wohnung haben viele zugleich ihre Heimat, ihr Vertrauen verloren.
Gott, Du weißt um die Not, für die uns die Sprache fehlt.
Um die vielen Tränen, die dennoch nicht reichen, und die ungeweinte Trauer.
Gott, schenk uns die Kraft jetzt für einander da zu sein.
Einander festzuhalten, wo unser Grund und Halt weggespült wurde.
Gott, gib uns Mut, wieder aufzustehen. Gegen Schlamm und Schutt.
Lass uns für einander Trösterinnen und Hoffnungsbringer sein.
Gott, hilf uns umzugehen mit dem, was wir nicht verstehen.
Und hilf uns so zu leben, dass sich solche Katastrophen nicht vermehren.
Sprich Du selbst Amen, wenn wir es nicht mehr können. (TL)


Weitere Texte: www.glauben-denken.de

Als Bücher: https://praesesblog.ekir.de/inhalt/theologische-impulse-als-buecher

Kontakt: praeses@ekir.de

Bild: Thorsten Latzel

#unwetterklage

#unwetterklage: Ein digitaler Klageraum für Sorgen, Bitten, Trauer.
Posts fließen auch in Gottesdienste am Wochenende ein
Düsseldorf (16. Juli 2021). Nach verheerenden Unwettern in der Nacht zu Donnerstag, 15. Juli, die in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen auch Gebiete der Evangelischen Kirche im Rheinland getroffen haben, ist die Not bisweilen unaussprechlich. Deshalb hat die rheinische Kirche jetzt einen digitalen Klageraum eingerichtet – für Sorgen, Bitten, Trauer, aber auch für Anteilnahme.

„Hier können Sie schreiben, was Ihnen durch den Kopf geht. Es ist Platz für das, was Sie vor Gott bringen möchten“, heißt es im digitalen Klageraum. Über Instagram, Facebook Messenger und Twitter können ab sofort unter dem Hashtag #unwetterklage Beiträge gepostet werden. Die Inhalte erscheinen auf der digitalen Wall unter ekir.de/unwetterklage. Dort besteht auch die Möglichkeit, Beiträge zu schreiben. Klagen und Fürbitten aus dem digitalen Klageraum fließen in Gottesdienste am Wochenende ein. „Natürlich können die Anliegen auch mit ins persönliche Gebet genommen werden“, betont Präses Dr. Thorsten Latzel.

Die Spendenbereitschaft ist groß – vor allem online
Das Diakonische Werk Rheinland-Westfalen-Lippe (Diakonie RWL), die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR) und die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) haben ein gemeinsames Spendenkonto eingerichtet für Menschen, die besonders schwer von der Katastrophe betroffen sind. Allein auf dem Online-Spendenkonto, das die Evangelische Kirche im Rheinland am Donnerstag, 15. Juli, freigeschaltet hat, sind in den ersten 20 Stunden bereits mehr als 38.000 Euro eingegangen. Das Diakonische Werk hat inzwischen zusätzlich 100.000 Euro Soforthilfe bereitgestellt.

Spendenkonto bei der Diakonie RWL
DE79 3506 0190 1014 1550 20
KD Bank
Stichwort: Hochwasser-Hilfe
Online spenden
https://www.kd-onlinespende.de/projekt/spendenaufruf-unwetter-katastrophe/display/link.html

Unwetter-Katastrophe

Präses ruft zu Gebet und Spenden für die Opfer der Unwetter-Katastrophe auf .
Dr. Thorsten Latzel wendet sich mit einer Videobotschaft an die Öffentlichkeit.
Düsseldorf (15. Juli 2021). Angesichts der Unwetter-Katastrophe in der Nacht zum heutigen Donnerstag, die auch Gebiete der Evangelischen Kirche im Rheinland getroffen hat, hat Präses Dr. Thorsten Latzel seiner Bestürzung Ausdruck verliehen. Nach Posts bereits am Vormittag in den sozialen Medien und in seinem Blog hat er sich jetzt auch in einer Videobotschaft geäußert – und ruft zu Spenden auf.    

„Ich bin tief erschüttert von den schrecklichen Bildern und Nachrichten, die uns aus den verschiedenen Gemeinden in den vergangenen Stunden erreichen. Menschen kamen ums Leben oder sind vermisst, Helfer starben dabei, wie sie anderen Menschen das Leben retten wollten, Häuser wurden überschwemmt, Menschen haben ihr Hab und Gut verloren“, sagt Präses Dr. Thorsten Latzel. Die alten Worte aus Psalm 69 bekämen im Augenblick eine ganz neue Brisanz. Dort heiße es: „Gott, hilf mir, denn das Wasser steht mir bis zur Kehle. Ich stecke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist!“

Beten, spenden – und dem Nachbarn helfen
Weiter appelliert der leitende Geistliche der rheinischen Kirche: „Ich rufe alle Christinnen und Christen auf: Beten Sie für die Menschen, die im Augenblick so schrecklich leiden müssen. Spenden Sie: Wir haben ein Spendenkonto eingerichtet, um den Betroffenen zu helfen. Und stehen Sie als Nachbarinnen und Nachbarn einander bei, wo immer Sie es im Augenblick können.“

Fürbitte für Betroffene, Trauernde und Nothelfer
Auch in einem Fürbittengebet erinnert die Evangelische Kirche im Rheinland an die Betroffenen, die jetzt Hilfe brauchen. Sie gedenkt derjenigen, die um Angehörige trauern, und richtet den Blick auf all die Männer und Frauen, die derzeit an ihre Grenzen gehen, um anderen zu helfen.

Bilder und Berichte aus der rheinischen Kirche auch auf ekir.de
Es seien furchtbare Bilder und Berichte, „die wir aus vielen Teilen unserer Landeskirche erhalten“, schreibt Präses Dr. Thorsten Latzel in seinem Blog. Zum Beispiel aus dem bergischen Leverkusen: „Uns hat es ordentlich erwischt“, sagt Dr. Anika Distelrath-Lübeck, Baukirchmeisterin der Evangelischen Kirchengemeinde Opladen. So stehe die Kirche am Bielert bis zu den Altarstufen mit Wasser und Schlamm voll. „Ich war selbst vor Ort und stand bis über den Bauchnabel im Wasser“, schildert sie die Situation. Betroffen sei auch das Gemeindehaus nebenan, wo der Keller unter Wasser steht. „Unser Kindergarten ist ebenfalls vollgelaufen, genauso wie das Verwaltungsgebäude.“ Aus Leverkusen ebenso wie aus weiteren von den Fluten betroffenen Orten auf dem Gebiet der rheinischen Kirche ist bei ekir.de zu lesen – die Berichterstattung wird fortlaufend aktualisiert und ergänzt.

Spendenkonto bei der Diakonie RWL
DE79 3506 0190 1014 1550 20
KD Bank
Stichwort: Hochwasser-Hilfe
Online spenden

Theologischer Impuls

„The Shape of Water“ und die mystische Seite Gottes

Theologische Impulse (97) von Dr. Thorsten Latzel, Präses

Ein Ort besonderer theologischer Erkenntnis ist für mich der Kinosaal. Weil wir hier gemeinsam Geschichten lauschen: Erzählungen vom Finden, Verlieren, Versuchen, Versagen, vom ewigen Kampf zwischen Gut und Böse und von unserem eigenen Leben irgendwo da mitten drin. Die Kinos sind die Lagerfeuer unserer Zeit, auch wenn sie in der Corona-Zeit oft erloschen waren. Mitten in der Dunkelheit flackern Bilder, wie die Welt sein könnte.

Einer der religiös interessantesten Filme, die mich persönlich in der letzten Zeit beschäftigt haben, ist „The Shape of Water“ vom Regisseuer Guillermo del Toro (2017), der im Folgejahr gleich vier Oscars erhielt. Wer den religiösen Grundkonflikt in den USA, aber nicht nur dort, begreifen will, wird in dem Film fündig. In ihm wird ein Liebesmärchen erzählt, im Retro-Stil, Anfang der 60er Jahre. Elisa Esposito, eine sensible, stumme Reinigungskraft, verliebt sich in einer geheimen Forschungseinrichtung des US-amerikanischen Raumfahrtprogramms in ein gefangenes, magisches Wesen aus dem Amazonas und rettet es gemeinsamen mit ihren Freund-/innen vor dem sicheren Tod. Das Böse in der Geschichte hat die Gestalt eines weißen Protestanten: Richard Strickland, ein skrupelloser Befehlshaber. Strickland ist ein sogenannter religiöser „Suprematist“, ein tief überzeugter Anhänger von der Überlegenheit des weißen, amerikanischen Mannes als Krone der Schöpfung. Ob Behinderte, Frauen, Afroamerikaner, Russen, Chinesen – sie alle sind minderwertig in seinen Augen. Erst recht dieses fremde Wesen. Und wie in vielen Filmen so ist auch hier das Böse geschwätzig. Strickland verbreitet seine Glaubenssicht an alle, die es hören wollen oder nicht: „Das Geschöpf ist nicht wie wir ähnlich dem Herrn. Wir sind dem Herrn ähnlich, ich eher als Sie.“ Jesus als weißer US-Amerikaner. Seine gnadenlose Herrschafts- und Leistungsreligion wendet sich gegen alles Fremde und am Ende in Akten fortschreitender Selbstzerstörung gegen sich selbst. Exemplarisch dafür die Geschichte vom Tod Simsons, die er als Leitbild für sein eigenes Handeln erzählt: lieber sterben als zu versagen. Sein Glaube fußt auf einer Identität durch Abgrenzung und auf der Verdinglichung alles anderen. Das einzige, was für ihn zählt, ist die Anerkennung durch seinen General und sein petrolfarbener Cadillac.

Als Gegenbild dazu die Religiosität Elisas, eine sensible, fragile, fließende Spiritualität, die sich in vielen kleinen „Ritualen des Alltags“ ausdrückt: den Frühstückseiern beim Kochen zusehen, morgens in der Badewanne masturbieren, die sorgfältig ausgewählten Schuhe putzen, dem Lauf der Regentropfen an der Busscheibe zuschauen. Überhaupt hat das Wasser eine mystische, quasi religiöse Bedeutung im Film: Alles ist irgendwie im Fluss. Sie reinigt die männlich dominierte Forscherwelt von Blut, Urin, Schmutz, es regnet immer wieder, am Ende durchdringt Wasser den Kino-Saal, der unterhalb ihrer Wohnung liegt. Das Wasser als Ursprung (arche) von allem, Thales von Milet lässt grüßen.

Elisa steht so exemplarisch für die Religion der „Misfits“, ein anderes religiöses Selbstverständnis Amerikas, wie es auf der Inschrift der Freiheitsstatue beschrieben ist: „Give me your tired, your poor / Your huddled masses yearning to breathe free / The wretched refuse of your teeming shore“ (Emma Lazarus) Ihre Kollegin Zelda, eine Person of Color, die Elisa immer wieder solidarisch schützt, ihr unglücklich verliebter, homosexueller Nachbar Giles, mit dem sie sich alte Musicals ansieht, der jüdische Wissenschaftler Dr. Hoffstetler, der sich als russischer Spion Dimitri entpuppt: Sie alle praktizieren in den entscheidenden Momenten eine grenzüberschreitende Menschlichkeit und Feindesliebe.

Und dann natürlich das fremde Wesen. Im Film wird immer wieder die Frage gestellt, wie es eigentlich richtig bezeichnet werden kann: als Ding, Tier, Nicht-Mensch, Gottheit? Eine Form des Messias-Geheimnisses. Es stammt aus dem Amazonasgebiet, steht für die Faszination fremdreligiöser Einflüsse. In seinem Schicksal gewinnt es geradezu christushafte Züge: Es durchleidet eine Passion, besitzt wundersam heilende Kräfte. Bezeichnend, was Elisa von ihm sagt: In der Begegnung mit ihm komme sie sich nicht mehr defizitär vor, er sehe sie so, wie sie sei. Und wenn sie ihm nicht helfe, was immer er auch sei, sei sie selbst kein Mensch mehr. Eine Liebeserklärung fast wie von Maria Magdalena in Jesus Christ Superstar (I don’t know how to love him). Am Ende des Films – Achtung: Spoiler-Alarm! – werden Elisa und er sterben und auferstehen. Eine eigene Interpretation von Kreuz und Auferstehung. Hier als eine Verbindung von Selbstheilung und Verwandlung. Bis hin zu Richard Strickland, der am Ende in Abwandlung der Worte des römischen Hauptmanns unterm Kreuz sprechen wird: „Fuck. You are a god.“

Der Film führt eindrücklich die religiöse Problemgeschichte des Protestantismus vor Augen, des US-amerikanischen, aber nicht nur des dortigen. Ein religiöses Denken aus den „kirchlich glänzenden“ 50er und 60er Jahren, das zum Teil bis heute nachwirkt und mit Selbstüberhebung, Schöpfungs- und Fremdenfeindlichkeit einhergeht.

Dem gegenüber steht eine religiös mystische Haltung, wie sie dem Film zu Grunde liegt. Sie wird ganz am Ende mit dem Zitat eines religiös konnotierten Liebesgedichts noch einmal expliziert:

„Unable to perceive the shape of you,
I find you all around me.
Your presence fills my eyes with your love.
It humbles my heart,
for your are everywhere.“

Das geliebte Gegenüber, respektive Gott, dessen Form und Gestalt so unfassbar sind wie das fließende Wasser, wird von dem poetischen Ich überall gefunden. Es erfüllt seine ganze Existenz, seine Augen und Wahrnehmungsorgane mit Liebe, lässt das Herz als Zentrum der eigenen Person demütig werden – angesichts der schieren Allgegenwart Gottes. Die Herkunft des Zitats bleibt im Film bewusst offen. Manche haben sufistische Mystiker vermutet. Belegen lässt es sich nirgends. Auch die vagen Hinweise des Regisseurs Del Toro deuten eher daraufhin, dass es sich um eine freie Adaption handelt. In jedem Fall spiegelt es einen anderen, mystischen Zugang zu Gott wider, eine religiöse Haltung, die mit menschlicher Demut, Empathie für andere Geschöpfe und liebevoller Sensibilität einhergeht. Ein Zugang, in dem Ich-, Du- und All-Erfahrung ineinanderfließen, eben wie in Liebesgedichten. Dies ist zugleich eine Form, Gott zu begegnen, die auch eine andere Begegnung zwischen verschiedenen Religionen eröffnet. Die Unklarheit der Herkunft des Zitats ist insofern vielleicht nicht zufällig.

Der Film wird gerahmt von der Frage des Erzählers, wie er die Geschichte von Elisa und dem Wesen erzählen solle: „If I spoke about it, what would I tell you?“ Von der Liebe wie von der Begegnung mit Gott lässt sich wohl vielleicht am angemessensten in Form von Metaphern, Märchen und Mythen erzählen. Weil es Sprachformen sind, in denen die Grenzen des Sagbaren immer mit kommuniziert werden. Es ist zugleich die Frage an uns als Christinnen und Christen, wie wir heute sowohl personal als auch mystisch von Gott als einem unabschließbaren Prozess der Liebe (Trinität) sprechen, so dass menschliche Demut, Empathie mit allen Geschöpfen und liebevolle Sensibilität gefördert werden. Von der Erzählung des Kinos lässt sich dafür vieles lernen.


Weitere Texte: www.glauben-denken.de

Als Bücher: https://praesesblog.ekir.de/inhalt/theologische-impulse-als-buecher

Kontakt: praeses@ekir.de

Bild: PublicDomainPictures auf www.pixabay.com

Theologischer Impuls

Vom verborgenen Leuchten Gottes;

von Präses Dr. Latzel;

Meine erste Erfahrung, als ich zum Präses gewählt wurde, war: Auf einmal stellen mir Menschen viele Fragen.
Ich hatte den Blumenstrauß noch nicht aus der Hand, da war ich schon mitten drin in mehreren Pressegesprächen.

„Herr Latzel, wie sieht die Zukunft der Kirche aus?

Was sagen Sie zum assistierten Suizid?

Wie beurteilen Sie die Corona-Schutzmaßnahmen der Politik?“

Nun ist es natürlich für das eigene Ego schön, im wahrsten Sinne des Wortes eine „gefragte Person“ zu sein. Man muss sich nur davor hüten, zu meinen, immer auf alles eine Antwort haben zu wollen.

– Die Zukunft zu kennen, ist per se Sache Gottes.

– Auch als Präses weiß ich nicht mehr über Corona als andere Bürger/innen.

– Zur komplexen Frage eines assistierten Suizids haben wir allerdings theologisch tatsächlich etwas beizutragen.

Was mich aber seit meiner Wahl zunehmend verwundert, ist, wonach ich nicht gefragt werde. Nach Gott. Das kann man verschieden interpretieren. Vielleicht wissen die Leute schon alles von Gott. Das wäre toll, denn dann hätte ich selbst noch ein paar Fragen. Oder wir haben aktuell schlicht drängendere Probleme. Frei nach Woody Allen. Ob es Gott gibt oder nicht, ist das eine. Aber versuch mal, vor dem Urlaub noch einen Impftermin zu bekommen. Oder die Frage hat sich für viele erledigt – einfach, weil sie als unbeantwortbar gilt. Nix Genaues weiß man nicht. Irgendwann hat es dann bei mir Klick gemacht: Meine vornehmste Aufgabe als Präses wie als Christ ist es nicht, die Frage nach Gott zu beantworten, sondern sie überhaupt zu stellen. Wo ist Gott? Als Grund, Ziel, Licht der Welt. Als Horizont, dass ich selbst anders leben kann. So, dass es für die anderen Fragen nach Zukunft, Pandemie, wie wir leben und sterben eine Rolle spielt.

Ich lese Verse aus 2. Mose 13, 21f.:

Und Gott, der HERR zog vor dem Volk her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Ein starkes Bild: Das Volk Israel zieht durch die Wüste und Gott geht vor ihm her in Wolken- und Feuersäule. Es beschreibt eine tiefe Glaubenserfahrung Israels, an der wir als Christinnen und Christen Anteil haben. Für die Frage „Wo ist Gott?“ finden sich hier verschiedene Hinweise.

  1. Gott ist gegenwärtig und zugleich unverfügbar. Ein Leuchten, das in einer Wolke verhüllt ist. Ich habe Gott nie, sondern lebe in seiner verborgenen Gegenwart.
  2. Gott ist das, was mir Kraft und Orientierung gibt. Ein Feuer. Eine Säule, die vor mir herzieht.
  3. Gott bewegt mich, gemeinsam mit anderen durch die Wüste zu ziehen. Hin zu einem neuen Leben, zum verheißenen Land. Ich erfahre Gott, indem ich so von ihm bewegt werde. Indem er mein Denken, Handeln, Wachen, Schlafen, mich selbst ganz bestimmt. Das meint: bei Tag und Nacht zu wandern.

Was heißt das nun für die vielen anderen Fragen, die Sie, die mich beschäftigen, vor denen wir gemeinsam stehen?

Zunächst die Sache mit der Zukunft: Wir wissen letztlich nicht, wie sie aussehen wird. Weder für die Kirche noch für die Gesellschaft, noch für uns selbst. Da ist Gott vor. Und die Pandemie hat uns hier noch einmal neu Bescheidenheit gelehrt. Was aber nicht heißt, dass wir keine Orientierung haben. Unsere Aufgabe ist es, aus der unverfügbaren Nähe Gottes zu leben, uns selbst in seinem verborgenen Licht zu sehen, uns von Gott als allumfassendem Liebesgeschehen bewegen zu lassen. Wo das hinführen wird, wissen wir nicht. Das ist Gottes Sache. Unsere Aufgabe als Kirche ist es daher auch nicht, Gott zu Menschen zu bringen oder Antworten auf alle Fragen zu haben. Unsere Aufgabe ist es, nach Gott zu fragen, sein verborgenes Leuchten im Leben der anderen zu entdecken. Oder, wie es in dem Perspektiv-Text der rheinischen Kirche heißt: Wir sind „Lobbyisten der Gottoffenheit“.

Gottes unverfügbare Gegenwart ändert dann auch unseren Umgang mit den Fragen am Lebensende, beim Sterben. Dem eigenen wie dem der Menschen, die uns nahestehen. Wir nehmen wahr, was Menschen brauchen. In jeder Zeit des Lebens. Gerade auch in der letzten Lebensphase, im Sterben. Und es ist gut, dass wir in der Kirche stellvertretend eine Diskussion führen, die wir als Gesellschaft insgesamt brauchen. Wir verkürzen die Frage nicht auf die des assistierten Suizids. Weil es hier um mehr geht. Wir helfen anderen im Sterben. Und wir respektieren es, wenn sie sich anders als wir entscheiden. Aber wir bieten keine Angebote, dem Leben selbst ein Ende zu setzen.

Und schließlich die Sache mit der Corona-Politik. Ja, hier sind Fehler passiert, haben manche Menschen Dinge ausgenutzt, würde man heute manches anders machen. Im Horizont der Liebe Gottes stellen sich mir aber ganz andere Fragen: Verhalten wir uns so, dass wir nur gemeinsam durch diese Wüste kommen – mit allen Menschen, weltweit? Lebe ich so, wie ich es mir von anderen in der Pandemie erwünsche? Und wo bin ich selbst bereit, für andere Verantwortung zu übernehmen, auch wenn es mir keine Freunde macht?

Gott ist nicht einfach die Antwort auf alle Fragen. Aber nach ihm zu fragen verändert mich, meine Perspektiven. Der Horizont eines anderen, erlösten, befreiten Lebens. Ein Leben, das mit Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung wirklich Ernst macht.

Vom verborgenen Leuchten Gottes

Wo bist Du, Gott?
Ich weiß es oft nicht. Kann Dich nicht zeigen.
Hab keine einfache Antwort auf viele schwierige Fragen.
Doch ich suche Dich. Dein verborgenes Leuchten.
Und vertraue darauf, dass Du da bist. Immer schon.
Als Wolkensäule bei Tag und als Feuersäule bei Nacht.
Verschieden in Gestalt. Verhüllt, verborgen.
Doch tiefenmächtig. Feurig. Erhaben.
Du bist mir Kraft. Orientierung.
Nimmst mich hinein in die Bewegung Deiner Liebe.
Du leuchtest in der Welt.
Das lässt mich wandern – bei Tag und bei Nacht.
Gemeinsam mit anderen durch die Wüste.
In eine Zukunft, die wir nicht kennen.
Doch von der ich weiß, dass Du dort auf uns wartest.

Amen. (TL)


Weitere Texte: www.glauben-denken.de

Als Bücher: https://praesesblog.ekir.de/inhalt/theologische-impulse-als-buecher

Kontakt: praeses@ekir.de

Bild: Darkmoon Art auf www.pixabay.com

Video-Gottesdienste

In den Sommerferien werden wir vom 4. Juli bis einschließlich 15. August je einen Open-Air-Gottesdienst als Sommerkirche mit Ihnen feiern.

Bitte melden Sie sich im Gemeindebüro oder mit unserem Kontaktformular an. Sie können sich und vier weitere Personen online zu den Volberger Gottesdiensten anmelden.

  • 24.Mai, 11:00 Uhr Pfings-Montag, Gottesdienst in der Volberger Kirche
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  • 13.Juni, 11:00 Uhr Open-Air Gottesdienst auf der Kindergarten-Wiese Volberg
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  • 20.Juni, 11:00 Uhr Gottesdienst in der Volberger Kirche
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  • 27.Juni, 11:00 Uhr Open-Air Gottesdienst auf der Volberger Kita-Wiese

    auf Grund von Internet-Problem gibt es den Gottesdienst in 2 Teilen:
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Die Termine und Links für die nächsten online-Gottesdienste werden wir für Sie ständig aktualisieren.

 

<< diese Schaltfläche führt Sie zu unserem Video-Kanal auf YouTube.

 

Beitragsfoto:
Sandra Schildwächter, Gemeindebrief

Theologischer Impuls

Meine kleine, geliebte, idiotische Seele – oder: von der Kunst, mit sich selbst alleine zu sein

Theologische Impuls (95) von Dr. Thorsten Latzel, Präses

Letzte Woche war Fronleichnam. Einer der Lieblingsfeiertag unter evangelischen Pfarrer-/innen. Die katholischen Schwestern und Brüder feiern – und wir haben frei. Soweit so ökumenisch fein. Dummerweise war mein Corona-Schnell-Test am Morgen zuvor positiv. Also zusätzlicher PCR-Test im Testzentrum, dann zweieinhalb Tage Quarantäne. Bei schönstem Wetter, in der kleinen Dachstube meiner Zwischenwohnung in Ratingen. Persönlicher Lockdown. Mönchszelle 2.0.

Nun, mit anderen umzugehen, ist nicht immer einfach. Noch schwieriger ist es mitunter, mit sich selbst klarzukommen. Und das eine hängt mit dem anderen zusammen. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das klingt gut. Doch an manchen Tagen ist meine Seele einfach ein ziemlicher Idiot. Sorry, ist nicht persönlich gemeint. Idiot meint ja ursprünglich jemanden, der nur an das eigene denkt (griechisch idios). Und das tut meine Seele, tue ich selbst, an „idiotischen“ Tagen. Meine Seele macht sich dann klein, wird krümel-krämerisch, kreist um sich bzw. mich, als wäre mein Nabel der Nabel der Welt – und nicht einer von sieben, acht Milliarden. Wenn ich dann mit mir selbst nicht im Reinen bin, kann ich meist auch mit anderen schlechter umgehen. Schon gar nicht mit Telefon-Dauerschleifen von Testzentren („Sorry, I make you wait“).

Das Gefühl kennen wohl viele. Gerade in der Corona-Zeit wurden wir kollektiv auf einmal viel stärker mit uns selbst konfrontiert, ein nicht freiwillig gewähltes Alleinsein. Das tut auf die Dauer nicht gut. Weil wir uns selbst nicht immer die beste Gesellschaft sind. Dietrich Bonhoeffer etwa beschrieb das so: „Wer nicht allein sein kann, der hüte sich vor der Gemeinschaft. […] Wer nicht in der Gemeinschaft steht, der hüte sich vor dem Alleinsein.“ Oder die Psalmen. In ihnen ringt der Beter immer wieder mit der besorgten, ängstlichen, verzagten Stimme in seinem Inneren: „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir …“. (Psalm 42, 6a) Er fordert sie auf, ruhig, stille zu sein, anderen zu vergeben, Gott zu loben, sich an der Schöpfung bzw. sich selbst zu freuen. Doch das ist leichter gebetet als gelebt. Es fällt oft schwer, mit sich selbst gnädig zu sein. Weil es eben Dinge gibt, die ich mir selbst nicht sagen kann: „Ich liebe dich.“ „Du bist frei.“ „Ich bin bei dir.“ Solche Schlüssel-Sätze des Lebens entfalten ihre Kraft erst, wenn jemand anderes sie mir zuspricht. Als Mensch bin ich ein „exzentrisches“ Wesen: Ich habe meine Mitte außerhalb meiner selbst. Bin angewiesen darauf, dass ein anderer die fremden Wunderworte spricht, die mich erlöst, vergnügt, befreit machen. Doch ich brauche sie paradoxer Weise gerade dann, wenn kein anderer da ist, der sie spricht.

Die Kunst, mit sich selbst alleine zu sein. In den Psalmen kommt hier Gott ins Spiel. Nicht so, dass er auf einmal aus dem Nichts auftaucht und dann laut und vernehmlich sprechen würde. Kein „Theater-Gott“, kein „deus ex machina“. Aber doch so, dass der Mensch, der da spricht und mit seiner kleinen, idiotischen Seele ringt, auf einmal frei wird. Höhe, Tiefe, Weite spürt. Innerlich zu singen, zu lächeln beginnt. Oder zumindest zu schmunzeln. In der Sprache der Psalmen heißt das dann loben und klingt so: „Unsre Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netz des Vogelfängers; das Netz ist zerrissen, und wir sind frei.“ Oder: „Die Ströme sollen in die Hände klatschen und alle Berge seien fröhlich vor dem HERRN.“ (Ps 124,7; 98,8)

Gott als stilles Gegenüber verändert meine intimsten Selbstgespräche. Selbst, wenn ich ihn nicht spüre, mehr erhoffe als glaube, dass er da ist: Seine verborgene, erhoffte Gegenwart verändert mein Alleinsein. Das Gebet ist ein Möglichkeitsraum Gottes, eine Zeit, in der ich mir bewusst werde, dass er da ist, da sein könnte. Und das lässt sogar mein Sorgen-Selbst nicht unberührt.

Gott als Gegenüber, um mit mir selbst allein sein zu können. Ein Horizont der Ewigkeit, der sich auftut. Und für meine Seele öffnet sich eine Tür, um aus meinem Sorgendenken herauszutreten, mich von meiner Selbstverkrümmtheit zu lösen. Meine kleine, geliebte, idiotische Seele: sie erkennt im Horizont der Gegenwart Gottes, dass sie liebenswert, wunderschön, einmalig ist. Wie die Seele jedes Menschen, jedes Tiers. Das verändert mein Alleinsein. Weil mir in Gott die anderen, die Schöpfung auf einmal ganz nahekommen. Das Alleinsein wird zu einer Zeit tiefer Begegnung. Und die Stille erhält einen neuen Klang. Selbst in warmen Dachstuben.

Als schließlich die Mail mit dem Ergebnis des PCR-Tests kam (negativ), war das natürlich befreiend. Einfach rausgehen, Sonne, Luft, nach Hause zur Familie fahren. Aber der eigentliche Austritt aus meiner Mönchszelle hatte schon vorher begonnen. Als sich in mir etwas verändert hatte, meine Seele mit sich, Gott, dem Leben wieder im Reinen war. Auch wenn ich Telefon-Dauerschleifen weiter doof finde.

Seelen-Rillen-Wechsel

Manchmal hakts in mir
wie eine alte Platte
immer die gleiche Tonspur.
Bis es auf einmal springt.
Seelen-Rillen-Wechsel
und eine Melodie erklingt
bei der selbst mein Sorgen-Ich
lächeln muss.


Weitere Texte: www.glauben-denken.de

Als Bücher: https://praesesblog.ekir.de/inhalt/theologische-impulse-als-buecher

Kontakt: praeses@ekir.de

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Zukunft der Kirche

„Kirche muss sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren“
Referat bei Synode: Präses Dr. Thorsten Latzel zur Zukunft der Kirche
Um die Kirche neu aufzustellen, bedarf es geistlicher Orientierung und einer konsequenten Orientierung an den Mitgliedern.“ Das hat Dr. Thorsten Latzel am Abend vor den Mitgliedern der Synode des Kirchenkreises An der Agger betont. „Das Modell ,Volkskirche‘ mit selbstverständlicher Mitgliedschaft, flächendeckender Präsenz und behördlichen Strukturen hat ausgedient“, machte der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland deutlich.

Thorsten Latzel, der seit März oberster Repräsentant der zweitgrößten EKD-Gliedkirche ist, hielt auf der Synodalversammlung, die digital durchgeführt wurde, ein Impulsreferat mit dem Titel „Kirche der Zukunft“. Darin stellte der 50-jährige Theologe fest, dass Mitglieder- und Relevanzverlust nicht neu sind: „Die Faktoren, die dieser Entwicklung zugrunde liegen, kennen wir seit Jahrzehnten. Als Kirche haben wir kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Wir sind gut im Diskutieren, aber schlecht im Verändern. Unser Problem ist, dass wir in alten Strukturen verhaftet bleiben und uns nicht konsequent auf die grundlegend veränderten Voraussetzungen einstellen.“

Die Menschen fragen, was ihnen im Leben und Glauben wichtig ist!
Die Kirche lebe aus der Kraft des Heiligen Geistes, so Präses Latzel: „Sie vertraut auf Gottes Verheißungen und bezeugt seine Gegenwart in der gesamten Schöpfung. Das tut sie nur glaubhaft, wenn sie sich für ihre Mitglieder interessiert; wenn sie danach fragt, was ihnen im Leben und in ihrem Glauben wichtig ist. Die Kirche muss sich an den persönlichen Bedürfnissen derer orientieren, die sie aufsuchen.“ Das gelte für die geistliche und seelsorgliche Begleitung, vor allem an den biographischen Lebensübergängen wie etwa Volljährigkeit, Umzug oder Berufsstart.

Heimat für Menschen mit verschiedenen Interessen und Herkunft
Um den damit verbundenen Aufgaben gerecht zu werden, brauche die Evangelische Kirche im Rheinland einen gelingenden kirchlichen Föderalismus. „Die Grundgedanken des presbyterial-synodalen Systems sind hochaktuell, denn es kommt den Leitideen moderner Netzwerk-Organisationen und einer Start-Up-Kultur entgegen. Vom Ansatz her zeichnet es sich aus durch flache Hierarchien, postmaterielle Werte, Partizipation. Diese Ansätze gilt es gegen strukturkonservative Tendenzen auszubauen. Mithilfe einer mixed economy bieten wir Menschen verschiedener Herkunft und mit verschiedenen Interessen eine Heimat“, sagte Latzel: „Unsere Aufgabe ist es, das eigene Selbstverständnis unter den veränderten Rahmenbedingungen neu zu entfalten, die großen Potenziale für eine moderne Netzwerk-Organisation zu nutzen und die Evangelische Kirche im Rheinland so zukunftsfähig zu gestalten“, appellierte er an die mehr als 100 Mitglieder des obersten Leitungsorgans des Kirchenkreises An der Agger. Und weiter: „Wir glauben an Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, der uns in Christus zu neuen Menschen macht und in seinem Geist Grenzen überwindet. Gott ist ein dynamisches, weltschaffendes Liebes-Geschehen. Das sollte reichen, um selbst die Evangelische Kirche im Rheinland zu verändern.“

Zur Person: Präses Dr. Thorsten Latzel
Thorsten Latzel (50) ist seit 20. März Präses. Seit 2013 war er Direktor der Evangelischen Akademie Frankfurt. Im EKD-Kirchenamt war er für Studien- und Planungsfragen und das Projektbüro Reformprozess zuständig (2005 bis 2012). Zuvor arbeitete Latzel als Pfarrer in Erlensee-Langendiebach. Aufgewachsen in Bad Laasphe, studierte er Theologie in Marburg und Heidelberg. Im Blog glauben-denken.de veröffentlicht er wöchentlich theologische Impulse. Dr. Latzel ist verheiratet und hat drei Kinder.

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