Andacht für den 30.5.

„Begeisterung“

 

Jesus spricht: „ … aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und ihr werdet meine Zeugen sein …“ [Apostelgeschichte 1,8]

… und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen …“ [Apostelgeschichte 2,4]

 

 

Liebe Leserinnen und Leser,
mit dem morgigen Tag feiern wir das Pfingstfest. Pfingsten, die „Geburtsstunde“ der Kirche. Jesus hat an seiner Himmelfahrt die Verantwortung an seine Jünger abgegeben: „Jetzt seid ihr dran! Geht in die Welt und helft den Menschen im und zum Glauben“ (frei nach Matthäus 28,16ff) und hat ihnen den heiligen Geist als „Beistand“ versprochen. Und an Pfingsten werden die Jünger dann „begeistert“ …

Als Pfarrer bin ich noch nie mit meinen Gottesdienst- und Predigtvorbereitungen für Pfingsten zufrieden gewesen. Immer hatte ich bisher ich den Eindruck, die Freude und die Bedeutung von Pfingsten durch Worte nicht „rüberbringen“ zu können. Wie will man „Begeisterung“ predigen?

Ein Pfarrer wollte an Pfingsten seiner Gemeinde einmal anschaulich helfen, den Heiligen Geist zu verstehen. So kaufte er in einer Tierhandlung eine weiße Taube. Er besprach sich mit seinem Küster ganz genau: „Wenn ich meine Predigt halte und ganz enthusiastisch und laut in die Gemeinde hineinrufe: „Komm Heiliger Geist!“- dann lässt du die Taube aus der Sakristei in das Kirchenschiff fliegen!“    Gesagt, getan. Voll Elan und lautstark predigte der Pfarrer über den heiligen Geist und schließlich rief er laut: „Komm, Heiliger Geist!“ und schaute erwartungsvoll in die Gemeinde. Aber nichts passierte. Er wartete einen Moment und rief noch einmal lauter: „Komm, Heiliger Geist!“ Aber wieder passierte nichts. Während die Gottesdienstbesucher sich irritiert anschauten und anfingen, auf den Bänken rumzurutschen, rief er zum dritten Mal: „Komm, Heiliger Geist!“  Da kam aus der Sakristei die zögerliche leise Stimme des Küsters: „Den hat die Katze gefressen!“

Natürlich kann man so Gottes guten Geist nicht anschaubar machen!

Der Heilige Geist ist auch nicht einfach verfügbar, schon gar nicht instrumentalisierbar, auch durch keinen Prediger! Nein, Gott schenkt ihn und begeistert seine Kinder.

Aber es gehört schon etwas dazu. Bei einem Taufgespräch vor einiger Zeit kam ich mit den Eltern des Täuflings über „Gott und die Welt“ ins Gespräch und schließlich kam das Gespräch auf den geplanten Hausbau. Und auf einmal war „Begeisterung“ im Raum. Unglaublich viel Zeit wurde bisher in das Projekt „Hausbau“ gesteckt. Eigene Baupläne selbst entworfen und mir dann gezeigt. Die Begeisterung der Taufeltern war „greifbar“.

Ist es nicht so? Wenn man sich mit etwas intensiv beschäftigt, eine Leidenschaft dafür entwickelt, dann merkt man Begeisterung. Begeisterung für ein Projekt „Hausbau“, den Fußballverein, für das Hobby, für die Beziehung, den Partner, die Partnerin …

Aber für Gott? Ja klar, in der Kirche vielleicht ein wenig, aber bitte nicht zu enthusiastisch.

Und Gott im Alltag? Dürfen wir da begeistert von ihm sprechen? Das ist uns doch suspekt, oder?

Warum können wir begeistert über das neue Automodell, den Fußballverein, die Schuhmodelle von Prada, den nächsten Urlaub … reden, aber nicht von dem, der verspricht, unser guter Lebensbegleiter zu sein?

Nun, die Pfingstgeschichte möchte uns daran erinnern, dass Gottes guter Geist und seine Begeisterung nicht allein für Kirchräume bestimmt sind, sondern in den Alltag gehören, nach draußen, zu den Menschen, denen ihre Lebenszusammenhänge jegliche Begeisterung rauben. Zu Menschen, die von Gott längst nichts mehr erwarten und für die die Schwelle der Kirchentür nur ganz schwer zu nehmen ist.

Diese Aspekte finde ich in der Pfingstgeschichte [Apostelgeschichte 2, 1-18] wieder.

Da sind die Jünger und Jüngerinnen in einem Haus in Jerusalem zusammen. Ihre Gemeinschaft, ihre Verbundenheit trägt sie. Ich stelle mir vor, wie das war: Sie haben sich nicht über das neue Fischerbootmodell, die neue Schuhmode oder die trendige Kleidung unterhalten, sondern über ihren Herrn, mit dem sie wunderbares erlebt haben und dann kommt Gottes guter Geist über sie und sie werden „begeistert“ …

Ist da nicht was dran, dass man Begeisterung nicht alleine, sondern in einer Gemeinschaft besonders erlebt. Wie schön ist es mit den Kumpels zum Sportverein zu gehen, ein Hobby mit einem lieben Menschen zu teilen, mit mehreren einer Leidenschaft nachzugehen …

Ist es nicht auch in unserer Kirchengemeinde so? Wie schön ist das Erlebnis, als Gemeinschaft zu singen, wie schön ist es, beim Bibelfrühstück oder im Gesprächskreis sich gemeinsam über biblische Geschichten auszutauschen, wie schön ist es, in Gottesdiensten mit anderen zu spüren, wie Gott für uns da ist? Kann man alleine für sich glauben? Viele Menschen äußern mir dies in Gesprächen: „Ich renne nicht immer in die Kirche – aber ich glaube an eine Macht, die mich hält„.

Ich halte dagegen: Begeisterung kommt in der Gemeinschaft auf und wird von der Gemeinschaft getragen. Meine feste Überzeugung ist, und das Zeugnis der Bibel unterstreicht dies, dass der Glaube Gemeinschaft braucht. Wir brauchen das Gegenüber in Gott und unserem Nächsten.

Wir brauchen das Gegenüber, die und den, der mich aufbaut, mir hilft, mich mahnt, mich tröstet, mit der und mit dem ich Begeisterung im Glauben erleben kann.

Übrigens, Gottes guter Geist beziehungsweise die „Auswirkungen“ sind erkennbar: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit …“ [Galater 5,22]

In diesem Sinne wünsche ich uns zum Pfingstfest „Begeisterung“, dass wir „die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, …“ [Apostelgeschichte 1,8]

Pfarrer Thomas Rusch


Foto: D. Binderberger

Andacht für den 28.5.

Liebe Gemeinde,

Wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend.“  Psalm 25,16

So lautet die Losung für den heutigen Donnerstag. Ein Mensch betet zu Gott. Er möchte Gottes Zuwendung und er bittet um seine Gnade. Dem Menschen, der im 25. Psalm Gott anruft, dem geht es nicht gut, er fühlt sich einsam, elend und schwach. Was erwartet er sich wohl von seinem Gott? Zweisamkeit? Gemeinschaft? Das Durchbrechen seiner Einsamkeit?

Hinzu kommt, dass sich unser Beter auch noch selbst die Schuld für sein eigenes Elend gibt. Warum sonst sollte er Gott um Gnade bitten?

Ja, so war das damals in den frühen Zeiten des Alten Testamentes. Der, dem es schlecht ging, der musste etwas falsch gemacht haben, sich gegenüber Gott versündigt haben, so dachte man. Dem entsprechend wurde denn auch jede Krankheit, die einen Menschen befiel und jedes Unglück, das ihn traf, stets als göttliches Strafgericht über ihn gedeutet. Die Gesellschaft ächtete ihn, isolierte ihn, verbannte ihn in die Einsamkeit.

Noch schlimmer lief es, wenn die Krankheit ein Kind befiel oder es behindert zu Welt kam, dann suchten die Menschen die Ursache dafür nämlich bei den Eltern, in ihrem Fehlverhalten gegenüber Gott. So stirbt David und Batsebas erstgeborenes Kind, weil sein Vater gegen Gott gesündigt hat (2. Sam. 12). Selbst noch zu Jesu Zeiten dachte die Mehrheit der Menschen so, wie Beispiele aus dem Neuen Testament belegen.

Könnte gut sein, dass der Mensch, der im auf die Tageslosung folgenden Lehrtext zu Jesus spricht, ein solches Kind war, das man wegen der Schuld der Eltern einst am Teich Bethesda ausgesetzt hatte, mit dem weder die eigene Familie, noch die Gesellschaft etwas zu tun haben wollte, denn welche die Krankheit war, an der dieser Mensch litt, erfahren wir nicht, und je öfter ich die Geschichte lese, umso mehr kommen mir Zweifel, ob es sich überhaupt um ein körperliches Gebrechen handelt, das diesen Menschen an jenen Ort fesselte.

7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.

Ähnlich dem Psalmbeter beklagt auch hier der Elende seine Einsamkeit, seine soziale Isolation. Er hat keinen Menschen, so sagt er, und deshalb bittet er Jesus um Hilfe. Das griechische Wort, das im Deutschen in der Lutherbibel mit „der Kranke“ übersetzt wird, hat im griechischen Original eine wesentlich breitere Bedeutungsspanne. Es bezeichnet dort nicht unbedingt einen Menschen, der an einer spezifischen Krankheit leidet, das ist viel zu kurz gedacht, vielmehr bezeichnet es einen, der sich schwach fühlt und dem die Kräfte fehlen. Seine „Schwäche“ könnte dabei statt einer körperlichen, durchaus auch psychische Ursachen haben. Man könnte das griechische Hauptwort nämlich auch mit „Antriebslosigkeit“ oder „Resignation“ übersetzen, denn immerhin kann der „Kranke“ in unserer Geschichte sich ja durchaus noch dorthin bewegen, wohin er gerne möchte, aber halt nicht schnell genug. Ihm fehlt halt zu Veränderung der entscheidende Impuls! Und das, wie wir gleich noch sehen werden, seit 38 Jahren. Dann aber begegnet ihm Jesus und der spricht zu ihm:

8 …Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!

  Natürlich möchte man jetzt wissen, wie es weitergeht, doch der Lehrtext endet hier. Auch staunt man über das imperative Herrenwort, denn statt tröstlicher Worte, erteilt Jesus dem „Kranken“ einen Befehl. Wieso tut Jesus das? Offensichtlich traut Jesus dem „Kranken“ mehr zu, als der sich selbst. Jesus sieht sofort, dass dieser „Kranke“ durchaus in der Lage ist, sein Schicksal zu ändern und seine Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Es steckt eine Kraft in diesem „Kranken“, die er selbst seit 38 Jahren nicht in sich zu sehen vermag. Jesus aber erkennt sie, er ist ein guter Diagnostiker, und so fordert er den Mann auf, sein Leben auf eigene Füße zu stellen, aufzustehen und sich auf den Weg zu machen. Aber wird er das auch tun? Schauen Sie, wie es weitergeht und in welchen Kontext unsere Verse aus dem Losungsbüchlein eingebettet sind (Johannes 5, 2-9):

2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen;

3 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte. Sie warteten darauf, dass sich das Wasser bewegte. Denn der Engel des Herrn fuhr von Zeit zu Zeit herab in den Teich und bewegte das Wasser.

4 Wer nun zuerst hineinstieg, nachdem sich das Wasser bewegt hatte, der wurde gesund, an welcher Krankheit er auch litt.

5 Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank.

6 Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?

7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.

8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!

9 Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

Erstaunlich wie die Gesundung unseres Menschen hier abläuft und wie schnell! Während der seit 38 Jahren auf diesen Teich starrt und darauf wartet, dass sich das Wasser bewegt, was in einer geschlossene Halle, wie dem Teich Bethesda, garantiert nicht sehr häufig vorkam, lenkt Jesus seinen Blick jetzt hin, auf sich selbst. Und mit einem Mal erkennt der Mann die Kraft, die nach 38 Jahren tatenlosem Herumliegen noch immer in ihm steckt und er steht auf und geht. Seine achtunddreißigjährige Gefangenschaft in dieser Halle ist mit einem Schlag zu Ende und es beginnt für ihn etwas ganz Neues.

Pfarrer Armin Kopper


Foto: D. Binderberger

Andacht für den 26.5.

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Losung vom Bremer Kirchentag im Jahr 2009 hieß: Mensch, wo bist du? Diese Frage wurde uns in ganz verschiedenen Gottesdiensten und Veranstaltungen gestellt. Wir kennen die Frage aus der Urgeschichte, als Gott im Anschluss an den Sündenfall nach Adam ruft.

Mensch, wo bist du?

Ich kann mir gut vorstellen, wie jemand diesen Satz in sein Handy spricht. Ungeduldig steht er am vereinbarten Treffpunkt, doch der Freund ist nicht da. Minute um Minute ist vergangen. Jetzt greift er zum Telefon und ruft an: Mensch, wo bist du?

Bei der Kirchentagslosung ist es Gott, der den Menschen so anruft.

Auf dem Plakat des Kirchentages wird das in fast naiver Weise zum Ausdruck gebracht: Eine Sprechblase aus dem Himmel ist zu sehen. Darauf ist zu lesen: Mensch, wo bist du? Allerdings ist auf dem Bild kein Mensch zu sehen.

Darin kommt zweierlei zum Ausdruck: Zum einen: Wer so angesprochen ist, der ist gerade nicht da. Er stellt sich nicht der Verantwortung. Er entzieht sich. Er versteckt sich. Zum anderen: Es ist nicht ein bestimmter Mensch, der so angesprochen ist. Jeder und jede ist damit gemeint. Auch Du, Sie und ich …

Wo und wann sagt Gott zu einem Menschen: Mensch, wo bist du?

Denken wir an die Geschichte von Jona. Im Advent 2019 haben die Forsbacher Konfis im Jugendgottesdienst die Geschichte als Theaterstück nachgespielt.

Jona war von Gott in die Stadt Ninive geschickt worden, um die Menschen zur Umkehr zu bewegen. Aber Jona wollte kein Prophet sein: Statt sich auf den Weg zu machen, lief er davon. Er flüchtete mit einem Schiff, um seinem Auftrag zu entkommen. Doch dann kam ein Sturm, und Jona wurde von einem Wal verschluckt, der ihn nach drei Tagen vor Ninive wieder ausspuckte. Jona bekam eine zweite Chance, Gottes Auftrag zu erfüllen.

So, wie Jona in der biblischen Geschichte, so verstecken sich auch heute viele Menschen vor Aufgaben, die ihnen Angst machen.

Viele können das gut verstehen. Ich kenne das auch. Wenn Neues auf uns zukommt, wenn wir uns unsicher fühlen. Dann möchte man am liebsten weglaufen, wie Jona. Einfach nur weg …

Das Verrückte ist nur, dass so eine Flucht uns auch an bedrohliche Orte führen kann: So gefährlich wie das stürmische, gefährliche Meer bei Jona. Oder in eine Höhle, dunkel und bedrohlich. Da findet man nicht mehr raus. Außer man bekommt Hilfe von außen.

Aus der Jona-Geschichte lerne ich: Gott gibt auch denen, die vor großer Verantwortung davonlaufen, und auch denen, die sich vor einer Aufgabe drücken, eine zweite Chance.

Vielleicht fragt Gott uns heute: Willst Du wie die Stadt Ninive untergehen mit all dem Müll, den Du verursachst? Oder willst Du mithelfen, diese schöne Erde zu retten? Willst Du in Gottes Rettungsteam mitarbeiten?

Mensch, wo bist du?

Das können wir übertragen auf unser Zusammenleben in unserem Lebensumfeld … in Familie und Freundeskreis, im Beruf, im Wohnort oder auch in der Gemeinde,

Gott ruft uns heraus, dass wir auch schwierige Aufgaben anpacken. Gott will eine Antwort. Er stellt uns in die Verantwortung für andere, jeden und jede von uns!

Er will, dass wir Seine Liebe weitergeben, in Wort und Tat. Gott will, dass wir mutig sind, und Seinen Auftrag erfüllen. Es kann sein, dass wir wie Jona andere zur Umkehr aufrufen sollen, damit sich etwas zum Besseren ändert … Aber das kann auch ganz anders sein …

Oft stellt uns Gott auf einen schwierigen Weg. Dann geht es uns wie dem Jona.

Ninive kann anderswo sein, doch vielleicht auch ähnlich unbequem und anstrengend. Und: man macht sich nicht immer Freunde … Doch zum Glück hängt nicht alles an mir.

Von Jona lernen wir: Wir sind nicht allein unterwegs. Gott geht meinen und Ihren Weg mit. Er lässt sich vieles einfallen. Er benutzt sogar einen Sturm und einen Walfisch, um in meine Nähe zu kommen.

Mensch, wo bist du?

Gott ruft uns heraus, und er fordert uns heraus. In Jesus Christus ist er selbst Mensch geworden, um das Verlorene zu suchen. Er sucht uns in unserem Versteck. Er sucht den Jona auf dem Schiff und im Bauch des Wales. Er sucht uns und richtet uns auf. Er stellt uns neu auf den Weg.

Gott will, dass wir aufrecht gehen können. Er will uns als Menschen, die ihre Verantwortung erkennen und wahrnehmen: Unsere Verantwortung vor Gott … Unsere Verantwortung für die Menschen in unserer Nähe … Unsere Verantwortung für Seine Schöpfung, also unsere Verantwortung für diese Welt.

Gott ruft uns an und fragt: Mensch, wo bist du? Da schwingt die Zusage mit, dass Gott uns dabeihaben will und mit uns sein wird, sowie der Anspruch, dass wir ihm vertrauen können.

Mensch, wo bist du?

Gerade diese schwierigen Zeiten zeigen uns, dass es viele Menschen gibt, die antworten: Hier bin ich, Gott. Schick mich dorthin, wo ich gebraucht werde. Es sind Menschen, ohne deren Dienst wir in der Pandemie-Krise nicht zurechtkommen würden. Immer wieder danke!

Eine Fernsehsendung geht mir nicht aus dem Kopf. Da wurde gezeigt, dass wir oft die Menschen vergessen, die ihre Angehörigen pflegen. Diesen 24-Stunden-Dienst kann man nur mit viel Liebe und Verantwortungsgefühl schaffen. Ich habe Hochachtung vor jedem, der zu Hause die dementiell veränderte Mutter, den Großvater nach einem Schlaganfall, die mehrfach behinderte Tochter betreut … Die Beispiele in der Dokumentation zeigten, dass man auf vieles verzichten muss, und man sich nicht leisten kann, selbst krank zu werden.

Diejenigen, die für andere da sind, haben auf die Frage geantwortet: Hier bin ich.

Der Monatsspruch für den Mai aus dem 1. Petrusbrief spricht von solcher Verantwortung: Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat.  (1. Petrus 4, Vers 10)

Mensch, wo bist du?

Gott helfe uns, dass auch wir antworten: Hier bin ich, Gott. Schick mich dahin, wo Du mich brauchen kannst.

Dazu wünscht Gottes Segen

Deine / Ihre / Eure Pfarrerin Erika Juckel


Foto: D. Binderberger

Andacht für den 23.5.

„Wo der Geist Gottes wirkt, da ist Freiheit“ [2.Korinterbrief 3,17]

 

Liebe Leserinnen und Leser,

Vor einiger Zeit hörte ich von jemanden, wie man wohl in Afrika kleine Affen fängt:

Es gibt eine sehr einfache, aber wirkungsvolle Methode. Manche Afrikaner stellen am Waldrand Tonkrüge mit einem sehr engen Einfüllloch auf, füllen Mandelkerne hinein und entfernen sich. Nun wittern die Affen ihre Lieblingsspeise, kommen heran und greifen gierig in den Krug hinein. Das Einfüllloch ist gerade groß genug, dass die Pfote der Affen hindurchpasst. Die Affen nehmen die Pfote voller Mandeln und bekommen die gefüllte Pfote nun nicht mehr aus dem Krug heraus. Sie bräuchten die Mandeln eigentlich nur loszulassen, um ihre Freiheit wieder zu erlangen. Aber sie essen die süßen Mandeln nun mal „für ihr Leben gern“. Darum warten sie mit der gefüllten Pfote, bis die Fallensteller kommen und die Affen gefangen nehmen.

Ich finde, dass uns Menschen oft ähnliches passiert. Ist es nicht so: Wir sind in gewisse Dinge so vernarrt, dass wir sie „für unser Leben gern“ festhalten. Und diese Dinge halten uns dann gefangen. Wie oft halten wir uns nicht an materiellen Dingen fest, die gar keinen Halt geben? Wie oft versuchen wir nicht irgendwelchen Menschen zu gefallen und verbiegen uns total?

Dabei bräuchten wir nur manche Dinge einfach loszulassen und würden unsere Freiheit und das Leben gewinnen.

Paulus schreibt in einen Brief folgende Erkenntnis: „Wo der Geist Gottes wirkt, da ist Freiheit

Paulus will uns damit sagen, dass diejenigen, die sich an Gott orientieren, die von seinem Geist durchdrungen sind, Freiheit erfahren und erleben.

Freiheit bedeutet dann, frei zu sein von den Zwängen des Zeitgeistes der sagt: „Hast du was, dann bist du was“. Und Freiheit bedeutet auch nicht allem nachjagen zu müssen, mit der Sorge, etwas im Leben zu verpassen. Gottes Geist sagt uns: „Du bist als ein geliebtes Kind Gottes schon etwas ganz besonderes“.  Wer dessen gewiss ist, der „steht über so manchen Dingen“ und weiß, wie Gottes guter Geist Freiheit bewirkt.

Sind wir klüger und weitsichtiger als die kleinen Affen in Afrika?

Ich wünsche uns in diesem Sinne Gottes Begeisterung und viel Erfolg beim „loslassen“.

Pfarrer Thomas Rusch

 


Foto: D. Binderberger

Andacht für den 20.5.

Resignieren?

 

Liebe Leserinnen und Leser,

resignieren?

Ein altes orientalisches Märchen erzählt, dass ein König, wenn er für eine wichtige Aufgabe den geeigneten Mann suchte, den durch eine Probe herauszufinden suchte. So lud er eines Tages, als er wieder einmal einen geeigneten Mann für ein Amt brauchte, alle fähigen und guten Leute in den Palast ein und stellte ihnen eine Aufgabe. Er führte sie zu einem großen Tor mit einem gewaltigen Türschloss und forderte die Männer auf, das wuchtige Schloss zu öffnen. Es sei nicht einfach und erfordere alle Kunst und Kraft, fügte er hinzu. Einige Männer gaben gleich resigniert auf und fühlten sich der Probe nicht gewachsen. Die Klugen und Weisen seines Reiches untersuchten das Schloss und stellten gelehrte Betrachtungen an. Doch dann gaben auch sie erfolglos auf. Niemand schien das komplizierte Schloss öffnen zu können. Nur einer der Männer gab nicht auf, er besah und befühlte das Schloss und dann versuchte er mit seiner ganzen Kraft das Tor zu öffnen. Und siehe da, die Tür bewegte sich, denn das Schloss war nicht verriegelt, und die Tür nur geschlossen, aber nicht verschlossen. Der König gab dem Mann das wichtige Amt, weil er nicht nur gesehen und nachgedacht, sondern vor allem zugepackt und es mit all seiner Kraft auch probiert hatte.

Finden Sie sich in diesem alten orientalischen Märchen wieder? Was machen sie, wenn sie vor vermeintlich großen Aufgaben oder Problemen stehen? Resignieren?

Manchmal erscheinen uns Aufgaben oder Probleme ja einfach zu groß und man ist versucht aufzugeben. Da überfordern mich Mitmenschen mit ihren Anliegen, da ist die Diagnose des Arztes die einfach niederschmetternd ist, da kursieren die Gerüchte von Einsparmaßnahmen und Umstrukturierungen am Arbeitsplatz, da wird in der Beziehung zum X-ten Male über das gleiche Thema gestritten – Momente wo Resignation droht.

Ende diesen Monat feiern wir das Pfingstfest – Pfingsten der Tag, an dem Gott seinen geliebten Menschen seinen guten Geist schenkt. Dieser Geist begeisterte die Menschen damals. Er half ihnen aus Resignationen heraus.

Ja Gottes Geist ist alles andere, als ein „ … Geist der Furcht (Resignation), sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2.Timotheus 1,7) Mit dieser Erkenntnis wurde Timotheus, ein junger Mann der an seinen Aufgaben zu resignieren drohte, konfrontiert.

Ich glaube auch wir als Christen müssen uns immer wieder daran erinnern lassen, dass Gott uns mit seinem guten Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit „begeistert“ hat.

Ich wünsche Ihnen in allen Ihren Aufgaben und Problemen Gottes Begeisterung.

Pfarrer Thomas Rusch

 


Foto: D. Binderberger

Andacht für den 17.5.

Jesus Christus spricht: „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ Johannes 14,1

 

Liebe Leserinnen und Leser,

Zu schwer?

In einer kleinen Stadt sitzt auf einer großen Treppe ein kleines Mädchen und weint. Sie hat ihren Schulranzen neben sich abgestellt und wischt sich die dicken Tränen vom Gesicht. Eine Frau setzt sich neben sie und fragt vorsichtig: „Warum weinst du denn?“ Das Mädchen schluchzt: „Ist so schwer!“ Die Frau fragt weiter: „Ist dein Schulranzen mit all den Büchern dir zu schwer?“ – „Nein, der ist doch puppig leicht!“ – „Ist die Schule zu schwer, verlangen die Lehrer zu viel, schaffst du deine Aufgaben nicht?“ – „Nein, das Lernen ist doch nicht schwer!“ – „Ja, was ist denn so schwer für dich, dass du so weinst?“ Da sagt das Mädchen verblüffend einfach und ehrlich: „Das ganze Leben ist zu schwer, ich glaub`, ich schaffe es nicht!“

Ich glaube, dass was das Mädchen sagt, ist vielen Menschen aus den Herzen gesprochen. Wie viele Lebensängste finden hier ihren einfachen Ausdruck. Die Herausforderungen des Lebens scheinen einen manchmal einfach zu erdrücken. Die Last von Einsamkeit und Leid, Schmerzen und Defiziten, Unerfülltheit und Not lassen viele daran zweifeln, ob ihre Kräfte denn reichen und ihre Hoffnungen tragen. Und dann beschleicht viele die Sorge, ob man es schaffen kann und ob Zerreißproben bestanden werden.

Das ganze Leben ist wirklich schwer, wenn wir es allein tragen und bewältigen müssen.

„Werden wir das Leben meistern?“ fragen viele voller Sorge und Zweifel.

Aber als Christen haben wir einen Meister des Lebens als Freund und Begleiter. Er trägt uns und unser Leben, er hält uns mit all den Nöten fest in seiner Hand. Er meistert unser Leben.

Wenn man Zahnschmerzen hat, vertraut man sich einem Zahnarzt an, wenn der Rücken schmerzt, einem Orthopäden. Und wenn das Leben zu schwer ist?

Jesus Christus sagt zu uns: „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“

Ja, er ist der Experte für „schwermütige Herzen“. Sagen Sie ihm doch, was Sie belastet und Ihnen Sorgen macht. Einfach so, so wie Sie auch ihrem Arzt Ihre Beschwerden sagen.

Ich wünsche Ihnen gute, erfolgreiche Sprechstunden!

Pfarrer Thomas Rusch

 


Foto: D. Binderberger

Andacht für den 16.5.

 

Liebe Gemeinde!

In Norditalien gibt es einen Fluss. Sie alle kennen seinen Namen. Dieser Fluss heißt nämlich „Po“ und wegen seines lustigen Namens hat er bereits Generationen von Schülerinnen und Schülern im Unterricht belustigt, zu Witzen angestachelt oder auch zu Lachkrämpfen animiert. In Norditalien, am Ufer des besagten Flusses, liegt ein Dorf, kaum weniger bekannt als der Fluss selbst. Sie alle kennen es. Denn in diesem Dorf, da wohnt ein Dorfpriester, dessen größtes Hobby es ist, sich seiner Rauflust hinzugeben und seinem Erzrivalen, dem Kommunistenführer und Bürgermeister Peppone eins auszuwischen. Der italienische Schriftsteller Giovannino Guareschi hat mit Don Camillo eine unvergessliche Romanfigur geschaffen, die nicht nur wegen ihres satten Kinnhakens interessant ist, sondern auch wegen ihrer etwas ungewöhnlichen Gebetspraxis. Kommt Don Camillo mit einer Sache nicht klar, dann redet er darüber mit Christus. Als Kruzifix hängt der über dem Altar der Dorfkirche. Als Stimme bloß redet dieser Christus, aber deutlich hörbar: Kostprobe gefällig? Steigen sie mit mir ein in folgende Episode aus dem Leben von Don Camillo:

Gerade eben erst ist Don Camillos Erzfeind, Bürgermeister Peppone bei ihm zur Beichte gegangen. Zum ersten Mal seit dreißig Jahren. Das Gewissen plagte ihn schon lange. Doch für einen aufrichtigen Kommunisten gehört es sich eben nicht zur Kirche zu gehen. Er hätte ja von den Genossen gesehen werden können und das durfte nicht sein. Doch an diesem Tag jetzt musste es einfach sein, denn zu schwer wog die Schuld, die er auf sich und auf seine Gewissen geladen hat. So kommt Bürgermeister Peppone nun also in die Kirche, um zu beichten: Ja, so muss er bekennen, er war es, der den Priester Don Camillo vor zwei Monaten verprügelt hat, und noch mehr hat Peppone zu erzählen, jetzt, da er erst einmal mit dem Beichten angefangen hat. Alles in allem war es dann am Ende für die erste Beichte nach 30 Jahren doch gar nicht so viel, und Don Camillo fertigt ihn kurzer Hand mit zwanzig Vaterunser und zwanzig Ave Maria ab. Die soll Peppone nun gleich zur Buße beten. Als Peppone dann an der Kommunionbank vor dem Altar kniet, um seine Buße abzubeten, fällt auch Don Camillo vor dem Kruzifix dort oben auf die Knie. Auch er hat was mit dem Jesus da oben zu regeln und ins Reine zu bringen. „Jesus“, sagte er, „verzeih mir, aber ich haue ihm jetzt eine herunter.“ „Denke nicht einmal daran“, antwortet Jesus. „Ich habe ihm vergeben und du musst ihm auch vergeben. Im Grunde ist er ein braver Mensch.“ Doch Don Camillo weiß es besser: „Jesus“, sagt er: „traue diesen Roten nicht. Sie sind furchtbar heimtückisch. Schau ihn dir gut an. Hat er nicht ein Räubergesicht?“ „Ein Gesicht wie alle anderen auch. Don Camillo, in dein Herz hat sich Gift eingeschlichen!“ „Jesus, wenn ich Dir je gut und mit Hingabe gedient habe, dann bitte ich dich um diese Gnade. Lass es wenigstens zu, dass ihm dieser Leuchter auf den Nacken fällt.  Was ist schon  so  ein Leuchter,  mein Jesus?“ „Nein“, antwortet Jesus. „Deine Hände sind zum Segnen da, nicht zum Schlagen.“ Don Camillo seufzt. Er verbeugt sich und verlässt den Altar. Doch bevor er geht, wendet er sich noch einmal um, um sich zu bekreuzigen, und befindet sich so gerade hinter Peppones Rücken, während dieser immer noch kniend mittlerweile ganz im Gebet versunken scheint. „In Ordnung“, flüsterte Don Camillo, indem er die Hände faltete und zu Jesus hinaufschaut. „Die Hände sind zum Segnen da, aber nicht die Füße!“ „Auch das ist wahr“, sagt Jesus vom Hochaltar, „aber ich bitte dich, Don Camillo: Nur einen!“ Der Fußtritt trifft Bürgermeister Peppone wie ein Blitz. Doch er steckt den Tritt ohne mit der Wimper zu zucken ein, steht auf und seufzt erleichtert: „Seit zehn Minuten warte ich schon darauf. Jetzt fühle ich mich viel besser.“ „Ich auch“, ruft Don Camillo und sein Herz ist dabei leicht und rein wie der heitere Himmel. Jesus sagt nichts mehr. Man sieht ihm aber an, dass auch er zufrieden ist. Soweit diese Episode von Don Camillo und Peppone, eine Episode, die, wenn auch auf lustige Art und Weise, von Frömmigkeit und vom Beten handelt.

Ich dachte mir, diese Geschichte passt gut zum morgigen Sonntag „Rogate“, denn auch unser Beten zu Gott muss nicht immer todernst sein. Bis heute amüsiert sich das Publikum über die Filme von Don Camillo und Peppone. Doch warum das? Ich denke mir: vielleicht amüsieren sich die Menschen ja gerade deshalb über diese beiden Charaktere, weil sie genau das tun, was wir uns zu tun niemals trauen würden, – was wir im tiefsten Inneren aber ab und an schon gerne einmal tun möchten. Die beiden Akteure halten uns also quasi einen Spiegel vor.

Peppone, der kann, obwohl Kommunist geworden, nicht aus seiner Haut. Aufgrund der kommunistischen Parteidoktrin muss er Gott verleugnen. Doch wenn es hart auf hart kommt, findet er immer wieder den Weg zurück zur Kirche. Der Glaube in ihm ist stärker als die Partei. So wie ihm geht es vielen, die sich zwar in der Öffentlichkeit von Kirche und Glauben distanzieren, sich aber nicht scheuen, wenn es ernst und kritisch wird, Gott im Stoßgebet anzurufen. Und Don Camillo, unser Priester, der versucht für seinen Teil sich Jesus so zu Recht zu biegen, wie er ihm am besten passt. So wie das viele tun, die Gott vor den eigenen Karren spannen wollen.

Bei näherem Beschauen der Episode bleibt trotz aller Komik als Fazit stehen: Don Camillo und Peppone haben eine enge Beziehung zu ihrem Gott. Der Dorfpriester und der Bürgermeister, ohne einander und ohne ihren Glauben können beide nicht.

Aber über das Beten sollen wir doch am morgigen Sonntag nachdenken! Und Don Camillo und Peppone haben uns mit ihrer ganz eigenen Art des Betens einen Zugang zum Thema geliefert. Bloß stellt sich da die Frage: darf man das denn überhaupt, so mit Gott, so mit Jesus Christus reden, wie es Don Camillo tut? „Ein wenig mehr Respekt vor dem Heiligen, guter Mann“, möchte mancher den beiden gewiss zurufen. Ein wenig mehr Pietät wäre in einer Kirche für den Pfarrer doch wohl angebracht! Doch wer so redet, dem geht auch etwas ab. Vermisst er nicht ein wenig die Vertrautheit, mit der Don Camillo hier zu seinem Jesus sprechen kann? Eigentlich doch ganz schön, so ein persönliches Verhältnis! Was also ist nun angemessen beim Gebet? Wie soll es sein? Laut oder leise? Allein oder in Gemeinschaft? Regelmäßig oder ganz spontan? Dankbar oder fordernd? Wer sich mit diesen Fragen überfordert sieht, dem sei gesagt: Wir müssen das heute nicht allein entscheiden. Die Bibel will uns helfen und Wege aufzeigen, wie wir mit Gott reden können. So z. B. in der heutigen Geschichte, die uns als Predigttext gegeben ist. Mancher, der dies Gleichnis noch nicht kennt, wird überrascht sein, was Jesus darin empfiehlt! Aber hören Sie selbst!

Lukas 11, 5-13 Der bittende Freund
5 Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote;
6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann,
7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.
8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.
9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.
10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.
11 Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete?
12 Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete?
13  Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!
Amen.

Mit dieser Geschichte beantwortet Jesus unsere Frage: Wie kann / wie soll ich beten? Ganz einfach, sagt Jesus: So wie dir der Schnabel gewachsen ist! Rede dir von der Seele, was dich belastet! Sorge für dich!

Die Geschichte vom penetrant bittenden Nachbarn und Freund zeigt sehr deutlich: Für großartige diplomatische Reden und Schmeicheleien ist in der Nacht und in der Not eben keine Zeit, da braucht es die direkte Rede. Tut es nicht gut, das zu wissen? Ja, frei und einfach heraus darf ich mit dem, was mir auf der Seele liegt zu meinem Gott kommen und ihn um alles das bitten, was ich brauche. Nichts ist im Gebet zwischen ihm und mir! Und noch eine zweite Frage beantwortet die Geschichte, nämlich die, wie Gott auf intensives Bitten antwortet. Der nervende Bittsteller in der Nacht, er erhält das Brot für seinen späten Gast! Zumindest sagt es so das Gleichnis! Aber trifft das Gleichnis auch die Realität? Bekomme ich meine Bitten wirklich derart schnell erfüllt? Meine bisherige Lebenserfahrung lehrt mich da, doch lieber etwas mehr Geduld mitzubringen, denn sie sagt mir, dass Gott auf meine Bitten nicht immer so unverzüglich antwortet wie hier dargestellt, und auch nicht immer so, wie ich mir das erwartet und ausgedacht habe. Nein, unser Gott ist keine Wunschmaschine! Und beileibe nicht alles, was wir von ihm erbitten, geht auch in Erfüllung. Wer will das bestreiten? Nur, ist unser Glaube durch dieses Wissen denn weniger wert? Für meinen Teil kann ich sagen, auch wenn nicht alle Wünsche und Bitten, die ich je hatte, in Erfüllung gegangen sind, so habe ich dennoch weiterhin das feste Vertrauen, dass Gott alle Dinge für mich bisher gut geregelt hat. Denn wer von uns vermag schon einzuschätzen, ob das, was er sich so sehnlich wünscht, auch wirklich das Richtige für ihn ist? So mancher ersehnte Lottogewinn endete später für den Gewinner im finanziellen Desaster, manchem rasantem gesellschaftlichen Aufstieg folgte umgehend der Absturz. Beispiele dazu kennen auch Sie sicherlich reichlich! Ich denke, es steht uns als Christen gut an, bei all‘ den Bitten, Anliegen und Wünschen, die wir an unseren Gott herantragen, auch ein wenig Gelassenheit und Vertrauen mitzubringen. In solchem Vertrauen hat einst Dietrich Bonhoeffer folgenden Satz formuliert, der für mich wie ein Schlüssel ist, für unser Verständnis vom Gebet: „Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen und seine Zusagen“, schreibt er. Was kann / was solle man sich noch mehr von seinem Gott erwarten?

Zwei Dinge wünsche ich uns, zum einen weiterhin ein intensives Gespräch mit unserem Gott und zum anderen ein wenig Gelassenheit, bei all‘ den Dingen, die im Leben so ganz anders kommen, als wir sie uns zuvor erbeten haben. Amen.

Pfarrer Armin Kopper


Foto: D. Binderberger

Andacht für den 15.5.

Liebe Gemeinde! Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Losung für den heutigen Freitag steht im 5. Buch Mose, Kapitel 26, Vers 7:

„Der Herr erhörte unser Schreien und sah unser Elend, unsere Angst und Not.“

Dieses Bibelwort bezieht sich auf die Erfahrungen des Volkes Israel in ägyptischer Sklaverei. Im Vers zuvor heißt es: „Da schrien wir zu dem Herrn, dem Gott unserer Väter.“ Die Israeliten riefen Gott um Hilfe an. Daraufhin hat er das Volk in die Freiheit geführt.

Unfrei, gefangen in den Begrenzungen, die das Corona-Virus uns setzt, so empfinden manche ihre Lebenssituation in diesen Zeiten der Pandemie.

Und wir denken an das Elend derer, die sich mit dem Virus infiziert haben. Wenn wir auf Plakaten das Motto lesen „Bleibt zu Hause!“, … kaum auszumalen das Elend der Menschen, die kein Zuhause haben, kein Dach über dem Kopf, die obdachlos sind.

Wir denken an Menschen, die Angst haben, weil sie zu einer der Risikogruppen gehören. Auch deren Angehörige machen sich große Sorgen, weil Covid 19 diejenigen mit Vorerkrankungen härter treffen könnte, als manch andere.

Wir denken an die Not der Menschen, die einiges riskieren, um für andere da zu sein. Hier könnte ich wieder eine Menge Berufsgruppen nennen …
Oder die Not derer, die um ihren Arbeitsplatz bangen, deren Existenz bedroht ist.

Ob all diese Menschen in ihrer Angst und Not, in ihrem Elend, zu Gott schreien und ihn um Hilfe anrufen? Ob sie und wir ihn um Kraft bitten in diesen so belasteten Zeiten? Wir bringen unsere Fürbitten vor Gott und hoffen auf ihn.

Ich ertappe mich, dass ich dabei meist in den Grenzen unserer Umgebung denke, sowie in den Grenzen unseres Landes … oder innerhalb Europas.

Weil wir Freunde in England haben (Gott sei Dank sind sie gesund), sind wir entsetzt, dass es auf der Insel mehr als 32.000 Tote im Zusammenhang mit Corona gab.

Weil wir letztes Jahr im Herbst mit 30 Erwachsenen aus der Gemeinde in Katalonien waren, verfolgen wir die Entwicklung in Spanien und denken an unsere Hauseltern vom Freizeithotel El Berganti im Golf von Roses.

Europa … Aber wie sieht es auf den anderen Kontinenten aus? In den Medien erfahren wir viel über die USA.

Doch wie ist die Lage auf der Südhalbkugel?

Am Donnerstag (14. Mai) erhielt ich einen Brief vom Mädchenheim in Quito, der Hauptstadt von Ecuador. Wir von der Forsbacher Frauenhilfe unterstützen das Heim, das den Namen „Talita Kumi“ trägt. Diese armäischen Worte sagt Jesus zur Tochter des Jairus: „Mädchen steh auf“. Sie war tot, doch Jesus hat sie wieder lebendig gemacht.

Die Mädchen und jungen Frauen wohnten vorher auf der Straße. Einige von ihnen wurden schon sehr früh Mutter. Durch Schulbesuch und Berufsausbildung haben die Mädchen und Frauen eine Chance auf Zukunft. Der Name „Mädchen steh auf“ holt aus dem Elend heraus und steht für neues Leben.

Im Brief heißt es: In Quito gibt es „extreme Einschränkungen im täglichen Ablauf. Die Mädchen in den beiden Häusern leben mit den Mitarbeiterinnen in Quarantäne … Es fehlt an allem. Obst, Gemüse, Fleisch und viele weitere Lebensmittel und Gegenstände des täglichen Bedarfs müssen eingekauft werden und das zu höheren Preisen als vor der Pandemie. Das hat zur Folge, dass das geplante Budget für Verpflegung und Versorgung bei weitem nicht ausreichen wird.“

Wir von der Frauenhilfe möchten mit Spendengeldern unterstützen … (*)

Wir verlassen Südamerika und wenden uns dem afrikanischen Kontinent zu. Seit Jahren gibt es die Partnerschaft zwischen unserem Kirchenkreis Köln-Rechtsrheinisch und dem Kirchenkreis Kalungu im Osten des Kongo.

Rege Mailkontakte sowie gegenseitige Besuche haben zu Freundschaften geführt. Jedes Jahr im November feiern wir einen besonderen Partnerschaftsgottesdienst.

Der Schulleiter Herr Balerwa berichtet noch in einer Mail am 23. April: „Hier bei uns geht es gut … Die positiven Fälle in Nord- und Süd-Kivu sind als geheilt erklärt. Seit heute ist der Verkehr zwischen Kalungu und Goma wieder aufgenommen worden. Wirklich, nach dem Kreuz kommt die Auferstehung.“

Doch am 10. Mai schreibt Superintendent Pfarrer Ndabakenga: „Ich hoffe, dass es Ihnen trotz Corona gut geht. Abgesehen von unserer Region, in Kinshasa gibt es jeden Tag 50 neue Fälle, das ist eine Bedrohung für uns. Falls man in Kinshasa die Hygieneprinzipien vernachlässigt oder die Bevölkerung disloyal wird, werden viele von uns sterben. Beten Sie für uns.“

Auch die Situation, dass ein extremer Starkregen in Uvira 52 Todesopfer forderte und große Schäden anrichtete, ruft uns zur Fürbitte auf für alle, die in Not, Elend und Angst sind. (**)

In der VEM (***) wurde ein Gebet formuliert, das wir mit anderen teilen sollen. So können wir trotz räumlicher Distanz geistlich verbunden sein und eine Gebetskette bilden:

Gott, unser Vater, durch deinen Geist sind wir miteinander verbunden im Glauben, Hoffen und Lieben. Auch wenn wir in diesen Zeiten vereinzelt sind: Wir sind Teil der weltweiten Gemeinschaft deiner Kinder.

Lass wachsen unser Vertrauen in deine Nähe und in die Verbundenheit mit unseren Schwestern und Brüdern. Die erkrankt sind, richte auf. Mache leicht die Herzen der Einsamen. Den Verantwortungsträgern gib Weisheit und Mut. Stärke die Frauen und Männer im medizinischen Dienst. Unseren Geschwistern in der weltweiten Kirche stehe bei.

Uns allen schenke Ideen, unserer Verbundenheit Ausdruck zu geben. Segne uns, o Herr!

Lass leuchten dein Angesicht über uns und sei uns gnädig ewiglich! Segne uns, o Herr!

Deine Engel stell um uns! Bewahre uns in deinem Frieden ewiglich! Segne uns, o Herr!

Lass leuchten dein Angesicht über uns und sei uns gnädig ewiglich! Amen.

Ich hoffe, dass unsere Schwestern in Quito und unsere Geschwister im Kongo erleben: „Der Herr erhörte unser Schreien und sah unser Elend, unsere Angst und Not.“ Ich hoffe, dass viele Menschen Gottes Hilfe erfahren.

Ihre / Eure Erika Juckel, Pfarrerin


(*)        Wer mehr über „Talita Kumi“ wissen und helfen möchte, melde sich bitte bei mir.

(**)       Wer sich für die Partnerschaft mit Kalungu interessiert, kann auch gern nachfragen.

(***)      VEM = Vereinigte Evangelische Mission (mit Sitz in Wuppertal)


Foto: D. Binderberger

Andacht für den 14.5.

„Wer ohne Sünde ist“

 

Liebe Leserinnen und Leser,

Können sie sich folgende Situation vorstellen?

Ein stadtbekannter Unternehmer wird der Steuerhinterziehung angeklagt. Die Steuerschuld beläuft sich auf mehrere hunderttausend Euro. Wegen Flucht- und „Verdunklungsgefahr“ ist der Unternehmer in Untersuchungshaft gesetzt worden. Wenige Tage nach der Festnahme kommt es zum Gerichtstermin. Die Medien nehmen regen Anteil an der Gerichtsverhandlung und auch der Zuschauerraum ist zu Prozessbeginn bis auf den letzten Platz gefüllt. Selbst vor dem Gerichtsgebäude steht eine Menschenansammlung, die den Urteilsspruch vor Ort erfahren will. Die Verhandlung wird pünktlich eröffnet. Ein Gerichtsdiener liest die Anklageschrift vor. Der Prozess beginnt. Zur Verwunderung aller gibt es keine Verteidigung. Der Unternehmer hat keinen Verteidiger. Während der gesamten Verhandlung sitzt er mit gesenktem Haupt auf der Anklagebank und schweigt zu allen Vorwürfen. Zeugen werden aufgerufen und die Beweisführung gegen den Unternehmer ist erdrückend. Nach einigen Stunden der Zeugenbefragung und der Beweisführung von Seiten der Anklage nimmt der Staatsanwalt schließlich ein Gesetzbuch zur Hand und schlägt es auf. „5 ½ Jahre Haft ohne Bewährung schreibt das Gesetz für eine solche Straftat vor“ erläutert der Staatsanwalt dem Publikum. Ein Raunen geht durch die Menge. Einzelne Prozessbeobachter fangen an zu klatschen. Der Staatsanwalt macht eine beschwichtigende Bewegung. Ruhe kehrt ein. Er wendet sich zum Richter und fragt: „Nun hohes Gericht wie lautet ihr Urteil“? Alle Blicke richten sich auf den Richter. Doch was ist das? Der Richter sitzt auf seinem Stuhl und scheint gar nicht bei der Sache zu sein. Stattdessen liest er die Tageszeitung. Erstaunt richtet der Staatsanwalt erneut seine Frage an den Richter: „Wie lautet ihr Urteil?“ Absolute Ruhe herrscht im Gerichtssaal. Alle Augen sind gebannt auf den Richter gerichtet. Langsam blickt dieser auf und legt die Tageszeitung beiseite. Nach ein paar Sekunden des Schweigens antwortet er schließlich: „Wer von euch ohne Schuld ist, der möge doch das Urteil sprechen.“ Betretendes Schweigen im Gerichtsaal. Keiner wagt es ein Urteil zu fällen. Selbst der Staatsanwalt verstummt.

Können sie sich einen solchen Ablauf in einem deutschen Gericht vorstellen? Wohl eher nicht. Aber sie wissen vielleicht, dass sich eine ähnliche Geschichte vor fast 2000 Jahren abgespielt hat.

Damals war es nicht ein stadtbekannter Unternehmer der angeklagt wurde, sondern eine Frau, die in Flagranti beim Ehebruch erwischt wurde. Die Ankläger waren fromme Männer, die Jesus eine Falle stellen wollten. Und Jesus wurde so von ihnen in die Richterrolle gedrängt. Sein Urteil zum Ehebruch, der nach damaliger Gesetzeslage den Tod durch Steinigung bedeutet hatte: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. (Johannes 8, 7)

Eine merkwürdige Geschichte, weil alle Ankläger betroffen nach Hause gehen, ohne einen Stein zu werfen. Merkwürdig auch, dass Jesus, der ohne Sünde war, die Frau nicht verklagt. Er vergibt ihr ihre Schuld und eröffnet so eine Zukunft für sie: „Geh hin, mache es nun besser und sündige nicht mehr.“

Diese Geschichte ist bedenkenswert und hochaktuell, weil man sich sowohl in der Rolle der Ankläger als auch des Angeklagten wiederfinden kann:

In der Rolle des Anklägers findet man sich wieder, da es doch normal ist, Menschen die in Flagranti erwischt worden sind, anzuklagen: Politiker, die sich an Geldern vergreifen, die Nachbarin, die wieder mal nicht die Treppe geputzt hat und sowieso in Sachen Sauberkeit schlampig ist, den Arbeitskollegen, der immer wie gedruckt lügt.

Jesu Urteil: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“.

In der Rolle des Angeklagten findet man sich wieder, da es genauso normal ist, täglich an Menschen und an Gott schuldig zu werden: Dort wo man einem Menschen der in Not ist nicht hilft, dort wo man Gottes gute Gebote missachtet.

Jesu Urteil über uns: „Ich klage dich nicht an. Geh hin in deinen Alltag und sündige nicht mehr.“ (Johannes 8,10)

Auf meinem Schreibtisch liegt ein Stein, den ich von einer Urlaubsreise mit nach Hause genommen habe. Ein gewöhnlicher Stein und doch ein besonderer. Auf der Unterseite des Steines steht mit schwarzem Filzstift geschrieben: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie!“ (Johannes 8,7).

Der „Stein der Weisen“ im Zusammenleben von Menschen ist der Stein, der nicht geworfen wird! Der andere „Stein der Weisen“ ist die Besinnung auf die Liebe Jesu und seine Vergebung, von der wir alle leben.

Dies möge uns Kraft geben nicht „zu werfen“ weil wir selber im „Glashaus“ sitzen.

Ich wünsche uns viel Kraft fürs „Steine fallen lassen“.

Pfarrer Thomas Rusch

 


Foto: D. Binderberger

Andacht für den 13.5.

 

Liebe Gemeinde!

ich habe gerade Urlaub, bin aber dran mit der Andacht heute, deshalb möchte ich zumindest über etwas schreiben, das mich an Urlaub erinnert, und zwar über die Stadt Jericho. Zweimal bin ich schon dort gewesen, und der Ort, was ich in ihm gesehen habe und was ich davon weiß, das hat mich begeistert.

Jericho gilt als älteste Stadt der Welt, am tiefsten Punkt der Erde und an ihrem jüngsten Fluss, so sagte uns der Reiseführer, und dass hier im Jordangraben zwei Erdplatten zusammenstoßen, was immer wieder Erdbeben verursacht. Das Klima im Jordangraben ist stets gleichbleibend warm, es gibt ausreichend Wasser und man kann das ganze Jahr über Ernte einbringen. Seit dem 10. Jahrtausend vor Christus ist Jericho, das auch als Palmenstadt bezeichnet wird, besiedelt. Es wurde mehrmals durch Naturkatastrophen, in erster Linie durch eben genannte Erdbeben zerstört und von seinen Bewohnern verlassen, aber auch immer wieder aufgrund seiner günstigen Lage neu besiedelt und aufgebaut.

Wer als Tourist nach Jericho kommt, der gelangt in der Regel von Israel aus mit dem Bus dorthin. Die Straße führt dabei immer nur bergab, denn Jerusalem, das liegt ca. 800 m hoch auf einem Berg, Jericho dagegen ca. 250 m unter dem Meeresspiegel im palästinensischen Autonomiegebiet.

Bei meinem letzten Besuch sind wir eine Strecke von Jerusalem nach Jericho zu Fuß gewandert. Das war abenteuerlich und faszinierend, denn der Weg führt durch ein tief in den Felsen eingeschnittenes Tal. Jesus siedelt hier sein Gleichnis vom barmherzigen Samariter an, und wenn man über den schmalen Pfad durch dieses Tal wandert, dann kann man sich gut vorstellen, wie sich die Räuber hinter einem Felsvorsprung versteckt haben, um dem einsamen Wanderer einen Hinterhalt zu legen.

Doch warum war der überhaupt hier unterwegs und warum auch gleich so viele „fromme“ Männer? Das hat damit zu tun, dass einer der Hauptverkehrswege Vorderasiens in Nord-Süd Richtung an der Stadt Jericho vorbeiführte. Gleichzeitig nahm hier die Straße hinauf nach Jerusalem ihren Anfang. Alle Pilger und Händler, die von Norden, Süden und Osten aus nach Jerusalem wollten, mussten also durch Jericho reisen.

Auch Jesus selbst kommt auf seiner Pilgerfahrt  von Galiläa nach Jerusalem durch Jericho hindurch, wo er dem blinden Bartimäus und  dem kleinegewachsenen Zöllner Zachäus begegnet, der um Jesus zu sehen, auf einen Maulbeerbaum klettert. Der Baum, auf dem Zachäus einst saß, wird einem natürlich auch heute immer noch gezeigt, auch wenn der jetzige Baum an dieser Stelle garantiert keine 2000 Jahre alt ist. Aber sei dem wie es ist, die Geschichte von Jesus und Zachäus wird durch ihn wieder lebendig.

Auch König David soll, so wird einem erzählt, beim Dichten des 23. Psalms, nämlich dem „Vom guten Hirten“, als er formulierte „und ob ich schon wanderte im finstern Tal“ an jenen „Wadi Qelt“ genannten Weg von Jerusalem nach Jericho gedacht haben.

Und als Jesus sich nach seiner Taufe durch Johannes im Jordan für 40 Tage und Nächte in die Wüste zurückgezogen hat, um zu beten und zu fasten, geschah das eben in dieser Gegend, denn vom Jordan bis hierhin ist es nicht weit. Heut gibt es an der vermuteten Stelle ein orthodoxes Kloster.

Die älteste Geschichte, die sich mit Jericho verbindet, ist aber die, von seiner Eroberung bei der Landnahme im Buch Josua. Schon in der Kinderkirche haben wir diese Geschichte mit den sieben Umrundungen an sieben Tagen und dem Blasen der Posaunen nachgespielt und das hat uns Kindern damals Spaß gemacht. Heute würde man das vermutlich nicht mehr unbedingt so machen, denn letztlich könnte man darin eine Verherrlichung des Krieges und des Kampfes sehen, denn an die Menschen, die in der Stadt Jericho ums Leben kamen, dachten wir Kinder ganz bestimmt nicht dabei, nur an die Sieger, zu denen wir ja in unserem Spiel gehörten.

Doch schildert die Geschichte von der Einnahme Jerichos überhaupt ein historisches Geschehen? Die Städte Kanaans besaßen überhaupt keine Stadtmauern, als das Volk Israel laut Bibel ins Heilige Land kam, sagt die Archäologie heute, also auch Jericho nicht. Vermutlich hat man die Geschichte auch erst zu erzählen begonnen, als die Israeliten schon lange neben anderen Völkern im Heiligen Land wohnten. Mich beruhigt diese Erkenntnis, dass das Volk Gottes gerade nicht mit brachialer Gewalt in das von den Kanaanäern schon lange zuvor besiedelte Land eingedrungen ist, sondern sich dort nach und nach friedlich angesiedelt hat, denn das wäre für mich ein Vorbild für die Gegenwart.

Natürlich gibt es in Jericho dann weiter auch noch viele Bauten und Relikte aus nachbiblischer, aus byzantinischer und islamischer Zeit, die ebenfalls eine Besichtigung lohnen. Auch zeigt sich die Stadt heute überwiegend in einem modernen Gesicht. Doch noch immer werden für den, der die Bibel kennt, ihre Geschichten lebendig, wenn man zur Stadt hinwandert, zu ihr hinfährt und sie betritt.

Wer schon einmal da war, der kann sich auch viel besser vorstellen, in welcher Umgebung Jesus gewirkt hat, worauf er in seinen Geschichten genau Bezug nimmt und warum sich manches genau so und nicht anders ereignet haben wird.

Man kann die Bibel auch lesen und das Wort Gottes recht verstehen, wenn man nicht durchs Heilige Land gereist ist und es besucht hat, doch ist es schön, wenn sich nach einer solchen Reise dann beim Lesen der Bibel und dem Hören ihrer Geschichten, Bilder von Landschaften und Erinnerungen an eigene Erlebnisse einstellen, die man mit eben diesen biblischen Geschichten verbindet.

Pfarrer Armin Kopper


Foto: D. Binderberger