Andacht für den 28.5.

Liebe Gemeinde,

Wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend.“  Psalm 25,16

So lautet die Losung für den heutigen Donnerstag. Ein Mensch betet zu Gott. Er möchte Gottes Zuwendung und er bittet um seine Gnade. Dem Menschen, der im 25. Psalm Gott anruft, dem geht es nicht gut, er fühlt sich einsam, elend und schwach. Was erwartet er sich wohl von seinem Gott? Zweisamkeit? Gemeinschaft? Das Durchbrechen seiner Einsamkeit?

Hinzu kommt, dass sich unser Beter auch noch selbst die Schuld für sein eigenes Elend gibt. Warum sonst sollte er Gott um Gnade bitten?

Ja, so war das damals in den frühen Zeiten des Alten Testamentes. Der, dem es schlecht ging, der musste etwas falsch gemacht haben, sich gegenüber Gott versündigt haben, so dachte man. Dem entsprechend wurde denn auch jede Krankheit, die einen Menschen befiel und jedes Unglück, das ihn traf, stets als göttliches Strafgericht über ihn gedeutet. Die Gesellschaft ächtete ihn, isolierte ihn, verbannte ihn in die Einsamkeit.

Noch schlimmer lief es, wenn die Krankheit ein Kind befiel oder es behindert zu Welt kam, dann suchten die Menschen die Ursache dafür nämlich bei den Eltern, in ihrem Fehlverhalten gegenüber Gott. So stirbt David und Batsebas erstgeborenes Kind, weil sein Vater gegen Gott gesündigt hat (2. Sam. 12). Selbst noch zu Jesu Zeiten dachte die Mehrheit der Menschen so, wie Beispiele aus dem Neuen Testament belegen.

Könnte gut sein, dass der Mensch, der im auf die Tageslosung folgenden Lehrtext zu Jesus spricht, ein solches Kind war, das man wegen der Schuld der Eltern einst am Teich Bethesda ausgesetzt hatte, mit dem weder die eigene Familie, noch die Gesellschaft etwas zu tun haben wollte, denn welche die Krankheit war, an der dieser Mensch litt, erfahren wir nicht, und je öfter ich die Geschichte lese, umso mehr kommen mir Zweifel, ob es sich überhaupt um ein körperliches Gebrechen handelt, das diesen Menschen an jenen Ort fesselte.

7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.

Ähnlich dem Psalmbeter beklagt auch hier der Elende seine Einsamkeit, seine soziale Isolation. Er hat keinen Menschen, so sagt er, und deshalb bittet er Jesus um Hilfe. Das griechische Wort, das im Deutschen in der Lutherbibel mit „der Kranke“ übersetzt wird, hat im griechischen Original eine wesentlich breitere Bedeutungsspanne. Es bezeichnet dort nicht unbedingt einen Menschen, der an einer spezifischen Krankheit leidet, das ist viel zu kurz gedacht, vielmehr bezeichnet es einen, der sich schwach fühlt und dem die Kräfte fehlen. Seine „Schwäche“ könnte dabei statt einer körperlichen, durchaus auch psychische Ursachen haben. Man könnte das griechische Hauptwort nämlich auch mit „Antriebslosigkeit“ oder „Resignation“ übersetzen, denn immerhin kann der „Kranke“ in unserer Geschichte sich ja durchaus noch dorthin bewegen, wohin er gerne möchte, aber halt nicht schnell genug. Ihm fehlt halt zu Veränderung der entscheidende Impuls! Und das, wie wir gleich noch sehen werden, seit 38 Jahren. Dann aber begegnet ihm Jesus und der spricht zu ihm:

8 …Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!

  Natürlich möchte man jetzt wissen, wie es weitergeht, doch der Lehrtext endet hier. Auch staunt man über das imperative Herrenwort, denn statt tröstlicher Worte, erteilt Jesus dem „Kranken“ einen Befehl. Wieso tut Jesus das? Offensichtlich traut Jesus dem „Kranken“ mehr zu, als der sich selbst. Jesus sieht sofort, dass dieser „Kranke“ durchaus in der Lage ist, sein Schicksal zu ändern und seine Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Es steckt eine Kraft in diesem „Kranken“, die er selbst seit 38 Jahren nicht in sich zu sehen vermag. Jesus aber erkennt sie, er ist ein guter Diagnostiker, und so fordert er den Mann auf, sein Leben auf eigene Füße zu stellen, aufzustehen und sich auf den Weg zu machen. Aber wird er das auch tun? Schauen Sie, wie es weitergeht und in welchen Kontext unsere Verse aus dem Losungsbüchlein eingebettet sind (Johannes 5, 2-9):

2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen;

3 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte. Sie warteten darauf, dass sich das Wasser bewegte. Denn der Engel des Herrn fuhr von Zeit zu Zeit herab in den Teich und bewegte das Wasser.

4 Wer nun zuerst hineinstieg, nachdem sich das Wasser bewegt hatte, der wurde gesund, an welcher Krankheit er auch litt.

5 Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank.

6 Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?

7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.

8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!

9 Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

Erstaunlich wie die Gesundung unseres Menschen hier abläuft und wie schnell! Während der seit 38 Jahren auf diesen Teich starrt und darauf wartet, dass sich das Wasser bewegt, was in einer geschlossene Halle, wie dem Teich Bethesda, garantiert nicht sehr häufig vorkam, lenkt Jesus seinen Blick jetzt hin, auf sich selbst. Und mit einem Mal erkennt der Mann die Kraft, die nach 38 Jahren tatenlosem Herumliegen noch immer in ihm steckt und er steht auf und geht. Seine achtunddreißigjährige Gefangenschaft in dieser Halle ist mit einem Schlag zu Ende und es beginnt für ihn etwas ganz Neues.

Pfarrer Armin Kopper


Foto: D. Binderberger

Andacht für den 26.5.

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Losung vom Bremer Kirchentag im Jahr 2009 hieß: Mensch, wo bist du? Diese Frage wurde uns in ganz verschiedenen Gottesdiensten und Veranstaltungen gestellt. Wir kennen die Frage aus der Urgeschichte, als Gott im Anschluss an den Sündenfall nach Adam ruft.

Mensch, wo bist du?

Ich kann mir gut vorstellen, wie jemand diesen Satz in sein Handy spricht. Ungeduldig steht er am vereinbarten Treffpunkt, doch der Freund ist nicht da. Minute um Minute ist vergangen. Jetzt greift er zum Telefon und ruft an: Mensch, wo bist du?

Bei der Kirchentagslosung ist es Gott, der den Menschen so anruft.

Auf dem Plakat des Kirchentages wird das in fast naiver Weise zum Ausdruck gebracht: Eine Sprechblase aus dem Himmel ist zu sehen. Darauf ist zu lesen: Mensch, wo bist du? Allerdings ist auf dem Bild kein Mensch zu sehen.

Darin kommt zweierlei zum Ausdruck: Zum einen: Wer so angesprochen ist, der ist gerade nicht da. Er stellt sich nicht der Verantwortung. Er entzieht sich. Er versteckt sich. Zum anderen: Es ist nicht ein bestimmter Mensch, der so angesprochen ist. Jeder und jede ist damit gemeint. Auch Du, Sie und ich …

Wo und wann sagt Gott zu einem Menschen: Mensch, wo bist du?

Denken wir an die Geschichte von Jona. Im Advent 2019 haben die Forsbacher Konfis im Jugendgottesdienst die Geschichte als Theaterstück nachgespielt.

Jona war von Gott in die Stadt Ninive geschickt worden, um die Menschen zur Umkehr zu bewegen. Aber Jona wollte kein Prophet sein: Statt sich auf den Weg zu machen, lief er davon. Er flüchtete mit einem Schiff, um seinem Auftrag zu entkommen. Doch dann kam ein Sturm, und Jona wurde von einem Wal verschluckt, der ihn nach drei Tagen vor Ninive wieder ausspuckte. Jona bekam eine zweite Chance, Gottes Auftrag zu erfüllen.

So, wie Jona in der biblischen Geschichte, so verstecken sich auch heute viele Menschen vor Aufgaben, die ihnen Angst machen.

Viele können das gut verstehen. Ich kenne das auch. Wenn Neues auf uns zukommt, wenn wir uns unsicher fühlen. Dann möchte man am liebsten weglaufen, wie Jona. Einfach nur weg …

Das Verrückte ist nur, dass so eine Flucht uns auch an bedrohliche Orte führen kann: So gefährlich wie das stürmische, gefährliche Meer bei Jona. Oder in eine Höhle, dunkel und bedrohlich. Da findet man nicht mehr raus. Außer man bekommt Hilfe von außen.

Aus der Jona-Geschichte lerne ich: Gott gibt auch denen, die vor großer Verantwortung davonlaufen, und auch denen, die sich vor einer Aufgabe drücken, eine zweite Chance.

Vielleicht fragt Gott uns heute: Willst Du wie die Stadt Ninive untergehen mit all dem Müll, den Du verursachst? Oder willst Du mithelfen, diese schöne Erde zu retten? Willst Du in Gottes Rettungsteam mitarbeiten?

Mensch, wo bist du?

Das können wir übertragen auf unser Zusammenleben in unserem Lebensumfeld … in Familie und Freundeskreis, im Beruf, im Wohnort oder auch in der Gemeinde,

Gott ruft uns heraus, dass wir auch schwierige Aufgaben anpacken. Gott will eine Antwort. Er stellt uns in die Verantwortung für andere, jeden und jede von uns!

Er will, dass wir Seine Liebe weitergeben, in Wort und Tat. Gott will, dass wir mutig sind, und Seinen Auftrag erfüllen. Es kann sein, dass wir wie Jona andere zur Umkehr aufrufen sollen, damit sich etwas zum Besseren ändert … Aber das kann auch ganz anders sein …

Oft stellt uns Gott auf einen schwierigen Weg. Dann geht es uns wie dem Jona.

Ninive kann anderswo sein, doch vielleicht auch ähnlich unbequem und anstrengend. Und: man macht sich nicht immer Freunde … Doch zum Glück hängt nicht alles an mir.

Von Jona lernen wir: Wir sind nicht allein unterwegs. Gott geht meinen und Ihren Weg mit. Er lässt sich vieles einfallen. Er benutzt sogar einen Sturm und einen Walfisch, um in meine Nähe zu kommen.

Mensch, wo bist du?

Gott ruft uns heraus, und er fordert uns heraus. In Jesus Christus ist er selbst Mensch geworden, um das Verlorene zu suchen. Er sucht uns in unserem Versteck. Er sucht den Jona auf dem Schiff und im Bauch des Wales. Er sucht uns und richtet uns auf. Er stellt uns neu auf den Weg.

Gott will, dass wir aufrecht gehen können. Er will uns als Menschen, die ihre Verantwortung erkennen und wahrnehmen: Unsere Verantwortung vor Gott … Unsere Verantwortung für die Menschen in unserer Nähe … Unsere Verantwortung für Seine Schöpfung, also unsere Verantwortung für diese Welt.

Gott ruft uns an und fragt: Mensch, wo bist du? Da schwingt die Zusage mit, dass Gott uns dabeihaben will und mit uns sein wird, sowie der Anspruch, dass wir ihm vertrauen können.

Mensch, wo bist du?

Gerade diese schwierigen Zeiten zeigen uns, dass es viele Menschen gibt, die antworten: Hier bin ich, Gott. Schick mich dorthin, wo ich gebraucht werde. Es sind Menschen, ohne deren Dienst wir in der Pandemie-Krise nicht zurechtkommen würden. Immer wieder danke!

Eine Fernsehsendung geht mir nicht aus dem Kopf. Da wurde gezeigt, dass wir oft die Menschen vergessen, die ihre Angehörigen pflegen. Diesen 24-Stunden-Dienst kann man nur mit viel Liebe und Verantwortungsgefühl schaffen. Ich habe Hochachtung vor jedem, der zu Hause die dementiell veränderte Mutter, den Großvater nach einem Schlaganfall, die mehrfach behinderte Tochter betreut … Die Beispiele in der Dokumentation zeigten, dass man auf vieles verzichten muss, und man sich nicht leisten kann, selbst krank zu werden.

Diejenigen, die für andere da sind, haben auf die Frage geantwortet: Hier bin ich.

Der Monatsspruch für den Mai aus dem 1. Petrusbrief spricht von solcher Verantwortung: Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat.  (1. Petrus 4, Vers 10)

Mensch, wo bist du?

Gott helfe uns, dass auch wir antworten: Hier bin ich, Gott. Schick mich dahin, wo Du mich brauchen kannst.

Dazu wünscht Gottes Segen

Deine / Ihre / Eure Pfarrerin Erika Juckel


Foto: D. Binderberger

Andacht für den 23.5.

„Wo der Geist Gottes wirkt, da ist Freiheit“ [2.Korinterbrief 3,17]

 

Liebe Leserinnen und Leser,

Vor einiger Zeit hörte ich von jemanden, wie man wohl in Afrika kleine Affen fängt:

Es gibt eine sehr einfache, aber wirkungsvolle Methode. Manche Afrikaner stellen am Waldrand Tonkrüge mit einem sehr engen Einfüllloch auf, füllen Mandelkerne hinein und entfernen sich. Nun wittern die Affen ihre Lieblingsspeise, kommen heran und greifen gierig in den Krug hinein. Das Einfüllloch ist gerade groß genug, dass die Pfote der Affen hindurchpasst. Die Affen nehmen die Pfote voller Mandeln und bekommen die gefüllte Pfote nun nicht mehr aus dem Krug heraus. Sie bräuchten die Mandeln eigentlich nur loszulassen, um ihre Freiheit wieder zu erlangen. Aber sie essen die süßen Mandeln nun mal „für ihr Leben gern“. Darum warten sie mit der gefüllten Pfote, bis die Fallensteller kommen und die Affen gefangen nehmen.

Ich finde, dass uns Menschen oft ähnliches passiert. Ist es nicht so: Wir sind in gewisse Dinge so vernarrt, dass wir sie „für unser Leben gern“ festhalten. Und diese Dinge halten uns dann gefangen. Wie oft halten wir uns nicht an materiellen Dingen fest, die gar keinen Halt geben? Wie oft versuchen wir nicht irgendwelchen Menschen zu gefallen und verbiegen uns total?

Dabei bräuchten wir nur manche Dinge einfach loszulassen und würden unsere Freiheit und das Leben gewinnen.

Paulus schreibt in einen Brief folgende Erkenntnis: „Wo der Geist Gottes wirkt, da ist Freiheit

Paulus will uns damit sagen, dass diejenigen, die sich an Gott orientieren, die von seinem Geist durchdrungen sind, Freiheit erfahren und erleben.

Freiheit bedeutet dann, frei zu sein von den Zwängen des Zeitgeistes der sagt: „Hast du was, dann bist du was“. Und Freiheit bedeutet auch nicht allem nachjagen zu müssen, mit der Sorge, etwas im Leben zu verpassen. Gottes Geist sagt uns: „Du bist als ein geliebtes Kind Gottes schon etwas ganz besonderes“.  Wer dessen gewiss ist, der „steht über so manchen Dingen“ und weiß, wie Gottes guter Geist Freiheit bewirkt.

Sind wir klüger und weitsichtiger als die kleinen Affen in Afrika?

Ich wünsche uns in diesem Sinne Gottes Begeisterung und viel Erfolg beim „loslassen“.

Pfarrer Thomas Rusch

 


Foto: D. Binderberger