Andacht für den 20.6.

 

„Blickführung“

„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück,
der ist nicht geschickt für das Reich Gottes“ (Lukas 9,62)

 

Liebe Leserinnen und Leser,

als ich erst spät, mit knapp 30 Jahren mir den Wunsch erfüllte, einen Motorradführerschein zu machen, war dies kein einfaches Unterfangen. Ich merkte schnell, wie schwer mir das Lernen für die „Theorie“ fiel und als ich dann bei der praktischen Ausbildung das erste Mal auf der Sitzbank eines Motorrades saß, da war dies auch „sehr gewöhnungsdürftig“.

Mehrere Lernsätze, versuchte mein Fahrlehrer allen Fahrschülern einzuprägen – vielleicht haben sie diese ja auch so gelernt:

„Du musst vorausschauend fahren“ … die Verkehrssituation vor dir beobachten und mit „Eventualitäten“ rechnen.

„Du musst weit nach vorne schauen“ … und nicht die Stelle vor der Motorhaube oder dem Vorderrad des Motorrades im Blick haben.

Und den Motorradauszubildenden „predigte“ er immer wieder: „Wo du hinschaust, da fährst du auch hin“.

Ja, die Blickführung ist beim Motorradfahren sehr, sehr wichtig. Wenn man auf eine Kurve zufährt, darf man den Blick nicht geradeaus oder vor dem Vorderrad haben, sondern muss den „Kurvenausgang“ im Blick haben. Fahranfänger machen dies oft falsch und haben ihren Blick eben vor dem Vorderrad. Und es ist beim Fahren oft auch eine das „Überwindung“ den Blick richtig zu führen, weil man zum Beispiel in einer „Haarnadelkurve“ den Kopf weit verdreht und eben nicht mehr sieht, was unmittelbar vor einem ist.

Den Blick auf das Ziel richten – auf das Ziel das ich erreichen will. Das ist nicht nur beim Motorradfahren, sondern auch im Leben entscheidend.

Dies hatte Jesus sicherlich auch gemeint, als er von einigen Menschen angesprochen wird, die ihm „nachfolgen“, in seine Fußspuren treten wollen. Lukas 9,57-62

Ein Kernsatz Jesu in dieser biblischen Geschichte ist:

Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich GottesLukas 9,62

Wenn ein Landwirt einen Pflug (gemeint ist hier der Pflug, der von einem Zugtier gezogen wird) führt und dann nicht nach vorne schaut, eine „Linie“ zieht, auf ein an versiertes Ziel zusteuert und evtl. leicht die Richtung korrigiert um eine gerade Pfluglinie zu ziehen, dann wird er seine Ackerfläche nicht ordentlich ausnutzen. Wenn er nach hinten schaut wird er den Pflug nicht gerade führen können und in „Schlangenlinien“ die Saat setzen. Die Folge sind geringe Erträge/Früchte.

Diese Bild vom Pflug ist ein Vergleich für das Leben mit der Frage: Wie versierst du deinen Lebensweg bzw. dein Lebensziel an? Schaust du nach vorne, lebst in der Gegenwart und hat die Zukunft, da wo du hinwillst, im Blick oder schaust du nach hinten, in die Vergangenheit? Nach hinten schauen, vielleicht die Vergangenheit verklären: „Früher war alles besser …“ Ich habe das aus Gesprächen mit manch einem von meinen Gemeindegliedern im Ohr … Da ist das alte Problem von Tradition und Neuerungen.

„Früher war alles besser“. Ich erlebe mich selber, wie mir dieser Satz öfters in den Sinn kommt. Unsere Welt ist so schnelllebig geworden. Dinge verändern sich und es ist schwer manchmal Schritt zu halten. Zum Beispiel mein Handy zu bedienen -ich bin froh, wenn ich damit telefonieren kann! Meine Kinder müssen mir mit manchem, was ich an Funktionen nicht verstehe, schon heute helfen … Und so kommt man leicht in die Situation die alte Zeit zu „verklären“, „schön zu rede“ und die Gegenwart zu kritisieren. Doch zu leben bedeutet nach vorne zu schauen, den „Pflug“ in die Hand zu nehmen und zu „säen“ um dann gute Früchte zu erzielen …

Die Vergangenheitsschauer helfen nicht

Eine wunderbare Geschichte zum Schmunzeln dazu:

Zwei Mönche waren abends auf dem Heimweg ins Kloster. An diesem Tag hatten sie viel erlebt und waren nun froh auf dem Nachhauseweg zu sein. Auf ihrem Weg zum Kloster hatten sie einen Fluss zu queren. Als sie an der Furt ankommen waren, trafen sie dort eine wunderhübsche junge Frau die sichtlich verzweifelt war. Sie suchte einen Weg wie sie trockenen Fußes und ohne Gefahr auf die andere Seite gelangen könnte.

Ohne lange zu überlegen nahm der eine Mönch sie auf seine Arme und trug sie über eine Furt. An der anderen Seite setzte er sie ab und ging weiter. Der andere Mönch folgte – doch das Handeln seines Ordensbruders gab ihm zu denken. Lange grübelte er und dachte über das Verhalten seines Gefährten nach. Schließlich wandte er sich an ihn und sagte: „Du weißt doch, dass die Mönchregeln uns streng verbieten, auch nur in der Nähe einer Frau zu verweilen, ganz besonders, wenn sie so hübsch und jung ist. Wie konntest du dieses Mädchen nur so einfach auf die Arme nehmen?“

Der Ordensbruder drehte sich erstaunt um und sagte: „Trägst du sie denn immer noch? Ich habe sie am Fluss zurückgelassen.“

Haben wir den Blick nach vorne? Oder was tragen wir alles aus der Vergangenheit mit uns herum?

Ich wünsche uns, dass wir neu den Blick nach „vorne“ bekommen, den Blick auf den der uns zusagt: „Kommt her zu mir alle die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch neue Kraft geben, euch aufbauen, euch erquicken“ (frei nach Matthäus 11,28)

Ich wünsche uns, dass wir so unsere Lasten (und seien sie auch noch so „wunderhübsch“ 😉) abgeben und zurücklassen.

Ich wünsche uns, dass wir die „Blickführung“ neu lernen und so für Gottes gutes Reich geeignet sind.

Pfarrer Thomas Rusch


Foto: D. Binderberger

20.6. – Weltflüchtlingstag

Hinschauen, die Stimme erheben und das tun, was möglich ist.

Video-Appell von Präses Rekowski zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni
„Flüchtlinge gehören zu Gottes großer Menschheitsfamilie und sie brauchen unsere Hilfe, unsere Unterstützung. Also: Genau hinschauen, die Stimme erheben und das tun, was möglich ist.“ So appelliert Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, am Weltflüchtlingstag 2020 in einer Videobotschaft. Für die Kirche heiße das ganz praktisch: „Wir unterstützen die Seenotrettung im Mittelmeer, damit Menschen auf der Flucht nicht ertrinken. Wir unterstützen die griechischen Kirchen bei ihrer humanitären Arbeit in den Flüchtlingslagern. Und auch in Deutschland sind wir in der Flüchtlingsarbeit aktiv, betreuen und unterstützen Flüchtlinge, die hier bei uns leben.“

Militärische und politische Konflikte treiben Menschen in die Flucht
Rekowski, der auch Vorsitzender der Kammer für Migration und Integration der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist, betont die Bedeutung des 20. Juni als Gedenktag: Weltweit seien mehr als 70 Millionen Menschen auf der Flucht, in jeder Minute flüchteten 25 Menschen – zumeist aus Syrien, Afghanistan, Somalia, Myanmar und dem Südsudan. 84 Prozent der Flüchtlinge lebten in Entwicklungsländern, und jeder zweite Flüchtling sei jünger als 18 Jahre. Vor allem ungelöste militärische und politische Konflikte seien es, die Menschen in die Flucht trieben. Da sei die Völkergemeinschaft der Vereinten Nationen gefragt: „Politische Lösungen müssen her“, fordert Rekowski.

Menschen brauchen eine Lebensperspektive, die ihnen Zukunft eröffnet
Das Weltproblem Flucht ist kein fernes, erinnert der höchste Repräsentant der rheinischen Kirche: „Wir sehen die Bilder an den EU-Außengrenzen, wo Menschen verzweifelt versuchen, einen Weg zu finden zu einer Lebensperspektive, die ihnen Zukunft eröffnet.“ Und auch in unserem Land lebten Menschen in sogenannten Anker-Zentren: „Da herrscht große Perspektivlosigkeit und Hoffnungslosigkeit.“


PRESSEMITTEILUNG Nr. 90/2020 v. 19. Juni 2019

Andacht für den 18.6.

„Noah tat alles, was Gott ihm gebot.“  (1. Mose 6,22)

Liebe Gemeinde,

So die Losung für heute, Donnerstag, den 18. Juni. „Noah tat alles, was Gott ihm gebot.“ Mit dieser Aussage schließt der Abschnitt, in welchem zuvor Gott dem Noah genauestens erklärt hat, wie er die Leben rettende Arche zu bauen habe und wen er mit hineinnehmen soll, bevor die große, alles Leben vernichtende Flut beginnt.

Die Geschichte Noahs zählt sicherlich zu den bekanntesten der Bibel und gerade im Moment, seit Beginn der Corona-Pandemie, sieht man in vielen Fenstern das für diese Geschichte an ihrem Ende so wichtige Zeichen des Regenbogens, dazu den Schriftzug „Alles wird gut“.

Fröhlich freundlich Bilder sind es, die wir in der Regel mit der Geschichte von Noah und der Arche verbinden: das Schiff, die Tiere, den Regenbogen. Noah und seine Familie werden ja auch gerettet, dazu von jeder Tierart ein Paar. Das ist in der Tat ein Grund zu Freude, denn – so sagt die Bibel – ohne diese Stammfamilie gäbe es uns alle nicht.

Mit Noah und seiner Familie, der Ehefrau, den drei Söhnen, Sem, Ham und Jafet, sowie den drei ebenso wie die Ehefrau namenlos bleibenden Schwiegertöchtern, befinden auch wir uns auf der Seite der Geretteten, für die das Symbol und die Verheißung des Regenbogens gelten. Zusammen mit diesen acht Menschen gehören wir zu jenen Auserwählten, mit denen Gott in der Bibel einen ersten Bund schließt, einen Bund mit der gesamten Menschheit auf alle Zeiten.

Die Geschichte von Noah, der Arche und der Sintflut ist eine sehr alte Geschichte, die sich ähnlich auch in der Erzähltradition anderer Orientalischer Völker findet. In ihren Ursprüngen könnte sie zurückgehen auf das Erleben einer verheerenden Flutkatstrophe am Ende der letzten Eiszeit, möglicherweise auch im Zusammenhang mit der Entstehung des Schwarzen Meeres stehen.

Aber warum wurde unsere Geschichte einst weitererzählt? Warum in der Bibel festgehalten? Worauf liegt ihr Focus? Das massenhafte Sterben von Menschen und Tieren kann es doch wohl nicht sein! Und was mir weiter so gar nicht daran gefällt ist die göttliche Aussage am Ende: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ Sind wir Menschen wirklich so böse von Jugend an? Ich tue mich schwer damit, das gelten zu lassen.

Immerhin gibt es in der Geschichte zumindest den einen Mann, der nicht böse ist und von dem es heißt: „Noah tat alles, was Gott ihm gebot.“ Durch seinen Gehorsam gegenüber Gott hat Noah uns allen das Leben gerettet, denn ohne Noah gäbe es keine und keinen von uns. Ohne Noah – so die Bibel – wäre die gesamte Menschheit in den Wassern der Sintflut ertrunken.

Das erinnert an Jesus Christus, dessen Gehorsam der Apostel Paulus im Philipperbrief besonders herausstellt, wenn er formuliert: „Und ward gehorsam bis zum Tode.“ (Philipper 2,8) Der Gehorsam Noahs und der von Jesus Christus, das Wasser der Sintflut und das der Taufe, das alles steht in einem engen Zusammenhang, ist Teil unseres christlichen Glaubens.

Auf diesem Hintergrund ist unsere Geschichte von Noah und der Arche letztlich doch eine Leben bejahende und eine Zukunft verheißende Geschichte, die das positive Miteinander von Gott und Menschen in Aussicht stellt, denn der zornige Gott, der zunächst fast alles, was er erschaffen hat, wieder vernichtet, wandelt sich im Laufe der Erzählung und besinnt sich eines Besseren, er übt fortan Nachsicht gegenüber seinen Geschöpfen, wenn die mal was verkehrt machen und schafft damit die Voraussetzung für ihr dauerhaftes Überleben. Amen.

 

Pfarrer Armin Kopper


Foto: D. Binderberger

Andacht für den 16.6.

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Andacht von Pfarrer Kopper zum katholischen Fronleichnamsfeiertag am letzten Donnerstag hat mich dazu gebracht, noch mal nachzulesen, was ich im letzten Jahr bei der Prozession durch Forsbach als Grußwort gesagt habe.

Die Station, bei der mich unsere katholischen Geschwister eingeplant hatten, war das Friedensdenkmal hier gegenüber der Christuskirche im kleinen Forsbacher Park.

Dieser Ort gab das Thema vor, so dass es eine Friedensandacht wurde. In diesen Zeiten, in denen sich – verständlicherweise – vieles fast nur um die Pandemiekrise dreht, dürfen wir das Thema „Frieden“ nicht vergessen und an die Menschen denken, die in früheren Zeiten, sowie in der Gegenwart darunter leiden, dass Krieg und Gewalt ihr Leben bestimm(t)en.

Gedanken vom Friedensgebet im letzten Jahr möchte ich jetzt hier mit Ihnen und Euch, liebe Leserinnen und liebe Leser, teilen.

Auf dem Forsbacher Denkmal lesen wir die Inschrift: Die Toten mahnen zum Frieden, und daruntergesetzt sind die Jahreszahlen der beiden Weltkriege: 1914 – 1918 und 1939 – 1945.

Ziemlich zu Anfang meiner Zeit hier in Forsbach hat mir der frühere Bürgermeister Dieter Happ erklärt, was es mit dem Denkmal auf sich hat: In der Mitte des Mahnmals sei eine Bierflasche eingemauert, in der sich eine Liste mit den Namen der Forsbacher Kriegsopfer befindet. Daher handelt es sich hier nicht um ein Kriegerdenkmal für deutsche Soldaten, sondern darum, dass wir um alle trauern, die in den Weltkriegen ums Leben gekommen sind. Sie alle mahnen zum Frieden …

Jesus Christus sagt: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Matthäus 5, Vers 9) Mit Jesus kam neue Hoffnung auf Frieden in die Welt.

Als wir im Bibelkreis Jesu Bergpredigt (Matthäus 5 bis 7) gelesen haben, stießen wir auf das schwierige Wort von der Feindesliebe. Das machte uns zu schaffen. Aber das hat Jesus uns vorgelebt. Auch die anderen großen Worte: „Gewaltlosigkeit“, „Feindesliebe“, „Versöhnung“…

Das sind großartige Ziele und ehrenwerte Prinzipien. Wohl jeder weiß, wie schwer es ist, sich nur in der eigenen kleinen Welt daran zu halten … Wir scheitern immer wieder daran…

Wie soll es dann zwischen den Staaten funktionieren? Ich denke auch an Israel-Palästina. Was ist, wenn beide Seiten so verbohrt auf der Richtigkeit ihrer Haltung pochen?

Bei unserer Israelreise vor einigen Jahren waren wir im „Tent of Nations“ (Zelt der Nationen). Eine palästinensische Familie ließ sich nicht von ihrem Grund und Boden vertreiben, obwohl sich im Umfeld viele Palästinenser von der aggressiven israelischen Siedlungspolitik ent-eignen ließen. Diese eine Familie blieb auf der Olivenplantage wohnen und lud Menschen ein, mit ihnen im Gespräch zu sein. Auch junge Menschen von überall auf der Welt reisten dorthin, um bei der Ernte zu helfen und Frieden zu lernen. Denn dort ließ man sich nicht beirren – auch nicht durch Bulldozer, die die Zäune einreißen wollten – die Familie leistete passiven Widerstand und blieb. (Auf dem letzten Kirchentag in Dortmund habe ich den Familienvater auf einer Veranstaltung zum Friedensthema getroffen.)

Trotz der für die Familie bedrohliche Situation war am Eingang des Grundstücks auf einen Stein in englischer Sprache geschrieben: „Wir weigern uns, Feinde zu sein!“

Ja, wie wird Friede?

Die Toten erinnern uns daran, dass wir alles daran setzen sollen, dass Friede wird: Im Großen, wie im Kleinen. Deshalb gilt der alte Satz: Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein.

Der Apostel Paulus schreibt an die Römer – und das gilt für alle Menschen: „So viel an euch liegt, habt mit allen Menschen Frieden.“

Gott will, dass wir Menschen in Frieden miteinander leben. Doch in unserer Welt gibt es so viel Unrecht, Terror, Krieg und Not. Immer wieder sind Menschen dafür verantwortlich, immer wieder machen sich Menschen schuldig, indem sie auf Gewalt setzen.

So bitten wir Gott um Hilfe und Kraft, dass wir dort für Frieden und Gerechtigkeit eintreten, wo es uns möglich ist. Als Gebet habe ich die folgenden 12 Bitten angeschlossen:

  1. Guter Gott, wir bitten Dich um die KRAFT, mit allen gut auszukommen, auch mit denen, die es uns schwer machen.
  2. Wir bitten Dich um die SENSIBILITÄT, selber darauf zu achten, wo wir uns persönlich zu sehr aufspielen und andere Menschen einschüchtern.
  3. Wir bitten Dich um die BEREITSCHAFT, unsere Vorurteile und Feindbilder zu überprüfen und anderen zu verzeihen.
  4. Gott, wir bitten Dich, um den MUT, allen entgegenzutreten, die andere unterdrücken oder an gewaltsame Lösungen denken.
  5. Wir bitten Dich um die UNBEIRRBARKEIT, für die Opfer von Gewalt einzutreten und auch für Verfolgte und Flüchtlinge.
  6. Wir bitten Dich um die UNFÄHIGKEIT, uns an Hass und Gewalt zu gewöhnen.
  7. Gott, wir bitten Dich um die FÄHIGKEIT, die Ängste der Menschen in den Krisengebieten zu verstehen.
  8. Und bitten Dich, dass Politiker und Machthaber zur EINSICHT finden, dass Krieg nicht den Frieden sichern kann.
  9. Wir bitten Dich, Gott, um wache AUGEN, dass wir die Not der Menschen sehen, dort, wo Gewalt und Unfrieden herrscht, und auch dort, wo Krieg angedroht wird.
  10. Wir bitten Dich, um aufmerksame OHREN; dass wir die Menschen hören, die um Hilfe rufen.
  11. Wir bitten Dich, um einen MUND, der sich traut, Unrecht beim Namen zu nennen, Frieden einzufordern und für Frieden zu beten.
  12. Wir bitten Dich um HOFFNUNG, Gott: dass Konflikte gewaltlos gelöst werden, und dass Frieden wird … Amen.

So bitten auch wir Gott um Hilfe für unsere so friedlose Welt.

Ihre / Eure Erika Juckel, Pfarrerin


Foto: D. Binderberger

Andacht für den 13.6.

 

„Get ahead – mach weiter“

„Der Herr ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg“ (Psalm 119,10)

 

Liebe Leserinnen und Leser,

das Leben geht weiter, muss weitergehen …  Diese Erkenntnis habe ich derzeit oft in Telefongesprächen oder in Gesprächen auf der Straße, mit dem gebührenden Abstand, gehört. Ja, es muss weitergehen, auch wenn man noch nicht genau weiß wie … Leben bedeutet sich jeden Tag neu den Herausforderungen zu stellen …

Es ist ein Vorrecht meines Berufes, dass mich viele Menschen an Ihren Freuden, aber auch an ihrem Leiden Anteil nehmen lassen.

Vor einigen Tagen erreichte mich wieder eine Mail mit einem YouTube Link von Gemeindegliedern.

https://www.youtube.com/channel/UCkwcD6jAON32xA-XljooSMA/

Das was ich da sah und hörte, als ich den Link anklickte, begeisterte mich. Ich wusste gar nicht, dass Dörte und Johannes „Musik“ machen. Das Video, den Text und das musikalische Arrangement fand ich einfach nur „Klasse“. Doch erst später, nach einem Telefongespräch und Mailkontakt begriff ich, dass dies keine „Coverversion“ von einem bekannten Song und Künstlern war, sondern dass sich hinter „JoHighness featuring Miss Dorotty“ eben „Johannes und Dörte“ verbargen (manchmal hat man ja Tomaten auf den Augen …) und sich hier „ihr eigener“ Song verbarg – „doppelt Klasse“!

Über den Text kamen wir dann ins Gespräch – die „Sängerin“ Dörte schrieb mir:

„Lieber Thomas,
hier ist der Songtext und die deutsche Übersetzung zu unserem Lied „Get ahead“.
(wobei man sagen muss… im Englischen ist vieles einfacher auszudrücken, im Deutschen wirkt manches eher holprig…) Man kann auch viel für sich selber hineininterpretieren, …und das ist auch ein Sinn dabei.
Durch diese Krise, durch die wir gerade alle gehen müssen, kam Johannes auf dieses Lied/Thema, aber letztendlich ist es eine /seine / unsere Lebensphilosophie:

Get ahead                                   by JoHighness   featuring Miss Dorotty        April, 2020
On a walk – like from time to time – hmmm

  1. Sometimes it goes up     –     on a hump or a mountain
    ´n just like that      –      down again
    then we`re in a valley     –     trying to
    get ahead      –     hmm
  2. I love it curvy      –      and edgy too
    I love it changing      –      gladly
    at a clear point of view
    at a clear point of youRefr  I take one step     –      after another
    no sense to run –  nor     –    to go no further
    At a time I take one after one    –    after one
  3.  You can ask me
    how long is it from here
    briefly pause – pour in the moment
    and I think the end is not nearBr    Sometimes the path is changing
    Sometimes the path is changing   –  us
    Change is a part of the path
    Refr

Übersetzung: Mach weiter “    (im Sinne von komm gut durch…)

Auf einer Wanderung….wie von Zeit zu Zeit…     (Vergleich mit einem Teil des Lebensweges)
Manchmal geht es hoch auf einen kleinen Hügel oder Berg
und genauso wieder runter
dann befinden wir uns in einem Tal
und versuchen……weiter zu kommen (im Sinne von: herauskommen)

 Ich liebe es kurvig und auch eckig/kantig
ich mag den Wechsel… am liebsten… mit einer klaren Sicht     (auf die Dinge)
mit einem klaren: …“Dich“    ( ich bin mir klar über Dich/ uns )

 Ich gehe einen Schritt nach dem anderen
Sinnlos zu rennen, … genauso sinnlos nicht weiterzugehen   (eben wie auf einer Wanderung)
Jeder Schritt zu seiner Zeit….Schritt folgt auf Schritt

Du kannst mich fragen wie weit es noch ist…
halte inne, saug` den Moment auf
Das ist nicht das Ende…    (aller Zeiten / des Weges)

 Manchmal ändert sich der Weg
manchmal ändert der Weg   –   uns
Veränderung ist ein Teil des Wegs.“

Ich fragte die beiden, was das Stück mit ihnen zu tun habe:

„Wohl das was es mit den meisten Menschen zu tun hat, hoffe ich. Einen gemeinsamen Weg finden (vielleicht auch aus einer Krise…?!), Schritt für Schritt zu entscheiden, nichts zu überstürzen aber ….auch nicht stehen zu bleiben…“

Ja, das hat mit uns zu tun und natürlich tue ich noch etwas dazu – ein paar biblische Erkenntnisse und Verheißungen zum „weiter machen“:

  • Der Herr ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. (Psalm 119,105) … der Psalmbeter kannte noch keine lichtstarke Taschenlampe, sondern nur das „funzlige“ Licht einer Öllampe die auf einem dunklen Weg nur den nahen „Fußraum“ ausleuchtet. Das heißt doch, dass Gott uns genug „Licht“ für den nächsten Schritt gibt – auch wenn das Ende des Weges noch nicht erkennbar ist – Schritt für Schritt …
  • Die wunderbare Erkenntnis des Psalmbeters (Psalm 23, 4): Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück denn du (Gott) bist bei mir … Gott geht mit – er bewahrt nicht unbedingt vor dem Leid (finstere Täler) aber im Leid – er geht mit begleitet uns, tröstet uns …
  • Du (Gott) stellst meine Füße auf weiten Raum (Psalm 31,9) … und auf unseren Wegen haben wir alle Freiheit …
  • Du (Gott) läßt unsere Füße nicht gleiten Psalm 66.9 … und die Gewissheit, dass Gott uns nicht aufs „Glatteis“ führt …

In diesem Sinne: Get ahead – mach weiter!

Thomas featuring JoHighnes and Miss Dorotty

Pfarrer Thomas Rusch

Diese Andacht gibt es auch als PDF-Datei


Foto: D. Binderberger

Andacht für den 11.6.

 

Liebe Gemeinde,

40 Tage nach Ostern, immer auf einen Donnerstag, feiert die Christenheit Christi Himmelfahrt, 50 Tage nach Ostern Pfingsten. 60 Tage nach Ostern, auch immer auf einen Donnerstag, begeht die Katholische Kirche das Fronleichnamsfest. Das kann man sich gut merken. Die Feste Christi Himmelfahrt und Pfingsten sind uralt. Beide finden sich bereits in der Bibel. Das Fronleichnamsfest entstand dagegen erst wesentlich später. Zum Fronleichnamsfest gehören traditionell Prozessionen, Stationsaltäre und bunte Blumenteppiche.

Zum ersten Mal beging man das Fronleichnamsfest im 13. Jahrhundert, wo genau ist schwer zu sagen. Am Niederrhein? In Italien? Das Fronleichnamsfest betont die Realpräsenz Christi beim Abendmahl. Zahlreiche mittelalterliche Wundergeschichten ranken sich darum, wie die der Messe in Bolsena (Martin Luther ist übrigens auf seiner Pilgerfahrt nach Rom im Jahr 1510 durch diesen Ort gekommen und er hat dort vermutlich auch jene Kirche besucht, in der sich das Blutwunder einst ereignet haben soll).

Martin Luther konnte später mit diesem Fest so überhaupt nichts mehr anfangen und er äußert sich 1530 sehr ablehnend gegen dessen Ritus und die sich mit ihm verbindende Schaufrömmigkeit. So wundert es denn nicht, dass in seiner Nachfolge in ländlichen Regionen gerade an diesem Tag von protestantischen Bauern Mist auf die Felder ausgebracht wurde, um gegen diesen vermeintlich katholischsten aller Feiertage anzustänkern. Die Katholiken „rächten“ sich und taten dasselbe am Reformationstag.

Einer meiner Professoren in Mainz, er stammte aus der protestantischen Kirche der Pfalz, erzählte davon, dass seine Mutter, wenn die Fronleichnamsprozession an ihrem Haus vorbeizog, stets eine Spieluhr ins Fenster stellte, die „eine feste Burg ist unser Gott“ intonierte, um damit zu manifestieren, dass man in diesem Haus evangelisch ist und mit Fronleichnam und der Katholischen Kirche nichts zu tun haben will.

Bis ich nach Rösrath kam, habe ich selbst diesen katholischen Feiertag, Fronleichnam, eigentlich nie wirklich in seiner religiösen Dimension wahrgenommen. Er war für mich einfach ein willkommener freier Tag, dessen Inhalt mich ansonsten, weil ich evangelisch war, aber nicht weiter interessierte.

Hier in Rösrath begegnete mir dann zu ersten Mal die Tradition, dass die evangelische Pfarrerin / der evangelische Pfarrer während der Fronleichnamsprozession an einer bestimmten Stelle zusammen mit dem katholischen Kollegen ein Friedengebet sprach, später dann ein Grußwort mit Gebet an die vorüberziehende Festgemeinde richtete. Pfarrer Franz Gerards hatte – soweit ich das herausfinden konnte – vor Jahren meine Kollegin, Frau Pfarrerin Erika Juckel, zu diesem gemeinsamen Friedensgebet am Mahnmal für den Frieden in Forsbach eingeladen.

Etwas später bin ich dann in diese schöne ökumenische Tradition mit eingestiegen und habe ebenfalls immer wieder zu Fronleichnam Gebet und Grußwort zu den Prozessionsteilnehmern in den verschiedenen Rösrather Stadtteilen gesprochen. Beim anschließenden Beisammensein an der Kirche, an der die Prozession endete, war dann Zeit für Gespräche und ökumenischen Austausch.

In Rösrath gibt es zahlreiche ökumenische Projekte, die wir als katholische und evangelische Kirche unterstützen. Gemeinsam engagieren wir uns diakonisch und caritativ für die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt. Wir besuchen und begegnen uns in unseren Gottesdiensten und bei unseren Festen, laden einander ein und pflegen Freundschaften. Viele Ehen und Partnerschaften in unseren Gemeinden sind konfessionsverbindend. So tragen wir als Kirchen zu einem gelingenden Miteinander der Menschen bei.

Jesus Christus hat zu seinen Jüngern gesagt: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ Johannes 13, 34

In einem gelingenden ökumenischen Miteinander in versöhnter Verschiedenheit erfüllen wir dieses Gebot Christi. Wir folgenden damit aber auch dem Rat des Propheten Jeremia, der da schreibt: Suchet der Stadt Bestes, …und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl. Jeremia 29, 7

Ich finde es sehr schade, dass es in diesem Jahr in Rösrath keine Prozession zu Fronleichnam gibt und somit auch keine Möglichkeit, einander als evangelische und katholische Christinnen und Christen zu begegnen, sich auszutauschen und Kontakte zu pflegen.

So wünsche ich denn auf diesem Weg den katholischen Geschwistern und auch uns einen schönen und gesegneten Feiertag und ich hoffe, dass wir uns bald alle auch zu unseren Gottesdiensten und Festen im vertrauten Rahmen wiedersehen.

Pfarrer Armin Kopper


Foto: D. Binderberger

Andacht für den 9.6.

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Über dem Monat Juni steht der alttestamentliche Bibelvers: Du allein, Gott, kennst das Herz aller Menschenkinder. (1. Könige 8, Vers 39)

In der Andacht zum 2. Juni hatte ich dazu zitiert: „Dies ist mein Geheimnis: Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Diese Worte stammen aus dem wunderbaren Buch „Der kleine Prinz“ von Antoine de St.-Exupéry.

In den letzten Tagen habe ich einiges über den schriftstellernden Piloten nachgelesen und werde nach den biografischen Notizen über ihn ein nicht so bekanntes Gebet zitieren.

******************************************

Antoine de St. Exupéry war wurde am 29. Juni 1900 in Lyon geboren. (In ein paar Wochen wäre also sein 120. Geburtstag.) Er verbrachte seine Schulzeit in einem Jesuitenkolleg und in katholischen Internaten.

Er wurde Pilot und war verantwortlich für die ersten Nachtflüge in Argentinien. Seine Erlebnisse veröffentlichte er in manchen seiner Bücher. Darin geht es um Grenzerfahrungen wie Lebensgefahr und Einsamkeit. Sein Roman „Nachtflug“ wurde Anfang der 30-er Jahre verfilmt. Als er später Streckenpilot in Westafrika war, stürzte er im Jahr 1935 über der libyschen Wüste ab. Trotz der Bruchlandung blieb er unverletzt. Nach einem fünftägigen Wüstenmarsch traf er auf eine Karawane. So hat er überlebt. Sein Buch „Wind, Sand, Sterne“, in dem er seine Zeit als Wüstenpilot verarbeitete, wurde ausgezeichnet.

Die Sinnlosigkeit des 2. Weltkrieges und die furchtbaren Folgen für die Menschen beschrieb er in „Flug nach Arras“. Dieses Jahr am 8. Mai haben wir den 75. Jahrestag des Kriegsendes bedacht, doch den 8. Mai 1945 hat Antoine de St.-Exupéry nicht mehr erlebt.

Ende 1940 ging er nach Amerika ins Exil. Dort hat er im Jahr 1943 sein bekanntestes Werk, den „kleinen Prinzen“, verfasst. Der kleine Prinz reist von Planet zu Planet und begegnet auf unserer Erde dem Ich-Erzähler, einem Piloten, der in der Sahara notlanden musste.

In seinem zeitkritischen Märchen leben die Gedanken des Piloten und Schriftstellers bis in die heutige Zeit fort. „Der kleine Prinz“ wird in Schulen gelesen, in deutsch und französisch. Doch es ist mehr als ein Buch für Kinder. Es geht um Freundschaft und Mitmenschlichkeit. Einzelne Gedanken daraus werden gern bei Trauungen zitiert. So ist „der kleine Prinz“ zeitlos. Es gehört zu den meistgelesenen Büchern der Welt, wurde vertont und verfilmt. Doch am schönsten ist es, das Buch mit den wunderbaren Aquarellzeichnungen selbst zu lesen.

Antoine de St.-Exupéry gilt seit dem 31. Juli 1944 als vermisst. Man geht davon aus, dass er in der Nähe von Marseille ins Meer gestürzt ist.

******************************************

Viele wissen nicht, dass er ein religiöser Mensch war. Er war im Christentum verwurzelt. In seinen Texten spürt man, dass er ein Gottsucher war. Beim kleinen Prinzen mag die Wüste ein Ort der Selbstfindung sein. Durch die Begegnung mit dem Kleinen Prinzen lernt der Ich-Erzähler etwas über sich selbst, über Gott, über die Welt.

Tief beeindruckt hat mich ein Gebet, das Antoine de St.-Exupéry formuliert hat. Er hat es überschrieben mit „Die Kunst der kleinen Schritte“.

Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr, sondern um die Kraft für den Alltag. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.

Mach mich findig und erfinderisch, um im täglichen Vielerlei und Allerlei rechtzeitig meine Erkenntnisse und Erfahrungen zu notieren, von denen ich betroffen bin.

Mach mich griffsicher in der richtigen Zeiteinteilung. Schenke mir das Fingerspitzengefühl, um herauszufinden, was erstrangig und was zweitrangig ist.

Ich bitte um Kraft für Zucht und Maß, dass ich nicht durch das Leben rutsche, sondern den Tagesablauf vernünftig einteile, auf Lichtblicke und Höhepunkte achte, und wenigstens hin und wieder Zeit finde für einen kulturellen Genuss.

Lass mich erkennen, dass Träume nicht weiterhelfen, weder über die Vergangenheit, noch über die Zukunft. Hilf mir, das Nächste so gut wie möglich zu tun und die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen.

Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müsste im Leben alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge, Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen.

Erinnere mich daran, dass das Herz oft gegen den Verstand streikt.

Schick mir im rechten Augenblick jemanden, der Mut hat, mir die Wahrheit zu sagen. Ich möchte Dich und die anderen immer aussprechen lassen. Die Wahrheit sagt man nicht sich selbst, sie wird einem gesagt.

Ich weiß, dass sich viele Probleme dadurch lösen, dass man nichts tut. Gib, dass ich warten kann.

Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürften. Gib, dass ich diesem schönsten, schwierigsten, riskantesten und zartesten Geschenk des Lebens gewachsen bin.

Verleihe mir die nötige Phantasie, im rechten Augenblick ein Päckchen Güte, mit oder ohne Worte, an der richtigen Stelle abzugeben.

Mach aus mir einen Menschen, der einem Schiff mit Tiefgang gleicht, um auch die zu erreichen, die „unten“ sind.

Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen. Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern, was ich brauche.

Herr, lehre mich die Kunst der kleinen Schritte. Amen.

******************************************

So mit Gott zu sprechen, das tut gut, macht uns einiges bewusst und möchte Auswirkungen auf unseren Alltag haben.

Ihre / Eure Erika Juckel, Pfarrerin


Foto: D. Binderberger

Andacht für den 6.6.

 

Sich zum Esel machen?

„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer … arm
und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“
  (Sacharja 9,9)

 

Liebe Leserinnen und Leser,

immer mal wieder kommt es vor, dass man von einer Person mit einem Tier verglichen wird. Manchmal sind das lieb gemeinte Bezeichnungen („… mein Hase“), manchmal eher nicht („… du Affe“).

Viele Tiere stehen dabei für eine Eigenschaft, so auch in der Bibel.

Die Schlange steht zum Beispiel für „Listigkeit“ in der Versuchungsgeschichte (1.Mose 3).

Das Lamm steht für „Unschuld“ und wir kennen ja auch das „Unschuldslamm“ (so wird Jesus zum Beispiel von Johannes als das Lamm Gottes bezeichnet, „dass der Welt Sünde trägt“ Johannes 1,29).

Und der Esel? Der kommt in der Bibel öfters vor.

Eine Frage an Sie: Möchten Sie als Esel bezeichnet werden? Ich vermute eher nicht – vielleicht aber, wenn Sie diese Andacht zu Ende gelesen haben.

Der Esel steht heute bei uns oft für Sturheit und Dummheit. Aber wird dies diesem Tier gerecht?

Seit über 6000 Jahren, seitdem der Esel ein domestiziertes Tier ist, ist er für die Menschen von enormer Bedeutung. Wenn man heute eine Urlaubsreise in den Nahen Osten macht, begegnet man ihm noch heute im Straßenbild als „Lasttier des kleinen Mannes“.

So stehen Esel hier nicht für Dummheit und Sturheit, sondern für Demut und Lastentragen.

So auch in der Bibel, hier kommt er in wichtigen Geschichten vor. Da verheißt zum Beispiel der Prophet Sacharja: Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. (Sacharja 9,9) Etwa 500 Jahre vor Jesus Geburt bekam der Prophet Sacharja von Gott den Auftrag, seinem Volk Israel zu helfen und eine der schönsten Verheißungen ist eben die des Königs, der auf einem Esel sein Volk besucht und ihm hilft.

Und passt das nicht zum armen „Ambiente“ an Weihnachten im Stall von Bethlehem, obwohl wir im Weihnachtsevangelium eigentlich nichts von einem Esel lesen. Uns Christen reicht es, zu wissen, dass die wesentlichen Eigenschaften des Esels wohl seine besondere Nähe zu Jesus begründen konnten: Die Bescheidenheit und Demut des Esels und seine Fähigkeit, die Lasten der Menschen verlässlich zu tragen.

Im „Einzug Jesu in Jerusalem“ hat sich die alte Verheißung vom Propheten Sacharja dann erfüllt (Markus 11,1ff). Jesus ritt damals auf einem Esel und nicht auf einem „hohen Ross“ oder mit einer königlichen Kutsche, in Jerusalem ein. Sein Reittier ist dabei sein „Programm“. Er kommt auf „Augenhöhe“ zu den Menschen und wie der Esel Jesus beim Einzug trägt, wird Jesus wenige Tage nach seinem Einzug umgebracht, um unsere Lasten zu tragen. Wie ein Esel, wie ein Lasttier, trägt er unsere Schuld. Gott sei Dank!

Zwischen Jesu triumphalen Einritt in Jerusalem und seinem Tod an Karfreitag predigte Jesus den Menschen in Jerusalem von der Liebe Gottes zu den Menschen. Wenn nicht hier, wo sonst werden die Menschen ihm zuhören? Und er redet zu ihnen vom kommenden Reich Gottes, lehrt und predigt. Er wirbt täglich für Gott, wirbt und predigt und redet und fordert, erklärt und ruft und predigt über die Zeit hinweg auch zu uns.

Ich fand vor einiger Zeit, als ich eine Predigt zum Thema „Jesu Einzug in Jerusalem (auf einem Esel)“ verfasste, folgende Begebenheit:

Ein Pfarrer aus Tansania sollte zum Bischof geweiht werden. Einen Tag vor dieser Weihe sagte er in seiner Gemeinde: „Wenn mir morgen der Bischofsrock angezogen wird, denkt ihr vielleicht, dass ich aussehe wie ein König. Aber als Jesus im Triumphzug in Jerusalem einzog, legten die Menschen ihre Kleider auf den Esel. Wenn ihr nun seht, wie mir der Bischofsrock angezogen wird, so denkt daran: Unter diesem bischöflichen Rock steckt ein Esel. Betet für mich, dass ich dann meinen Herrn in die Stadt hineintrage!“

In diesem Sinne: Warum sich nicht zum Esel machen? Warum nicht das Transportmittel für die „Gute Nachricht von Jesus“ sein?  …  um Jesu Botschaft der Liebe zum Nächsten zu tragen.

Braucht die Welt nicht solche Esel, die die Liebesbotschaft von Jesus Christus in die Städte und in die Welt tragen?

Und so wünsche ich uns den Mut, uns zum Esel zu machen und die Liebesbotschaft Jesu Christi in unseren Alltag zu tragen und zu leben.

Pfarrer Thomas Rusch


Foto: D. Binderberger

Andacht für den 4.6.

Liebe Gemeinde,

im Buch, das wir für die Jugendlichen in jedem Konfirmandenjahrgang anschaffen, wird im Kapitel über die Zehn Gebote auch das Thema Rassismus und Gewalt angesprochen. Als herausragende Persönlichkeit, die sich im vergangenen Jahrhundert gegen Rassismus und Gewalt eingesetzt hat, wird ihnen dabei Martin Luther King vorgestellt. Die Jugendlichen zeigen sich dabei durch den Namen und das danebenstehende Foto eines Afroamerikaners meist etwas irritiert. Sie verbinden mit Martin Luther in erster Linie dessen Bibelübersetzung und die Reformation im 16. Jahrhundert, denn so lernen sie es im Religionsunterricht in der Schule. Wer aber Martin Luther King ist, und dass der mehr als 400 Jahre nach Martin Luther geboren wurde, das müssen sie erst noch lernen.

Aber, wieviel wissen eigentlich wir Erwachsenen von ihm? Ich verbinde mit dem Namen Martin Luther King den Friedensnobelpreis 1964, das tödliche Attentat auf ihn 1968 und den Marsch auf Washington 1963 mit seiner Rede „I have a dream“. Als Martin Luther King diese Rede hielt, war ich noch nicht geboren, doch sein Anspruch und sein Auftrag an die Menschheit, sich für Gerechtigkeit, Gewaltlosigkeit  und Frieden einzusetzen, der durchzog die nachfolgenden Jahrzehnte, in denen ich aufwuchs, zur Schule ging und studierte.

Stück für Stück schienen mir Teile dieses großen Traumes von Martin Luther King dann auch wahr zu werden, Gewalt und Rassismus von breiten Teilen der Bevölkerung immer stärker geächtet zu werden, so wie Martin Luther King es vor 57 Jahren formulierte, und es war schließlich sogar möglich, dass ein Schwarzer Präsident der USA wurde.

Doch nun scheinen wir binnen weniger Tage vor den Trümmern all dessen zu stehen, was in Jahrzehnten erreicht wurde. Rassismus und Gewalt greifen in den USA brutal um sich. Ausgangspunkt all dessen ist der Tod von George Floyd, dem ein weißer Polizist bei seiner Festnahme so lange auf dem Hals kniete, bis dieser erstickt ist. Wie es jetzt weitergeht ist unabsehbar. Die Konfrontation zwischen den Bevölkerungsgruppen scheint täglich massiver zu werden. Wo wird das noch hinführen und wie oder auch wer könnte diese fatale Entwicklung stoppen? Das vom Präsidenten ins Spiel gebrachte Militär sicher nicht. Ich hoffe und bete, dass die Mächte, die im Geiste Martin Luther Kings, des Baptistenpredigers jetzt auf die Straße gehen und sich friedlich für eine Deeskalation der Lage einsetzen, die Oberhand behalten und sich durchsetzen.

Martin Luther King wurde ca. dreißigmal wegen seines Eintretens gegen rassistische Gesetze und Vorschriften inhaftiert. Mehrmals gab es Attentate auf ihn und das Haus, in dem seine Familie wohnte. Doch niemals ließ er sich dadurch einschüchtern oder mundtot machen. Sein Glaube an Jesus Christus und seine Überzeugung, für eine gute Sache einzutreten, gaben ihm die Kraft, weiterzumachen und der Freiheit und Gleichheit aller Menschen das Wort zu reden.

Die Rede, die er 1963 in Washington hielt, umfasst mehrere Seiten. Am Anfang dieser Rede hielt er sich streng an sein Manuskript, denn die 250.000 Menschen, die gekommen waren, ihn zu hören, beeindruckten ihn. Doch gegen Ende begann er dann frei zu sprechen, so wie er es am besten konnte. Seine Zuhörer waren begeistert, denn es entwickelte sich eine Rede, die sicherlich zu den Sternstunden der Rhetorik zählt und die bis heute nichts von ihrer Intensität und Leidenschaft, nichts von ihrer zeitlosen Gültigkeit und ihrer prophetischen Zukunftsvision verloren hat, aber hören Sie selbst, was Martin Luther King am 28. August 1963 gegen Ende seiner Rede sagte:

„…Einige von euch sind aus Gegenden gekommen, in denen ihr aufgrund eures Verlangens nach Freiheit mitgenommen und erschüttert wurdet von den Stürmen der Verfolgung und polizeilicher Brutalität. Ihr seid die Veteranen schöpferischen Leidens. Macht weiter und vertraut darauf, dass unverdientes Leiden erlösende Qualität hat. Geht zurück nach Mississippi, geht zurück nach Georgia, geht zurück nach Louisiana, geht zurück in die Slums und Ghettos der Großstädte im Norden in dem Wissen, dass die jetzige Situation geändert werden kann und wird. Lasst uns nicht Gefallen finden am Tal der Verzweiflung. Heute sage ich euch, meine Freunde, trotz der Schwierigkeiten von heute und morgen habe ich einen Traum. Es ist ein Traum, der tief verwurzelt ist im amerikanischen Traum. Ich habe einen Traum, dass eines Tages diese Nation sich erheben wird und der wahren Bedeutung ihres Credos gemäß leben wird: „Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich: dass alle Menschen gleich erschaffen sind.“

Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.

Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und Unterdrückung verschmachtet, in eine Oase der Gerechtigkeit verwandelt.

 Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird.

 Ich habe einen Traum heute…

Ich habe einen Traum, dass eines Tages in Alabama mit seinen bösartigen Rassisten, mit seinem Gouverneur, von dessen Lippen Worte wie „Intervention“ und „Annullierung der Rassenintegration“ triefen …, dass eines Tages genau dort in Alabama kleine schwarze Jungen und Mädchen die Hände schütteln mit kleinen weißen Jungen und Mädchen als Brüdern und Schwestern.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt wird. Die rauhen Orte werden geglättet und die unebenen Orte begradigt werden. Und die Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen. Das ist unsere Hoffnung. Mit diesem Glauben kehre ich in den Süden zurück.

 Mit diesem Glauben werde ich fähig sein, aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung zu hauen. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, die schrillen Missklänge in unserer Nation in eine wunderbare Symphonie der Brüderlichkeit zu verwandeln. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, zusammen zu arbeiten, zusammen zu beten, zusammen zu kämpfen, zusammen ins Gefängnis zu gehen, zusammen für die Freiheit aufzustehen, in dem Wissen, dass wir eines Tages frei sein werden.

 Das wird der Tag sein, an dem alle Kinder Gottes diesem Lied eine neue Bedeutung geben können: „Mein Land von dir, du Land der Freiheit singe ich. Land, wo meine Väter starben, Stolz der Pilger, von allen Bergen lasst die Freiheit erschallen.“

 Soll Amerika eine große Nation werden, dann muss dies wahr werden. So lasst die Freiheit erschallen von den gewaltigen Gipfeln New Hampshires. Lasst die Freiheit erschallen von den mächtigen Bergen New Yorks, lasst die Freiheit erschallen von den hohen Alleghenies in Pennsylvania. Lasst die Freiheit erschallen von den schneebedeckten Rocky Mountains in Colorado. Lasst die Freiheit erschallen von den geschwungenen Hängen Kaliforniens. Aber nicht nur das, lasst die Freiheit erschallen von Georgias Stone Montain. Lasst die Freiheit erschallen von Tennesees Lookout Mountain. Lasst die Freiheit erschallen von jedem Hügel und Maulwurfshügel in Mississippi, von jeder Erhebung lasst die Freiheit erschallen. Wenn wir die Freiheit erschallen lassen — wenn wir sie erschallen lassen von jeder Stadt und jedem Weiler, von jedem Staat und jeder Großstadt, dann werden wir den Tag beschleunigen können, an dem alle Kinder Gottes — schwarze und weiße Menschen, Juden und Heiden, Protestanten und Katholiken — sich die Hände reichen und die Worte des alten Negro Spiritual singen können:

 „Endlich frei! Endlich frei! Großer allmächtiger Gott, wir sind endlich frei!““

Pfarrer Armin Kopper


Foto: D. Binderberger

Andacht für den 2.6.

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Wir haben den Geburtstag der Kirche gefeiert und uns daran erinnert, wie die Jünger vom Heiligen Geist erfüllt wurden: Die Apostelgeschichte erzählt von zwei Naturereignissen: Ein brausender Wind trieb die Jünger aus ihrer Verzweiflung und aus dem Haus heraus. Ja, sie waren „ganz aus dem Häuschen“. Und dann legten sich Feuerzungen auf ihre Köpfe.

Die Jünger waren Feuer und Flamme für Gottes Geist der Liebe. Mit Feuereifer erzählten sie von Jesus, so dass die Menschen ihre Herzen öffneten und von der Begeisterung für Jesu Liebe angesteckt wurden. Daraufhin ließen sich – wie es die Bibel erzählt – 3000 Menschen taufen. Das ist die Geburtsstunde der christlichen Kirche.

(Übrigens ist vielen Menschen die Bedeutung des Pfingstfestes unbekannt. Bei „Wer wird Millionär“ war die Frage „Was ist Pfingsten?“ nicht bei 500 Euro angesiedelt. Es war die drittletzte Frage. Der Kandidat musste seinen Telefonjoker anrufen. 😉)

Heute, am Dienstag nach den beiden Pfingsttagen, nimmt uns die Tageslosung weiter mit auf den Weg des Herzens. Der Lobgesang der Hanna, der Mutter des Propheten Samuel, beginnt mit den Worten: „Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn!“ (1. Samuel 2, Vers 1)

Und auch der Monatsspruch für den Juni weist in die gleiche Richtung: Bei der Einweihung des Jerusalemer Tempels betet der König Salomo: „Du allein, Gott, kennst das Herz aller Menschenkinder.“ (1. Könige 8, Vers 39)

Und wer denkt bei diesen Worten nicht an den „Kleinen Prinzen“ von Antoine Saint-Exupéry? „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Der Schriftsteller mag dabei an einen anderen Vers aus dem Alten Testament gedacht haben: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an.“ (1. Samuel 16, Vers 7)

Unser Herz ist das wichtigste Organ unseres Körpers. Wenn es krank wird oder aus dem Takt kommt, dann sind wir selber in Gefahr. Das Herz ist lebenswichtig, es steht für das Leben. Doch: Es steht ja noch für viel mehr.

Es steht auch für das, was unser Leben lebenswert macht. Es steht für die Liebe, für die Freude, für den Dank und für das Mitgefühl. Das Herz steht für Wärme und Mitmenschlichkeit.

Manchmal ist unser Herz offen, da spüren wir Wärme und Liebe, da empfinden wir Mitgefühl. Und da ist herzliche Verbundenheit.

Manchmal aber verschließen wir unser Herz. Wir sind vielleicht verletzt oder enttäuscht, – und wir wollen uns dagegen wappnen, noch mehr Schmerz zu empfinden. Schmerz, Trauer, Enttäuschung … – all das kann uns manchmal hartherzig werden lassen. Dann wird das Herz wie ein Stein. Und wir spüren: Das tut nicht gut, – uns nicht und anderen auch nicht.

Ob wir es schaffen, mit dem Herzen zu sehen?

Nun, wir können auch herzkrank werden – und hier meine ich es im übertragenen Sinne. So habe ich in dem Zusammenhang einmal gelesen, dass ein Herz kurzsichtig oder weitsichtig sein kann.

Ein kurzsichtiges Herz erkennt nur das, was direkt vor Augen ist, also das Vordergründige. Es sieht am anderen allein die Äußerlichkeiten, und blickt nicht tiefer. So erkennt man nicht das wahre Wesen eines Menschen. Und alles bleibt oberflächlich. Das kurzsichtige Herz kann über Kleinigkeiten nicht hinwegsehen. Es lässt sich leicht von den Alltagssorgen erdrücken und verliert den Blick fürs Ganze.

Ein weitsichtiges Herz ist auch nicht besser: Es übersieht das Nächstliegende. Es übersieht oft sogar den Nächsten, nämlich den Menschen, mit dem man zusammenlebt oder eng befreundet ist. Ein weitsichtiges Herz richtet sich nach Zielen aus, die weit in der Ferne liegen. Ein Beispiel sind diejenigen, die nur nach ihrer Karriere streben und darüber die Menschen an ihrer Seite vergessen. Leidet das Herz an Weitsichtigkeit, dann nimmt es das Kleine und Unscheinbare nicht wahr. Es fixiert sich auf Träume und weit entfernte Ziele.

Es ist gut, wenn wir jemanden haben, der uns immer wieder auf solche Herzkrankheiten aufmerksam macht und uns eine neue Sicht lehrt.

Jesus will unsere Weitsichtigkeit korrigieren, indem er uns die Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählt. Jesus will unsere Augen und Herzen öffnen für die Menschen, denen wir begegnen. So dass wir sehen, wer unseren Zuspruch und unsere Unterstützung braucht, und für ihn da sind.

In der Bibel lese ich, wie Jesus die Frau, die von allen gemieden wird, freundlich ansieht. Wie er dem Mann begegnet, den alle Betrüger nennen, doch Jesus tut ihm die Ehre an, bei ihm zu Gast zu sein. Und ich denke an das wunderbare Evangelium, das wir zu jeder Kindstaufe lesen: Wie Jesus die Kinder zu sich ruft, sie in den Arm nimmt und ihnen segnend die Hände auflegt.

Unsere Kurzsichtigkeit will Jesus korrigieren, indem er uns hinter all dem Chaos im Leben Ziele zeigt, die wir angehen sollen. Ein Beispiel ist die Bewahrung von Gottes Schöpfung. Es ist unübersehbar, wie sehr wir durch unsere leichtsinnige Lebensweise uns selbst und die ganze Welt gefährden. In dieser Beziehung sollten wir weitsichtiger werden und alles dafür tun, dass unsere Erde auch für nachfolgende Generationen Heimat sein kann.

Allen, die mit dem Herzen gut sehen wollen, hilft das Vorbild Jesu. Natürlich …, wir werden nicht wie Jesus sein, aber wir können uns nach ihm ausrichten. Im Neuen Testament lesen wir, wie Jesus jeden einzelnen Menschen wahrnimmt, ihn mit dem Herzen anschaut und auf einen guten Weg bringt.

So ist die Lektüre über Jesu Worte und Taten wohl das beste Handbuch, um mit dem Herzen zu sehen. Das zu beherzigen und danach zu leben, das kann uns froh und glücklich machen.

So wünsche ich Ihnen, Euch und mir, dass wir mit Hanna sagen können: „Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn.“

Ihre / Eure Erika Juckel, Pfarrerin


Foto: D. Binderberger