Theologischer Impuls

Dies ist kein Liebeslied – 1. Kor 13 im Horizont sexualisierter Gewalt

Dies ist kein Liebeslied. „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, …“ Ich weiß nicht, wie oft Sie, wie oft ich diese Verse aus 1. Kor 13 schon gehört habe(n): bei Hochzeiten, in Predigten, als Lesungen – und wie oft ich schon über sie gepredigt habe, nicht nur Brautleuten:

  • dass die Liebe unerlässlich ist, eine ‚conditio sine qua non‘ von allem anderen, von meinem Reden, Glauben, Tun (V. 1-3), der „bessere Weg“ (12,31), die Grundlage aller anderen Gnadengaben (Charismen);
  • dass die Liebe selbst ein hochdynamisches Geschehen ist (V. 4-7), ein Tun und Werden, kein Sein, etwas, das sich kaum fassen, nur umkreisen lässt – wie hier per via negationis, mit insgesamt 15 Verben;
  • dass die Liebe unvergänglich ist (V. 8-13), ein Stück der Vollkommenheit Gottes in der vergänglichen Welt, der Höhepunkt in der Klimax der drei Ewigkeitsgaben von Glaube, Hoffnung, Liebe;
  • dass bei der oft diffus-konfusen Liebesrede binnenzudifferenzieren ist zwischen leidenschaftlich sexuellem Begehren (Eros), freundschaftlicher Beziehung (Philia) und liebender Selbsthinwendung (Agape);
  • dass es das dreifache Liebesgebot gibt – gegenüber Gott, meinem Nächsten und mir selbst – und dass Gott als die Liebe selbst dabei die Bedingung der Möglichkeit all unseres menschlichen Liebens ist.

Alles richtig und wichtig und gut. Doch vielleicht habe ich all das zu oft gehört und selbst gesprochen – angesichts dessen, was geschehen ist und geschieht: auch in unserer Kirche, in der Gemeinde derer, die im Lichte dieser Liebe Gottes leben. Stimmt es wirklich, was in den Versen alles von der Liebe gesagt wird? Ist es nicht gerade so, dass Gott, alias die eine, allumfassende Liebe, eben nicht alles erträgt, nicht alles glaubt, alles hofft, alles erduldet?

Nein, Gottes Liebe ist keineswegs nur immer langmütig und freundlich. Nein, sie eifert vielmehr und brennt angesichts dessen, was Menschen erleiden mussten, wie Glaube, Kirche, Gott missbraucht werden, um ihnen Gewalt anzutun – mitten in unseren Gemeinden. Ich glaube, dass Gott, alias die eine, allumfassende Liebe, die Schnauze voll und überhaupt genug hat, wie all dies jahrzehntelang verheimlicht wurde, wie wir es nicht wahrhaben wollten, dass Menschen mit ihrem Leid alleine geblieben sind. „Nein. Das kann nicht sein. Nicht N.N. Der ist so ein charismatischer Chorleiter, Küster, Presbyter, Jugendmitarbeiter, Pfarrer oder Lehrer.“ Wir schwiegen, wo wir hätten reden sollen. Und wo wir schweigen sollten, reden wir und reden und reden. Pastorale Deutungsmacht. Dies ist kein Liebeslied.

Wir haben in unseren Gemeinden Liebe mit Harmonie verwechselt. Der Wunsch nach einem kirchlichen Bullerbü, so hat es eine Betroffene von sexualisierter Gewalt beschrieben, hat uns blind gemacht. Idealisiertes Selbstbild. Die Unfähigkeit, Schuld klar zu benennen und mit ihr umzugehen. Vergebung ohne wirkliche Buße. Und immer wieder Worte und noch mehr Worte – 15 Verben – statt Taten. „Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“ Nein, das hat nichts mit Liebe zu tun, wenn Grenzen verletzt, Macht ausgenutzt, Abhängigkeiten geschaffen werden – auch wenn Täter dies Betroffenen oft zu vermitteln suchen. Und es hat nichts mit Liebe zu tun, wenn Gewalt danach von anderen ignoriert bzw. kaschiert, Täter und Betroffene verwechselt werden, wenn die Wahrheit verschleiert wird – wie „durch einen Spiegel in einem dunklen Bild“. „Sie rechnet das Böse nicht zu.“ Doch, das muss sie – weil es um Verantwortung geht. „Sie freut sich aber an der Wahrheit.“ Ja, das tut die Liebe. Und darum braucht es Aufklärung dort, wo Missbrauch und sexualisierte Gewalt geschehen sind. Weil Betroffene ein Anrecht darauf haben. Weil nur so neuer Missbrauch verhindert werden kann. Weil es das Schweigen auch für andere bricht und das Tabu gelöst wird, über solche Taten nicht zu sprechen. Dies ist kein Liebeslied.

Es fällt auf, dass in 1. Kor 13 recht unvermittelt vom Kindsein die Rede ist: „Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.“ Was sagt das aus über das Verhältnis von Liebe und Erkenntnis und über den Umgang mit Grenzen? Nein, Kinder, auch Jugendliche können nicht immer begreifen, was ihnen geschieht, was Liebe ist und was nicht, wo sexualisierte Gewalt beginnt. Deshalb gibt es das Gebot der Zurückhaltung, der Abstinenz. Deshalb sind sie besonders zu schützen. Denn für Betroffene gilt eben nicht, dass sie als Erwachsene abtun konnten, was ihnen als Kind geschehen ist. Oft wurde der Schmerz vielmehr tief in der Seele eingekapselt, weil er sonst nicht auszuhalten war. „Die Zeit heilt keineswegs alle Wunden.“ So der Titel der Handreichung in der Evangelischen Kirche im Rheinland zum Thema aus dem Jahr 2012.

Sexualisierte Gewalt ist viel verbreiteter in unseren Familien, Vereinen, Schulen, Chören und in unseren Gemeinden, als früher oft gedacht. Angesichts dessen ist es wichtig, Texte wie 1. Kor 13 neu zu lesen. Etwa die lange Liste der Dinge, die Liebe nicht tut: Liebe verletzt nicht die körperlichen und seelischen Grenzen anderer. Liebe missbraucht keine Macht. Liebe stellt sich nicht blind, wo anderen Unrecht geschieht. Liebe steht nicht für billige Gnade. Die via negationis als notwendiges Korrektiv, weil Liebe und Gott zu den am häufigsten missbrauchten Worten gehören, in deren Namen anderen Unrecht getan wurde und wird.

Wenn kein Liebeslied, was ist es dann? Vielleicht eine kritische Checkliste, um uns vor Liebeskitsch zu hüten, gerade auch theologischem. Um zu erkennen, wo die Grenzen unseres Liebens sind. Dass Gottes Liebe und unser Lieben zu unterscheiden sind wie Himmel und Erde. Und um uns ehrlich zu machen im Blick auf die Wirklichkeit von sexualisierter Gewalt auch in unserer Kirche. Damit unser Reden eben nicht zum tönenden Erz oder zur klingenden Schelle für andere wird. Damit unser Glaube und helfendes Handeln nicht hohl werden. Davor behüte uns Gott als die eine, allumfassende Liebe.


Weitere Texte: www.glauben-denken.de

Als Bücher: https://praesesblog.ekir.de/inhalt/theologische-impulse-als-buecher

Kontakt: praeses@ekir.de

Mittsommernacht, 21. Juni

Mittsommernacht:
Wir machen uns wieder auf den Weg.

Eine Wanderung von Frauen für Frauen.
Momente der Leichtigkeit, des Gesprächs,
der Stille, der Besinnung, des Gebets.
Momente mit Strahlkraft.

21. Juni 2024 // 19:00 Uhr bis etwa 21.30 Uhr
Start- und Endpunkt Parkplatz Bergsegen Hoffnungsthal

Bitte bringt euch etwas zu trinken mit und zieht feste Schuhe an // Gottmomente@gmail.com


Eine Initiative der GottMomente.
Das sind Frauen aus der evangelischen und katholischen Kircher in Hoffnungsthal/Volberg.

Ein Blick auf Pfingsten

Auferstehen hier und jetzt – ein anderer Blick auf Pfingsten

Ich liebe ja Pfingsten. Es ist Mai. Das Wetter ist schön – meistens zumindest. Gottesdienste und Gemeindefeste finden oft im Grünen statt. Wir feiern den Geburtstag der Kirche. Gottes Geist kommt wie Feuerflammen auf die Jünger/innen. Sie sprechen in anderen Sprachen, verstehen einander plötzlich. Pfingsten – das ist Inspiration, Geisteskraft, Empowerment, Leidenschaft, Aufbruch, Energie, Trotzkraft, Hoffnung, Zuversicht. Ein bisschen wie ein ESC der ersten Christenheit. Mit Bühnenshow und Völkerverständigung: „Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.“ Wow!

Natürlich lässt sich jetzt mit Brecht rein finanziell einwenden: „Pfingsten sind die Geschenke am geringsten.“ Okay. Aber Pfingsten ist ja eben bewusst auch nicht materialistisch. Es geht um Geist, Gottes Geist. Gott schenkt sich uns in seinem Geist – und uns einander durch seinen Geist. Pfingsten ist pfiffig, pfundig, geistbeseelt. Das Power-Fest im Kirchenjahr. Ich liebe es.

Doch – es gibt noch eine ganz andere Seite von Pfingsten. Eine, die für unsere Zeit mit ihrer Dauer-Poly-Krise neu von Bedeutung ist. Dabei geht es um die Verarbeitung von Trauer, Verlust, Traumata. Um dunkle, schwere Erfahrungen:

  • Wenn eben kein Geist mehr da ist. Kein Leben, keine Kraft.
  • Wenn alles erstirbt, selbst der letzte Funken Hoffnung, es könnte einmal wieder anders werden.
  • Wenn selbst vom eigenen Körper nur noch das Gerippe bleibt. Nicht mal Haut, nur noch Knochen.

Ein solch anderen Blick auf Pfingsten bietet die Geschichte in Hesekiel 37 (es lohnt, sie einmal ganz zu lesen). Hesekiel schreibt hier in eindrücklichen, heftigen Bildern von einer traumatischen Erfahrung fast wie bei einem Albtraum: Gottes Geist führt ihn über ein Totenfeld. Verdorrte Knochen, soweit das Auge reicht. Wenig pfingstliche Maigefühle, sehr materiell und sehr trostlos. Bilder, wie wir sie von den Kriegsschauplätzen unserer Tage kennen. Aus zerstörten Dörfern und Städten in der Ukraine, in Syrien, Myanmar, Afghanistan, im Kongo, Jemen, in Israel und Palästina. Von Orten, wo ein ganzes Volk seine Kraft und Hoffnung verliert. Wo nichts mehr ist als Tod und Verwüstung. Orte traumatischer Erfahrungen. Bilder, die ich am liebsten gar nicht sehen würde und denen ich doch nicht ausweichen kann, die mich nicht loslassen.

Dann beginnt der Geist zu Hesekiel zu reden: „Du Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden?“ Was soll und kann ein Mensch dazu sagen? Die harte Wirklichkeit des Todes vor Augen. Die Frage des Geistes Gottes im Ohr. Hesekiels Antwort ist ausweichend, so wie es Theolog/innen mitunter gerne tun. Es gibt Zeiten, da verschlägt es selbst dem Propheten die Worte.

Und wenn ich ehrlich bin, geht es mir bei vielen Nachrichten oft wie Hesekiel. „Du Menschenkind, meinst du wohl, dass aus all den Kriegen, der Klimakrise und den Katastrophen wieder Gutes entstehen kann?“ Und dann stehe ich da und weiß auch nichts zu antworten. Rede mich raus mit frommen Formeln: „Gott hält uns alle in seiner Hand. Die Liebe ist stärker als der Tod. Christus steht an der Seite der Leidenden.“ Alles fromm und richtig und doch irgendwie leer. „Und ich spreche: „Herr, mein Gott, du weißt es.“ „Gott, ich habe keine Ahnung. Keine Hoffnung. Nichts, was ich irgendwie sagen oder beitragen könnte. Du, Gott, bist alles, was noch bleibt, um nicht völlig zu verzweifeln. Auch, wenn ich nicht weiß, was, wann, wie, warum.“

Doch dann, dann beginnt eine der wohl stärksten Hoffnungs- und Verwandlungsgeschichten der ganzen Bibel. Hesekiel, der zweifelnde, traumatisierte, sprachlose Propheten, wird zum geisterfüllten Boten Gottes. Er beginnt im Auftrag Gottes zu reden. Und das Totenfeld steht auf und wird zu einem neuen Volk Israel.
Es geschieht langsam, Schritt für Schritt. Drei Anläufe braucht es, bis die wundervolle Verwandlung geschieht.

  • Erst spricht Hesekiel zu den Knochen – und sie bekommen neu Sehnen, Fleisch und Haut.
  • Dann spricht Hesekiel zu dem Wind, dem Odem – und die Körper werden neu beseelt und mit Leben erfüllt.
  • Und schließlich spricht Hesekiel zum Volk Israel im Exil – auf dass sie auferstehen: mitten im Leben zu neuem Leben.

Die Geschichte ist erzählt wie die Schöpfung am Anfang der Bibel. Hier wie dort spricht Gott – und siehe: es geschieht. Hier wie dort ist es Gottes Geist, der über dem Dunklen schwebt. Dort über der Finsternis, hier über dem Totenfeld. Hier wie dort entsteht erst durch den Odem aus der toten Materie neues Leben. Die Schöpfungsgeschichte stammt aus derselben Zeit wie der Prophet Hesekiel und auch sie ist erzählt, um dem Volk Israel im Exil neue Hoffnung und Halt zu geben.
Der entscheidende Unterschied ist jedoch die Rolle des Propheten: Hesekiel wird gleichsam zum Mitschöpfer Gottes. Er spricht aus, was der Geist ihm sagt. Und siehe: es geschieht. Die Gebeine bekommen Sehnen, Fleisch und Haut. Die Körper bekommen eine Seele. Das Volk Israel bekommt neue Hoffnung.

Darum geht es an Pfingsten. Es geht um nicht weniger als um Auferstehung mitten im Leben. Und es geht darum, dass wir durch Gottes Geist daran mitwirken.
Bei Auferstehung denken wir ja meist an die Zeit nach dem Tod. Irgendwann, dereinst, am jüngsten Tag, jenseits all unserer Erfahrung. Das ist wichtig und tröstlich. Dass der Tod nicht das Letzte ist. Aber es ist eben auch sehr weit weg. Oft fällt es dagegen viel schwerer, an die Auferstehung im Hier und Jetzt zu glauben, in meinem Leben, in unserer Gesellschaft.

„Du Menschenkind, meinst du wohl, dass aus all dem Schlamassel Deines Lebens, dieser Gesellschaft wieder Leben entstehen kann?“
Das ist gefährlich unmittelbar. Doch so ist das mit Glaube, Liebe, Hoffnung: Sie werden erst spannend, wenn es konkret wird.
Genau das geschieht an Pfingsten. Gottes Liebe wird konkret. In mir. In Dir. In uns. Durch seinen Geist: „Geh hin und sprich zu den Einsamen, dass sie nicht alleine sind.

  • Zu den Flüchtlingen, dass sie bei uns Heimat haben.
  • Zu den Armen, dass wir mit ihnen teilen.
  • Zu denen, die alle Hoffnung verloren haben, dass es gut wird.

Und werde selbst Teil von Gottes neuer Schöpfung. Durch Gottes Geist.“

Ich liebe Pfingsten. Das Powerfest im Kirchenjahr. Weil es eben mehr ist als eine gute Laune-ESC-Party. Das Pfingstfest hilft mir, an Wunder zu glauben. Dem Wunder, dass unsere Welt anders werden kann. Dass ich selbst anders leben kann. Dass es Hoffnung gibt wider all meine Hoffnungslosigkeit. Dass Gott in uns ist und uns mit all unserem Schlamassel nicht alleine lässt.

Dafür kann ich dann auch gerne auf dicke Geschenke verzichten.

Ihnen ein gesegnetes Pfingstfest!

Theologische Impulse (139) von Präses Dr. Thorsten Latzel

Andacht Plus X 07.02

Herzliche Einladung zum Taizé Abend

Am Freitag, 7. Februar um 19 Uhr (bis ca 21 Uhr) in der Christuskirche Forsbach

Musik, Texte, Gebete, Bewegung in Anlehnung an die Traditionen aus der ökumenischen Gemeinschaft in Frankreich

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Ökumenischer Friedensgottesdienst 17.11. um 18 Uhr St.Nikolaus v.Tolentino

Der Angriffskrieg gegen die Ukraine geht in den zweiten Winter, und ganz aktuell kommen nach dem Angriff auf Israel tausende von Menschen im Nahen Osten zu Tode.
Es ist zum Verzweifeln.
In dieser Situation möchten wir zum Friedensgottesdienst einladen.

Pfarrer Armin Kopper von der evangelischen Gemeinde und Heinrich Schewe aus der katholischen Gemeinde gestalten am Freitag den 17.November um 18 Uhr in St.Nikolaus v.Tolentino (Hauptstr. 64) dieses Angebot.

Alle sind zum Mitbeten & Mitsingen eingeladen.

Bild: Ralf Lotys (Sicherlich), CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=73139633