{"id":27731,"date":"2025-10-07T11:43:59","date_gmt":"2025-10-07T09:43:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.evkirche-roesrath.de\/?p=27731"},"modified":"2025-10-29T16:27:51","modified_gmt":"2025-10-29T15:27:51","slug":"jerusalemer-propst-joachim-lenz-im-interview-zu-den-folgen-des-7-oktober","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.evkirche-roesrath.de\/index.php\/2025\/10\/07\/jerusalemer-propst-joachim-lenz-im-interview-zu-den-folgen-des-7-oktober\/","title":{"rendered":"Jerusalemer Propst Joachim Lenz im Interview zu den Folgen des 7. Oktober"},"content":{"rendered":"<p>PRESSEMITTEILUNG Nr. 76\/2025<\/p>\n<h2>\u201eViele hoffen nat\u00fcrlich, dass die Geiseln endlich freikommen und der Krieg endet\u201c<\/h2>\n<p>Jerusalemer Propst Joachim Lenz im Interview zu den Folgen des 7. Oktober<\/p>\n<p><strong>D\u00fcsseldorf\/Jerusalem (7. Oktober 2025). Zwei Jahre nach dem \u00dcberfall und der Geiselnahme der Hamas spricht Joachim Lenz, Propst in Jerusalem, \u00fcber israelbezogenen Antisemitismus, Traumata auf beiden Seiten und kleine Leuchtt\u00fcrme der Hoffnung.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Herr Lenz, am 7. Oktober j\u00e4hrt sich der Terrorangriff der Hamas auf Israel zum zweiten Mal. Wie sehr hat sich das Land in Ihrer Wahrnehmung seither ver\u00e4ndert?<br \/>\nJoachim Lenz<\/strong>: Terror und Krieg beherrschen die Nachrichten \u2013 in Israel wie in den pal\u00e4stinensischen Gebieten. Israelis erz\u00e4hlen mir, dass sie in den Wochen nach dem 7. Oktober sehr direkte, pers\u00f6nliche Angst ums \u00dcberleben hatten. Das ist vorerst vorbei. Libanon, Syrien, Iran und vor allem die Hamas werden nicht mehr als akute Bedrohungen wahrgenommen. Aber der Konflikt ist ungel\u00f6st, die latente Bedrohung bleibt, immer noch kommen einzelne Drohnen und Raketen aus dem Jemen. In der Westbank leiden die Menschen unter viel Gewalt und gro\u00dfer wirtschaftlicher Not. In Bethlehem liegt die Arbeitslosigkeit weit \u00fcber 80 Prozent.<\/p>\n<p>Selbst in meinem kleinen christlichen Bekanntenkreis wei\u00df ich von einigen, die ausgereist sind oder in ein anderes Land gehen wollen, wenn es nicht besser wird. Der Exodus der christlichen Familien aus dem Heiligen Land h\u00e4lt an. Dass es mittel- und langfristig besser wird, wagt kaum jemand zu hoffen. Ob der derzeitige Trump-Friedensplan funktionieren kann, wei\u00df auch niemand. Viele im Lande hoffen nat\u00fcrlich, dass die Geiseln endlich freikommen und der Krieg endet. M\u00fcdigkeit und Aussichtslosigkeit sind gewachsen. Gleich geblieben ist, was der israelische Historiker Yuval Noah Harari vor fast zwei Jahren gesagt hat: In unseren Seelen ist so viel Trauer und Schmerz, dass da kein Platz bleibt f\u00fcr das Leid der anderen. Das gilt f\u00fcr die arabische wie f\u00fcr die j\u00fcdische Seite.<\/p>\n<p><strong>Die israelische Regierung steht weltweit in der Kritik wegen der Kriegsf\u00fchrung im Gazastreifen. Wie breit sch\u00e4tzen Sie den Protest innerhalb der israelischen Gesellschaft selbst ein?<br \/>\nLenz<\/strong>: Israel hat eine sehr lebendige Zivilgesellschaft. Samstagabends, nach dem Ende des Schabbat, sind regelm\u00e4\u00dfig Hunderttausende auf den Stra\u00dfen, um gegen den Krieg und f\u00fcr eine Freilassung der Geiseln zu demonstrieren, die seit zwei Jahren in den Tunneln der Terrororganisation Hamas gefangen gehalten werden. Der Staat Israel ist als ein sicherer Ort f\u00fcr J\u00fcdinnen und Juden angelegt worden, wo sie mit Menschen auch anderer Religionen in Frieden und Gerechtigkeit zusammenleben wollen. So hat es die israelische Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung von 1948 festgelegt. Die allermeisten Israelis, die ich kenne, wollen genau das. Dass dieser Staat m\u00f6glich ist, hat unsere rheinische Landessynode 1980 als \u201eZeichen der Treue Gottes\u201c bezeichnet. In Umfragen wird aber auch deutlich, wie tief die Erbitterung und Sorge nach dem 7. Oktober in den Seelen sitzt. Eine klare Mehrheit der Bev\u00f6lkerung ist gegen eine Zweistaatenl\u00f6sung, das war vor zwei Jahren noch anders.<\/p>\n<p><strong>Immer mehr L\u00e4nder erkennen den Staat Pal\u00e4stina an, Deutschland bisher nicht. Haben Sie Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr?<br \/>\nLenz<\/strong>: Ich bin kein politischer Analyst. Den alten Plan, einen belastbaren Friedensprozess auf den Weg zu bringen, der eine stabile Zweistaatenl\u00f6sung und dann auch die Anerkennung Pal\u00e4stinas zum Ziel hat, finde ich weiter einleuchtend. Leider konnte keine der beiden Seiten in den vergangenen Jahrzehnten diesen gemeinsamen Weg erfolgreich beginnen. In unserer kleinen deutschsprachigen Gemeinde sprechen wir nat\u00fcrlich miteinander \u00fcber diese Fragen. L\u00f6sungen haben wir nicht anzubieten. Wir sind uns auch einig dar\u00fcber, dass es nicht unsere Aufgabe sein kann, unsere L\u00f6sungen quasi von au\u00dfen zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p><strong>Manchmal scheint es, im Nahostkonflikt gehe es mehr um Begriffe als um Menschenleben: Genozid ja oder nein, Hungersnot ja oder nein, Zweistaatenl\u00f6sung ja oder nein. Erleben Sie \u00fcberhaupt noch Momente einer gem\u00e4\u00dfigteren, um Verst\u00e4ndigung ringenden Debatte?<br \/>\nLenz<\/strong>: Im politischen Umfeld sehe ich da gerade fast nichts. Zwei tief traumatisierte V\u00f6lker stehen sich gegen\u00fcber. Aber es gibt weiterhin Menschenrechts- und Friedensgruppen wie die <a href=\"https:\/\/www.rhr.org.il\/eng\" target=\"_blank\">Rabbis for Human Rights<\/a>, das <a href=\"https:\/\/parentscirclefriends.de\/\" target=\"_blank\">Parents Circle Families Forum<\/a> oder die <a href=\"https:\/\/www.cfpeace.org\/\" target=\"_blank\">Combatants for Peace<\/a>. In Jerusalem hat sich ein interreligi\u00f6ses Gespr\u00e4chsforum zusammengefunden \u2013 jetzt erst recht. Das sind nur kleine Organisationen und wenige Menschen, aber es sind die Leuchtt\u00fcrme der Hoffnung! Sie verdienen jede Unterst\u00fctzung. Und es gibt zum Beispiel den pal\u00e4stinensischen Arzt, der sich von einem israelischen Rabbiner zum Schabbat-Dinner einladen l\u00e4sst: z\u00f6gerlich, weil er daf\u00fcr viel \u00c4rger in seinem Umfeld riskiert. Aber er tut\u2019s. Beide haben sich bei einer Taiz\u00e9-Andacht <a href=\"https:\/\/www.evangelisch-in-jerusalem.org\/himmelfahrtkirche\/\" target=\"_blank\">in unserer Himmelfahrtkirche<\/a> auf dem \u00d6lberg kennengelernt, was an sich schon eine kleine Hoffnungsgeschichte ist.<\/p>\n<p><strong>Israel steht weltweit am Pranger, von den Verbrechen der Hamas ist kaum mehr die Rede. Wie gro\u00df ist die Verbitterung dar\u00fcber in Israel?<br \/>\nLenz<\/strong>: In den vergangenen zehn Jahren haben sich drei Viertel aller staatenbezogenen Resolutionen der Vereinten Nationen gegen Israel gerichtet. Das letzte Viertel richtet sich gegen alle Schurkenstaaten der Welt. Nicht erst jetzt f\u00fchlen sich viele Menschen hier vom Rest der Welt verlassen und allein. Weil wir am Ende allein dastehen, muss es unseren wehrhaften Staat geben \u2013 mit diesem Gedanken im Hinterkopf wurde Israel 1948 gegr\u00fcndet, und der Terroranschlag der Hamas hat das best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Das Verlassenheitsgef\u00fchl betrifft allerdings Israelis wie Pal\u00e4stinenser gleicherma\u00dfen. Seit Kriegsbeginn hat kein islamischer Staat die diplomatischen Beziehungen zu Israel abgebrochen.  Die Staatengemeinschaft hat das massenhafte T\u00f6ten im Gazastreifen nicht gestoppt. Da ist auf der pal\u00e4stinensischen Seite viel Verzweiflung, allen Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rungen zum Trotz. Beide Seiten wollen Anerkennung ihres Leids und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr ihr Handeln. Beide tragen die Traumata von Terror und Krieg mit sich herum. Und sie reden nicht miteinander.<\/p>\n<p><strong>\u00dcberall bricht sich ein immer ungehemmterer Antisemitismus Bahn. Er richtet sich gegen K\u00fcnstler, Unternehmen, j\u00fcdische Menschen im Alltag. Was w\u00e4ren aus Ihrer Sicht jetzt notwendige Signale?<br \/>\nLenz<\/strong>: Ich bin absolut dankbar, dass meine Kirche unerm\u00fcdlich Flagge gegen jede Form von Antisemitismus zeigt. Sowohl meine heimische Evangelische Kirche im Rheinland als auch die Evangelische Kirche in Deutschland, die mich nach Jerusalem entsandt hat, sind da ganz klar und haben auch Konsequenzen benannt, von Bildungsarbeit \u00fcber Gottesdienste bis zur Unterst\u00fctzung j\u00fcdischer Pr\u00e4senz in der Gesellschaft. Nun herrscht gerade auch viel israelbezogener Antisemitismus. Der ist nicht einfach durch die schrecklichen Bilder aus dem Gazastreifen zu erkl\u00e4ren. Israel sei \u201eder Jude unter den V\u00f6lkern\u201c, hat der Holocaust- und Antisemitismusforscher L\u00e9on Poliakov gesagt \u2013 und zwar bereits vor fast 60 Jahren. Wir erleben jetzt, dass er recht hat. Und wir m\u00fcssen sagen, dass das Unrecht ist.<\/p>\n<p>Wenn Sie 2026 Jerusalem nach sechs Jahren wieder verlassen, haben Sie erst die Corona-Pandemie und dann den Hamas-Terrorangriff, die Bomben auf Israel und den Krieg im Libanon und im Gazastreifen miterlebt. K\u00f6nnen Sie da noch irgendeinen Hoffnungsgedanken mit nach Hause nehmen?<br \/>\nLenz: Wir sollen allezeit Rechenschaft geben \u00fcber die Hoffnung, die in uns ist, hei\u00dft es in der Bibel. (1. Petrus 3,15) In unserer Gemeinde erinnern wir uns immer wieder gegenseitig an Jesus, den Friedef\u00fcrsten. Der war ja h\u00f6chstpers\u00f6nlich in unserer Stadt und hat uns in Gottes Namen den Frieden erkl\u00e4rt. Das kann und wird er wieder tun \u2013 hoffentlich bald und hoffentlich so, dass die Regierenden und die Regierten es endlich verstehen, gleich welcher Religion oder Nationalit\u00e4t sie sind.<\/p>\n<p>Wie das gehen soll? Ich wei\u00df es nicht. Sind die derzeit laufenden Verhandlungen zwischen Israel und der Hamas ein Anfang? Vielleicht. Hoffentlich! Aber ich wei\u00df zum Beispiel, dass mein Gro\u00dfvater 1944 Besatzungssoldat in Paris war. Nun lebt mein \u00e4ltester Sohn dort seit Jahren und lehrt an der Sorbonne. Nach Jahrhunderten der \u201eErbfeindschaft\u201c herrscht zutiefst belastbarer Friede zwischen zwei V\u00f6lkern. \u201eEs ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen\u201c: Was Primo Levi warnend \u00fcber die Schoah gesagt hat, gilt auch f\u00fcr Friedenswege. Das glaube und hoffe ich von Herzen. Jerusalem ist ganz oben auf der Liste der Orte, wo das m\u00f6glich werden muss.<br \/>\n8339 Zeichen<\/p>\n<p><strong>Zur Person: Joachim Lenz<\/strong><br \/>\nDer geb\u00fcrtige Wuppertaler Joachim Lenz war zun\u00e4chst Gemeindepfarrer in Enkirch an der Mosel. Im Vorfeld des Kirchentags 2007 in K\u00f6ln wurde er f\u00fcr drei Jahre zum Kirchentagsbeauftragten der Evangelischen Kirche im Rheinland berufen und arbeitete anschlie\u00dfend als Pastor f\u00fcr den Kirchentag. 2015 wechselte er als Theologischer Vorstand und Direktor zur Berliner Stadtmission. Bis zu seinem Amtsantritt in Jerusalem im August 2020 war er ehrenamtlicher Sprecher des B\u00fcndnisses <a href=\"https:\/\/united4rescue.org\/\" target=\"_blank\">United4Rescue<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Stichwort: Propst in Jerusalem<\/strong><br \/>\nDer Propst ist der erste Pastor der <a href=\"https:\/\/www.evangelisch-in-jerusalem.org\/\" target=\"_blank\">Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache zu Jerusalem<\/a>. Zudem ist er im Heiligen Land und in Jordanien Repr\u00e4sentant der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das gilt f\u00fcr die Jerusalem-Stiftung, der die Erl\u00f6serkirche und die Propstei geh\u00f6ren, und f\u00fcr die Auguste-Viktoria-Stiftung, die das Auguste-Viktoria-Hospital in Ostjerusalem betreibt. Die dritte Stiftung tr\u00e4gt das Deutsche Evangelische Institut f\u00fcr Altertumswissenschaft des Heiligen Landes.<\/p>\n<p><small>Autor und Kontakt: Ekkehard R\u00fcger, <a href=\"mailto:ekkehard.rueger@ekir.de\" target=\"_blank\">ekkehard.rueger@ekir.de<\/a>, Telefon 0211 4562-290<\/small><\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>PRESSEMITTEILUNG Nr. 76\/2025 \u201eViele hoffen nat\u00fcrlich, dass die Geiseln endlich freikommen und der Krieg endet\u201c Jerusalemer Propst Joachim Lenz im Interview zu den Folgen des 7. Oktober D\u00fcsseldorf\/Jerusalem (7. 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