{"id":26082,"date":"2024-08-05T08:35:15","date_gmt":"2024-08-05T06:35:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.evkirche-roesrath.de\/?p=26082"},"modified":"2024-08-15T17:53:55","modified_gmt":"2024-08-15T15:53:55","slug":"punkt-komma-strich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.evkirche-roesrath.de\/index.php\/2024\/08\/05\/punkt-komma-strich\/","title":{"rendered":"Punkt, Komma, Strich"},"content":{"rendered":"<p>Punkt, Komma, Strich \u2013 eine kleine theologische Orthographie<\/p>\n<p>Zeichensetzung kann Leben retten. Das wird schon an dem kleinen Satz deutlich: \u201eKomm, wir essen, Oma!\u201c F\u00e4llt das zweite Komma weg, wird es f\u00fcr die Gro\u00dfmutter heikel und sie sollte sich besser nach neuen Enkeln umsehen.<\/p>\n<p>Auch theologisch spielt der rechte Umgang mit den kleinen Satzzeichen eine gro\u00dfe Rolle.<\/p>\n<p>Da ist etwa der Punkt, das Lieblingskind dogmatischen Denkens. \u201eGott ist so. Glaube hei\u00dft dies. Punktum. Schluss.\u201c Er steht f\u00fcr ein feststellendes, behauptendes, normatives Reden und Denken. Als solcher ist der Punkt in der fl\u00fcssig-fl\u00fcchtigen Postmoderne in Verruf gekommen, zumindest, wenn er alleine und nicht als Triple auftritt: &#8230; Er beendet nicht nur den Satz, sondern auch den Diskurs \u2013 oder versucht es zumindest. \u201eRoma locuta, causa finita.\u201c Die Problematik dessen ist sp\u00e4testens seit der Reformation hinl\u00e4nglich bekannt.<\/p>\n<p>Umgekehrt ist aber auch das Fehlen von Punkten ein Problem. Etwa, wenn Diskussionen in Leitungsgremien weiter und weiter und immer weiter gehen und nie zum Ende kommen.<\/p>\n<p>Oder wenn die Stimme in Predigten nie runtergeht,\u00a0 immer oben bleibt und so eine lila Schleife bekommt. \u201ePastorales Schweben\u201c nannte das unser Rhetoriklehrer im Vikariat und hat uns dann gleich laut einen Zeitungsartikel lesen lassen: \u201eKomm zur Sache. Mach einen Punkt.\u201c Der Punkt steht so eben auch f\u00fcr die F\u00e4higkeit, sich klar zu positionieren. \u00d6ffentlich etwas zu bezeugen. Rede und Antwort zu stehen. Also, im besten Sinne \u201eprotestantisch\u201c zu sein (im Sinne des lateinischen protestari \u2013 \u00f6ffentlich f\u00fcr etwas einstehen).<\/p>\n<p>Dann gibt es da das Fragezeichen. Theologischer Ausdruck des Suchens, Zweifelns, der Anfechtung. Die Bibel beginnt mit zwei Fragen von Gott: \u201eWo bist du, Adam?\u201c und \u201eWo ist dein Bruder, Kain?\u201c Und das irdische Leben Jesu endet mit der Frage nach Gott: \u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c Dazwischen spielt sich der gesamte Glaube ab. Der Frage wohnt eine Kraft inne, welche die Antwort oft nicht mehr besitzt. Daher ist es wichtig, Gott und uns Menschen nicht zu schnell zu verstehen.<\/p>\n<p>\u201eJeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt, wenn man hinabsieht\u201c (G. B\u00fcchner), von der Tiefe Gottes ganz zu schweigen. Daf\u00fcr erscheint mir das Fragezeichen im Sinne eines tiefen, existentiellen Suchens, Ringens, Forschens schon sehr angemessen. Zeit unseres Lebens bleiben Gott und wir selbst \u201ein statu quaestionis\u201c, fragliche Wesen.<br \/>\nUmgekehrt gibt es aber auch eine narzisstische Verliebtheit in den eigenen Zweifel. Man l\u00e4sst alles offen, schwebt im M\u00f6glichen, fl\u00fcchtet sich ins sophistische Hinterfragen bzw. in ironische Brechungen. \u201eIst das so?\u201c Wenn wir etwa zu Gott, zur Theodizee, zu Liebe und Leid und Ewigkeit nicht mehr zu sagen haben, als nur zu fragen, bleibt das unbefriedigend.<\/p>\n<p>Interessant finde ich, dass Jesus in seinem irdischen Leben darauf eine eigene Antwort gegeben hat. Er hat diejenigen, denen er begegnet ist, gefragt: \u201eWas willst du, dass ich dir tue?\u201c Er hat einen wundert\u00e4tigen Glauben in seinem Gegen\u00fcber geweckt und wirken lassen. Das war seine Antwort auf die Frage des T\u00e4ufers: \u201eBist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?\u201c Er kam, sah \u2013 und half anderen: nicht zu siegen, sondern zu lieben.<\/p>\n<p>Vielleicht ist das zentralste theologische Satzzeichen aber der Gedankenstrich. Er unterbricht unser Reden und Denken. Weil das Wesen der Religion heilsame Unterbrechung ist. Er leitet einen Einschub ein, eine Parenthese. Er schafft Raum f\u00fcr das, was eigentlich zu sagen w\u00e4re \u2013 doch nicht von uns gesagt werden kann. Wo uns als Menschen oft nur beredetes, hoffendes Schweigen bleibt. Der Gedankenstrich steht f\u00fcr eine radikale Z\u00e4sur, in der Gottes Geist \u2013 wann und wo es ihm gef\u00e4llt \u2013 Intelligenz verleiht: die Gabe, zwischen den Zeichen und Zeilen zu lesen, um wirklich zu verstehen. Ein Sabbat mitten im Satz, ein orthographischer Platzhalter f\u00fcr den Auferstehungsglauben.<\/p>\n<p>Das zeigt sich exemplarisch an dem wohl \u201ewichtigsten Gedankenstrich der Bibel\u201c. Er steht in Psalm 22, Mitten in Vers 22. Jesus betet am Kreuz (nach Markus und Matth\u00e4us) den Anfang dieses Psalms: \u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c Danach folgt dann im weiteren Psalm eine einzige, lange, abgr\u00fcndige Klage: der Betende erf\u00e4hrt sich als Wurm, kein Mensch, ein Spott und Hohn der Leute, auf Gott geworfen, umringt von m\u00e4chtigen B\u00fcffeln, br\u00fcllenden L\u00f6wen, b\u00f6sen Rotten, ausgesch\u00fcttet wie Wasser, vertrocknet wie eine Scherbe, allein, ohne Helfer, mit zertrennten, durchbohrten Gliedern, im Todesstaub.<\/p>\n<p>Der Psalm bietet so die Vorlage der Passionsgeschichte: \u201eSie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.\u201c Ein Mensch im tiefsten Abgrund des Leidens, verlassen von Gott und aller Welt. Das geht den ganzen Psalm so bis zur ersten H\u00e4lfte von Vers 22. \u201eHilf mir aus dem Rachen des L\u00f6wen und vor den H\u00f6rnern der wilden Stiere.\u201c Doch dann \u2013 der Gedankenstrich \u2013\u00a0 Pause \u2013 Z\u00e4sur. \u201eDu hast mich erh\u00f6rt!\u201c Und die weitere zweite H\u00e4lfte des Psalms ist ein einziger Lobgesang des Erh\u00f6rten auf Gott: \u201eR\u00fchmet den HERRN!\u201c \u201eDich will ich preisen.\u201c \u201eIch will deinen Namen kundtun.\u201c Was damals dazwischen geschehen ist \u2013 ein priesterlicher Heilszuspruch, eine n\u00e4chtliche Gebetsh\u00f6rung, ein Heilungswunder? \u2013 wir wissen es nicht. Ob Jesus als frommer Jude im Sterben diese Hoffnung vor Augen hatte? \u2013 ich wei\u00df es nicht. Doch f\u00fcr mich ist dieser Gedankenstrich in Psalm 22, Vers 22 Inbegriff der Hoffnung auf Auferstehung. Die Nulllinie menschlichens Lebens, Handelns, Hoffens \u2013 zugleich die Baseline f\u00fcr Gottes Wunder. Wo wir nichts mehr zu sagen wissen, beginnt Gott heilsam zu wirken.<\/p>\n<p>Wenn einem dies widerf\u00e4hrt, bleibt nur Dank, Staunen \u2013 und Ausrufezeichen!<\/p>\n<p>\u201eDu hast uns erl\u00f6st, du treuer Gott!\u201c Amen! Ausrufezeichen!<\/p>\n<hr \/>\n<p>Weitere Texte: www.glauben-denken.de<\/p>\n<p>Als B\u00fccher: https:\/\/praesesblog.ekir.de\/inhalt\/theologische-impulse-als-buecher<\/p>\n<p>Kontakt: praeses@ekir.de<\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Punkt, Komma, Strich \u2013 eine kleine theologische Orthographie Zeichensetzung kann Leben retten. 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