{"id":25975,"date":"2024-07-21T17:16:43","date_gmt":"2024-07-21T15:16:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.evkirche-roesrath.de\/?p=25975"},"modified":"2024-08-05T08:32:51","modified_gmt":"2024-08-05T06:32:51","slug":"theologischer-impuls","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.evkirche-roesrath.de\/index.php\/2024\/07\/21\/theologischer-impuls\/","title":{"rendered":"Theologischer Impuls"},"content":{"rendered":"<h2>Dies ist kein Liebeslied \u2013 1. Kor 13 im Horizont sexualisierter Gewalt<\/h2>\n<p>Dies ist kein Liebeslied. \u201eWenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und h\u00e4tte der Liebe nicht, &#8230;\u201c Ich wei\u00df nicht, wie oft Sie, wie oft ich diese Verse aus 1. Kor 13 schon geh\u00f6rt habe(n): bei Hochzeiten, in Predigten, als Lesungen \u2013 und wie oft ich schon \u00fcber sie gepredigt habe, nicht nur Brautleuten:<\/p>\n<ul>\n<li>dass die Liebe unerl\u00e4sslich ist, eine \u201aconditio sine qua non\u2018 von allem anderen, von meinem Reden, Glauben, Tun (V. 1-3), der \u201ebessere Weg\u201c (12,31), die Grundlage aller anderen Gnadengaben (Charismen);<\/li>\n<li>dass die Liebe selbst ein hochdynamisches Geschehen ist (V. 4-7), ein Tun und Werden, kein Sein, etwas, das sich kaum fassen, nur umkreisen l\u00e4sst \u2013 wie hier per via negationis, mit insgesamt 15 Verben;<\/li>\n<li>dass die Liebe unverg\u00e4nglich ist (V. 8-13), ein St\u00fcck der Vollkommenheit Gottes in der verg\u00e4nglichen Welt, der H\u00f6hepunkt in der Klimax der drei Ewigkeitsgaben von Glaube, Hoffnung, Liebe;<\/li>\n<li>dass bei der oft diffus-konfusen Liebesrede binnenzudifferenzieren ist zwischen leidenschaftlich sexuellem Begehren (Eros), freundschaftlicher Beziehung (Philia) und liebender Selbsthinwendung (Agape);<\/li>\n<li>dass es das dreifache Liebesgebot gibt \u2013 gegen\u00fcber Gott, meinem N\u00e4chsten und mir selbst \u2013 und dass Gott als die Liebe selbst dabei die Bedingung der M\u00f6glichkeit all unseres menschlichen Liebens ist.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Alles richtig und wichtig und gut. Doch vielleicht habe ich all das zu oft geh\u00f6rt und selbst gesprochen \u2013 angesichts dessen, was geschehen ist und geschieht: auch in unserer Kirche, in der Gemeinde derer, die im Lichte dieser Liebe Gottes leben. Stimmt es wirklich, was in den Versen alles von der Liebe gesagt wird? Ist es nicht gerade so, dass Gott, alias die eine, allumfassende Liebe, eben nicht alles ertr\u00e4gt, nicht alles glaubt, alles hofft, alles erduldet?<\/p>\n<p>Nein, Gottes Liebe ist keineswegs nur immer langm\u00fctig und freundlich. Nein, sie eifert vielmehr und brennt angesichts dessen, was Menschen erleiden mussten, wie Glaube, Kirche, Gott missbraucht werden, um ihnen Gewalt anzutun \u2013 mitten in unseren Gemeinden. Ich glaube, dass Gott, alias die eine, allumfassende Liebe, die Schnauze voll und \u00fcberhaupt genug hat, wie all dies jahrzehntelang verheimlicht wurde, wie wir es nicht wahrhaben wollten, dass Menschen mit ihrem Leid alleine geblieben sind. \u201eNein. Das kann nicht sein. Nicht N.N. Der ist so ein charismatischer Chorleiter, K\u00fcster, Presbyter, Jugendmitarbeiter, Pfarrer oder Lehrer.\u201c Wir schwiegen, wo wir h\u00e4tten reden sollen. Und wo wir schweigen sollten, reden wir und reden und reden. Pastorale Deutungsmacht. Dies ist kein Liebeslied.<\/p>\n<p>Wir haben in unseren Gemeinden Liebe mit Harmonie verwechselt. Der Wunsch nach einem kirchlichen Bullerb\u00fc, so hat es eine Betroffene von sexualisierter Gewalt beschrieben, hat uns blind gemacht. Idealisiertes Selbstbild. Die Unf\u00e4higkeit, Schuld klar zu benennen und mit ihr umzugehen. Vergebung ohne wirkliche Bu\u00dfe. Und immer wieder Worte und noch mehr Worte \u2013 15 Verben \u2013 statt Taten. \u201eSie ertr\u00e4gt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.\u201c Nein, das hat nichts mit Liebe zu tun, wenn Grenzen verletzt, Macht ausgenutzt, Abh\u00e4ngigkeiten geschaffen werden \u2013 auch wenn T\u00e4ter dies Betroffenen oft zu vermitteln suchen. Und es hat nichts mit Liebe zu tun, wenn Gewalt danach von anderen ignoriert bzw. kaschiert, T\u00e4ter und Betroffene verwechselt werden, wenn die Wahrheit verschleiert wird \u2013 wie \u201edurch einen Spiegel in einem dunklen Bild\u201c. \u201eSie rechnet das B\u00f6se nicht zu.\u201c Doch, das muss sie \u2013 weil es um Verantwortung geht. \u201eSie freut sich aber an der Wahrheit.\u201c Ja, das tut die Liebe. Und darum braucht es Aufkl\u00e4rung dort, wo Missbrauch und sexualisierte Gewalt geschehen sind. Weil Betroffene ein Anrecht darauf haben. Weil nur so neuer Missbrauch verhindert werden kann. Weil es das Schweigen auch f\u00fcr andere bricht und das Tabu gel\u00f6st wird, \u00fcber solche Taten nicht zu sprechen. Dies ist kein Liebeslied.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt auf, dass in 1. Kor 13 recht unvermittelt vom Kindsein die Rede ist: \u201eAls ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.\u201c Was sagt das aus \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Liebe und Erkenntnis und \u00fcber den Umgang mit Grenzen? Nein, Kinder, auch Jugendliche k\u00f6nnen nicht immer begreifen, was ihnen geschieht, was Liebe ist und was nicht, wo sexualisierte Gewalt beginnt. Deshalb gibt es das Gebot der Zur\u00fcckhaltung, der Abstinenz. Deshalb sind sie besonders zu sch\u00fctzen. Denn f\u00fcr Betroffene gilt eben nicht, dass sie als Erwachsene abtun konnten, was ihnen als Kind geschehen ist. Oft wurde der Schmerz vielmehr tief in der Seele eingekapselt, weil er sonst nicht auszuhalten war. \u201eDie Zeit heilt keineswegs alle Wunden.\u201c So der Titel der Handreichung in der Evangelischen Kirche im Rheinland zum Thema aus dem Jahr 2012.<\/p>\n<p>Sexualisierte Gewalt ist viel verbreiteter in unseren Familien, Vereinen, Schulen, Ch\u00f6ren und in unseren Gemeinden, als fr\u00fcher oft gedacht. Angesichts dessen ist es wichtig, Texte wie 1. Kor 13 neu zu lesen. Etwa die lange Liste der Dinge, die Liebe nicht tut: Liebe verletzt nicht die k\u00f6rperlichen und seelischen Grenzen anderer. Liebe missbraucht keine Macht. Liebe stellt sich nicht blind, wo anderen Unrecht geschieht. Liebe steht nicht f\u00fcr billige Gnade. Die via negationis als notwendiges Korrektiv, weil Liebe und Gott zu den am h\u00e4ufigsten missbrauchten Worten geh\u00f6ren, in deren Namen anderen Unrecht getan wurde und wird.<\/p>\n<p>Wenn kein Liebeslied, was ist es dann? Vielleicht eine kritische Checkliste, um uns vor Liebeskitsch zu h\u00fcten, gerade auch theologischem. Um zu erkennen, wo die Grenzen unseres Liebens sind. Dass Gottes Liebe und unser Lieben zu unterscheiden sind wie Himmel und Erde. Und um uns ehrlich zu machen im Blick auf die Wirklichkeit von sexualisierter Gewalt auch in unserer Kirche. Damit unser Reden eben nicht zum t\u00f6nenden Erz oder zur klingenden Schelle f\u00fcr andere wird. Damit unser Glaube und helfendes Handeln nicht hohl werden. Davor beh\u00fcte uns Gott als die eine, allumfassende Liebe.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Weitere Texte: www.glauben-denken.de<\/p>\n<p>Als B\u00fccher: https:\/\/praesesblog.ekir.de\/inhalt\/theologische-impulse-als-buecher<\/p>\n<p>Kontakt: praeses@ekir.de<\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies ist kein Liebeslied \u2013 1. 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