{"id":25631,"date":"2024-05-19T09:07:47","date_gmt":"2024-05-19T07:07:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.evkirche-roesrath.de\/?p=25631"},"modified":"2024-05-24T13:44:47","modified_gmt":"2024-05-24T11:44:47","slug":"pfingsten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.evkirche-roesrath.de\/index.php\/2024\/05\/19\/pfingsten\/","title":{"rendered":"Ein Blick auf Pfingsten"},"content":{"rendered":"<h2>Auferstehen hier und jetzt \u2013 ein anderer Blick auf Pfingsten<\/h2>\n<p>Ich liebe ja Pfingsten. Es ist Mai. Das Wetter ist sch\u00f6n \u2013 meistens zumindest. Gottesdienste und Gemeindefeste finden oft im Gr\u00fcnen statt. Wir feiern den Geburtstag der Kirche. Gottes Geist kommt wie Feuerflammen auf die J\u00fcnger\/innen. Sie sprechen in anderen Sprachen, verstehen einander pl\u00f6tzlich. Pfingsten \u2013 das ist Inspiration, Geisteskraft, Empowerment, Leidenschaft, Aufbruch, Energie, Trotzkraft, Hoffnung, Zuversicht. Ein bisschen wie ein ESC der ersten Christenheit. Mit B\u00fchnenshow und V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung: \u201eParther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Jud\u00e4a und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia Phrygien und Pamphylien, \u00c4gypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und R\u00f6mer, die bei uns wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir h\u00f6ren sie in unsern Sprachen die gro\u00dfen Taten Gottes verk\u00fcnden.\u201c Wow!<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich l\u00e4sst sich jetzt mit Brecht rein finanziell einwenden: \u201ePfingsten sind die Geschenke am geringsten.\u201c Okay. Aber Pfingsten ist ja eben bewusst auch nicht materialistisch. Es geht um Geist, Gottes Geist. Gott schenkt sich uns in seinem Geist \u2013 und uns einander durch seinen Geist. Pfingsten ist pfiffig, pfundig, geistbeseelt. Das Power-Fest im Kirchenjahr. Ich liebe es.<\/p>\n<p>Doch \u2013 es gibt noch eine ganz andere Seite von Pfingsten. Eine, die f\u00fcr unsere Zeit mit ihrer Dauer-Poly-Krise neu von Bedeutung ist. Dabei geht es um die Verarbeitung von Trauer, Verlust, Traumata. Um dunkle, schwere Erfahrungen:<\/p>\n<ul>\n<li>Wenn eben kein Geist mehr da ist. Kein Leben, keine Kraft.<\/li>\n<li>Wenn alles erstirbt, selbst der letzte Funken Hoffnung, es k\u00f6nnte einmal wieder anders werden.<\/li>\n<li>Wenn selbst vom eigenen K\u00f6rper nur noch das Gerippe bleibt. Nicht mal Haut, nur noch Knochen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ein solch anderen Blick auf Pfingsten bietet die Geschichte in Hesekiel 37 (es lohnt, sie einmal ganz zu lesen). Hesekiel schreibt hier in eindr\u00fccklichen, heftigen Bildern von einer traumatischen Erfahrung fast wie bei einem Albtraum: Gottes Geist f\u00fchrt ihn \u00fcber ein Totenfeld. Verdorrte Knochen, soweit das Auge reicht. Wenig pfingstliche Maigef\u00fchle, sehr materiell und sehr trostlos. Bilder, wie wir sie von den Kriegsschaupl\u00e4tzen unserer Tage kennen. Aus zerst\u00f6rten D\u00f6rfern und St\u00e4dten in der Ukraine, in Syrien, Myanmar, Afghanistan, im Kongo, Jemen, in Israel und Pal\u00e4stina. Von Orten, wo ein ganzes Volk seine Kraft und Hoffnung verliert. Wo nichts mehr ist als Tod und Verw\u00fcstung. Orte traumatischer Erfahrungen. Bilder, die ich am liebsten gar nicht sehen w\u00fcrde und denen ich doch nicht ausweichen kann, die mich nicht loslassen.<\/p>\n<p>Dann beginnt der Geist zu Hesekiel zu reden: \u201eDu Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden?\u201c Was soll und kann ein Mensch dazu sagen? Die harte Wirklichkeit des Todes vor Augen. Die Frage des Geistes Gottes im Ohr. Hesekiels Antwort ist ausweichend, so wie es Theolog\/innen mitunter gerne tun. Es gibt Zeiten, da verschl\u00e4gt es selbst dem Propheten die Worte.<\/p>\n<p>Und wenn ich ehrlich bin, geht es mir bei vielen Nachrichten oft wie Hesekiel. \u201eDu Menschenkind, meinst du wohl, dass aus all den Kriegen, der Klimakrise und den Katastrophen wieder Gutes entstehen kann?\u201c Und dann stehe ich da und wei\u00df auch nichts zu antworten. Rede mich raus mit frommen Formeln: \u201eGott h\u00e4lt uns alle in seiner Hand. Die Liebe ist st\u00e4rker als der Tod. Christus steht an der Seite der Leidenden.\u201c Alles fromm und richtig und doch irgendwie leer. \u201eUnd ich spreche: \u201eHerr, mein Gott, du wei\u00dft es.\u201c \u201eGott, ich habe keine Ahnung. Keine Hoffnung. Nichts, was ich irgendwie sagen oder beitragen k\u00f6nnte. Du, Gott, bist alles, was noch bleibt, um nicht v\u00f6llig zu verzweifeln. Auch, wenn ich nicht wei\u00df, was, wann, wie, warum.\u201c<\/p>\n<p>Doch dann, dann beginnt eine der wohl st\u00e4rksten Hoffnungs- und Verwandlungsgeschichten der ganzen Bibel. Hesekiel, der zweifelnde, traumatisierte, sprachlose Propheten, wird zum geisterf\u00fcllten Boten Gottes. Er beginnt im Auftrag Gottes zu reden. Und das Totenfeld steht auf und wird zu einem neuen Volk Israel.<br \/>\nEs geschieht langsam, Schritt f\u00fcr Schritt. Drei Anl\u00e4ufe braucht es, bis die wundervolle Verwandlung geschieht.<\/p>\n<ul>\n<li>Erst spricht Hesekiel zu den Knochen \u2013 und sie bekommen neu Sehnen, Fleisch und Haut.<\/li>\n<li>Dann spricht Hesekiel zu dem Wind, dem Odem \u2013 und die K\u00f6rper werden neu beseelt und mit Leben erf\u00fcllt.<\/li>\n<li>Und schlie\u00dflich spricht Hesekiel zum Volk Israel im Exil \u2013 auf dass sie auferstehen: mitten im Leben zu neuem Leben.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Geschichte ist erz\u00e4hlt wie die Sch\u00f6pfung am Anfang der Bibel. Hier wie dort spricht Gott \u2013 und siehe: es geschieht. Hier wie dort ist es Gottes Geist, der \u00fcber dem Dunklen schwebt. Dort \u00fcber der Finsternis, hier \u00fcber dem Totenfeld. Hier wie dort entsteht erst durch den Odem aus der toten Materie neues Leben. Die Sch\u00f6pfungsgeschichte stammt aus derselben Zeit wie der Prophet Hesekiel und auch sie ist erz\u00e4hlt, um dem Volk Israel im Exil neue Hoffnung und Halt zu geben.<br \/>\nDer entscheidende Unterschied ist jedoch die Rolle des Propheten: Hesekiel wird gleichsam zum Mitsch\u00f6pfer Gottes. Er spricht aus, was der Geist ihm sagt. Und siehe: es geschieht. Die Gebeine bekommen Sehnen, Fleisch und Haut. Die K\u00f6rper bekommen eine Seele. Das Volk Israel bekommt neue Hoffnung.<\/p>\n<p>Darum geht es an Pfingsten. Es geht um nicht weniger als um Auferstehung mitten im Leben. Und es geht darum, dass wir durch Gottes Geist daran mitwirken.<br \/>\nBei Auferstehung denken wir ja meist an die Zeit nach dem Tod. Irgendwann, dereinst, am j\u00fcngsten Tag, jenseits all unserer Erfahrung. Das ist wichtig und tr\u00f6stlich. Dass der Tod nicht das Letzte ist. Aber es ist eben auch sehr weit weg. Oft f\u00e4llt es dagegen viel schwerer, an die Auferstehung im Hier und Jetzt zu glauben, in meinem Leben, in unserer Gesellschaft.<\/p>\n<p>\u201eDu Menschenkind, meinst du wohl, dass aus all dem Schlamassel Deines Lebens, dieser Gesellschaft wieder Leben entstehen kann?\u201c<br \/>\nDas ist gef\u00e4hrlich unmittelbar. Doch so ist das mit Glaube, Liebe, Hoffnung: Sie werden erst spannend, wenn es konkret wird.<br \/>\nGenau das geschieht an Pfingsten. Gottes Liebe wird konkret. In mir. In Dir. In uns. Durch seinen Geist: \u201eGeh hin und sprich zu den Einsamen, dass sie nicht alleine sind.<\/p>\n<ul>\n<li>Zu den Fl\u00fcchtlingen, dass sie bei uns Heimat haben.<\/li>\n<li>Zu den Armen, dass wir mit ihnen teilen.<\/li>\n<li>Zu denen, die alle Hoffnung verloren haben, dass es gut wird.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Und werde selbst Teil von Gottes neuer Sch\u00f6pfung. Durch Gottes Geist.\u201c<\/p>\n<p>Ich liebe Pfingsten. Das Powerfest im Kirchenjahr. Weil es eben mehr ist als eine gute Laune-ESC-Party. Das Pfingstfest hilft mir, an Wunder zu glauben. Dem Wunder, dass unsere Welt anders werden kann. Dass ich selbst anders leben kann. Dass es Hoffnung gibt wider all meine Hoffnungslosigkeit. Dass Gott in uns ist und uns mit all unserem Schlamassel nicht alleine l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr kann ich dann auch gerne auf dicke Geschenke verzichten.<\/p>\n<p>Ihnen ein gesegnetes Pfingstfest!<\/p>\n<p>Theologische Impulse (139) von Pr\u00e4ses Dr. Thorsten Latzel<\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auferstehen hier und jetzt \u2013 ein anderer Blick auf Pfingsten Ich liebe ja Pfingsten. Es ist Mai. Das Wetter ist sch\u00f6n \u2013 meistens zumindest. 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