Leserbriefe zum Gemeindebrief

Der Artikel „Wie politisch darf Kirche sein“ wurde in der Ausgabe 2/2020 unseres Gemeindebriefs veröffentlicht. Autor Wolfgang Knupper hat den Beitrag nach dem Prinzip von Für und Wider der Argumente geschrieben. Daraufhin erhielt die Redaktion einen Leserbrief von Wolfgang Wasser zu diesem Thema, den wir hier gerne veröffentlichen. Wir legen Wert auf die Feststellung, dass Leserbriefe nicht in jedem Fall die Meinung der Redaktion widerspiegeln.

Herr Knupper beantwortet die Frage, wie politisch Kirche sein dürfe, schon zu Beginn seines fünfseitigen(!) Artikels mit einem eindeutigen „Gar nicht“ und begründet dies mit der Rolle der Kirche im Nationalsozialismus: Nie wieder solle Kirche „die Propagandaabteilung des Staates“ sein. Sollte die evangelische Kirche, weil sie sich mehrheitlich in den Dienst der Nazidiktatur stellte, fortan unpolitisch sein? Knupper unterscheidet von einer politischen Kirche die „politische
Einmischung“ der Kirche in die Politik. Aber auch diese begriffliche Einengung ist Knupper suspekt in Anbetracht einer in seinen Augen „überbetonten Einmischung der Kirche in staatliche Belange“. In seinen folgenden Ausführungen wird deutlich, weshalb Knupper diese „Einmischungen“ als „überbetont“ empfindet, betreffen sie doch offensichtlich gesellschaftliche Bereiche und Themen, mit denen er selber andere – politische – Vorstellungen verbindet. Er verkündet diese Vorstellungen allerdings häufig in der ersten Person Plural. Wer verbirgt sich hinter diesem „Wir“ des Autors? Die gesamte Redaktion des Gemeindebriefes kann nicht gemeint sein, denn sowohl Ulrich Brodersen wie auch vor allem Pfarrer Thomas Rusch kommen in ihren vergleichsweise kurzen Beiträgen zu anderen Antworten auf die gestellte Themafrage. Der EKD-Präsident Bedford-Strohm scheint auf keinen Fall zu Knuppers Wir-Gemeinschaft zu gehören, sieht sich dieser doch mehrfach harscher Kritik des Autors ausgesetzt. Bedford-Strohms Aufruf zu politischem Engagement hat laut Knupper zur Folge, dass sich die Kirche zwangsläufig in parteipolitische Auseinandersetzungen begebe und damit ihre Unabhängigkeit gefährde. Eine Schlussfolgerung, die sich mir nicht erschließt.
Im Folgenden möchte ich auf nur einige weitere Textstellen eingehen, aus denen eine für mich befremdliche Tendenz spricht, die aber wohl Herrn Knuppers politische Einstellung verdeutlichen und die er sich offenbar für die Gesamtheit der evangelischen Kirche wünscht.
Seinen Abscheu vor ökologischen Forderungen, denen sich PfarrerInnen oder Gemeinden anschließen, tut er kund, indem er kirchliches Engagement mit einem polemischen – und parteipolitisch ausgerichteten – Zitat des konservativ-neoliberalen Chefredakteurs der WELT, Ulf Poschardt, kontert. In diesem Zusammenhang behauptet Knupper: „Die Grenze einer kirchlichen Aktivität oder Predigt sollte dort sein, wo eine erkennbare Mehrheit der Kirchenmitglieder dagegen ist.“ Welche „Mehrheit“ meint er? Sollen PfarrerInnen vor einer gesellschaftskritischen Predigt – zum Beispiel zum Klimawandel – vorher eine Mitgliederbefragung starten, um einen Mehrheitswillen auszuloten. Sollten die Seelsorger, statt zweifelhaften Mehrheiten im „Kirchenvolk“ nach dem Munde zu reden, nicht vielmehr der Stimme ihres von Christus beeinflussten Gewissens folgen und das sagen und tun, was sie für wichtig, richtig – christlich halten?
Interessant auch Knuppers Argumentation in Sachen Seenotrettung von Flüchtlingen. Zwar hält auch er die Rettung von Menschen aus Seenot für „Menschenpflicht“. Gleichzeitig missbilligt er aber die Anwesenheit von NGO-Schiffen im Mittelmeer wegen eines möglichen Anreizes für kriminelle Schlepper. Also: Ja, Menschen müssen gerettet werden; aber bitte keine Schiffe entsenden, die diese Rettung bewerkstelligen können. Knuppers Aussagen gipfeln an dieser Stelle in einer polemisch vereinfachenden Bemerkung, der Kirchenpräsident als Initiator des Baues eines Seenotrettungsschiffes stelle sich – ungewollt – „in den Dienst habgieriger Krimineller“. Und belegt das mit der höchst umstrittenen Behauptung, die Bereitschaft zur Rettung schiffbrüchiger im Mittelmeer fördere massiv den Zustrom Flüchtender aus Afrika. Herr Knupper verliert dabei kein Wort über die tatsächlichen und unzweifelhaften Ursachen und Erscheinungsformen der Nöte, denen die verzweifelten Flüchtenden in ihren Herkunftsländern ausgesetzt sind. Nöte, für die unsere christlichen Gesellschaften durchaus eine nicht geringe Mitschuld tragen.
Ein weiterer politischer Dorn im kirchlichen Auge von Herrn Knupper ist das sogenannte Kirchenasyl, das er als Missbrauch des in der Verfassung vorgesehenen Widerstandsrechts betrachtet. Der ehemalige Verfassungsrichter Michael Bertrams dagegen hält das Kirchenasyl in Härtefällen durchaus für berechtigt. Die Duldungsvereinbarung zwischen den Kirchen und der Bundesregierung aus dem Jahr 2015 habe sich bewährt. Bertrams sieht die Kirchen im Rahmen der grundgesetzlichen Glaubens- und Gewissensfreiheit in Verbindung mit ihrem kirchlichen Selbstbestimmungsrecht zur Gewährung von Kirchenasyl befugt und betont: „Ein Widerstandsrecht gegen den Staat leiten die Kirchen daraus nicht ab.“ Das Kirchenasyl solle vielmehr „eine neue Gesprächssituation zwischen dem Staat und den in Obhut genommenen Flüchtlingen herbeiführen, begleitet von der Kirche.“ (Kölner Stadtanzeiger 14.01.2018)

Herr Knupper fordert eine „unparteiliche“ Kirche. Auch meiner Ansicht nach sollte Kirche keine Parteipolitik betreiben, indem sie beispielsweise konkrete Wahlempfehlungen ausspricht. Aber sie sollte nicht auf politische Einmischung durch Schreiben, Sprechen und Handeln verzichten, nur weil Themen und Argumente auch in Programmen politischer Parteien stehen. Auch einige von Herrn Knuppers erkennbar gewordenen Meinungen sind in parteipolitischen Kontexten verortbar. Trotzdem hat er nicht darauf verzichtet, sie zu artikulieren.

Ich kann Bedford-Strohms Forderung in Bezug auf Dietrich Bonhoeffer – im Gegensatz zu Herrn Knupper – nur unterstreichen: „Wer fromm ist, muss politisch sein.“ Knuppers Widerspruch zu dieser These mit dem Argument, Bonhoeffer habe die Forderung schließlich im NS-Kerker erhoben, während Bedford-Strohm in einem demokratischen Rechtsstaat als Abgeordneter politisch tätig sein könne, ist in meinen Augen blanker Zynismus.

Pfarrerin Erika Juckel fordert in ihrem „Geistlichen Wort“ im selben Gemeindebrief: „Auch in unserem demokratischen Land sollte die Kirche
immer wieder an unsere Verantwortung für Gerechtigkeit, Frieden und
Bewahrung der Schöpfung erinnern.“ Was anderes impliziert eine solche Forderung, als – auch – „politisches Einmischen“ und ja, letztlich ein „politisch Sein“ der Kirche?