11. MoGoGo

Mit dem Feuerstuhl zum MoGoGo
Am 22.5.16 war es wieder soweit: der 11. Motorrad-Gospel-Gottesdienst stand in Volberg auf dem Programm.

Schon tagelang vorher hatte ich mein Töff Töff geölt und gewienert, bis alle Chromteile blitzten und es schnurrte, wie ein Kätzchen. Sonntagmorgens warf ich mich dann endlich in meine schwarze Kluft und stieg vor die Eisen. Ganz gemütlich cruiste ich los, wusste ich doch spätestens seit dem letzten Gemeindebrief, dass alle evangelischen Kirchen in Rösrath barrierefrei zu erreichen sind. Einen kleinen Zeitpuffer hatte ich mir aber eingebaut, weil ich die letzte Strassenetappe, die mit Kopfsteinpflaster ausgelegt ist und ziemlich steil bergan führt, kenne. Das stufenlose Tor im Zaun ist nämlich das am höchsten gelegene. Natürlich kein Problem für meinen heißen Ofen, nur mein rechter Fuß hat an dieser Stelle immer zu kämpfen und bremst mich erfahrungsgemäß dort aus.
Meine Kiste wird nicht mit 100 Pferdestärken sondern nachhaltig mit reiner Frauenpower betrieben, daher summte ich mir unterwegs schon aufmunternd zu: “Lord walk, walk with me!“
Als ich das Tor – auf Grund meines Zeitvorteils in Pole Position – passierte, jubelte alles in mir: „Ride on, King Jesus! No man cana hinder me!“ Auch nicht die Stufen des vis-à-vis gelegenen Eingangsportals! Wusste ich doch, dass ich auf der Rückseite der Kirche völlig ohne Hindernis ins Ziel rollen konnte.
„I will follow him, follow him wherever he may go!” summte ich, als ich mich in die lange Serpentine legte, die zur Rückfront der Kirche führte. „There isn’t an ocean too deep, a mountain so high it can keep, keep me away, away from his love!“ triumphierte es in mir, als ich, kurz Atem schöpfend, im Portal innehielt, um mich für die nächste Etappe zu orientieren. Der direkte Weg war wieder nicht befahrbar. Macht nichts, es stellte sich heraus, dass auch andere an diesem Tag nur über Umwege die Kirche erreichen konnten, sogar – genau wie ich – ihre Schüssel schieben mussten, sei es auch aus anderen Gründen, wie z.B. einem leeren Tank. Ich war nicht allein! „Come on everybody!“
Ich legte mich in die letzte lange Kurve durch das gesamte hintere Kirchenschiff, parkte meinen Rollator an der Hochkanzel ein und begab mich vorne rechts auf meinen Platz im Alt des Gospelchores.
Die wohlvertrauten, alten Holzbänke gaben mir wieder Halt, die Melodien unserer Gospel schon beim Einsingen neuen Schwung und Pfarrer Rusch in seiner Predigt eine neue Idee. Während ich mir unterwegs Gedanken gemacht hatte, ob es zur Zeit der Bibel wohl schon wirklich barrierefreie Kirchen gab, hatte er dort nach Motorrädern geforscht. Und brachte humorvoll Eliahs Feuerstuhl ins Gespräch. Ein einprägsames Bild für das Zurücklassen von Stress und Alltag und das Gefühl von Freiheit und Abenteuer, das Biker auf ihren Touren erleben.
Aber „Feuerstuhl“, das schien mir auch für mein Töff Töff sympathischer als „Rollator“. OK, das Gefühl von Freiheit und Abenteuer stellt sich beim Anblick oder Gebrauch dieses Mobils nicht automatisch ein. Aber es schenkt mir – gefühlsunabhängig – ein Stück echte Freiheit: die Freiheit überhaupt gehen zu können. (Sogar Kopfsteinpflaster am Berg! 😉 ) Und die Freiheit, mich setzen zu können, wenn es mal wieder brenzlig wird und die Beine nicht mehr können.
Und je nachdem, in welcher Gesellschaft man sich bewegt, fühlt man sich damit wirklich wie auf einem heißen Stuhl, wenn feurige Blicke einen fragend durchbohren.
Ab sofort fahre ich Feuerstuhl, nicht mehr Rollator!
Danke Pfarrer Rusch (oder Eliah?) für diese Idee.

Fröhlich und noch voller Musik überlegte ich mir am Ende des Gottesdienstes, ob ich mich wieder auf den langen, barrierefreien Weg mache, als mir eine liebe Mitsängerin anbot, meinen „Feuerstuhl“ die Stufen vom Hauptportal herunterzutragen. „Allelujah!“

Vielleicht sucht man den Begriff der Barrierefreiheit vergeblich in der Bibel. Aber der in diesem uralten Buch häufig vorkommende, zentrale Wert der Nächstenliebe befeuert auch heute noch Menschen, anderen Hindernisse aus dem Weg zu räumen.
Uta Schirin Kallenbach