Theologischer Impuls

Himmel und Hölle – Gibt es die wirklich und, wenn ja, wo?

„Hier liegt N.N. begraben – er ist nicht hier.“ Der Pfarrer aus meinen Kindertagen meinte, dieser Satz sollte auf jedem Grabstein stehen. Der Gedanke ist mir hängengeblieben. Er beschreibt gut eine Spannung, die ich im Umgang mit Verstorbenen erfahre: Ich brauche Orte, an denen ich ihrer gedenken kann. Orte, um zu trauern, zu weinen, zu klagen, um Gespräche mit ihnen zu führen, stille zu sein, an sie zu denken. „Lücken-Orte“ ihrer gegenwärtigen Abwesenheit. An denen ihre sterblichen Überreste begraben liegen. Zugleich weiß ich, dass „sie“ nicht hier sind. Ja, ich glaube, hoffe sogar, dass sie es nicht sind. Womit sich natürlich die Frage stellt: Wo sind sie dann?

In dieser Woche feiern wir Christi Himmelfahrt. Jesus Christus war der Erste, dessen Grab mit diesem Satz verbunden ist: „Er ist nicht hier.“ Die Auskunft des Engels an die Frauen, als sie kommen und ihn salben wollten. Mit Himmelfahrt endet die vierzigtägige Zeit, in der nach Lukas der Auferstandene den Jüngerinnen und Jüngern erschienen ist (Apg 1,3). Dann – so heißt es weiter – „wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf, weg vor ihren Augen.“ (1,9) Damit wäre zumindest klar, wo Jesus Christus ist: im Himmel. Wo auch sonst, will man meinen.

Doch nimmt man es genau, ist dies nur die halbe Geschichte. Jesus Christus fährt in den Himmel – und vorher in das „Reich des Todes“, in die Finsternis, die Schattenwelt. So bekennen wir es im Glaubensbekenntnis: „hinabgestiegen in das Reich des Todes“. Lateinisch: „descendit ad infernas“ – wörtlich „hinabgestiegen zu den Untersten“. Eigentlich müssten wir daher in dieser Woche die „Höllen- und Himmelfahrt Christi“ feiern. Das mag zunächst etwas seltsam anmuten. Tatsächlich spielt diese doppelte Reise Christi eine große Rolle und wird etwa auf orthodoxen Christus-Ikonen besonders betont. Denn dadurch verwandeln sich alle drei „Räume“, die wir als „Himmel“, „Hölle“ und „Erde“ bezeichnen.

Zunächst zur „Hölle“, genauer gesagt, dem Totenreich, der Schattenwelt, hebräisch der Scheol: Es ist ein Bereich, der vom Leben abgeschnitten ist. Die Finsternis, die Gottesferne. Indem Jesus Christus dorthin hinabfährt, wird ein Doppeltes gesagt: Er ist wirklich gestorben. Es ist der tiefste Punkt, an den er sinken kann. Doch zugleich verändert sich dieser Raum durch Jesus Christus. In Christus kommt Gott selbst in die Gottesferne. Damit bricht das Schattenreich in sich zusammen. Der Tod verschlingt in Christus den Schöpfer allen Lebens und verschluckt sich daran. Das heißt: Für Menschen, die an Christus glauben, gibt es keinen Bereich, an dem sie von Gott getrennt sind. Weil Christus selbst im tiefsten Schattenreich an ihrer Seite ist. Das Totenreich hört auf, ein Raum der Gottesferne und Finsternis zu sein. In Christus implodiert die „Hölle“.

Dann zum Himmel, genauer gesagt, dem Reich Gottes. Indem Jesus Christus dorthin fährt, wissen wir: Er hält uns einen Platz frei. Das machen erstgeborene Brüder so. Der Heidelberger Katechismus fragt in einer eindrücklichen Weise „Was nützt uns die Himmelfahrt?“ Dann entfaltet er diesen „Nutzen“ umfassend und sehr schön so: „Erstens: Er ist im Himmel vor dem Angesicht seines Vaters unser Fürsprecher. Zweitens: Wir haben durch unseren Bruder Jesus Christus im Himmel die Gewissheit, dass er als das Haupt uns, seine Glieder, auch zu sich nehmen wird. Drittens: Er, sitzend zur Rechten Gottes, sendet seinen Geist zu uns, der uns die Kraft gibt, zu suchen, was droben ist, und nicht das, was auf Erden gilt.“ In der Himmelfahrt Christi bekommen wir so Raum in Gott selbst, werden einbezogen in das göttliche Liebesgeschehen, das wir als Trinität beschreiben.

Und schließlich zur Erde. Indem Jesus Christus in das Reich des Todes und in den Himmel fährt, gibt er uns Raum hier auf Erden. Er macht uns Raum, damit wir in seinem Geist einander zu Christinnen und Christen werden. Zu Erstgeborenen der neuen Schöpfung, zu Menschen, die das Seufzen der anderen Geschöpfe hören und heilsam für andere handeln. In Christus nimmt sich Gott selbst zurück, damit wir Raum gewinnen in ihm.

Was heißt das nun für die Frage, wo unsere Verstorbenen sind – im „Himmel“, in der „Hölle“, dem Totenreich oder wo sonst? Durch Christi Tod und Auferstehung verwandeln sich alle diese Räume.

– Das „Totenreich“ verliert seine Schrecken, weil es kein Raum mehr ist, an dem Christus nicht bei uns ist. Gott ist auch hier bei uns. Die Hölle implodiert.

– Der „Himmel“ wird zum Raum, an dem Christus schon auf uns wartet und uns einen Platz freihält. Von diesem Liebesgeschehen her, bildlich gesprochen „von oben“, wird unser Leben bestimmt.

– Und die „Erde“ wird zu dem Raum, den Christus uns lässt, damit wir in seinem Geist leben und für einander zu Christ/innen werden.

Unsere Verstorbenen sind in Christus, geborgen in Gott. Auch wenn dies in unseren Vorstellungen von Raum und Zeit nur schwer auszudrücken ist.

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