Theologischer Impuls

„The Shape of Water“ und die mystische Seite Gottes

Theologische Impulse (97) von Dr. Thorsten Latzel, Präses

Ein Ort besonderer theologischer Erkenntnis ist für mich der Kinosaal. Weil wir hier gemeinsam Geschichten lauschen: Erzählungen vom Finden, Verlieren, Versuchen, Versagen, vom ewigen Kampf zwischen Gut und Böse und von unserem eigenen Leben irgendwo da mitten drin. Die Kinos sind die Lagerfeuer unserer Zeit, auch wenn sie in der Corona-Zeit oft erloschen waren. Mitten in der Dunkelheit flackern Bilder, wie die Welt sein könnte.

Einer der religiös interessantesten Filme, die mich persönlich in der letzten Zeit beschäftigt haben, ist „The Shape of Water“ vom Regisseuer Guillermo del Toro (2017), der im Folgejahr gleich vier Oscars erhielt. Wer den religiösen Grundkonflikt in den USA, aber nicht nur dort, begreifen will, wird in dem Film fündig. In ihm wird ein Liebesmärchen erzählt, im Retro-Stil, Anfang der 60er Jahre. Elisa Esposito, eine sensible, stumme Reinigungskraft, verliebt sich in einer geheimen Forschungseinrichtung des US-amerikanischen Raumfahrtprogramms in ein gefangenes, magisches Wesen aus dem Amazonas und rettet es gemeinsamen mit ihren Freund-/innen vor dem sicheren Tod. Das Böse in der Geschichte hat die Gestalt eines weißen Protestanten: Richard Strickland, ein skrupelloser Befehlshaber. Strickland ist ein sogenannter religiöser „Suprematist“, ein tief überzeugter Anhänger von der Überlegenheit des weißen, amerikanischen Mannes als Krone der Schöpfung. Ob Behinderte, Frauen, Afroamerikaner, Russen, Chinesen – sie alle sind minderwertig in seinen Augen. Erst recht dieses fremde Wesen. Und wie in vielen Filmen so ist auch hier das Böse geschwätzig. Strickland verbreitet seine Glaubenssicht an alle, die es hören wollen oder nicht: „Das Geschöpf ist nicht wie wir ähnlich dem Herrn. Wir sind dem Herrn ähnlich, ich eher als Sie.“ Jesus als weißer US-Amerikaner. Seine gnadenlose Herrschafts- und Leistungsreligion wendet sich gegen alles Fremde und am Ende in Akten fortschreitender Selbstzerstörung gegen sich selbst. Exemplarisch dafür die Geschichte vom Tod Simsons, die er als Leitbild für sein eigenes Handeln erzählt: lieber sterben als zu versagen. Sein Glaube fußt auf einer Identität durch Abgrenzung und auf der Verdinglichung alles anderen. Das einzige, was für ihn zählt, ist die Anerkennung durch seinen General und sein petrolfarbener Cadillac.

Als Gegenbild dazu die Religiosität Elisas, eine sensible, fragile, fließende Spiritualität, die sich in vielen kleinen „Ritualen des Alltags“ ausdrückt: den Frühstückseiern beim Kochen zusehen, morgens in der Badewanne masturbieren, die sorgfältig ausgewählten Schuhe putzen, dem Lauf der Regentropfen an der Busscheibe zuschauen. Überhaupt hat das Wasser eine mystische, quasi religiöse Bedeutung im Film: Alles ist irgendwie im Fluss. Sie reinigt die männlich dominierte Forscherwelt von Blut, Urin, Schmutz, es regnet immer wieder, am Ende durchdringt Wasser den Kino-Saal, der unterhalb ihrer Wohnung liegt. Das Wasser als Ursprung (arche) von allem, Thales von Milet lässt grüßen.

Elisa steht so exemplarisch für die Religion der „Misfits“, ein anderes religiöses Selbstverständnis Amerikas, wie es auf der Inschrift der Freiheitsstatue beschrieben ist: „Give me your tired, your poor / Your huddled masses yearning to breathe free / The wretched refuse of your teeming shore“ (Emma Lazarus) Ihre Kollegin Zelda, eine Person of Color, die Elisa immer wieder solidarisch schützt, ihr unglücklich verliebter, homosexueller Nachbar Giles, mit dem sie sich alte Musicals ansieht, der jüdische Wissenschaftler Dr. Hoffstetler, der sich als russischer Spion Dimitri entpuppt: Sie alle praktizieren in den entscheidenden Momenten eine grenzüberschreitende Menschlichkeit und Feindesliebe.

Und dann natürlich das fremde Wesen. Im Film wird immer wieder die Frage gestellt, wie es eigentlich richtig bezeichnet werden kann: als Ding, Tier, Nicht-Mensch, Gottheit? Eine Form des Messias-Geheimnisses. Es stammt aus dem Amazonasgebiet, steht für die Faszination fremdreligiöser Einflüsse. In seinem Schicksal gewinnt es geradezu christushafte Züge: Es durchleidet eine Passion, besitzt wundersam heilende Kräfte. Bezeichnend, was Elisa von ihm sagt: In der Begegnung mit ihm komme sie sich nicht mehr defizitär vor, er sehe sie so, wie sie sei. Und wenn sie ihm nicht helfe, was immer er auch sei, sei sie selbst kein Mensch mehr. Eine Liebeserklärung fast wie von Maria Magdalena in Jesus Christ Superstar (I don’t know how to love him). Am Ende des Films – Achtung: Spoiler-Alarm! – werden Elisa und er sterben und auferstehen. Eine eigene Interpretation von Kreuz und Auferstehung. Hier als eine Verbindung von Selbstheilung und Verwandlung. Bis hin zu Richard Strickland, der am Ende in Abwandlung der Worte des römischen Hauptmanns unterm Kreuz sprechen wird: „Fuck. You are a god.“

Der Film führt eindrücklich die religiöse Problemgeschichte des Protestantismus vor Augen, des US-amerikanischen, aber nicht nur des dortigen. Ein religiöses Denken aus den „kirchlich glänzenden“ 50er und 60er Jahren, das zum Teil bis heute nachwirkt und mit Selbstüberhebung, Schöpfungs- und Fremdenfeindlichkeit einhergeht.

Dem gegenüber steht eine religiös mystische Haltung, wie sie dem Film zu Grunde liegt. Sie wird ganz am Ende mit dem Zitat eines religiös konnotierten Liebesgedichts noch einmal expliziert:

„Unable to perceive the shape of you,
I find you all around me.
Your presence fills my eyes with your love.
It humbles my heart,
for your are everywhere.“

Das geliebte Gegenüber, respektive Gott, dessen Form und Gestalt so unfassbar sind wie das fließende Wasser, wird von dem poetischen Ich überall gefunden. Es erfüllt seine ganze Existenz, seine Augen und Wahrnehmungsorgane mit Liebe, lässt das Herz als Zentrum der eigenen Person demütig werden – angesichts der schieren Allgegenwart Gottes. Die Herkunft des Zitats bleibt im Film bewusst offen. Manche haben sufistische Mystiker vermutet. Belegen lässt es sich nirgends. Auch die vagen Hinweise des Regisseurs Del Toro deuten eher daraufhin, dass es sich um eine freie Adaption handelt. In jedem Fall spiegelt es einen anderen, mystischen Zugang zu Gott wider, eine religiöse Haltung, die mit menschlicher Demut, Empathie für andere Geschöpfe und liebevoller Sensibilität einhergeht. Ein Zugang, in dem Ich-, Du- und All-Erfahrung ineinanderfließen, eben wie in Liebesgedichten. Dies ist zugleich eine Form, Gott zu begegnen, die auch eine andere Begegnung zwischen verschiedenen Religionen eröffnet. Die Unklarheit der Herkunft des Zitats ist insofern vielleicht nicht zufällig.

Der Film wird gerahmt von der Frage des Erzählers, wie er die Geschichte von Elisa und dem Wesen erzählen solle: „If I spoke about it, what would I tell you?“ Von der Liebe wie von der Begegnung mit Gott lässt sich wohl vielleicht am angemessensten in Form von Metaphern, Märchen und Mythen erzählen. Weil es Sprachformen sind, in denen die Grenzen des Sagbaren immer mit kommuniziert werden. Es ist zugleich die Frage an uns als Christinnen und Christen, wie wir heute sowohl personal als auch mystisch von Gott als einem unabschließbaren Prozess der Liebe (Trinität) sprechen, so dass menschliche Demut, Empathie mit allen Geschöpfen und liebevolle Sensibilität gefördert werden. Von der Erzählung des Kinos lässt sich dafür vieles lernen.


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Theologischer Impuls

Meine kleine, geliebte, idiotische Seele – oder: von der Kunst, mit sich selbst alleine zu sein

Theologische Impuls (95) von Dr. Thorsten Latzel, Präses

Letzte Woche war Fronleichnam. Einer der Lieblingsfeiertag unter evangelischen Pfarrer-/innen. Die katholischen Schwestern und Brüder feiern – und wir haben frei. Soweit so ökumenisch fein. Dummerweise war mein Corona-Schnell-Test am Morgen zuvor positiv. Also zusätzlicher PCR-Test im Testzentrum, dann zweieinhalb Tage Quarantäne. Bei schönstem Wetter, in der kleinen Dachstube meiner Zwischenwohnung in Ratingen. Persönlicher Lockdown. Mönchszelle 2.0.

Nun, mit anderen umzugehen, ist nicht immer einfach. Noch schwieriger ist es mitunter, mit sich selbst klarzukommen. Und das eine hängt mit dem anderen zusammen. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das klingt gut. Doch an manchen Tagen ist meine Seele einfach ein ziemlicher Idiot. Sorry, ist nicht persönlich gemeint. Idiot meint ja ursprünglich jemanden, der nur an das eigene denkt (griechisch idios). Und das tut meine Seele, tue ich selbst, an „idiotischen“ Tagen. Meine Seele macht sich dann klein, wird krümel-krämerisch, kreist um sich bzw. mich, als wäre mein Nabel der Nabel der Welt – und nicht einer von sieben, acht Milliarden. Wenn ich dann mit mir selbst nicht im Reinen bin, kann ich meist auch mit anderen schlechter umgehen. Schon gar nicht mit Telefon-Dauerschleifen von Testzentren („Sorry, I make you wait“).

Das Gefühl kennen wohl viele. Gerade in der Corona-Zeit wurden wir kollektiv auf einmal viel stärker mit uns selbst konfrontiert, ein nicht freiwillig gewähltes Alleinsein. Das tut auf die Dauer nicht gut. Weil wir uns selbst nicht immer die beste Gesellschaft sind. Dietrich Bonhoeffer etwa beschrieb das so: „Wer nicht allein sein kann, der hüte sich vor der Gemeinschaft. […] Wer nicht in der Gemeinschaft steht, der hüte sich vor dem Alleinsein.“ Oder die Psalmen. In ihnen ringt der Beter immer wieder mit der besorgten, ängstlichen, verzagten Stimme in seinem Inneren: „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir …“. (Psalm 42, 6a) Er fordert sie auf, ruhig, stille zu sein, anderen zu vergeben, Gott zu loben, sich an der Schöpfung bzw. sich selbst zu freuen. Doch das ist leichter gebetet als gelebt. Es fällt oft schwer, mit sich selbst gnädig zu sein. Weil es eben Dinge gibt, die ich mir selbst nicht sagen kann: „Ich liebe dich.“ „Du bist frei.“ „Ich bin bei dir.“ Solche Schlüssel-Sätze des Lebens entfalten ihre Kraft erst, wenn jemand anderes sie mir zuspricht. Als Mensch bin ich ein „exzentrisches“ Wesen: Ich habe meine Mitte außerhalb meiner selbst. Bin angewiesen darauf, dass ein anderer die fremden Wunderworte spricht, die mich erlöst, vergnügt, befreit machen. Doch ich brauche sie paradoxer Weise gerade dann, wenn kein anderer da ist, der sie spricht.

Die Kunst, mit sich selbst alleine zu sein. In den Psalmen kommt hier Gott ins Spiel. Nicht so, dass er auf einmal aus dem Nichts auftaucht und dann laut und vernehmlich sprechen würde. Kein „Theater-Gott“, kein „deus ex machina“. Aber doch so, dass der Mensch, der da spricht und mit seiner kleinen, idiotischen Seele ringt, auf einmal frei wird. Höhe, Tiefe, Weite spürt. Innerlich zu singen, zu lächeln beginnt. Oder zumindest zu schmunzeln. In der Sprache der Psalmen heißt das dann loben und klingt so: „Unsre Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netz des Vogelfängers; das Netz ist zerrissen, und wir sind frei.“ Oder: „Die Ströme sollen in die Hände klatschen und alle Berge seien fröhlich vor dem HERRN.“ (Ps 124,7; 98,8)

Gott als stilles Gegenüber verändert meine intimsten Selbstgespräche. Selbst, wenn ich ihn nicht spüre, mehr erhoffe als glaube, dass er da ist: Seine verborgene, erhoffte Gegenwart verändert mein Alleinsein. Das Gebet ist ein Möglichkeitsraum Gottes, eine Zeit, in der ich mir bewusst werde, dass er da ist, da sein könnte. Und das lässt sogar mein Sorgen-Selbst nicht unberührt.

Gott als Gegenüber, um mit mir selbst allein sein zu können. Ein Horizont der Ewigkeit, der sich auftut. Und für meine Seele öffnet sich eine Tür, um aus meinem Sorgendenken herauszutreten, mich von meiner Selbstverkrümmtheit zu lösen. Meine kleine, geliebte, idiotische Seele: sie erkennt im Horizont der Gegenwart Gottes, dass sie liebenswert, wunderschön, einmalig ist. Wie die Seele jedes Menschen, jedes Tiers. Das verändert mein Alleinsein. Weil mir in Gott die anderen, die Schöpfung auf einmal ganz nahekommen. Das Alleinsein wird zu einer Zeit tiefer Begegnung. Und die Stille erhält einen neuen Klang. Selbst in warmen Dachstuben.

Als schließlich die Mail mit dem Ergebnis des PCR-Tests kam (negativ), war das natürlich befreiend. Einfach rausgehen, Sonne, Luft, nach Hause zur Familie fahren. Aber der eigentliche Austritt aus meiner Mönchszelle hatte schon vorher begonnen. Als sich in mir etwas verändert hatte, meine Seele mit sich, Gott, dem Leben wieder im Reinen war. Auch wenn ich Telefon-Dauerschleifen weiter doof finde.

Seelen-Rillen-Wechsel

Manchmal hakts in mir
wie eine alte Platte
immer die gleiche Tonspur.
Bis es auf einmal springt.
Seelen-Rillen-Wechsel
und eine Melodie erklingt
bei der selbst mein Sorgen-Ich
lächeln muss.


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Theologischer Impuls

Fragen-Wechsel – von nervenden, drängenden und befreienden Fragen.

Theologische Impulse (94) von Dr. Thorsten Latzel, Präses

Es gibt Fragen, die können einem ziemlich auf die Nerven gehen. So geht es mir bei einer bestimmten Art von Fragen mancher Interviewer-/innen. „Lieber Herr Latzel, wie lange meinen Sie, wird es Kirche denn überhaupt noch geben? Was wollen Sie tun, um die Kirche noch zu retten?“ Nun gehört das kritische Nachfragen zu den elementaren Aufgaben von Journalist-/innen. Unerlässlich für unsere offene, demokratische Gesellschaft. Problematisch wird es für mich, wenn die Fragen einen suggestiven Charakter bekommen. Wenn sie Klischees transportieren und nicht am Verstehen, sondern am Vorführen interessiert sind. Dann wird das journalistische Aufklärungspathos zur bloßen Attitüde, hinter der sich die eigenen Vorurteile verbergen. Sprachlicher Marker dafür ist das kleine „noch“. Konkret gesagt: Kirche Jesu Christi gibt es seit 2000 Jahren. Länger als unabhängigen Journalismus. Das Christentum wächst weltweit. Und die Kirche lebt – theologisch gesprochen – aus der Zusage, dass Christus selbst bei ihr ist „bis ans Ende der Welt“ (Mt 28,20). Selbstrettungsaktion abgeblasen. Auch die Annahme, je moderner ein Mensch, desto weniger religiös sei er, ist religionssoziologisch längst überholt. Kritischer müssten mir hier die Kritiker sein. Gerade auch im Interesse der vielen kompetenten Journalist-/innen, die ich kenne: „Stellen Sie Ihre Fragen gerne noch einmal neu.“

Damit komme ich zu einer anderen Art von Fragen. Berechtigte, kritische Fragen, die relevant und drängend sind. Dazu gehört für mich: Was wird aus dieser konkreten Gestalt unserer Kirche? Wie erreichen wir Menschen mit dem Evangelium von Jesus Christus – und zwar in einem freien, offenen Glaubensverständnis? Eine Sichtweise, in der Glauben und Freiheit unbedingt zusammengehören. In der Frauen, Männer, diverse Menschen selbstverständlich gleichberechtigt sind. In der Glauben und Denken einander nicht ausschließen. In der es nicht um das private Seelenheil einiger weniger geht, sondern um das Wohl der ganzen Schöpfung. In der die eigene Identität nicht auf Kosten anderer gepflegt wird. Eine Kirche, die sich eben von Jesus Christus und seiner Botschaft der unbedingten Annahme und radikalen Feindesliebe her versteht. Diese Fragen beschäftigen mich persönlich wie wohl viele Menschen mit kirchenleitender Verantwortung. Weil es ihnen wie mir hier um mehr geht als um den Erhalt irgendeiner religiösen Institution mit rückläufigen Mitgliederzahlen. Deshalb beschäftigen und begleiten mich diese Fragen persönlich, auch wenn ich schlafen gehe oder aufstehe. Denn auch wenn Religionen und speziell auch christliche Religion weltweit wachsen, für diese Sicht des Glaubens und ein weltoffenes Kirchenverständnis gilt dies keineswegs. Den populistischen Reiz zur „Identität durch Ausgrenzung“ und zu simplen Schwarz-Weiß-Bildern gibt es nicht nur im politischen Bereich.

„Stellen Sie Ihre Fragen gerne noch einmal neu.“ Als ich mich kürzlich mit einem Freund über diese Themen unterhielt, verwies er mich auf ein Buch von Simon Sinek mit dem Titel „Start with why.“ In ihm geht es darum, wie Führungskräfte erfolgreich Veränderungen inspirieren können. „Frag zuerst: Warum.“ Warum ist es mir persönlich eigentlich wichtig, dass es diese konkrete Gestalt unserer Kirche gibt? Das ist das eine, innere Warum. Und warum ist es für die anderen, unsere Gesellschaft, weit gesprochen die Schöpfung, die Welt wichtig, dass es sie gibt? Dies ist das andere, äußere Warum. Die Veränderung der Frage finde ich heilsam irritierend und befreiend. Weil sie mir einen anderen Blick öffnet. Darauf, worum es bei der Frage nach der „Zukunft der Kirche“ eigentlich geht. Was für mich persönlich, geistlich, gesellschaftlich hinter dem Anliegen zu ihrem Erhalt liegt. Warum will ich das?

Offene Liste, warum mir meine evangelische Kirche wichtig istWeil ich mir ein Leben ohne Gott, Seele, Ewigkeit zwar vorstellen kann, aber niemals wünschen würde. Diesen Glauben an Gott habe ich niemals ohne die anderen.

  • Weil mir in Christus die grenzenlose Liebe Gottes begegnet. In ihr spielt es keine Rolle, wer jemand ist, wo er herkommt, wie sie aussieht, wen er oder sie liebt. In der Gemeinde wird für mich etwas von dieser Liebe Gottes erfahrbar.
  • Weil ich zu einer weltweiten Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern gehöre, die sich aktiv für andere engagieren. Mir sind wie ihnen die Schöpfung und das Leben anderer Menschen nicht egal. Wir leben in der Hoffnung, dass Gott einmal alles Leiden beenden wird.
  • Weil mich Gottes Geist dankbar, trotzig und getrost macht. Er befreit mich von der Sorge um mich selbst zur Liebe für andere. Er hilft mir, meine Schönheit zu entfalten und die anderer wertzuschätzen. Gottes Geist wird mir zugesprochen. Das kann ich mir nicht selber sagen.
  • Weil mich die Geschichten der Bibel durch mein Leben begleiten. Um sie recht zu verstehen, braucht es eine lebendige Erzählgemeinschaft. Eine Gemeinschaft, in der Denken und Glauben zusammengehören und in der Wahrheit Gottes nichts ist, was ein Mensch besitzt.
  • Weil der Glauben mein Leben nicht einfacher, aber schöner, tiefer und freier macht. In Gott finde ich Ruhe. Und ich werde durch ihn über Grenzen bewegt. Gemeinsam mit anderen, fremden Menschen, die sich so von Gott bewegen lassen.
  • Weil ich in Gott immer jemanden habe zum Danken, Loben, Klagen. Manchmal tue ich das laut im Gottesdienst für andere und oft tun es andere für mich.

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Theologischer Impuls

Mein Lieblingsdöner, die kleine Krähe und ich.

Theologische Impulse (93) von Dr. Thorsten Latzel, Präses

In der Nähe meines Arbeitsplatzes gibt es einen Dönerladen. Genauer gesagt nicht einen, sondern „meinen“ Dönerladen. Er liegt rund 300 Meter weit weg, sodass ich in Mittagspausen kurz rüberlaufen kann. Der vegetarische Döner ist gut, richtig gut. Was den Imbiss aber eigentlich besonders macht, sind die Menschen dort. Als ich das erste Mal da war, wurde ich in die Kunst der Zubereitung eingeführt: „Mögen Sie ihn mit gebratenem Gemüse, mit Couscous oder gemischtem Salat? Mit oder ohne Zwiebeln, scharfem Gewürz, Käse, Bohnen, Paprika, Krautsalat, Tomaten? Und welche Sauce hätten Sie gerne dazu?“ Beim zweiten Besuch: „Aah, wieder: ‚Ohne Zwiebeln, ohne Sauce, ohne scharfes Gewürz, mit Käse – zum Auf-der-Hand-Essen‘?“ Respekt. Was für eine Leidenschaft und Sorgfalt! Da hat mich jemand wahrgenommen, trotz Corona-Maske. So aufmerksam zugewandt würde ich gerne als Kirche auf Menschen zugehen. Personalisierte Kommunikation des Evangeliums: „Was ist Ihnen am Glauben wichtig? Und was können wir für Sie tun, um Sie zu stärken? Brauchen Sie für Ihr Leben Zwiebeln, welche Sauce, mit oder ohne scharfes Gewürz?“ Das hat nichts mit Beliebigkeit zu tun, sondern mit persönlicher Zuwendung – ganz im Sinne von Paulus: „Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise etliche rette.“ (1. Kor 9,23) Kirche als Lebensbegleiterin und geistliche Herberge, die konsequent von Menschen und Kontakten aus gedacht wird und nicht von eigenen Angeboten oder Verwaltungsstrukturen.

Meinen Döner esse ich dann meist auf der Bank vorm Landeskirchenamt. Gemeinsam mit einer Krähe. Zuerst habe ich noch versucht, sie wegzuscheuchen. Ich war genervt von ihrer wenig kaschierten Futter-Schieligkeit. Ohne Erfolg. In gebührenden Abstand saß sie da und schaute mit ihren schwarzen Krähen-Augen weiter zu mir rüber. Mit Erfolg. Irgendwann warf ich angesichts solcher Beharrlichkeit das Handtuch oder, genauer gesagt, die Brotstückchen. Was für einen reicht, reicht auch für zwei. Noch dazu, wenn die andere eine kleine Krähe ist. Von Mahlzeit zu Mahlzeit hoppelte sie nun etwas näher heran. Vielleicht bilde ich mir das in einer romantisierenden Anwandlung auch nur ein. Sei´s drum. Wenn Franz von Assisi den Vögeln predigte, so habe ich zumindest Mittagspicknick mit meiner kleinen Krähe. Mittlerweile habe ich raus, dass sie Gemüse weniger mag und mehr auf Fladenbrot steht. Wikipedia zufolge sind Krähen ja alles-fressend (omnivor): „Da Raben und Krähen opportunistisch bei der Nahrungssuche vorgehen […], können regional und saisonal die Anteile bestimmter Futterquellen an der Nahrung schwanken.“ Opportunismus hin oder her, meine Krähe ist auf jeden Fall ein Kohlenhydrat-Junkie. Wahrscheinlich würde sie sich auch über Lammfleisch freuen. Das brächte aber meinen Döner-Verkäufer durcheinander. Also bleibt es bei der vegetarischen Variante.

Tatsächlich beschäftigt mich nach ein paar gemeinsamen Picknicken die Frage, wer bei der alten Geschichte von Franziskus und den Vögeln eigentlich wem gepredigt hat. Bei Jesus und den Spatzen in der Bergpredigt waren es zumindest nicht die Menschen, von denen die Vögel etwas lernen konnten. Nun will ich meine kleine Krähe nicht idealisieren. Krähen können als Nesträuber wirkliche Mistkerle sein. Ich weiß nicht einmal, ob die Krähe unsere Begegnungen auch als „gemeinsames Picknick“ bezeichnen würde. Für mich ist aber der Kontakt gerade auch zu Tieren und Pflanzen ein Feld, auf dem wir als Christinnen und Christen lernen können, was es heißt, aus Gottes Geist zu leben. Um noch einmal Paulus zu bemühen: „Das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. […] Denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.“ (Röm 8,19ff.) Dazu ist uns der „Geist als Erstlingsgabe“ anvertraut. Das mag etwas seltsam klingen. Und vielleicht würde das die kleine Krähe auch so sehen. Aber es ist eine Zukunftsfrage für uns als Kirche, was wir von unserem Glauben her zu einer versöhnten Lebensweise zwischen uns Menschen und unserer Mitschöpfung beitragen können. Auch hier geht es – wie beim Dönerladen – um Sorgfalt, Leidenschaft, persönlicher Wertschätzung. Ein Leben im offenen Kontakt zu anderen. Open minded. In der Gegenwart des Geistes Christi.

Direkt neben „meinem“ Dönerladen gibt es übrigens noch einen Imbiss mit asiatischen Angeboten, den ich jetzt getestet habe. Aber – das ist eine andere Geschichte.

Krähen-Gedanken

Wir sitzen
zusammen oder in der Nähe.
Wir essen
gemeinsam oder zeitgleich.
Zumindest
vom gleichen Brot.
Wir werden uns wohl niemals
verstehen.
Doch das geht mir
mit vielen Menschen ähnlich.
Vom Segen, Dir zur begegnen,
nimmt das nichts. (TL)


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Theologischer Impuls

Von Präses Dr. Latzel

„Turmdenken“ – und der andere Traum Gottes:

Gott als Spielverderber?

In der Geschichte vom Turmbau zu Babel (1. Mose 11,1-9) kommt Gott nicht so wirklich gut rüber: Die Menschen arbeiten emsig, entwickeln neue Baustoffe, erbauen eine Stadt, einen Turm, das erste Weltkulturerbe. Und das alles mit hochsozialer Gesinnung: „denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde“. Und dann erscheint Gott und macht es kaputt. Nicht sehr nett. Das passt eher zu einem pubertierenden Jugendlichen, der im Sandkasten wütet, als zum souveränen Schöpfergott. Dazu die Begründung: „Dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.“ Das klingt nach neidischem, großem Bruder, der Angst hat, dass ihm die Felle wegschwimmen. Gott – ein eifersüchtiger Kultur-Vernichter?

Fragen an „Menschheitsträume“
Der Schlüssel zu der Geschichte liegt in der Ortsangabe „Babel“. Tatsächlich spiegelt sich hier die Gewalterfahrung der Israeliten damit, was es heißt, einen Weltenturm zu bauen. Nebudkadnezar II. als Herrscher des neubabylonischen Großreiches unterwarf im 6. Jahrhundert vor Christus Völker, deportierte Menschen, beutete sie aus. Der „Turm“ von Babel, inspiriert durch den über 90 Meter hohen Tempelturm des Marduk-Heiligtums, war Symbol einer grausamen, imperialen Herrschaft. Darin liegt die Pointe der Geschichte: Der große „Menschheitstraum“ ist in Wahrheit allzu oft der blutige Traum weniger Mächtiger auf Kosten vieler anderer. Der „Turmbau zu Babel“ handelt so von dem zweiten, dem „sozialen“ Sündenfall der Menschen. Dabei wird der Bruder nicht erschlagen („Wie grob, Kain, das geht doch eleganter!“), sondern die Geschwister werden ausgebeutet für die eigenen Träume. Das zeigt sich bis hin zu monumentalen Bauprojekten für Weltprojekte unserer Tage. Die Fußball-Stadien für die WM in Katar lassen grüßen. In Aufnahme von Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“:

Wer hat die Ziegel gebrannt und den Mörtel gerührt für den Turm von Babel? Wer war später dafür zuständig, ihn sauber zu halten? Von wem stammten Gold, Silber, Edelsteine, um ihn zu schmücken? Und waren dies dieselben, die sprachen: „Wohlauf, lasst uns einen Turm bauen …?“ Das „Brennen der Ziegel“ – es ist die Tätigkeit der unterdrückten Israeliten in Ägypten wie in Babylon (1. Mose 11; 2. Mose 5), Sinnbild der Knochenarbeit, für die auch in Deutschland meist Menschen aus anderen Ländern ranmüssen.

Wider dem „Turmdenken“
Gott tritt nicht der kulturellen Selbstverwirklichung des Menschen entgegen, sondern einem imperialen „Turm-Denken“. Der Turm ist hier architektonischer Ausdruck einer gnadenlos geschichteten Gesellschaft: von den Eliten in den obersten Etagen bis zu den Reinigungskräften ganz unten – zumeist mit Menschen anderer Herkunft. Das ist die Verlogenheit des „Wirs“ in den senkrechten, „vertikalen“ Menschheitsträumen.

An Pfingsten setzt Gott dem seinen ganz anderen, horizontalen Traum entgegen. Einen Traum, an dem alle teilhaben: „Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, …“ (Apg 2,9). Oder in der Bild-Sprache der Propheten Israels: „Auch will ich zur selben Zeit über Knechte und Mägde meinen Geist ausgießen.“ (Joel 3,1f.) Dies haben Menschen in den Gemeinden seitdem immer wieder erfahren: Mächtige und Knechte nehmen gemeinsam Platz am Tisch Christi, dieses ganz anderen „Herrn“, der gleichsam selbst in einem Bauwagen zur Welt kam. Auch wenn das Handeln der Kirche oft dahinter zurückblieb: Der Geist Gottes ist „aus der Flasche“. Wir haben Teil an diesem Traum Gottes, dass jeder „unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen“ soll und niemand den anderen „schrecken“. (Micha 4,4)


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Walking on Water

„Walking on water“ – Das Petrus-Dilemma oder: wie können wir Kirche leiten

Theologische Impulse (91) von Dr. Thorsten Latzel, Präses

„Der Wolken, Luft und Winden, gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.“
(P. Gerhardt)

Gerade findet der Ökumenische Kirchentag in Frankfurt statt. Unter dem Motto „Schaut hin“ geht es um aktuelle Fragen von Politik, Kultur, Gesellschaft, Religion – und auch darum, wie wir gemeinsam Kirche leiten können. Eine der für mich stärksten biblischen Geschichten dazu ist die von Petrus auf dem See (Mt 14,22-33). Es geht in ihr um den „anderen Traum“ des Menschen: wenn nicht in der Luft zu fliegen, so doch auf dem Wasser zu gehen. Walking on water – Herr der Elemente sein, glauben in himmlischer Leichtigkeit, den Chaoskräften in Natur und Geschichte enthoben.

Die Erzählung bei Matthäus wird oft überschrieben mit „Der sinkende Petrus auf dem Meer“. Was für fromme Miesepeterei! Petrus ist ausgestiegen. Hinaus aus dem Boot. Wenn auch nur kurz, nur ein paar Schritte. Aber er ist gegangen. Dort, wo er nasse Füße bekam, hätten andere längst kalte Füße gehabt. „Petrus auf dem Wasser“ ist die Geschichte eines Dilemmas, sie erzählt von einer unmöglichen Möglichkeit: Wie können wir Christus auf dem Wasser begegnen, wenn wir einen felsenfesten Glauben haben? „Der Felsenmann auf dem Wasser“ – die Geschichte handelt von einem Menschen, der etwas riskiert, sich exponiert, nach außen tritt. Von einem Menschen, der sich von Christus rufen lässt, in „Ver-Antwortung“ tritt, der untergeht und doch gegangen ist – und am Ende durch Christus heil im Boot mit den anderen sitzt.

Nur Matthäus erzählt die Geschichte von Jesu Gang auf dem Wasser mit dieser persönlichen Begegnung. Bei Markus wird die Geschichte wie eine Offenbarung Gottes im Alten Testament geschildert, wenn es heißt: „und [er] wollte an ihnen vorübergehen“ (Mk 5,48). Die erschreckten, unverständigen Jünger bleiben wegen des Messias-Geheimnisses alle im Boot. Auch bei Johannes steigt niemand aus. Er steigert vielmehr den mirakulösen Charakter: Das Boot war „fünfundzwanzig oder dreißig Stadien“ weit draußen, am Ende ist es „sogleich“ an Land (Joh 6,19.21). Matthäus dagegen gestaltet das Wunder zu einer persönlichen Begegnung, bringt Petrus ins Spiel. Was mit seiner besonderen Rolle im Weiteren zusammenhängt (Mt 16,13ff.). Die Jünger, die im Boot waren, sprechen hier am Ende bereits aus, was Petrus später dann wiederholen wird: „Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“ (14,20)

In der Geschichte geht es so – nachösterlich gelesen – darum, wie ein Mensch dem Auferstandenen begegnet und befähigt wird, in „Ver-Antwortung“ zu treten, Führung zu übernehmen. Die Situation am Anfang spiegelt anschaulich das Gefühl der Gemeinde nach Ostern wider, das auch kirchlich Engagierten heute vertraut sein dürfte: Das Volk ist gegangen, die wenigen Jünger mühen sich im Boot ab, von Jesus ist herzlich wenig zu sehen oder zu spüren. Geradezu antitypisch skizziert Matthäus die beiden Situationen: Jesus „alleine“, „für sich“, „auf einem Berg“, „um zu beten“ (V.23); die Jünger im Boot „weit vom Land“, „in Not durch die Wellen“, „der Wind ihnen entgegen“ (V.24). Hier ora, dort labora. Erst in der letzten, der vierten Nachtwache kurz vor dem Morgengrauen kommt es dann zu der Christus-Begegnung. Der Zeitpunkt ist wichtig, weil Christus zu den Jüngern – zu denen, „die da sitzen in Finsternis […] und im Schatten des Todes“ (Mt 4,16) – wie die Sonne kommt. Die Morgenstunde ist ein Hinweis darauf, dass es hier um den Auferstandenen geht. Darauf verweisen auch die Reaktionen der Jünger: Sie halten ihn für ein Gespenst, schreien vor Furcht, müssen von dem Erscheinenden getröstet werden (V.26f.). Wendungen, wie sie sonst in den Ostergeschichten begegnen. In dieser Situation – die Jünger, von allem Volk und von Christus verlassen, allein im Boot, im Kampf mit den Chaosmächten gegen den drohenden Untergang – kommt es dann zum „walk on the water“. Dazu, dass einer von ihnen den klammernden Griff an die Scheinsicherheit des Bootes löst, sich rufen lässt und den Schritt hinaus ins Weite wagt.

Am Ende wird Petrus wieder im Boot mit den anderen sein. Nass, gescheitert, gerettet. Doch das Boot wird dann ein anderes sein. Weil der Auferstandene jetzt mit im Boot ist und der Wind sich gelegt hat. Doch wohlgemerkt: Sie steigen gemeinsam in das Boot, der nasse Petrus und der rettende Christus (V.32). Die Begegnung mit dem Auferstandenen findet draußen statt – jenseits der Bootsplanken, außerhalb der Mauern der Kirche. Paradox gesprochen, hat die Gemeinde ihre Mitte immer außen. Sie begegnet dem auferstandenen Christus auf den Wellen der Welt. Auch wenn sie selber dabei immer wieder zu versinken droht. Auch wenn ihr Glaube immer riskant bleibt, niemals sicher fixierbar. Sitzenbleiben wäre keine Alternative. Anders ist Christus nicht zu haben. Glauben heißt, aus dieser trotzigen Hoffnung zu leben: Am Ende aller Stürme, Nächte und Chaosmächte wird das Meer einmal daliegen – ruhig, strahlend, wunderschön – und im Glanz eines neuen Himmels leuchten. Nur im Vertrauen auf dieses Wunder und in dem Mut, sich selbst nasse Füße zu holen, können wir Kirche leiten.

Petrus-Dilemma

Weiter so im Boot hocken bleiben,
wäre der Tod im Topf.
Doch es ist nicht leicht,
für felsenfest Glaubende
auf dem Wasser zu gehen.
Es gelingt nur,
wenn uns Christus begegnet
im Licht der aufgehenden Sonne
im Wind eines verwehenden Schweigens. (TL)


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Theologischer Impuls

Protestantisch leben in der Pandemie – Eine geistliche Alternative zu Querdenkerei

Theologische Impulse (89) von Dr. Thorsten Latzel, Präses

Es wird nicht wieder werden, wie es einmal war.

Das ist eine harte Erfahrung aus der Corona-Zeit. Am Anfang habe ich noch oft gehört: „Wir verschieben das einfach.“ Sechs Monate nach hinten. Um ein Jahr. Auf irgendwann nach der Pandemie. Wie bei einem Film: kurz auf Pause drücken und dann – nach Corona – weiterschauen. Das Versäumte später nachholen. Doch das geht nicht. Weil das Leben keine Pausetaste hat. Es lässt sich nicht anhalten. Die Zeit ist zu lang geworden und zu viel ist geschehen.

– Für das kleine Restaurant am Markt war der Druck zu groß. Der Besitzer ist ausgebremst: von einer 60 Stunden-Woche auf null.

– Ihren Schulabschluss wird unsere Tochter nicht mehr nachfeiern. Ihren 18. hat sie noch gefeiert – corona-konform mit genau einer Freundin.

– Und viel zu viele Menschen, von denen wir Abschied nehmen mussten.

Die Erfahrungen aus den Corona-Monaten werden bleiben. Manche positive, aber vor allem Schulden, Wunden und Verletzungen.

Es wird nicht wieder werden, wie es einmal war.

Das ist auch die Erfahrung, aus der die Bibel entstanden ist. Die Bücher des Alten Testaments, die Heiligen Schriften des Volkes Israel, wurden geschrieben, gesammelt nach dem tiefen Einschnitt des Exils. Auch nach der Rückkehr ins verheißene Land war es nicht wieder wie zuvor. Die Zeit dehnte sich und viele Erwartungen erfüllten sich nicht. Jerusalem und der Tempel blieben lange zerstört. Die verwüsteten Orte wurden nicht auf einmal zu grünen Gärten.

Die Bücher des Neuen Testaments wurden geschrieben, gesammelt nach dem tiefen Einschnitt von Tod und Auferstehung Christi. Das Kommen Christi und sein Reich ließen auf sich warten. Die Zeit dehnte sich und viele Erwartungen erfüllten sich nicht. Kommt er morgen, nächste Woche, nächstes Jahr, überhaupt einmal? Viele Glaubende starben, unter ihnen alle, die ihn noch mit eigenen Augen gesehen hatten. Die Gemeinden wuchsen, aber auch die Spaltungen nach innen und die Verfolgung von außen.

Es wird nicht wieder werden, wie es einmal war.

Damals suchten Menschen Antworten, um Gott und sich selbst zu verstehen. Sie setzen sich hin und schrieben auf, woran sie glaubten. Sammelten Texte, die ihnen Halt und Hoffnung gaben. Durch die sie Gottes Geist erfuhren. Worte, die ihren Glauben durch die Zeiten trugen.

Tragfähige Worte: Was hilft uns, uns zu verstehen, da auch unser Leben, unsere Gesellschaft, unsere Kirche nicht mehr so sein werden, wie sie einmal waren? Ein Schlüsseltext dafür ist in dieser Woche vor Rogate das Vaterunser. Das Gebet Jesu Christi lehrt uns, was es heißt, im wahrsten Sinne des Wortes „protestantisch“ zu leben – mitten in der Pandemie. Eine Anrede, sieben Bitten und ein hymnischer Schluss. Mehr nicht. Kurze, knappe Sätze, die mein Denken und Handeln neu ausrichten. Druck-Punkte für meine Seele. Sie versetzen mich heraus aus sorgenvoller Starre hinein in heilsame Bewegung.

Zunächst die Anrede. „Vater unser im Himmel“ – wir glauben, dass es mehr gibt, als es gibt. Mehr als Viren, Naturgesetze. Mehr als das, was Menschen machen. Wir glauben, dass es einen Himmel gibt. Und einen Gott, der uns hört. Dass wir durch Gott mit allen Geschöpfen als Geschwister verbunden sind. Mit Menschen, Tieren, Pflanzen. Das verleiht meinem Leben Weite und Heimat: Ich bin nicht allein. Bin geborgen in Gott. Das ist die erste Bewegung: Meine Seele weitet sich, spürt den Himmel in sich. Sie kommt zur Ruhe, findet Heimat in Gott als Schöpfer allen Lebens.

Dann die Bitten. Drei Bitten mit „Dein“, vier Bitten mit „unser“. Die zweite Bewegung meiner Seele. Raus aus der Sorge um mich selbst, der selbstfixierten Nabelschau. Hin zum „Du“ und zum „Wir“. Zur Begegnung mit Gott und zur Gemeinschaft mit allen anderen.

– „Geheiligt werde dein Name“. Uns ist etwas heilig. Nicht unser eigener Ruf. Nicht der unserer Kirche. Sondern der Name Gottes. Und durch ihn der Name eines jeden Menschen. Wir heiligen Gottes Namen, indem wir den Namen jedes Menschen heiligen. Den Namen unseres Nachbarn, dessen Verhalten uns in der Pandemie ärgert. Von Politiker/innen, Lehrer/innen und überhaupt „denen da oben“, deren Job wir vermeintlich so viel besser machen könnten: Ihr Name ist uns heilig. Wir muten einander Wahrheit zu. Aber wir machen andere nicht schlecht.

– „Dein Reich komme.“ Gottes Reich erfahren wir, wo immer Menschen sich um andere kümmern. Erschöpften helfen. Traurige trösten. Mit anderen teilen. Diese Liebesreich Gottes bestimmt auch uns. Uns ist niemand egal. Weil uns in jedem anderen Christus begegnet. So geschieht Gottes Liebeswille unter uns – „im Himmel wie auf Erden.“

– „Unser tägliches Brot gib uns heute“ – Während Corona erfahre ich: Mein normaler Alltag ist eine Gabe, ein Geschenk. „Mein tägliches Brot“: ein Lächeln in der Straßenbahn, die Kaffee-Runde mit den Kolleg/innen, der Besuch im Kino und Stadion, mich mit Freunden treffen. Für viele Menschen war manches davon auch vor Corona keineswegs normal. Ich lerne neu den Wert des Alltags. Bin beschenkt, wenn ich‘s oft nicht merke.

– Und ja, wir haben einander viel zu vergeben. Andere mir und ich anderen. Im Nachhinein würde man sicher vieles anders machen. Ich auch. Auch diese Pandemie verleitet dazu, nach Schuldigen zu suchen. Irgendwelchen Irrsinn zu glauben: „und führe uns nicht in Versuchung.“ Zu unserem Glauben gehört: Wir werden nicht von außen bestimmt. Weder durch Viren noch durch Schuld noch Verschwörungsphantasien. Uns bestimmt Gottes Liebe. Sie macht uns frei, mit anderen daran zu arbeiten, wie es nach der Pandemie sein wird. Wenn wir von diesem „Bösen“ erlöst sind.

Am Ende des Vaterunsers dann der hymnische Schluss. Viele schwere Begriffe auf wenig Raum: Reich, Kraft, Herrlichkeit, Ewigkeit. Damit kann ich, ehrlich gesagt, oft ziemlich wenig anfangen. Ich bin nicht so der hymnische Typ. In den letzten Monaten sind sie mir aber anders wichtig geworden. Sie beschreiben eine dritte Bewegung meiner Seele. Meine Seele öffnet sich für Gottes Wirklichkeit: Sie geht aus sich heraus, verlässt sich auf Gott, rechnet mit seinem Wirken. Oder kurz gesagt: Sie hofft. Darum geht es im Hymnus: um Hoffnung. Ich lobe Gott und mache mir selbst bewusst: Es wird am Ende gut werden. Weil Gott regiert. Weil Gott die Kraft hat, zu retten. Das ist seine Form der Herrlichkeit: für andere da zu sein. Immerdar.

Protestantisch leben – mitten in der Pandemie. Das ist ziemlich exakt das Gegenteil von Querdenkerei. Es geht um Trost und Trotz des Glaubens. Eine tiefe, innere Widerständigkeit aus Gott.

Es wird nicht wieder werden, wie es einmal war. Das ist die eine Seite der Wahrheit. Die andere ist: „Gottes Reich kommt.“ Deswegen: Seid trotzig und getrost. Seid füreinander da. Und lasst uns so aus Gottes Liebe leben. Das schenke uns Gott.

 


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Theologischer Impuls

„… weil auch Du ein Fremdling warst.“ An alle, die Angst vor „Flüchtlingen“ haben.

Theologische Impulse (88) von Dr. Thorsten Latzel, Präses.

Gleich am ersten Tag, nachdem ich zum Präses gewählt worden bin, erreichte mich eine Mail zum Thema „Flüchtlinge“. Eine ältere Frau teilte mir darin ihr tiefes Unverständnis mit, wie die Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland sich dafür einsetzen könne, weitere Flüchtlinge aus den Lagern in Bosnien-Herzegowina und von Lesbos aufzunehmen.

„Seit ich denken kann, nimmt Deutschland Flüchtlinge auf – als ich Kind war, musste in der Familienwohnung ein Zimmer geräumt werden, für Flüchtlinge – so hat es sich über 70 Jahre fortgesetzt -… es reicht! Meine Sorge gilt meinen Kindern und Enkelkindern, die all das bitterst aushalten und auch noch bezahlen müssen – und dann irgendwann nicht mehr dazugehören und in der Minderzahl sind.“

So wie dieser besorgten Frau möchte ich gerne allen antworten, die sich vor Fremden und „Flüchtlingen“ fürchten.

Sehen Sie, ich bin ein Kind von Eltern, die beide vertrieben wurden, fliehen mussten. Meine Mutter als siebenjähriges Mädchen aus Danzig, mein Vater als Säugling auf dem Arm meiner Großmutter aus Schlesien. Ich bin sehr froh darüber, dass Menschen damals meine Mutter und meinen Vater als kleine Kinder nach dem Zweiten Weltkrieg bei sich aufgenommen haben. Sonst gäbe es mich heute nicht. Es war eine Zeit, in der es viel weniger gab als heute. Die große Sorge damals, dass Katholiken und Protestanten nicht miteinander leben könnten (es gab getrennte Schulhöfe), hat sich als unbegründet erwiesen. Ich bin ein Kind aus solch einer konfessionsverschiedenen Ehe.

Auch die „Überfremdung“ Deutschlands durch die sogenannten „Gastarbeiter“ in den Jahren danach hat sich nicht eingestellt. Im Gegenteil: Ohne die starke Einwanderung, die damals niemand so nannte, hätte es nie ein solches Wirtschaftswachstum in Deutschland gegeben. Deutschland wäre nicht Deutschland ohne die Menschen aus Italien, Spanien, Griechenland, Polen, der Türkei, dem früheren Jugoslawien. Nicht ohne ihre Arbeit, nicht ohne ihre Kultur, nicht ohne ihre Religion. „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.“ (Max Frisch) Mit Yusuf habe ich in der Grundschule von Bad Laasphe Fußball gespielt, mit Kadir unsere gleichaltrigen Töchter auf dem Spielplatz in Hannover geschaukelt. „Überfremdet“ habe ich mich nie gefühlt.

Flucht und Fremdheit sind für mich sehr persönliche Themen. Ohne sie könnte ich die Geschichte meiner Familie, mich selbst nicht verstehen. Die Epigenetik erforscht, wie solche Erfahrungen an die nächsten Generationen vererbt werden. Sprichwörtlich in den Knochen stecken. Fragen Sie einmal meine Frau, wie es ist, wenn wir gemeinsam wandern.

Und der Schutz von „Flüchtlingen“ und Fremden gehört für mich fundamental zum christlichen Glauben. Er durchzieht die ganze Bibel: vom Auszug der unterdrückten Israeliten aus Ägypten über die 10 Gebote („Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst“, 5. Mose 5,15) bis zu Jesus, dessen Eltern nach seiner Geburt mit ihm vor Herodes außer Landes fliehen (Mt 2,13ff.). Und der später den Umgang mit Fremden zu einem Maßstab des Weltgerichts gemacht hat: „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. […] Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,35.40)

Wenn Leute versuchen, das, was sie für das „christliche Abendland“ halten, vor Fremden zu retten, scheinen sie hier irgendwas nicht verstanden zu haben.

Das heißt nicht, dass Deutschland nun „alle aufnimmt“. Schon deshalb nicht, weil die meisten Menschen überhaupt nicht aus ihrer Heimat wegwollen, wenn sie nicht müssen. Und selbst wenn Menschen fliehen müssen, bleiben die allermeisten in Nachbarländern.

Das hat auch nichts mit „Gutmenschentum“ zu tun. Nein, „Flüchtlinge“ sind weder bessere noch schlechtere Menschen als Sie und ich. Es sind einfach Menschen auf der Flucht. Oft Familien mit Kindern. Oft junge Männer, weil sie am ehesten eine Chance haben, für die anderen „durchzukommen“. Menschen zum Teil mit tief traumatischen Erfahrungen. Viele mit großer Energie, Hoffnung, Tatkraft.

Es hilft sehr, wenn wir mit dem abstrakten, sorgenvollen Reden über „die Flüchtlinge“ aufhören – und stattdessen mit den konkreten Menschen reden, die es auf ihrer Flucht zu uns geführt hat. Mit Menschen wie Ahmad Dakhnous, den ich letztes Jahr kennenlernen durfte. Ahmad ist als Palästinenser aus Damaskus nach Deutschland geflohen und studiert hier Politik. Es gibt wenige Menschen, die ich jemals so von Demokratie habe schwärmen hören wie ihn. Gemeinsam mit Mitstudent/innen hat Ahmad ein Projekt gestartet, um Integrationskurse weiterzuentwickeln. Weg von Multiple-choice-Fragen hin zur Begegnung mit „Menschen von hier“ – gleich welcher Kultur, Religion oder sexuellen Orientierung. Manchmal verstehen „Fremde“ besser, was unser Land wirklich auszeichnet:

„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Männer und Frauen sind gleichberechtigt. […] Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ (Art. 3 GG)

Ich nehme das Thema „Flüchtlinge“ auch deshalb persönlich, weil ich nicht möchte, dass meine Kinder und Enkel einmal in einer lieblosen Gesellschaft leben müssen, wo christliche Werte wie Nächstenliebe oder Barmherzigkeit nichts mehr gelten. In einem Land, in dem man es hinnimmt, dass Menschen ertrinken, nur, weil sie nicht „von hier“ sind. In einem Europa, in dem zu uns Geflüchtete unter menschenunwürdigen Umständen leben – wie etwa in den Lagern in Bosnien oder auf den griechischen Inseln. Auch meine Kinder wollen das nicht und sehen sich überhaupt nicht gefährdet. Im Gegenteil: Sie und ich haben an verschiedenen Orten erlebt, wie gerade Menschen mit Fluchterfahrungen sich einbringen und mitarbeiten, um ihre neue Heimat zu schützen, die sie schützt.

Insofern bin ich überzeugt, dass Sie keine Sorge um Ihre Kinder oder Enkel haben müssen. Allenfalls davor, wenn man einen Keil in unsere Gesellschaft treibt, wenn man Menschen nach ihrer Abstammung anstatt nach ihrer Person beurteilt und so unsere offene, demokratische Gesellschaft gefährdet. Davor behüte uns Gott!

„Fremde“ und „Heimat“

„Fremde“ ist der Ort,
an dem man angewiesen ist
auf die Hilfe, Zuwendung, Barmherzigkeit
von Menschen, die man nicht kennt.
„Heimat“ ist der Ort,
an dem man sie erfährt. (TL)


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Theologischer Impuls

„Die Kuchen meines Lebens“ – Von Glaube, Liebe und der Kunst zu backen

Theologische Impulse (87) von Dr. Thorsten Latzel, Präses

Kuchen spielten in meinem Leben eine wichtige Rolle. Verschiedene Zeiten hatten ihr je eigenes Gebäck. Und ich verbinde die Erinnerung an bestimmte Menschen mit ihren Backwerken.

Als Kind und Jugendlicher liebte ich leidenschaftlich den Stachelbeerboden meiner Mutter. Es musste der Mürbeteig nach ihrem besonderen Rezept sein und die haarigen Beeren aus unserem Garten. Den Kuchen habe ich als „Gesamtkunstwerk“ angesehen und entsprechend verzehrt. Aufteilen hielt nur auf. Bei großen Feiern gab es dann Schwarzwälder-Kirschtorte. Das waren eher nicht-entschärfte Kalorienbomben aus der Nachkriegszeit. Ein kulinarisches Echo aus den Jahren, in denen meine Großeltern und ihre Kinder als Vertriebene nicht viel hatten. Eine solche Torte reichte, um einen Trupp Waldarbeiter durch einen kalten Wintertag zu bringen. Später lernte ich dann mit meiner Frau auch die Donauwelle meiner Schwiegermutter kennen. Glasur, Kirschen, Schoko, Creme, Teig – exakt arrangiert und blechweise produziert für das halbe Dorf. Ihre Donauwellen waren wie auch ihre Christstollen Statements handwerklicher Kunstfertigkeit. Eine Form von sozialem Beziehungskapital in dem kleinen mittelhessischen Dorf. Kulinarische Kryptowährung: Ich backe, damit du backst. Meine Mutter und meine Schwiegermutter haben die Latte der Kuchenkunst für mich ordentlich hochgelegt. Heute backen beide nicht mehr.

Es brauchte Zeit, bis meine Frau und ich aus dem Schatten dieser Backwerke getreten sind. Wir hatten im Studium einen ebenso charakterstarken wie windschiefen alten Backofen. Entsprechend sahen auch unsere ersten Gugelhupf-Produkte aus. Theologisch betrachtet, waren sie die Kuchen gewordene Gestalt der Rechtfertigung „allein aus Gnade“. Sie schmeckten gar nicht schlecht und waren für Bergfeste mit entsprechender Hanglage auch bestens geeignet. Das „Scheppe“ wurde später zum Markenzeichen, auch als wir längst einen richtigen Herd besaßen. Für unsere Kinder muss jeder Geburtstags-Gugelhupf irgendeine ästhetische Macke haben, sonst stimmt etwas nicht. Die Rezepte und Werke meiner Frau haben sich seitdem erheblich weiterentwickelt, sehr zu empfehlen vor allem ihr Käsekuchen und die Nussecken. Meine eigenen Backkünste haben dagegen den Charme der ersten Tage bewahrt.

Kuchen. Das ist eine kulinarische Kommunikation von Wertschätzung und Liebe. Kultivierter Genuss. In der Bibel spielt Kuchen nur am Rande eine Rolle. Bei dem Besuch Gottes in dreifacher Gestalt im Hain Mamre etwa fordert Abraham Sara – auch hier ist es wieder die Frau – auf: „Eile, knete Teig und backe Kuchen.“ (1. Mose 18,6) Man gibt sowohl dem Gast als auch Gott vom Feinsten, was man hat. Bei den Propheten wird es entsprechend kritisiert, wenn die Israeliten fremden Göttern wie der „Himmelskönigin“ Kuchen backen (Jer 7,18). Und sie bezeichnen das in die Irre gehende Volk selbst als einen missglückten Kuchen, „den niemand umwendet“ (Hos 7,8). Eine interessante Perspektive am Rande der biblischen Texte: Was sagt es über mich und mein Leben aus, für wen und für was ich den Ofen anwerfe? Was ist mir so wichtig, dass ich dafür eile, knete und backe?

Kuchen. Ich spüre ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit, dass ich – anders als leider viele Menschen weltweit und auch hier in Deutschland – mir um „Brot“ niemals habe Sorgen machen müssen. Im Alltag droht das manchmal verloren zu gehen, das Bewusstsein dafür, ob ich mich gerade um „Kuchen“ oder „Brot“ kümmere. Es ist ein wirklicher Segen, in einem Land zu leben, in dem trotz der aktuellen Pandemie und mancher sozialer Probleme seit mehr als 75 Jahren Frieden und kein Hunger herrschen. Ein Umstand, der eben die Frage aufwirft, für wen ich mein Leben, meine Zeit, meine Freiräume einsetzen möchte. Um eben nicht selbst zu einer „Coach-Potato“ zu werden, zu einem „Kuchen, den niemand umwendet“.

Zugleich glaube ich, dass „Kuchen“ und alles, wofür sie stehen, auch zu dem gehören, worum wir im Vaterunser beten, wenn wir sprechen: „unser tägliches Brot gib uns heute“. Martin Luther drückt das im Kleinen Katechismus so aus: „Was heißt denn ‚tägliches Brot‘? Alles, was not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“ Zu dem, was wir elementar brauchen, gehört eben mehr als nur „Überlebensmittel“. „Kuchen“, auch wenn sie in Martin Luthers Aufzählung nicht vorkommen, stehen für den Bereich der Kultur und Kunst, für Schönes, Lebensfreude und Sinnlichkeit, für Tanz und Spiel, für die feinen, kleinen Dinge, an denen ich mich oft freue, weil in ihnen so viel Liebe steckt. So richtig es ist, Brot und Kuchen zu unterscheiden, so sehr gehören Kuchen eben auch zum „täglichen Brot“. Eben, weil Kultur kein Luxus ist, sondern ein Lebensmittel. Und gerade in der Pandemie spüren wir, wie sehr uns dieser Bereich liebevoll, ästhetisch, schön gestalteter Dinge im Alltag oft fehlt.

„Kuchen“ stehen so auch für eine Weise, wie wir als Kirche mit anderen kommunizieren. Mit Menschen und mit Gott. Liebevoll gestaltet, feinsinnig, sinnenfreudig. Zum Glauben gehört beides: „Schwarzbrot“ und „Kuchen“. Das eine nahrhaft, nachhaltig, etwas zum Beißen, das andere köstlich, eingängig, zum Genießen. Weil Kuchen eben eine kulinarische Kommunikation der Liebe ist.

„Hätt‘ ich dich heut erwartet, hätt‘ ich Kuchen da, Kuchen da […]
Hätt’st du nur was gesagt, hätt‘ ich Musik bestellt, die besten Musikanten auf der Welt!“

So begrüßte Ernie seinerzeit in der Sesamstraße das überraschend erscheinende Krümelmonster und macht sich dann schnell ans Backen. Eine Umsetzung gelebter Gastfreundschaft, wie sie Sara und Abraham im Hain Mamre gegenüber Gott praktizierten. Und was für ein Bild von Kirche: ein Ort, an dem andere für mich einen Kuchen backen. Um mit mir in Ruhe über die Schwarzbrot- und Kuchen-Erfahrungen meines Lebens zu sprechen.

Das schenke uns Gott, dass wir so für einander da sind.

Kuchenfreund

Jesus war vieles,
aber kein Asket.
Seine Feinde schimpften ihn
Fresser und Weinsäufer.
„Dieser nimmt die Sünder an
und isst mit ihnen.“
Vom Himmelreich sprach er gern
als einem Festessen.
Über Früchte-Tee und trockene Kekse
wäre er entsetzt gewesen.
Und einmal werden wir
mit ihm und allen anderen speisen.
Mit Torten, Kuchen, Feingebäck
wie es sich für ein Liebesmahl gehört.


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Theologischer Impuls

Ich bin vieles, aber nicht „normal“ – und habe auch nicht vor, es jemals zu werden.

Seit dem AfD-Parteitag letzte Woche geistert auf einmal ein eigenartiger Slogan durch die Medien: „Deutschland. Aber normal.“ Nun muss man nicht alles kommentieren, was diese oder andere Parteien tun. Nach dem Motto des weisen früheren Kirchenpräsidenten der EKD, Hermann Barth: „Das ignorieren wir nicht einmal.“ Tatsächlich halte ich diese Sprachwendung nicht nur für inhaltlich schief, sondern gesellschaftspolitisch für hochproblematisch und gefährlich. Und sie steht dem zutiefst entgegen, was mir als Bürger wie als Christen persönlich wichtig ist.

Natürlich kann man sich über den Slogan leicht lustig machen: Was soll „normal“ hier bedeuten? Die Alternative zu Diesel oder Super an der Zapfsäule, also eine vielleicht nur häufigere Wahloption unter verschiedenen Möglichkeiten? Das scheint angesichts der Grundhaltung der Partei wohl nicht gemeint. Oder eine „Normalität“, die sich aus der „Normativität des Faktischen“ herleitet? Aber was sollte das dann besagen: Deutschland, so wie es ist? Wir wollen nichts verändern. Das Problem bei dem Slogan ist, dass hier eine „Normalität“ im Sinne von Alltäglichkeit behauptet wird, die alles andere als alltäglich ist. Es geht eigentlich um „Deutschland. Aber normativ.“ Und zwar nach unserer normativen Vorstellung dessen, was normal ist.

Die Begriffswahl macht deutlich, welches gesellschaftliche Problem sich hinter der Partei verbirgt. Sie steckt letztlich mit ihrem Denken in der Phase der industriellen Moderne (50er – 80er Jahre) fest. In ihr war das Leben des Einzelnen wie der Gesellschaft orientiert an möglichst hoher Gleichförmigkeit, quasi der Deutschen Industrie-Norm: ein klar geregeltes Leben nach DIN-Vorgabe. Der Strukturwandel hin zur Spätmoderne mit „Kreativ-Kultur“ und einer „Gesellschaft der Singularitäten“ (Reckwitz) wird da als fremd und überfordernd erfahren. Nun wäre es ja höchst begrüßenswert sich kritisch mit problematischen Phänomenen dieser Entwicklung auseinanderzusetzen. Etwa – wieder mit dem Soziologen Reckwitz gesprochen – der permanenten „Aufmerksamkeitskonkurrenz“ und dem Zwang, sich selbst ständig „performen“ zu müssen. Oder den Formen kultureller Entwertungen von Unterklassen und alten Mittelschichten. Oder der „Krise des Allgemein“. Was hier aber stattdessen geschieht, ist, dass eine Partei für sich in Anspruch nimmt, anderen normativ vorzuschreiben, was „normal“ ist und was nicht: „Deutschland. Aber normativ.“ „Deutschland nach unseren Normen.“ Welche Folgen es hat, wenn bestimmte Kunst als nicht „normal“ bezeichnet wird oder einzelne Menschen, Menschengruppen, Lebensstile – das haben wir in Deutschland schon leidvoll erfahren müssen. Deswegen: In Deutschland ist es heute zum Glück „normal“, nicht in diesem Sinne „normal“, also normativ normiert, zu sein.

Ich bin selbst „nicht normal“ und ich habe auch nicht vor, es jemals zu werden. Auch wenn ich in Deutschland geboren bin, studiert habe, heterosexuell und verheiratet bin, Kinder habe … und damit bestens zum DIN-Deutschsein mancher Menschen passe: Ich möchte meine Lebensform nicht als Maßstab für andere verstehen. Gerade das macht für mich die Stärke unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft aus, dass wir „ohne Angst verschieden sein“ können (Adorno).

Und das ist für mich ein zentrales Element des christlichen Glaubens. Der Glaube an Gott, wie er sich in Jesus Christus offenbart hat, ist ein zutiefst „un-normales“ Ereignis – weil er all unsere Vorstellungen von „Normalität“ auf den Kopf stellt. Der Apostel Paulus etwa wird nicht müde, das in immer neuen Bildern zu vermitteln. Einem Christenmenschen, so Paulus, ist „alles erlaubt“ (1. Kor 6,12; 10,23). Nichts ist „un-normal“. „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt eins in Christus.“ (Gal 3,28) Die einzige normative „Normalität“, die Paulus kennt, ist die der unbedingten Liebe Gottes. „Sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“ (1. Kor 13,7) Paulus selbst ist an anderen Stellen dieser radikalen „A-Moralität“ der Liebe, der Sprengung der Normalität, nicht immer gerecht geworden. So wie Christinnen und Christen zu allen Zeiten und auch ich selbst immer wieder dahinter zurückbleiben. Dennoch ist für uns als Glaubende letztlich die unbedingte Liebe Gottes der alleinige Maßstab dessen, was „normal“ oder „nicht normal“ ist.

Als ich selbst vor vielen Jahren ein Kindergarten-Kind war, hatte eine Erzieherin einen Aufkleber auf ihrem Opel Kadett: „Ich mag dich, denn du bist anders.“ Der Satz hat sich irgendwie fest in meine Erinnerung eingebrannt. Damals habe ich ihn – in herzlicher kindlicher Egozentrik – vor allem persönlich auf mich bezogen. Was mir die Erzieherin natürlich sehr sympathisch gemacht hat, auch wenn sie unverständlicher Weise dennoch einen älteren Freund hatte. Heute verstehe ich es als Ausdruck einer Haltung tiefer, praktizierter Menschenliebe und Herzensfreundlichkeit; was mir die Erzieherin nach Jahren noch einmal ganz anders sympathisch macht. Einen anderen Menschen als einzigartige Persönlichkeit zu lieben und nicht, weil er oder sie einer wie auch immer gearteten Norm(alität) entspricht. Das wünsche ich mir für unsere Gesellschaft, für meine Stadt, für unser Land, für Europa: eine Haltung des „Ich mag dich, denn du bist anders“. Das war es letztlich, was Jesus Christus unbedingt gelebt hat und was ihn ans Kreuz brachte: „Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.“ Er hat die religiös-moralische Normalität immer wieder verletzt, bis es den Mächtigen seiner Zeit reichte. Und genau diesen Jesus, der aus der „Normalität“ der Liebe Gottes alle Normen verletzte, hat Gott auferweckt. Deswegen ist mein Glaube, bin ich „nicht normal“. Und deswegen setzen wir uns als Christinnen und Christen dafür ein, dass Menschen in Deutschland ohne Angst verschieden sein können.

Irgendwann reicht‘s
Geboren in einem Stall,
aus unklaren Verhältnissen,
zog er ohne Arbeit durchs Land,
aß mit Zöllner, Zechern, Sündern,
predigte von Lilien und Spatzen,
stellte unmoralische Vergleiche an,
brach liebevoll jede Regel,
heilte Aussätzige, Blinde, Lahme,
machte Kinder, Ausländer zum Vorbild,
solidarisierte sich mit Frauen.
Als er dann, am Ende gekreuzigt,
noch nicht einmal im Grabe blieb,
war es der Normalität endgültig genug.
Sie baute sich ein schönes Reihenmittelhaus
mit ordentlichem Vorgarten
und wollte fortan mit religiösen Dingen
freundlichst in Ruhe gelassen werden.(TL)


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