Theologischer Impuls

Wie ich Hoffnung übe – Geistliche Perspektiven für 2022.

Theologische Impulse (111) von Dr. Thorsten Latzel, Präses.

Das Jahr 2022 startet schon mit Macken, bevor es überhaupt begonnen hat. Das dritte Jahr Corona. Die vierte Welle. Mit Omikron noch einmal eine verschärfte Ansteckungsgefahr. Und vorerst kein Ende in Sicht. Viele sind erschöpft von den Belastungen, die damit einhergehen. Ganz zu schweigen von den anderen gesellschaftlichen wie privaten Problemen, die mit der Pandemie ja nicht einfach verschwunden sind. Was gibt Hoffnung für das kommende Jahr, das wahrscheinlich gleich schon wieder mit neuen Höchstständen bei den Infektionszahlen beginnt?

Hoffnung ist ein zentraler Schlüssel, um kollektive Stresszeiten wie eine Pandemie bestehen zu können. Das zeigen die Erfahrungen früherer Generationen – bei Seuchen, Katastrophen oder Unwettern, in Dürrezeiten oder während des Krieges. Menschen können viel ertragen, wenn sie etwas haben, das ihnen Zuversicht gibt. Eine stärkende Perspektive über die aktuelle Situation hinaus. Das verändert nicht das Virus, die Infektionslage, die Pandemie. Aber es gibt die Kraft, anders damit umzugehen. „Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden.“ (Röm 5,5)

Ich habe mich in diesem Jahr viel mit Hoffnung beschäftigt. Hoffnung war das Thema meines Einführungsgottesdienstes. Während meiner Sommertour der Hoffnung habe ich in den Gemeinden Menschen nach ihren Hoffnungsgeschichten gefragt. Nach der Flutkatastrophe konnte ich miterleben, wie Betroffene Hoffnung erfahren durch die Hilfe von anderen. Hier ein paar meiner Einsichten, die ich aus den Begegnungen über Hoffnung gewonnen habe. Es sind zugleich geistliche Perspektiven, mit denen ich auf das neue Jahr 2022 blicke.

1. Den Blick und die Seele weiten. „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“ (Psalm 121,1) Hoffnung hat mit einer veränderten Haltung zu tun. Die Augen aufheben. Meine eigene verkrampfte Seele dehnen.

Dass Rückenschmerzen gerade in der Pandemie-Zeit zugenommen haben, kommt nicht von ungefähr. Es verkrümmt einen Menschen äußerlich und innerlich, wenn er seine Zuversicht verliert. Hoffnung dagegen hat mit einer positiven Zukunftserwartung zu tun, die meinen Blick, meine Haltung, meine Seele frei macht. Das konnte ich förmlich spüren, wenn Menschen mir von ihren Hoffnungsgeschichten erzählt haben: ein tiefes Gefühl innerer Freiheit.

2. Mich konzentrieren auf das, was mich trägt. „Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen?“ (Psalm 27,1) Während der letzten zwei Corona-Jahre waren die neuesten Infektionszahlen allgegenwärtig. Auch in den Flutgebieten konnte man die Kraft der Verwüstung überall sehen. Gründe, die gegen die Hoffnung sprechen, gibt es immer mehr als genug. Es gehört sogar zum Wesen der Hoffnung, dem unmittelbaren Augenschein zu widersprechen, in dieser Hinsicht „paradox“ zu sein, das heißt, gegen den Anschein. Zu hoffen hat daher viel mit einer anderen inneren Ausrichtung zu tun. Eine Konzentration auf eine Verheißung, eine Zusage, der ich unbedingt vertrauen kann. Dafür können Segenssätze wie der zitierte Vers aus Psalm 27 einen Anker bieten. Es sind geisterfüllte Worte, die tun, was sie sagen. Sie zu memorieren, sich vorzusagen, immer wieder neu, kann helfen, die eigene Seele anders zu orientieren. Um zu hoffen, ist es wichtig, sich im mitunter erdrückenden Gewirr der Stimmen auf die Zusage Gottes zu konzentrieren.

3. Zuversicht mit anderen teilen. „… dann werden wir sein wie die Träumenden.“ (Psalm 126,1) Hoffnung ist immer eine Gemeinschaftsgabe, nichts, was ein Mensch für sich selbst behalten kann. Gerade in den Flutgebieten war das für mich spürbar, als Menschen zusammenkamen, anderen halfen, sich manchmal auch einfach gegenseitig nur „Viel Kraft!“ gewünscht haben. „Werde wach und stärke das andere, das schon sterben wollte.“ (Offb 3,2) Hoffnung ist ein „common good“. Sie lebt davon, dass man sie weitergibt. Und sie wächst im Akt des Teilens. Vor allem in der Pandemie mit ihren vielfältigen Kontaktbeschränkungen brauchen wir Hoffnungsgemeinschaften. Weil leider eben auch Misstrauen und Verschwörungstheorien hoch virulent sind.

4. Trotzig und getrost Gutes tun. „Gutes zu tun und zu teilen, vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott wohl.“ (Offb 13,16) Ich kann mit dem, was ich tue, nicht die Pandemie ändern, das Virus beseitigen, die Welt retten. Aber ich kann etwas tun, im Kleinen, für meine Mitmenschen. Und es ist nicht egal, was ich mache. Trösten, stärken, ermutigen. Und oft sind es kleine Zeichen, die anderen helfen, selber weiterzumachen. Weil jemand anderes an sie denkt, an sie glaubt. „Frech achtet die Liebe das Kleine.“ (Henning Luther) Dabei darf man sich nicht „verdrießen“ oder „grämen“ lassen – herrliche alte Worte, welche die Anstrengung spiegeln, die es braucht, um hoffnungsbestimmt zu leben. Morgens aufstehen, das Bett machen, Frühstück zubereiten, meine Arbeit tun – und so im Kleinen versuchen, anderen Halt zu geben. Und das gilt noch mehr im Blick auf das Leid von Menschen in Armut, im Krieg, auf der Flucht, das in der Pandemie allzu schnell unterzugehen droht.

5. Täglich hoffen üben. „Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.“ (1. Thess 5,16ff.) Solche Ermahnungen in den Paulus-Briefen habe ich oft als anstrengend empfunden, noch dazu, wenn sie mit absolut formulierten All-Aussagen daherkommen. Ihr Sinn erschließt sich mir aber neu in einer Zeit langanhaltender, kollektiver Dauerbelastung. Hoffen ist in der Hinsicht wie geistliches Joggen, eine Übung sportlicher Spiritualität. Man muss im Training bleiben, um sich selbst nicht von den negativen Nachrichten bestimmen zu lassen. Hoffen ist eine tägliche Übung darin, aus Gottes Verheißung zu leben.

Was heißt das für das kommende Jahr 2022 und meinen Umgang mit ihm? Ich weiß nicht, wie es werden wird. Es wird viel Schönes geben, aber sicherlich auch wieder viele Belastungen, auch solche, mit denen ich heute noch gar nicht rechne. Davon will ich mich aber nicht bestimmen lassen. Ich vertraue darauf, dass Gott Gutes mit uns vorhat. Dass auch diese Pandemie einmal ein Ende haben wird. Und ich will so leben, dass wir gemeinsam gut durch diese Zeit kommen.

„Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr:
Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ (Jer 29,11)

Ihnen ein behütetes, hoffnungsvolles Jahr 2022!


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