Theologischer Impuls

Erntedank in undankbaren Zeiten.

Theologische Impulse (104) von Dr. Thorsten Latzel, Präses

Erntedank ist für mich das persönlichste Fest im Kirchenjahr. Das hat einen persönlichen Grund: Da ich am Michaelistag, dem 29. September, zur Welt gekommen bin, findet Erntedank entweder an meinem Geburtstag oder am Sonntag danach statt. Allein das Wort ruft schon bei mir Kindheitsbilder wach: ein überquellender Abendmahlstisch mit Körben voller Äpfel und Birnen, dazu der obligatorische dicke Kürbis, ein Bollerwagen mit Kartoffeln, Karotten, Gemüse, eine Vase voller leuchtend gelber Sonnenblumen, über allem schwebt eine Ähren-Krone. Dazu erklingt im inneren Ohr: „Wir pflügen und wir streuen …“.

Doch wie feiert man eigentlich Erntedank, wenn es keine Ernte zum Danken gibt? Wenn die Flut von einem Tag auf den anderen das eigene Haus, das Auto, die großen und kleinen Schätze einfach weggespült hat? Wenn es in diesem Jahr nichts „einzufahren“ gibt und die eigenen Scheunen leer bleiben – materiell wie seelisch?

Die Erfahrung von Missernten gehörte auch in früheren Jahren zu diesem Tag und sie tut es auch heute. Gerade in Zeiten des Bilanzierens kann dies zur Last werden. Wenn die dunkle Jahreszeit beginnt und viele Chancen vertan sind: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“ (Rilke) Was kann Erntedank angesichts solcher Erfahrungen bedeuten? Ein paar offene Gedanken.

1. Danken und Klagen sind Geschwister. Beides gehört zum Glauben dazu. Und beides muss man lernen. Auf den umgangssprachlichen Satz „Ich kann nicht klagen“, antwortet ein Bekannter von mir regelmäßig: „Da hilft nur üben, üben, üben.“ Es ist gut, dem Schmerz angesichts der eigenen leeren Scheunen Raum zu geben, das Scheitern und die eigenen Verluste Gott zu klagen. Es braucht neben dem Erntedank auch die „Missernte-Klage“. Beides ist Teil der Muttersprache des Glaubens. Und beides schließt sich überhaupt nicht aus. Klagen und Danken will gelernt sein. „Ich kann nicht danken.“ Weil es für mich nichts zu danken gibt. Weil mich mein Leben, das Schicksal, Gott zu danken verlernt hat. Das gilt es ernst zu nehmen. Den Schmerz angesichts von Misserfolg und Leiden. Und es ist zugleich gut, dabei nicht dauerhaft stehen zu bleiben.

2. Pointiert gesagt: Gott braucht nicht meinen Dank. Er nährt nicht „kümmerlich von Opfersteuern und Gebetshauch“ seine Majestät (Goethe). Nicht Gott, sondern ich brauche das Danken. Im Danken gewinne ich einen anderen Blick auf mich, die Welt, mein Leben. Ich bin nicht Opfer eines irgendwie blinden „Schicksals“. Bin mehr als der Inhalt meiner Scheunen, die Fülle meiner Ernte, die Größe meines Stalls – so wenig der Wert all dessen geschmälert werden soll. Wie sehr solche irdischen Gaben ein Segen sind, merkt man gerade, wenn es an all dem mangelt. Erntedank ist eine Einübung, mich dennoch als von Gott Beschenkten zu erfahren. In vielen kleinen Dingen, die ich oft zu leicht als selbstverständlich hinnehme. „Gott gibt das tägliche Brot auch ohne unsere Bitte allen bösen Menschen; aber wir bitten in diesem Gebet, dass er’s uns erkennen lasse und wir mit Danksagung empfangen unser tägliches Brot.“ Ganz aktuell gehört etwa auch eine gute Regierung zu dem, wofür wir Gott an diesem Fest danken.

3. Danken hat für uns ja oft den Charakter einer als Kinder antrainierten Pflichtübung: „Hast du auch Danke gesagt, dich ordentlich verabschiedet und (vor Corona) die schöne Hand gegeben?“ Doch Dank im christlichen Sinn ist etwas anderes als eine zivilisierte Höflichkeitsform. Und er erschöpft sich auch nicht in einem Wortinhalt. Für den Glauben geht es beim Danken um eine Lebenshaltung, einen Existenzvollzug: Ich bin – mit allem, was ich habe – kein Zufall, kein Selfmade-Produkt, sondern eine Gottesgabe. In Abwandlung eines Begriffs des Theologen Schleiermacher geht es um ein „Gefühl letzthinniger Dankbarkeit“: ich danke nicht nur für dies oder das, in dieser oder jener Hinsicht, sondern ich bin dankbar, dass ich überhaupt bin und nicht „nicht bin“. Auch dann, wenn mein Leben eigenen oder fremden Ansprüchen nicht genügt, in Zeiten von Dürre und Verlust. Christlich danken heißt, dass ich mein Leben als Antwort verstehe.

4. Zu der geistlichen Übung des Dankens gehört als zentrale Aufgabe, mich von dem scheelen Blick auf den anderen, die andere frei zu machen, mich nicht zu vergleichen. Das ist vielleicht eine der schwersten Übungen überhaupt. Mein Auto, mein Haus, meine Karriere, meine Familie, mein Körper, meine Bildung: Ich verfalle immer wieder in das unselige Vergleichen, und sei es, ob die Löcher in meiner Mönchskutte nicht größer sind als die des anderen. Erntedank ist ein soziales Fest, weil wir, egal ob arm oder reich, vor Gott gleich dastehen. Es gibt nichts, was ich nicht empfangen habe. Das gilt auch dort, wo ich viel gearbeitet habe. An Erntedank geht es auch darum, Frieden mit dem zu finden, was ich geworden bin.

5. Das Gebet ist der Ort, an dem ich diese andere Existenzweise der gelebten Antwort und der inneren Zufriedenheit einübe. Etwa beim Dank vor dem Essen. Ich nehme es nicht als selbstverständlich, dass da Brot auf den Tisch steht. Mache mich frei von dem Blick auf die Trüffeln der anderen. Und auch hier bleibt das Danken immer auch ein paradoxaler Akt, gegen den Augenschein, im Angesicht des Scheiterns und Verlierens. Eindrücklich habe ich das vor ein paar Wochen in der von der Flut betroffenen Gemeinde Ehrang erfahren. Dort hielt die Kollegin, Pfarrerin Maren Vanessa Kluge, eine Andacht über selige Momente mitten in der Flut. Kleine, aber entscheidende Augenblicke, in denen Menschen mitten in der Katastrophe Gutes erfahren haben. Etwa der ältere Mann, der seinen Ehering verloren hatte, bis ihn ein Helfer im Schlamm wiederfand. Und der ihn dann von seiner Frau von neuem angesteckt bekam. Ein Moment tiefsten Glücks und tiefster Dankbarkeit.

Nach dem Heidelberger Katechismus ist das Gebet das „vornehmste Stück“ der Dankbarkeit. Ich lerne darin, mein ganzes Leben als solch ein Fundstück zu verstehen, das ich von Gott neu empfange wie einen Ring. Ich falte die Hände, öffne sie für Gott. Weil ich letztlich in seiner Hand stehe. Und ich entdecke so eine „portable Heimat“ (Reich-Ranicki) in mir. Ich bin „Gast auf einem schönen Stern“ (Thielicke). Nichts gehört mir auf Dauer. Mit leeren Händen bin ich geboren. Mit leeren Händen werde ich wieder sterben.

Dank als geistliche Lebenshaltung, allen Wüstenerfahrungen zum Trotz. Eine wunderschöne Umsetzung dieses Gedankens findet sich in dem alten Film „Milagro. Krieg im Bohnenfeld“, 1988 von Robert Redford als Regisseur gedreht und mit einem Oscar prämiert. Er spielt in New Mexico und handelt von dem armen Kleinbauern Joe Mondragon, der sich gegen ein touristisches Großprojekt wehrt, indem er unerlaubterweise Wasser auf das ausgedörrte Bohnenfeld seiner Väter leitet.

Als Rahmenhandlung der Geschichte wird erzählt, wie der alte Amarante Cordova zum Heiligen wird. Der Film beginnt damit, dass der greise Amarante in seiner ärmlichen Hütte aufwacht. Mühsam schafft er es, aus dem Bett aufzustehen und bis zu dem fleckigen, an vielen Stellen schon blinden Spiegel zu gehen. Seine letzten Haare stehen wirr zur Seite ab, seine Brille sitzt schief im Gesicht, sein Unterhemd spannt über seinem Körper. Und dann sagt er den ersten Satz des Films: „Ich danke dir, Gott, dass ich diesen Tag erleben darf.“ Es ist eine faszinierende Szene der Dankbarkeit und des Gotteslobes angesichts menschlicher Armut und Vergänglichkeit. Vielleicht, weil es die Weisheit eines Heiligen braucht, um sich selbst für einen Moment mit den Augen Gottes sehen zu können. Allen Täuschungen des Spiegels zum Trotz.


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