Theologischer Impuls

„Umtopfen“ – oder: wie Sie die Wurzeln Ihres Lebens pflegen.

Theologische Impulse (102) von Dr. Thorsten Latzel, Präses.

Vor ein paar Wochen habe ich die Bäume aus unserer Wohnung umgetopft. Fici benjaminae, Birkenfeigen. War dringend nötig. Ihre Töpfe waren für sie längst schon zu klein geworden. Nun habe ich keinen besonders grünen Daumen, danach aber ziemlich schwarze Fingernägel. Mehrere Stunden war ich dran: verbrauchte Erde aus den Ballen lösen, vorsichtig das verknotete Wurzelwerk freilegen, dann in frische Erde einpflanzen, mit Wasser begießen. Eine geradezu meditative Tätigkeit. Einem anderen Lebewesen beim Wachsen helfen. Ich stehe eigentlich nicht so auf Gartenarbeit. Das Ganze hat mich aber wohl deswegen berührt, weil das Umtopfen symbolisch für unsere aktuelle Lebensumstände war. Umzug als fünfköpfige Familie.

Wer das einmal gemacht hat, weiß, wovon ich rede. Die Zeit und Energie, die es braucht, bis nicht nur die Kartons ausgepackt, sondern alle wirklich angekommen sind: in der Wohnung, in der Nachbarschaft, in der Schule, am Arbeitsplatz. Alles neu. Keine Routinen. Und wer das hinter sich hat, kennt auch all die passenden Sätze, die man dann mitunter hört.

Etwa: „Dreimal umziehen ist wie einmal abgebrannt.“ (wohl von Benjamin Franklin) Klingt schön metaphorisch, dramatisch, lebensweise, ist aber eigentlich unsinnig. Auch ohne dass man mit Menschen aus den verbrannten Landschaften in Griechenland, Italien, der Türkei redet. Es handelt sich trotz aller Anstrengung um selbst gewählte Migration. Ein freiwilliger Wechsel des Wohnsitzes aus Arbeitsgründen. Im Schwyzerdütsch, in dem alles etwas freundlicher klingt, gibt es dafür das nette Wort „Zügeln“. Das wiederum ist dann zu harmlos. Unsere Wirklichkeit bewegt sich irgendwo zwischen Zügeln und Hausbrand.

Oder: „Ein neues Haus, ein neuer Mensch.“ Goethe darf bei solchen Sinnsprüchen natürlich nie fehlen. Ein neuer Lebensort bietet die Möglichkeit, sich selbst neu zu entdecken – oder zumindest gewisse Seiten von sich. Vor allem für kreative Charaktere mit stärker hysterischen Persönlichkeitsanteilen. Meine Erfahrung nach dem, grob kalkuliert, zehnten Umzug ist allerdings: Irgendwo in einem der Koffer hat sich dann doch wieder mein alter Adam versteckt. Wäre aber auch schade gewesen, so ganz ohne ihn.

„Wenn du einen Garten in deiner Bibliothek hast, wird es Dir an nichts fehlen.“ (Cicero) Damit kann ich etwas anfangen. Gute Bücher als biographische Wegbegleiter und ein schöner Ort, um sie zu lesen: Das macht für mich viel vom Zuhause-Gefühl aus. Gerade, weil der Garten hier mehrdeutig „in“ der Bibliothek verortet ist – als Ort zum Lesen bzw. im Gelesenen. Ein inneres Reich der Freiheit, das einen äußeren Spiegel hat („hortum in bibliothecam“; oft wird der Satz verkürzt auf „einen Garten und eine Bibliothek“). Damit können aber verständlicherweise nicht alle etwas anfangen: „Auch den Möbelpackern sind Leute, die lesen, zuwider. Aber sie haben wenigstens einen guten Grund dafür.“ (Gabriel Laub)

„Beim Abschied wird die Zuneigung zu den Sachen, die uns lieb sind, immer ein wenig wärmer.“ (Michel de Montaigne) Die „Zuneigung zu den Sachen“ hat uns als Familie diesmal besonders beschäftigt, weil die Wohnfläche etwas kleiner geworden ist. Was nehme ich mit in die nächste Lebensphase hinein? Und was brauche ich davon wirklich? Die berühmte „Koffer-einsame-Insel-Überlegung“. Die 10.000 Dinge, die ein/e Europäer/in angeblich durchschnittlich besitzen soll, toppen wir locker. Auch wenn ich die Bezeichnung „Wohlstands-Messi“ unserer Tochter natürlich strikt von mir weise. Ein Lebensstil, der Dinge nach kurzem Gebrauch wieder wegwirft, erscheint mir auch wenig „minimalistisch“. Doch wie macht man es, dass man die Dinge besitzt und nicht umgekehrt die Dinge einen besitzen? Bei Paulus gibt es dazu den schönen Gedanken des „haben als hätte man nicht“ (1. Kor 7,29ff.) Oder wie ich es einmal an einem Haus in Edinburgh gelesen habe: „Heute meins, morgen deins. Warum sorgst du?“ (Hodie mea mane tua cur curas). Am Ende werde ich ohnehin nichts mitnehmen. Leben in „schöner Endlichkeit“. Das macht das Loslassen leichter. Zumindest theoretisch.

Bei Umzügen gibt es bei uns eine eigene Dramaturgie. Wir sind die ersten drei Wochen sehr schnell. Lampen, Möbel, Kleider, Bilder, Gardinen. Was bis dahin nicht ausgepackt ist, bleibt bis zum nächsten Umzug in den Kartons. Oder wird dann weggeworfen. Doch das Schönste in dieser Zeit sind die Menschen. Die alten Freunde, die einen begleiten, die neuen, die einem „Brot und Salz“ bringen. Diesmal etwa die Pfarrerin aus unserer Gemeinde, ein alter Studienfreund oder unsere neue Nachbarin Charlotte. „Brot und Salz“, auf dass beides im Haus nicht ausgehen möge. Für den Glauben hat beides noch eine tiefere Bedeutung. Brot, um mit anderen das Brot zu brechen, Mahlgemeinschaft zu halten. Gegenwart Christi. Salz, um selbst für andere Salz der Erde zu sein. Segensgaben, um selbst zum Segen zu werden. Starke Zeichen aus alter Zeit, in der solche Dinge nicht einfach immer im Supermarkt zu kaufen waren.

Womit ich wieder bei unseren Bäumen wäre. Es gibt Dinge, die kann ich mir selbst nicht sagen, nicht selber machen. Dass meine Wurzeln und die jedes einzelnen Familienmitglieds wieder treiben. Dass jede und jeder guten Boden findet. Dass da Menschen sind, die den neuen Ort zur Heimat werden lassen. All das braucht man immer im Leben. Beim Umzug wird es mir nur noch einmal stärker bewusst. Wie unsere Benjamini: verbrauchte Erde aus den Ballen lösen, vorsichtig das verknotete Wurzelwerk freilegen, dann in frische Erde einpflanzen, mit Wasser begießen. Und dann warten, was geschieht. So bekommt man ein neues Gespür für die großen Umzugsgeschichten in der Bibel.

Umzug, biblisch

Adam und Eva zogen aus dem Paradies,
weil sie mussten.
Abraham und Sarah zogen ins verheißene Land,
weil sie glaubten.
In Jesus zog Gott durch unsere Welt,
weil er an uns glaubte.
Woher und wohin
zieht es eigentlich mich? (TL)


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