Theologischer Impuls

Ich bin vieles, aber nicht „normal“ – und habe auch nicht vor, es jemals zu werden.

Seit dem AfD-Parteitag letzte Woche geistert auf einmal ein eigenartiger Slogan durch die Medien: „Deutschland. Aber normal.“ Nun muss man nicht alles kommentieren, was diese oder andere Parteien tun. Nach dem Motto des weisen früheren Kirchenpräsidenten der EKD, Hermann Barth: „Das ignorieren wir nicht einmal.“ Tatsächlich halte ich diese Sprachwendung nicht nur für inhaltlich schief, sondern gesellschaftspolitisch für hochproblematisch und gefährlich. Und sie steht dem zutiefst entgegen, was mir als Bürger wie als Christen persönlich wichtig ist.

Natürlich kann man sich über den Slogan leicht lustig machen: Was soll „normal“ hier bedeuten? Die Alternative zu Diesel oder Super an der Zapfsäule, also eine vielleicht nur häufigere Wahloption unter verschiedenen Möglichkeiten? Das scheint angesichts der Grundhaltung der Partei wohl nicht gemeint. Oder eine „Normalität“, die sich aus der „Normativität des Faktischen“ herleitet? Aber was sollte das dann besagen: Deutschland, so wie es ist? Wir wollen nichts verändern. Das Problem bei dem Slogan ist, dass hier eine „Normalität“ im Sinne von Alltäglichkeit behauptet wird, die alles andere als alltäglich ist. Es geht eigentlich um „Deutschland. Aber normativ.“ Und zwar nach unserer normativen Vorstellung dessen, was normal ist.

Die Begriffswahl macht deutlich, welches gesellschaftliche Problem sich hinter der Partei verbirgt. Sie steckt letztlich mit ihrem Denken in der Phase der industriellen Moderne (50er – 80er Jahre) fest. In ihr war das Leben des Einzelnen wie der Gesellschaft orientiert an möglichst hoher Gleichförmigkeit, quasi der Deutschen Industrie-Norm: ein klar geregeltes Leben nach DIN-Vorgabe. Der Strukturwandel hin zur Spätmoderne mit „Kreativ-Kultur“ und einer „Gesellschaft der Singularitäten“ (Reckwitz) wird da als fremd und überfordernd erfahren. Nun wäre es ja höchst begrüßenswert sich kritisch mit problematischen Phänomenen dieser Entwicklung auseinanderzusetzen. Etwa – wieder mit dem Soziologen Reckwitz gesprochen – der permanenten „Aufmerksamkeitskonkurrenz“ und dem Zwang, sich selbst ständig „performen“ zu müssen. Oder den Formen kultureller Entwertungen von Unterklassen und alten Mittelschichten. Oder der „Krise des Allgemein“. Was hier aber stattdessen geschieht, ist, dass eine Partei für sich in Anspruch nimmt, anderen normativ vorzuschreiben, was „normal“ ist und was nicht: „Deutschland. Aber normativ.“ „Deutschland nach unseren Normen.“ Welche Folgen es hat, wenn bestimmte Kunst als nicht „normal“ bezeichnet wird oder einzelne Menschen, Menschengruppen, Lebensstile – das haben wir in Deutschland schon leidvoll erfahren müssen. Deswegen: In Deutschland ist es heute zum Glück „normal“, nicht in diesem Sinne „normal“, also normativ normiert, zu sein.

Ich bin selbst „nicht normal“ und ich habe auch nicht vor, es jemals zu werden. Auch wenn ich in Deutschland geboren bin, studiert habe, heterosexuell und verheiratet bin, Kinder habe … und damit bestens zum DIN-Deutschsein mancher Menschen passe: Ich möchte meine Lebensform nicht als Maßstab für andere verstehen. Gerade das macht für mich die Stärke unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft aus, dass wir „ohne Angst verschieden sein“ können (Adorno).

Und das ist für mich ein zentrales Element des christlichen Glaubens. Der Glaube an Gott, wie er sich in Jesus Christus offenbart hat, ist ein zutiefst „un-normales“ Ereignis – weil er all unsere Vorstellungen von „Normalität“ auf den Kopf stellt. Der Apostel Paulus etwa wird nicht müde, das in immer neuen Bildern zu vermitteln. Einem Christenmenschen, so Paulus, ist „alles erlaubt“ (1. Kor 6,12; 10,23). Nichts ist „un-normal“. „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt eins in Christus.“ (Gal 3,28) Die einzige normative „Normalität“, die Paulus kennt, ist die der unbedingten Liebe Gottes. „Sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“ (1. Kor 13,7) Paulus selbst ist an anderen Stellen dieser radikalen „A-Moralität“ der Liebe, der Sprengung der Normalität, nicht immer gerecht geworden. So wie Christinnen und Christen zu allen Zeiten und auch ich selbst immer wieder dahinter zurückbleiben. Dennoch ist für uns als Glaubende letztlich die unbedingte Liebe Gottes der alleinige Maßstab dessen, was „normal“ oder „nicht normal“ ist.

Als ich selbst vor vielen Jahren ein Kindergarten-Kind war, hatte eine Erzieherin einen Aufkleber auf ihrem Opel Kadett: „Ich mag dich, denn du bist anders.“ Der Satz hat sich irgendwie fest in meine Erinnerung eingebrannt. Damals habe ich ihn – in herzlicher kindlicher Egozentrik – vor allem persönlich auf mich bezogen. Was mir die Erzieherin natürlich sehr sympathisch gemacht hat, auch wenn sie unverständlicher Weise dennoch einen älteren Freund hatte. Heute verstehe ich es als Ausdruck einer Haltung tiefer, praktizierter Menschenliebe und Herzensfreundlichkeit; was mir die Erzieherin nach Jahren noch einmal ganz anders sympathisch macht. Einen anderen Menschen als einzigartige Persönlichkeit zu lieben und nicht, weil er oder sie einer wie auch immer gearteten Norm(alität) entspricht. Das wünsche ich mir für unsere Gesellschaft, für meine Stadt, für unser Land, für Europa: eine Haltung des „Ich mag dich, denn du bist anders“. Das war es letztlich, was Jesus Christus unbedingt gelebt hat und was ihn ans Kreuz brachte: „Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.“ Er hat die religiös-moralische Normalität immer wieder verletzt, bis es den Mächtigen seiner Zeit reichte. Und genau diesen Jesus, der aus der „Normalität“ der Liebe Gottes alle Normen verletzte, hat Gott auferweckt. Deswegen ist mein Glaube, bin ich „nicht normal“. Und deswegen setzen wir uns als Christinnen und Christen dafür ein, dass Menschen in Deutschland ohne Angst verschieden sein können.

Irgendwann reicht‘s
Geboren in einem Stall,
aus unklaren Verhältnissen,
zog er ohne Arbeit durchs Land,
aß mit Zöllner, Zechern, Sündern,
predigte von Lilien und Spatzen,
stellte unmoralische Vergleiche an,
brach liebevoll jede Regel,
heilte Aussätzige, Blinde, Lahme,
machte Kinder, Ausländer zum Vorbild,
solidarisierte sich mit Frauen.
Als er dann, am Ende gekreuzigt,
noch nicht einmal im Grabe blieb,
war es der Normalität endgültig genug.
Sie baute sich ein schönes Reihenmittelhaus
mit ordentlichem Vorgarten
und wollte fortan mit religiösen Dingen
freundlichst in Ruhe gelassen werden.(TL)


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