Theologischer Impuls

Zurück ins Leben wandern – Osterspaziergänge in Zeiten von Corona

Ostern und Corona haben eines gemeinsam: das Spazierengehen. In der Pandemie zählt der Spaziergang zu den wenigen Dingen, die selbst während verschärfter Kontaktbeschränkungen noch möglich waren und sind. Bewegung, draußen, mit sicherem Abstand, an der freien Luft. Der Osterspaziergang wiederum ist seit eh und je fester Brauch am Frühlingsanfang: von den politischen Ostermärschen über den Filmmusical-Klassiker „Osterspaziergang“ mit Judy Garland & Fred Astaire (1948) bis hin zu der eindrücklichen Beschreibung in Goethes Faust:

„Jeder sonnt sich heute so gern. / Sie feiern die Auferstehung des Herrn, / denn sie sind selber auferstanden. / Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, / aus Handwerks- und Gewerbesbanden, / aus dem Druck von Giebeln und Dächern, / aus der Straßen quetschender Enge, / aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht / sind sie alle ans Licht gebracht.“

Bei beiden Anlässen, Ostern und Pandemie, geht es um den Aufbruch aus Enge, Stillstand, Einsamkeit – hinein in das Leben. Auch in den biblischen Ostergeschichten spielt das Unterwegssein eine große Rolle. Die Erzählungen beginnen damit, dass die Frauen als erstes am Morgen zum Grab gehen. Danach laufen Petrus und Johannes dorthin, als sie vom leeren Grab hören. Und dann erzählt Lukas von einem ganz besonderen Gang, der bei der Trauer um den Gekreuzigten anfängt und in der Begegnung mit dem Auferstandenen mündet. Aktuell gewinnt diese Geschichte der „Emmaus-Jünger“ (Lukas 24,13ff.) für die Osterzeit in der Pandemie noch einmal eine besondere Bedeutung. Weil in ihr Erfahrungen von Tod und Verlust, wie wir sie auch aus der Corona-Zeit kennen, seelsorglich einfühlsam „angegangen“ werden. Nicht einfach bewältigt oder gelöst, sondern durchschritten.

Die Erzählung setzt damit ein, dass sich zwei Männer aus dem weiteren Kreis der Jesus-Anhängerinnen und Anhänger auf den Weg nach Emmaus machen, ein Dorf rund elf bis zwölf Kilometer von Jerusalem entfernt. Sie reden über das, was geschehen ist: Jesu gewaltsamen Tod, ihre zerstörten Hoffnungen, die sie erschreckende Botschaft vom leeren Grab. Und wie sie so gehen und reden, gesellt sich unerkannt der Auferstandene selbst zu ihnen: „… da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.“ Was für eine schöne Vorstellung: Christus selbst geht unerkannt in Zeiten der Krise an unserer Seite. Er begleitet uns, ohne dass wir wüssten, wann, wo oder wie. Er wird mitten in der Einsamkeit unser Weggefährte und „Sprachgesell“ (P. Gerhardt). Und das gerade zu einem Zeitpunkt, an dem wir es am wenigsten vermuten.

Und der auferstandene Jesus spricht die beiden an: „‚Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs?‘ Da blieben die beiden traurig stehen.“ Das ist etwas, was vielen Menschen in der Pandemie fehlt: dass jemand kommt und nachfragt, wie es einem geht. Jemand, der sich die Zeit nimmt, um stehen zu bleiben bei dem, was uns traurig macht. Dass Freundinnen oder Angehörige gestorben sind. Dass Pläne von uns durchkreuzt wurden. Dass mir manchmal die Hoffnung verloren geht. Einfach jemand, der nachfragt und gemeinsam mit uns stehen bleibt.

Und die Jünger damals begannen zu reden. Lange und ausführlich. Von dem, was sie mit diesem Jesus erlebt haben, was er tat, wie er starb – und mit ihm auch ihre Hoffnung. All das erzählen sie dem unerkannten, auferstandenen Jesus. Und er hört zu. Gibt ihrer Klage Raum. Überwältigt sie nicht mit einem gut gemeinten Trost. Manchmal beschreibt das mein eigenes Gefühl während Corona: dem verborgen anwesenden Gott zu klagen, wie sehr er mir, uns fehlt.

Erst danach fängt Jesus an zu sprechen: „‚O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?‘ Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war.“ Sein Zuspruch geschieht auf zwei Weisen: als Konfrontation und Interpretation. Er konfrontiert die beiden mit einer fundamental anderen Sicht der Dinge. Und er erschließt ihnen ein neues Verständnis des eigenen Glaubens, der heiligen Schriften. Das ist es, was ich mir für mich selbst, für unsere Gesellschaft wünsche: dass sich ein anderer Horizont öffnet, eine Hoffnung auftut –dafür, wie wir gemeinsam in und nach der Pandemie leben wollen. Dass ich mich selbst, meine Mitmenschen, mein Leben neu verstehen lerne. Auch, indem ich Widerspruch erfahre zu mancher Selbstverständlichkeit, mit der ich früher gelebt habe. Eine neue Sicht der Dinge, die daraus erwächst, dass Gott selbst mit mir spricht, mir heilsam widerspricht, meinem träg gewordenen Herzen auf die Sprünge hilft.

Die Veränderung, die sich bei den Jüngern damals vollzog, ereignet sich still, im Verborgenen. In der Geschichte wird dies fein beschrieben durch das, was nicht erzählt wird. Was zwischen den Zeilen steht. Dass die Jünger und Jesus nach dem Stillstand weitergehen, steht nirgendwo. Und doch bewegen sie sich: äußerlich und innerlich. Das macht Oster-Spaziergänge gerade in Corona-Zeiten so wertvoll – weil sie helfen können, dass ich mich nicht ständig im Kreis um mich selbst drehe. Dass ich vorwärts gelange, an ein neues Zwischenziel, in meinem Denken wie in meinem Leben.

„Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: ‚Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.‘ Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.“ DasWeitergehen-Wollen“ spielt an auf eine alte Vorstellung davon, wie Gott sich offenbart: Gott zeigt sich, indem er vorüber geht. An Mose auf dem Sinai, an Elia auf dem Horeb, wie Jesus an den Jüngern im Boot, als er übers Wasser geht. Dass Jesus es hier nicht tut, ist Inbegriff seiner unbedingten Nähe. Gott kehrt in Christus bei uns ein. Und dies zu dem Zeitpunkt, wenn der Tag vergeht und das Dunkle beginnt. Die Bitte der Jünger fand Eingang in das Nachtgebet der Kirche: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.“ Für mich ist sie Ausdruck einer tiefen, inneren Hoffnung wider dem Augenschein. Wenn wir ankommen in dem „Dorf“, wohin wir gehen, und es dunkel wird, dann hoffe ich, dass Gott uns nicht verlässt. „Bleibe bei uns am Abend des Tages, am Abend des Lebens, am Abend der Welt. […] Bleibe bei uns, wenn über uns kommt die Nacht der Trübsal und Angst, die Nacht der Zweifel und der Anfechtung, die Nacht des bitteren Todes. Bleibe bei uns und allen deinen Gläubigen in Zeit und Ewigkeit.“

Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen.“ Man spürt an der Dichte der Erzählung, wie das Geschehen hier seinen Höhe- und Wendepunkt erfährt. Sieben Verben in dichter Folge: nehmen, danken, brechen, geben, geöffnet werden, erkennen, verschwinden. Die ersten vier klingen wie ein alltäglicher Ablauf am Tisch – und gerade darin sind sie kennzeichnend für Christus: er, der bedingungslos mit allen aß, Gottes Segen teilte, sich selbst dabei hingab, bis zum letzten Mahl. Nehmen, danken, brechen, geben. Die letzten drei beschreiben ein eigenartiges, spannungsvolles Zugleich: Ihre Augen werden geöffnet, sie erkennen ihn und er entschwindet ihnen. Das ist so, weil mein Erkennen meinem Erleben immer hinterherhinkt. Vor allem aber, weil Gott mir immer entzogen bleibt, unverfügbar. Gerade auch dann, wenn er sich uns hingibt.

Das lässt mich religiös bescheiden werden, oder sollte es zumindest, in Zeiten der Pandemie. Ich habe keine einfache Antwort darauf, wo Gott in der Corona-Zeit ist, wieso dies geschieht. Ich kann nur wie die beiden Jünger rückblickend von dem sprechen, was mir widerfährt: „Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?“ Wenn aus meinem trägen Herzen wieder ein brennendes wird. Wenn ich beim Sprechen und Hören mit anderen auf dem Weg wirklich etwas begreife. Wenn mir mit dem Sinn der Schrift zugleich meine Augen aufgehen. Wenn das geschieht, dann ist es an der Zeit, wie die Jünger damals zurück zu gehen. Noch zu derselben, späten Stunde. Um anderen davon zu berichten, was geschehen ist: „Christus, der Brotbrecher, ist auferstanden. Und er ist gegenwärtig, wenn wir es tun.“ „Er, der lebt, gebot: Teilt das Brot!“ (EG 229)

Eine konkrete Umsetzung eines solchen österlichen „In das Leben Spazierens“ gibt es von der Diakonie und der Evangelischen Kirche in Düsseldorf im Stadtteil Flingern. Auf sogenannten Seelenwegen können sich Menschen dort mit einer ehrenamtlichen Seelsorgerin oder einem ehrenamtlichen Seelsorger auf den Weg machen, sich austauschen, Beratung in Anspruch nehmen oder existenzielle Sorgen besprechen. Eine schöne Idee, um aus dem „stuck state“ und dem Kreiseln der eigenen Sorgen aufzubrechen!

Migration, österlich

„Migrare de vita“ –
Aus dem Leben wandern.
So beschrieb man früher blumig,
wenn Menschen sich das Leben nahmen.

„Remigrare in vitam“ –
Zurück ins Leben wandern.
So äußert es sich heute spürbar,
wenn Menschen an Auferstehung glauben.

Weitere Texte: www.glauben-denken.de

Als Bücher: https://praesesblog.ekir.de/inhalt/theologische-impulse-als-buecher/

Kontakt: praeses@ekir.de

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