Andacht für den 30.7.

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Am Dienstag, auf dem Weg zu einem Trauergespräch in Hoffnungsthal, fuhr ich am Wöllnerstift vorbei, und wie so oft fiel mir das Logo des Seniorenheimes ins Auge. Groß aufgemalt sieht man es am Giebel eines Gebäudes. Und heute Nachmittag – am Mittwoch –halte ich den Balkongottesdienst für die Menschen im Wöllnerstift und in der Nachbarschaft. Und wieder sehe ich das gleiche Zeichen auf der Flagge am Eingang:

 

Ein Segelschiff.

Ich gehe mit meinen Gedanken spazieren: In diesen Gebäuden wohnen viele Menschen, die eine lange Reise auf ihrem Lebensschiff hinter sich haben. Nach der Fahrt auf hoher See, nach ruhigen Lebensphasen, nach schönen Erlebnissen, gewiss auch nach Abenteuern und Stürmen – und wer denkt da nicht an die Kriegszeit und die schweren Jahre danach –, jetzt ist man in einen ruhigeren Hafen eingelaufen. In diesem Hafen verbringen viele ihren Lebensabend. Ob es hier aber immer ruhig zugeht, sei dahingestellt. Gerade die Corona-Zeiten waren und bleiben eine Herausforderung für die Bewohner und Bewohnerinnen, sowie auch für alle, die im Wöllnerstift arbeiten.

In dieser Andacht für Donnerstag lade ich Sie und Dich ein, das Bild vom individuellen Lebensschiff auf das eigene Leben zu beziehen. Je nach Lebensalter ist man schon eine lange Zeit unterwegs. Andere haben erst wenig Erfahrung auf der Fahrt im weiten Meer. Die sind angewiesen auf Beratung durch andere Menschen oder durch nautische Hilfsmittel …

Nun, das Symbol Lebensschiff will ich ein wenig ausmalen. Vielleicht nehmen Sie sich ein wenig Zeit und lassen sich durch das Bild inspirieren. Ich will offen lassen, mit welchen Farben, Erinnerungen und Gedanken Sie das Bild vom eigenen Lebensschiff füllen.

Ich formuliere diese Art Meditation in allgemeiner Form und lade Sie und Dich dazu ein, sich mit der eigenen Lebensgeschichte unterzubringen.

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Unter Gottes weitem Himmel waren und sind wir auf großer Fahrt, auf dem Schiff des eigenen Lebens …

Wenn wir auf unser Leben zurückschauen, dann war der Kurs manchmal ganz klar. Dann war es gut, wenn uns Menschen begleitet haben mit Rat und Tat. Und sinnvoll, wenn wir ein Navigationsgerät dabeihatten, eine Seekarte oder einen Kompass. Manchmal haben wir uns auch am Sternenhimmel orientiert.

Wir hatten uns Ziele gesteckt – im privaten Bereich, wie im Beruf. Einige Seerouten haben wir schon hinter uns gebracht. Daher kennen wir auch manche sichere Häfen, wo man gut vor Anker gehen und sich erholen konnte, bevor es wieder hieß „Segel setzen.“ Wenn der Wind günstig ist, geht es mit aufgeblähten Segeln voran. Dann nimmt das Lebensschiff Fahrt auf. Und manchmal ging es „volle Kraft voraus“.

Immer wieder schaukelte unser Segelschiff durch ruhiges Fahrwasser. Man blieb auf Kurs und hat viel Schönes im Leben erfahren. Wir erinnern uns dankbar an solche Erlebnisse und an gute Begegnungen, die uns gestärkt und weitergebracht haben.

Zu anderen Zeiten mussten wir das Lebensschiff durch Stürme hindurch manövrieren. Da hatte und hat jede Generation ihre Herausforderungen. Es war so, als würden die Wellen über uns hereinbrechen. Manches wurde uns zugemutet, auch Trauriges. Wir mussten durch schwere Zeiten hindurch. Oft haben wir Bewahrung erfahren.

Wenn wir in die Zukunft schauen, dann ist da viel Ungewissheit … Ob wir uns in unbekannte Gewässer vorwagen, ohne zu wissen, was uns dort erwartet. Oder ob wir meinen, sicher zu wissen, wohin die Reise gehen soll …

Wenn wir auf unserem Lebensschiff eine Flaute erleben, dann werden wir eine Pause einlegen müssen. Segel setzen nützt dann nichts, denn wo kein Wind, da keine Bewegung. Dann kommt das Lebensschiff nicht voran.

Doch wenn der Wind lange ausbleibt, wird es eng und die Vorräte gehen aus. Dann werden wir die Ärmel hochkrempeln müssen und ans Ruder gehen. Das wird anstrengend, aber man kommt wenigstens vorwärts.

Natürlich ist es am besten, wenn leichte Winde wehen, die die Segel aufblähen. Eine erfrischende Brise gibt auch neue Ideen und neuen Schwung.

Wenn die See jedoch zu unruhig wird, wenn sich der Himmel verdunkelt, Gewitterwolken aufziehen und ein Sturm die Wellen aufpeitscht, dann kann es gefährlich werden.

Segel setzen in die Zukunft … In den unendlichen Weiten des Meeres kann es gefährlich sein. Und wir fragen uns:

Wie halten wir unser Lebensschiff auf Kurs? Können wir stürmische Zeiten überstehen? Schaffen wir es, unser Schiff durch gefährliche Gewässer zu lenken?

Und wenn die Wellen über uns zusammenschlagen: Wer hält uns? Wenn unser Schiff kentert: Wer wirft uns den Rettungsring zu? Oder gehen wir unter?

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So viele Fragen und Unsicherheiten … –

In der Bibel wird erzählt, dass es den Jüngern Jesu ganz ähnlich gegangen ist: Sie waren mit dem Boot auf dem See Genezareth. Plötzlich kam ein furchtbarer Sturm auf. Das Schiff drohte zu kentern. Die Jünger riefen Jesus um Hilfe an. „Hilf uns doch, Jesus! Wir gehen unter und sterben.“ Und Jesus bedrohte den Wind und das Meer. Der Sturm legte sich. Jesus fragte seine Jünger: „Wo ist euer Glaube?“

Vielleicht geht die Frage auch an uns: „Wo ist unser Glaube?“

Viele Menschen meinen, ohne Glauben zurecht zu kommen. Das geht vielleicht eine Zeitlang gut. Viele erkennen gar nicht, dass sie das Gute, das sie erleben, nicht nur sich selbst zu verdanken haben. Doch meist kommt man an einen Punkt, wo man sieht: Das schaffe ich nicht allein. Ich brauche Hilfe.

Unsere biblische Geschichte sagt uns: Jesus ist mit uns im Boot. Er lässt uns nicht allein. Auch im Unwetter, wenn das Meer um uns herum tobt, in stürmischen Zeiten unseres Lebens, können wir darauf vertrauen, dass Jesus bei uns ist.

Er begegnet uns auch in anderen Menschen: In Menschen, die uns den Rettungsring zuwerfen, Menschen die für uns da sind und helfen, dass wir wieder auf die Beine kommen.

In einem neuen Lied, das die biblische Geschichte von der Sturmstillung in unsere Zeit hinein interpretiert, heißt es:

„Ist dein Leben von Stürmen bedroht, denkst du, Gott schweigt zu dir in der Not. Denkst du, Er ist nicht da, doch Er ist dir ganz nah. Jesus sitzt mit dir im selben Boot.“

Jesus ist mit uns unterwegs auf dem Schiff unseres Lebens.

So wünsche ich uns allen, dass wir seine Nähe spüren, im Glauben an ihn gestärkt werden und voller Zuversicht die Segel setzen in eine Zukunft mit Jesus an der Seite.

Herzlichst – Ihre / Eure Pfarrerin Erika Juckel

Zur Information: Die Andachten in den Schulferien erscheinen immer mitten in der Woche, am Mittwoch oder am Donnerstag – online auf der Homepage oder on Leine, auf der Wäscheleine.

Die Predigt und ein Lied von unseren Open-Air-Gottesdiensten erscheint immer montags.

Hier der Link: Gottesdienst am 26. Juli

Ihre / Eure Erika Juckel, Pfarrerin


Foto: D. Binderberger