Andacht für den 23.7.

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Am Mittwoch (22. Juli) lese ich in meinem Losungsheft folgenden neutestamentlichen Text:

Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht. (aus Jesu Gleichnis vom Wachsen der Saat; Markus 4, 26-28)

Zum Bild des Säens fällt mir folgendes Zitat von Albert Schweitzer ein, bei dem es am Ende auch um einen Sämann geht:

Als einer, der versucht, in seinem Denken und Empfinden jugendlich zu bleiben, habe ich mit den Tatsachen und Erfahrungen um den Glauben an das Gute und Wahre gerungen.
Auf die Frage, ob ich pessimistisch oder optimistisch sei, antworte ich, dass mein Erkennen pessimistisch und mein Wollen und Hoffen optimistisch ist.
Weil ich auf die Kraft der Wahrheit und des Geistes vertraue, glaube ich an die Zukunft der Menschheit. Wo Kraft ist, ist Wirkung von Kraft. Kein Sonnenstrahl geht verloren. Aber das Grün, das er weckt, braucht Zeit zum Sprießen, und dem Sämann ist nicht immer beschieden, die Ernte mitzuerleben. Alles wertvolle Wirken ist Tun auf Glauben.

Würde jemand auf die Idee kommen, dass diese Worte von einem Menschen formuliert wurden, der im Jahr 1875 geboren wurde? Die Worte passen auch in unsere Zeit, meine ich.

Dr. Albert Schweitzer war Philosoph und evangelischer Theologe, er war Musiker und Arzt. Sein Name wird meist im Zusammenhang mit „Lambarene“, seinem Lebenswerk, genannt. Er und seine Ehefrau Helene haben in französisch-Äquatorial-Afrika – heute Gabun – eine Klinik für die Ärmsten der Armen aufgebaut.

Er starb im Jahr 1965 im Alter von 90 Jahren. Seine geistige Haltung und sein vorbildliches Engagement für die Menschen, all das hat für uns heute noch immer große Bedeutung. Sein gesamtes Leben verschrieb er sich der Nachfolge Jesu und hat mit am Reich Gottes gebaut. Es mag sein, dass er nicht immer erleben konnte, dass die Saat, die er gesät hat, auch aufgeht. „Dem Sämann ist nicht immer beschieden, die Ernte mitzuerleben. Alles wertvolle Wirken ist Tun auf Glauben.“

Wer sich mit der Biografie von Albert Schweitzer befasst, der entdeckt vieles, was nachfolgende Generationen bis heute „ernten“ können. Die Saat, die Albert Schweitzer ausgesät hat, ist vielerorts und in den unterschiedlichsten Bereichen aufgegangen.

Albert Schweitzer – der Musiker:

Wer sich in der Musikgeschichte auskennt, der hat einen Mann am Spieltisch vor Augen. Allerdings nicht beim Pokern, sondern am Spieltisch berühmter Orgeln. Er war Schüler des bedeutenden französischen Organisten Charles Widor. Schweitzer wusste, dass er selbst zwar ein guter Organist, aber kein Ausnahme-Virtuose war. Er gab viele Konzerte, mit deren Einnahmen er das Urwaldkrankenhaus finanzierte.

Durch sein Nachdenken über Bachs Solo-Sonaten für Violine entwickelte er einen neuen Geigenbogen, den sogenannten „Bach-Bogen“, mit dem der Solist bei Akkorden gleichzeitig alle vier Saiten anstreichen konnte. Schweitzer schrieb ein Buch über das Werk Johann Sebastian Bachs, dem bis heute eine überragende Bedeutung zukommt.

Zeitlebens blieb die Musik für ihm eine Möglichkeit, Trost und Kraft zu gewinnen.

Albert Schweitzer – Dr. der Philosophie und Dr. der Theologie:

Obwohl er sich so sehr für die Musik begeisterte, hatte er sich nach dem Abitur im Jahr 1893 für das Studium der Philosophie und der Evangelischen Theologie entschieden.

Bis heute ist seine Doktorarbeit, ein theologisches Standardwerk. Es trägt den Titel „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“ (1913). Darin wies er nach, dass in fast allen „Leben-Jesu“-Entwürfen die Vorstellungen der Verfasser eingeflossen sind. Das meint: Die Evangelisten haben nicht nur aufgeschrieben, wie Jesus gelebt hat, seine Worte und seine Taten … – Sondern Matthäus, Markus, Lukas und Johannes haben alles schon wertend be-arbeitet, indem sie die Ideale ihrer Zeit mit hineinnahmen. Und er stellt dar, dass sowohl die Predigt Jesu als auch das Wirken Jesu bestimmt war von der Vorstellung, dass die Welt bald zugrunde gehen würde und das Gottesreich kommen wird.

Auch in seinem zweiten theologischen Hauptwerk „Die Mystik des Apostels Paulus“ (1930) betont er, dass für Paulus der Anbruch der Gottesherrschaft ganz nah bevorsteht.

Und wir müssen uns fragen lassen: Wie steht es mit unserer Zukunftsvorstellung? Auf was hoffen wir, wenn wir im Vaterunser beten: „Dein Reich komme“. Bauen wir mit an dem Friedensreich, das Jesus verheißen hat? Wo leisten wir als Christen unseren Beitrag für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung?

Albert Schweitzers Grundgedanken könnten heute gerade für die ökologische Bewegung geistiges und geistliches Fundament sein. 1915, also vor 105 Jahren, entdeckt er das, was das Grundprinzip seines Denkens werden sollte. Er prägte die Ethik von der „Ehrfurcht vor dem Leben“. Seine Worte sind: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will … und … zugleich erlebt der Mensch, dass er jedem Leben die gleiche Ehrfurcht entgegenzubringen hat, wie dem eigenen.“

Für sein humanitäres Engagement und für seinen Einsatz für den Frieden erhält Albert Schweitzer 1952 den Friedensnobelpreis.

Dr. med. Albert Schweitzer – der Arzt

Mit dem Ziel Urwaldarzt zu werden, studiert Albert Schweitzer Medizin und erwirbt Anfang 1913 seinen dritten Doktortitel.

Ja, Albert Schweitzer war konsequent in seinem Denken und Handeln. Er hat sich als Geschöpf innerhalb von Gottes Schöpfung gesehen. In Ehrfurcht vor allem Leben ist er seinen Weg gegangen. Es war der Weg in die Nachfolge Jesu. Er hat sich nach Jesu Vorbild der Barmherzigkeit ausgerichtet und sein Leben in den Dienst der Menschen gestellt. Weil er dankbar ist für alles, was ihm im Leben geschenkt ist, antwortet er darauf, indem er sich für die Ärmsten der Armen in Afrika engagiert. Im Krankenhaus von Lambarene hat viele Kranke behandelt, vielen geholfen und wohl auch Lepra-Kranke geheilt.

Schlussgedanken

Worin unser Auftrag von Jesus her liegt, das kann uns Albert Schweitzer nicht mehr sagen. Das können uns nur unsere eigenen Augen verraten, wenn wir wach durchs Leben gehen, und wahrnehmen, wo ein Geschöpf Gottes unser Mensch-Sein braucht. Und so kann sein Lebenswerk, seine konsequente Haltung in der Nachfolge Jesu, Richtschnur für das eigene Leben werden.

Schließen möchte ich mit einem weiteren Ausspruch des Friedensnobelpreisträgers: „Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen der Mitmenschen.“

Ich erinnere gerne an Albert Schweitzer und habe große Ehrfurcht vor diesem besonderen Menschen, der vor 55 Jahren gestorben ist.

Ihre / Eure Erika Juckel, Pfarrerin


Foto: D. Binderberger