Andacht für den 23.6.

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Morgen, am 24. Juni, ist Johannistag. Dann wird der Geburtstag von Johannes dem Täufer bedacht. Der Bibelspruch zu diesem Tag heißt: Dies ist das Zeugnis des Johannes (über Jesus): „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ (Johannes 3, Vers 30)
Heute, am 23. Juni, wird in Norwegen das Mittsommernachtsfest gefeiert. Die Schweden haben schon in der Nacht vom 19. auf den 20. Juni in den Sommer getanzt und wünschten sich gegenseitig „Trevligmidsommar!“ (wunderschönen Mittsommer!)

Mancher weiß, dass ich diese beiden skandinavischen Länder liebe und gerne dort meine Ferien verbringe, sowohl im Sommer, als auch im Winter. Wer schon einmal dort war, der kennt die wunderbare Landschaft: Weite Wälder … Berge, Täler, Weiden … Felsen, mitten im Wald … die Schärenküsten Schwedens … die Fjorde und Gletscher Norwegens …

Und besonders eindrucksvoll die Mitternachtssonne. Es bleibt immer hell … Und im Winter: Das Nordlicht, sowie andere Lichterscheinungen am Himmel.

Wer ins Land der Mitternachtssonne reist, der wird sich nicht satt sehen können an all dem, was Gott gestaltet hat … Wunder über Wunder … Und man selbst ist ein Teil davon und dankt Gott für Seine Schöpfung.

Zurück zur Mittsommernacht: Zur Feier vom „Midsommarafton“ war ich noch nicht dort. Das ist noch ein Plan für die Zukunft.

Das Mittsommerfest geht auf germanisch-keltische Bräuche zurück. Da tanzen Elfen und Trolle, und mit dem Freudenfeuer sollen Hexen vertrieben werden. Man freut sich darüber, dass die Sonne kaum untergeht. Es ist ein fröhliches Fest mit traditionellem Essen, mit Musik, Volkslieder singen und Tanz. Wenn möglich feiert man mit Verwandten und Freunden auf dem Land. Wer in der Stadt bleibt, geht in den Garten oder in den Park.

Die Norweger und Schweden freuen sich am Licht und feiern die ganze Nacht hindurch. Es ist Sommersonnenwende, und das heißt: Die Sonne erreicht den nördlichsten Punkt ihrer Umlaufbahn. So ist es der längste Tag auf der Nordhalbkugel und zugleich die kürzeste Nacht. Danach wird es wieder später hell und früher dunkel.

Mittsommer und Johannistag fallen nicht zufällig aufeinander. Die Feier der Geburt von Johannes dem Täufer ist passend zu seiner Aussage gewählt: „Jesus muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ Diesen Johannes feiern wir in der Mitte des Jahres zum Beginn der abnehmenden Sonne.

Und genau ein halbes Jahr später – am 24. Dezember – feiern wir die Geburt Jesu, an einem Zeitpunkt, an dem es am dunkelsten ist. Wir feiern die Geburt von Gottes Sohn, der von sich selbst sagt: „Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

Nach der Wintersonnenwende werden die Tage wieder länger und heller. Zur dunkelsten Jahreszeit feiern wir den, der es hell macht auf der Erde, der Leben schenkt, Leben das sogar den Tod überstrahlt. Jesus ist das Licht der Welt, das nie verlöscht.

„Er muss wachsen, ich aber abnehmen“ sagt Johannes. Sonst ist der Täufer bekannt als Bußprediger. Er hat den Menschen die Wahrheit entgegengeschleudert. Er wollte, dass jeder sein eigenes Leben überdenkt und verändert. Diejenigen, die nicht einsehen wollten, dass sie auf dem Holzweg sind, sollten bereuen. Wer gegen Gottes Gebote gehandelt hat, den wollte er auf den rechten Weg zurückführen. Dabei hat er nicht mit harten Worten gespart. „Ihr Schlangenbrut“ hat er gebrüllt und den Zorn Gottes angekündigt. Wer vom falschen Weg umkehren und sein Leben ändern wollte, der ließ sich von Johannes im Jordan taufen.

Bei Jesus aber verhält Johannes sich ganz anders. Er ist eher zahm und fast unterwürfig. An anderer Stelle sagt er: „Der nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, dass ich mich vor ihm bücke und ihm die Riemen seiner Schuhe löse. Ich taufe euch mit Wasser; aber er wird euch mit dem heiligen Geist taufen.“ (Markus 1, Vers 7+8)

„Er muss wachsen, ich aber abnehmen“ – Wer sagt das schon gern? Wer verliert gern die Macht? Wer verliert gern an Gewicht? (nun gut, ich meine damit nicht das Körpergewicht, das wäre noch mal etwas anderes … das wäre schon in Ordnung 😉) Wer verliert schon gern an Einfluss in seinem Umfeld?

Johannes der Täufer tut das. Er nimmt sich zurück, er weist von sich weg und zeigt auf Jesus. Damit Jesus wachsen kann und groß wird. Sein eigenes Licht lässt Johannes geringer werden, damit Jesu Licht der Liebe das Leben von uns Menschen anstrahlt und hell macht. Jesus, das Licht der Welt.

Und ich denke, es gibt Parallelen zu unserer Zeit: Wenn wir uns nur mit uns selbst beschäftigen, so wird es dunkler um uns. Wenn wir auf den anderen Menschen schauen und für ihn oder sie da sind, dann wird es hell in dessen – und auch in unserem – Leben.

Johannes lebt seinen Ausspruch: Er ist bereit abzunehmen. Er geht dafür sogar ins Gefängnis. Als ihm Zweifel kommen, lässt er seine Jünger fragen, ob Jesus wirklich von Gott gesandt ist? Oder ob wir noch auf einen anderen warten sollen?

Auch wir kennen solche Nächte des Zweifelns. Und wir können die Antwort in der Bibel nachlesen (Matthäus 11, Verse 2-6). Dort erfahren wir: Wo Jesus ist, da geht denen, die im Dunkel der Welt gefangen sind, ein Licht der Hoffnung auf. Menschen erfahren Hilfe und werden wieder heil. Menschen erleben, dass Jesu Liebe ihr Leben neu macht.

„Er muss wachsen, ich muss abnehmen“ – Wer so lebt, ist auf der Spur von Johannes dem Täufer. Wer so lebt, der trägt Jesu Licht in die oft so dunkle Welt hinein.

Wer dieses Licht in sich trägt und durch sich hindurch scheinen lässt, dass es andere erreicht, der muss nicht traurig sein über die abnehmende Sonne in den kommenden Wochen und Monaten.

Als Christen tragen wir das Licht des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe in uns. Damit sagen auch wir: „Jesus muss wachsen, ich muss abnehmen.“ Daran erinnern wir uns am Johannistag und am Mittsommerfest in den skandinavischen und baltischen Ländern.

Schließen möchte ich mit einem wunderbaren Lied aus dem Gesangbuch, das aus Schweden zu uns gekommen ist und uns vor Augen führt, wie wir mit Jesus und untereinander verbunden sind:

  1. Strahlen brechen viele aus einem Licht: Unser Licht heißt Christus.
    Strahlen brechen viele aus einem Licht – und wir sind eins durch ihn.
  2. Zweige wachsen viele aus einem Stamm. Unser Stamm heißt Christus.
    Zweige wachsen viele aus einem Stamm – und wir sind eins durch ihn.
  3. Gaben gibt es viele, Liebe vereint. Liebe schenkt uns Christus.
    Gaben gibt es viele, Liebe vereint – und wir sind eins durch ihn.
  4. Dienste leben viele aus einem Geist, Geist von Jesus Christus.
    Dienste leben viele aus einem Geist – und wir sind eins durch ihn.
  5. Glieder sind es viele, doch nur ein Leib. Wir sind Glieder Christi.
    Glieder sind es viele, doch nur ein Leib – und wir sind eins durch ihn.
    (EG 268)

Ich wünsche Ihnen und Euch einen schönen Sommeranfang mit viel Freude am Sonnenlicht und dem Gedenken an Johannes den Täufer, der uns vorgelebt hat, Jesus groß zu machen.

Ihre / Eure Erika Juckel, Pfarrerin


Foto: D. Binderberger