Andacht für den 20.6.

 

„Blickführung“

„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück,
der ist nicht geschickt für das Reich Gottes“ (Lukas 9,62)

 

Liebe Leserinnen und Leser,

als ich erst spät, mit knapp 30 Jahren mir den Wunsch erfüllte, einen Motorradführerschein zu machen, war dies kein einfaches Unterfangen. Ich merkte schnell, wie schwer mir das Lernen für die „Theorie“ fiel und als ich dann bei der praktischen Ausbildung das erste Mal auf der Sitzbank eines Motorrades saß, da war dies auch „sehr gewöhnungsdürftig“.

Mehrere Lernsätze, versuchte mein Fahrlehrer allen Fahrschülern einzuprägen – vielleicht haben sie diese ja auch so gelernt:

„Du musst vorausschauend fahren“ … die Verkehrssituation vor dir beobachten und mit „Eventualitäten“ rechnen.

„Du musst weit nach vorne schauen“ … und nicht die Stelle vor der Motorhaube oder dem Vorderrad des Motorrades im Blick haben.

Und den Motorradauszubildenden „predigte“ er immer wieder: „Wo du hinschaust, da fährst du auch hin“.

Ja, die Blickführung ist beim Motorradfahren sehr, sehr wichtig. Wenn man auf eine Kurve zufährt, darf man den Blick nicht geradeaus oder vor dem Vorderrad haben, sondern muss den „Kurvenausgang“ im Blick haben. Fahranfänger machen dies oft falsch und haben ihren Blick eben vor dem Vorderrad. Und es ist beim Fahren oft auch eine das „Überwindung“ den Blick richtig zu führen, weil man zum Beispiel in einer „Haarnadelkurve“ den Kopf weit verdreht und eben nicht mehr sieht, was unmittelbar vor einem ist.

Den Blick auf das Ziel richten – auf das Ziel das ich erreichen will. Das ist nicht nur beim Motorradfahren, sondern auch im Leben entscheidend.

Dies hatte Jesus sicherlich auch gemeint, als er von einigen Menschen angesprochen wird, die ihm „nachfolgen“, in seine Fußspuren treten wollen. Lukas 9,57-62

Ein Kernsatz Jesu in dieser biblischen Geschichte ist:

Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich GottesLukas 9,62

Wenn ein Landwirt einen Pflug (gemeint ist hier der Pflug, der von einem Zugtier gezogen wird) führt und dann nicht nach vorne schaut, eine „Linie“ zieht, auf ein an versiertes Ziel zusteuert und evtl. leicht die Richtung korrigiert um eine gerade Pfluglinie zu ziehen, dann wird er seine Ackerfläche nicht ordentlich ausnutzen. Wenn er nach hinten schaut wird er den Pflug nicht gerade führen können und in „Schlangenlinien“ die Saat setzen. Die Folge sind geringe Erträge/Früchte.

Diese Bild vom Pflug ist ein Vergleich für das Leben mit der Frage: Wie versierst du deinen Lebensweg bzw. dein Lebensziel an? Schaust du nach vorne, lebst in der Gegenwart und hat die Zukunft, da wo du hinwillst, im Blick oder schaust du nach hinten, in die Vergangenheit? Nach hinten schauen, vielleicht die Vergangenheit verklären: „Früher war alles besser …“ Ich habe das aus Gesprächen mit manch einem von meinen Gemeindegliedern im Ohr … Da ist das alte Problem von Tradition und Neuerungen.

„Früher war alles besser“. Ich erlebe mich selber, wie mir dieser Satz öfters in den Sinn kommt. Unsere Welt ist so schnelllebig geworden. Dinge verändern sich und es ist schwer manchmal Schritt zu halten. Zum Beispiel mein Handy zu bedienen -ich bin froh, wenn ich damit telefonieren kann! Meine Kinder müssen mir mit manchem, was ich an Funktionen nicht verstehe, schon heute helfen … Und so kommt man leicht in die Situation die alte Zeit zu „verklären“, „schön zu rede“ und die Gegenwart zu kritisieren. Doch zu leben bedeutet nach vorne zu schauen, den „Pflug“ in die Hand zu nehmen und zu „säen“ um dann gute Früchte zu erzielen …

Die Vergangenheitsschauer helfen nicht

Eine wunderbare Geschichte zum Schmunzeln dazu:

Zwei Mönche waren abends auf dem Heimweg ins Kloster. An diesem Tag hatten sie viel erlebt und waren nun froh auf dem Nachhauseweg zu sein. Auf ihrem Weg zum Kloster hatten sie einen Fluss zu queren. Als sie an der Furt ankommen waren, trafen sie dort eine wunderhübsche junge Frau die sichtlich verzweifelt war. Sie suchte einen Weg wie sie trockenen Fußes und ohne Gefahr auf die andere Seite gelangen könnte.

Ohne lange zu überlegen nahm der eine Mönch sie auf seine Arme und trug sie über eine Furt. An der anderen Seite setzte er sie ab und ging weiter. Der andere Mönch folgte – doch das Handeln seines Ordensbruders gab ihm zu denken. Lange grübelte er und dachte über das Verhalten seines Gefährten nach. Schließlich wandte er sich an ihn und sagte: „Du weißt doch, dass die Mönchregeln uns streng verbieten, auch nur in der Nähe einer Frau zu verweilen, ganz besonders, wenn sie so hübsch und jung ist. Wie konntest du dieses Mädchen nur so einfach auf die Arme nehmen?“

Der Ordensbruder drehte sich erstaunt um und sagte: „Trägst du sie denn immer noch? Ich habe sie am Fluss zurückgelassen.“

Haben wir den Blick nach vorne? Oder was tragen wir alles aus der Vergangenheit mit uns herum?

Ich wünsche uns, dass wir neu den Blick nach „vorne“ bekommen, den Blick auf den der uns zusagt: „Kommt her zu mir alle die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch neue Kraft geben, euch aufbauen, euch erquicken“ (frei nach Matthäus 11,28)

Ich wünsche uns, dass wir so unsere Lasten (und seien sie auch noch so „wunderhübsch“ 😉) abgeben und zurücklassen.

Ich wünsche uns, dass wir die „Blickführung“ neu lernen und so für Gottes gutes Reich geeignet sind.

Pfarrer Thomas Rusch


Foto: D. Binderberger