Andacht für den 9.6.

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Über dem Monat Juni steht der alttestamentliche Bibelvers: Du allein, Gott, kennst das Herz aller Menschenkinder. (1. Könige 8, Vers 39)

In der Andacht zum 2. Juni hatte ich dazu zitiert: „Dies ist mein Geheimnis: Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Diese Worte stammen aus dem wunderbaren Buch „Der kleine Prinz“ von Antoine de St.-Exupéry.

In den letzten Tagen habe ich einiges über den schriftstellernden Piloten nachgelesen und werde nach den biografischen Notizen über ihn ein nicht so bekanntes Gebet zitieren.

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Antoine de St. Exupéry war wurde am 29. Juni 1900 in Lyon geboren. (In ein paar Wochen wäre also sein 120. Geburtstag.) Er verbrachte seine Schulzeit in einem Jesuitenkolleg und in katholischen Internaten.

Er wurde Pilot und war verantwortlich für die ersten Nachtflüge in Argentinien. Seine Erlebnisse veröffentlichte er in manchen seiner Bücher. Darin geht es um Grenzerfahrungen wie Lebensgefahr und Einsamkeit. Sein Roman „Nachtflug“ wurde Anfang der 30-er Jahre verfilmt. Als er später Streckenpilot in Westafrika war, stürzte er im Jahr 1935 über der libyschen Wüste ab. Trotz der Bruchlandung blieb er unverletzt. Nach einem fünftägigen Wüstenmarsch traf er auf eine Karawane. So hat er überlebt. Sein Buch „Wind, Sand, Sterne“, in dem er seine Zeit als Wüstenpilot verarbeitete, wurde ausgezeichnet.

Die Sinnlosigkeit des 2. Weltkrieges und die furchtbaren Folgen für die Menschen beschrieb er in „Flug nach Arras“. Dieses Jahr am 8. Mai haben wir den 75. Jahrestag des Kriegsendes bedacht, doch den 8. Mai 1945 hat Antoine de St.-Exupéry nicht mehr erlebt.

Ende 1940 ging er nach Amerika ins Exil. Dort hat er im Jahr 1943 sein bekanntestes Werk, den „kleinen Prinzen“, verfasst. Der kleine Prinz reist von Planet zu Planet und begegnet auf unserer Erde dem Ich-Erzähler, einem Piloten, der in der Sahara notlanden musste.

In seinem zeitkritischen Märchen leben die Gedanken des Piloten und Schriftstellers bis in die heutige Zeit fort. „Der kleine Prinz“ wird in Schulen gelesen, in deutsch und französisch. Doch es ist mehr als ein Buch für Kinder. Es geht um Freundschaft und Mitmenschlichkeit. Einzelne Gedanken daraus werden gern bei Trauungen zitiert. So ist „der kleine Prinz“ zeitlos. Es gehört zu den meistgelesenen Büchern der Welt, wurde vertont und verfilmt. Doch am schönsten ist es, das Buch mit den wunderbaren Aquarellzeichnungen selbst zu lesen.

Antoine de St.-Exupéry gilt seit dem 31. Juli 1944 als vermisst. Man geht davon aus, dass er in der Nähe von Marseille ins Meer gestürzt ist.

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Viele wissen nicht, dass er ein religiöser Mensch war. Er war im Christentum verwurzelt. In seinen Texten spürt man, dass er ein Gottsucher war. Beim kleinen Prinzen mag die Wüste ein Ort der Selbstfindung sein. Durch die Begegnung mit dem Kleinen Prinzen lernt der Ich-Erzähler etwas über sich selbst, über Gott, über die Welt.

Tief beeindruckt hat mich ein Gebet, das Antoine de St.-Exupéry formuliert hat. Er hat es überschrieben mit „Die Kunst der kleinen Schritte“.

Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr, sondern um die Kraft für den Alltag. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.

Mach mich findig und erfinderisch, um im täglichen Vielerlei und Allerlei rechtzeitig meine Erkenntnisse und Erfahrungen zu notieren, von denen ich betroffen bin.

Mach mich griffsicher in der richtigen Zeiteinteilung. Schenke mir das Fingerspitzengefühl, um herauszufinden, was erstrangig und was zweitrangig ist.

Ich bitte um Kraft für Zucht und Maß, dass ich nicht durch das Leben rutsche, sondern den Tagesablauf vernünftig einteile, auf Lichtblicke und Höhepunkte achte, und wenigstens hin und wieder Zeit finde für einen kulturellen Genuss.

Lass mich erkennen, dass Träume nicht weiterhelfen, weder über die Vergangenheit, noch über die Zukunft. Hilf mir, das Nächste so gut wie möglich zu tun und die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen.

Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müsste im Leben alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge, Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen.

Erinnere mich daran, dass das Herz oft gegen den Verstand streikt.

Schick mir im rechten Augenblick jemanden, der Mut hat, mir die Wahrheit zu sagen. Ich möchte Dich und die anderen immer aussprechen lassen. Die Wahrheit sagt man nicht sich selbst, sie wird einem gesagt.

Ich weiß, dass sich viele Probleme dadurch lösen, dass man nichts tut. Gib, dass ich warten kann.

Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürften. Gib, dass ich diesem schönsten, schwierigsten, riskantesten und zartesten Geschenk des Lebens gewachsen bin.

Verleihe mir die nötige Phantasie, im rechten Augenblick ein Päckchen Güte, mit oder ohne Worte, an der richtigen Stelle abzugeben.

Mach aus mir einen Menschen, der einem Schiff mit Tiefgang gleicht, um auch die zu erreichen, die „unten“ sind.

Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen. Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern, was ich brauche.

Herr, lehre mich die Kunst der kleinen Schritte. Amen.

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So mit Gott zu sprechen, das tut gut, macht uns einiges bewusst und möchte Auswirkungen auf unseren Alltag haben.

Ihre / Eure Erika Juckel, Pfarrerin


Foto: D. Binderberger