Andacht für den 6.6.

 

Sich zum Esel machen?

„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer … arm
und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“
  (Sacharja 9,9)

 

Liebe Leserinnen und Leser,

immer mal wieder kommt es vor, dass man von einer Person mit einem Tier verglichen wird. Manchmal sind das lieb gemeinte Bezeichnungen („… mein Hase“), manchmal eher nicht („… du Affe“).

Viele Tiere stehen dabei für eine Eigenschaft, so auch in der Bibel.

Die Schlange steht zum Beispiel für „Listigkeit“ in der Versuchungsgeschichte (1.Mose 3).

Das Lamm steht für „Unschuld“ und wir kennen ja auch das „Unschuldslamm“ (so wird Jesus zum Beispiel von Johannes als das Lamm Gottes bezeichnet, „dass der Welt Sünde trägt“ Johannes 1,29).

Und der Esel? Der kommt in der Bibel öfters vor.

Eine Frage an Sie: Möchten Sie als Esel bezeichnet werden? Ich vermute eher nicht – vielleicht aber, wenn Sie diese Andacht zu Ende gelesen haben.

Der Esel steht heute bei uns oft für Sturheit und Dummheit. Aber wird dies diesem Tier gerecht?

Seit über 6000 Jahren, seitdem der Esel ein domestiziertes Tier ist, ist er für die Menschen von enormer Bedeutung. Wenn man heute eine Urlaubsreise in den Nahen Osten macht, begegnet man ihm noch heute im Straßenbild als „Lasttier des kleinen Mannes“.

So stehen Esel hier nicht für Dummheit und Sturheit, sondern für Demut und Lastentragen.

So auch in der Bibel, hier kommt er in wichtigen Geschichten vor. Da verheißt zum Beispiel der Prophet Sacharja: Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. (Sacharja 9,9) Etwa 500 Jahre vor Jesus Geburt bekam der Prophet Sacharja von Gott den Auftrag, seinem Volk Israel zu helfen und eine der schönsten Verheißungen ist eben die des Königs, der auf einem Esel sein Volk besucht und ihm hilft.

Und passt das nicht zum armen „Ambiente“ an Weihnachten im Stall von Bethlehem, obwohl wir im Weihnachtsevangelium eigentlich nichts von einem Esel lesen. Uns Christen reicht es, zu wissen, dass die wesentlichen Eigenschaften des Esels wohl seine besondere Nähe zu Jesus begründen konnten: Die Bescheidenheit und Demut des Esels und seine Fähigkeit, die Lasten der Menschen verlässlich zu tragen.

Im „Einzug Jesu in Jerusalem“ hat sich die alte Verheißung vom Propheten Sacharja dann erfüllt (Markus 11,1ff). Jesus ritt damals auf einem Esel und nicht auf einem „hohen Ross“ oder mit einer königlichen Kutsche, in Jerusalem ein. Sein Reittier ist dabei sein „Programm“. Er kommt auf „Augenhöhe“ zu den Menschen und wie der Esel Jesus beim Einzug trägt, wird Jesus wenige Tage nach seinem Einzug umgebracht, um unsere Lasten zu tragen. Wie ein Esel, wie ein Lasttier, trägt er unsere Schuld. Gott sei Dank!

Zwischen Jesu triumphalen Einritt in Jerusalem und seinem Tod an Karfreitag predigte Jesus den Menschen in Jerusalem von der Liebe Gottes zu den Menschen. Wenn nicht hier, wo sonst werden die Menschen ihm zuhören? Und er redet zu ihnen vom kommenden Reich Gottes, lehrt und predigt. Er wirbt täglich für Gott, wirbt und predigt und redet und fordert, erklärt und ruft und predigt über die Zeit hinweg auch zu uns.

Ich fand vor einiger Zeit, als ich eine Predigt zum Thema „Jesu Einzug in Jerusalem (auf einem Esel)“ verfasste, folgende Begebenheit:

Ein Pfarrer aus Tansania sollte zum Bischof geweiht werden. Einen Tag vor dieser Weihe sagte er in seiner Gemeinde: „Wenn mir morgen der Bischofsrock angezogen wird, denkt ihr vielleicht, dass ich aussehe wie ein König. Aber als Jesus im Triumphzug in Jerusalem einzog, legten die Menschen ihre Kleider auf den Esel. Wenn ihr nun seht, wie mir der Bischofsrock angezogen wird, so denkt daran: Unter diesem bischöflichen Rock steckt ein Esel. Betet für mich, dass ich dann meinen Herrn in die Stadt hineintrage!“

In diesem Sinne: Warum sich nicht zum Esel machen? Warum nicht das Transportmittel für die „Gute Nachricht von Jesus“ sein?  …  um Jesu Botschaft der Liebe zum Nächsten zu tragen.

Braucht die Welt nicht solche Esel, die die Liebesbotschaft von Jesus Christus in die Städte und in die Welt tragen?

Und so wünsche ich uns den Mut, uns zum Esel zu machen und die Liebesbotschaft Jesu Christi in unseren Alltag zu tragen und zu leben.

Pfarrer Thomas Rusch


Foto: D. Binderberger