Andacht für den 4.6.

Liebe Gemeinde,

im Buch, das wir für die Jugendlichen in jedem Konfirmandenjahrgang anschaffen, wird im Kapitel über die Zehn Gebote auch das Thema Rassismus und Gewalt angesprochen. Als herausragende Persönlichkeit, die sich im vergangenen Jahrhundert gegen Rassismus und Gewalt eingesetzt hat, wird ihnen dabei Martin Luther King vorgestellt. Die Jugendlichen zeigen sich dabei durch den Namen und das danebenstehende Foto eines Afroamerikaners meist etwas irritiert. Sie verbinden mit Martin Luther in erster Linie dessen Bibelübersetzung und die Reformation im 16. Jahrhundert, denn so lernen sie es im Religionsunterricht in der Schule. Wer aber Martin Luther King ist, und dass der mehr als 400 Jahre nach Martin Luther geboren wurde, das müssen sie erst noch lernen.

Aber, wieviel wissen eigentlich wir Erwachsenen von ihm? Ich verbinde mit dem Namen Martin Luther King den Friedensnobelpreis 1964, das tödliche Attentat auf ihn 1968 und den Marsch auf Washington 1963 mit seiner Rede „I have a dream“. Als Martin Luther King diese Rede hielt, war ich noch nicht geboren, doch sein Anspruch und sein Auftrag an die Menschheit, sich für Gerechtigkeit, Gewaltlosigkeit  und Frieden einzusetzen, der durchzog die nachfolgenden Jahrzehnte, in denen ich aufwuchs, zur Schule ging und studierte.

Stück für Stück schienen mir Teile dieses großen Traumes von Martin Luther King dann auch wahr zu werden, Gewalt und Rassismus von breiten Teilen der Bevölkerung immer stärker geächtet zu werden, so wie Martin Luther King es vor 57 Jahren formulierte, und es war schließlich sogar möglich, dass ein Schwarzer Präsident der USA wurde.

Doch nun scheinen wir binnen weniger Tage vor den Trümmern all dessen zu stehen, was in Jahrzehnten erreicht wurde. Rassismus und Gewalt greifen in den USA brutal um sich. Ausgangspunkt all dessen ist der Tod von George Floyd, dem ein weißer Polizist bei seiner Festnahme so lange auf dem Hals kniete, bis dieser erstickt ist. Wie es jetzt weitergeht ist unabsehbar. Die Konfrontation zwischen den Bevölkerungsgruppen scheint täglich massiver zu werden. Wo wird das noch hinführen und wie oder auch wer könnte diese fatale Entwicklung stoppen? Das vom Präsidenten ins Spiel gebrachte Militär sicher nicht. Ich hoffe und bete, dass die Mächte, die im Geiste Martin Luther Kings, des Baptistenpredigers jetzt auf die Straße gehen und sich friedlich für eine Deeskalation der Lage einsetzen, die Oberhand behalten und sich durchsetzen.

Martin Luther King wurde ca. dreißigmal wegen seines Eintretens gegen rassistische Gesetze und Vorschriften inhaftiert. Mehrmals gab es Attentate auf ihn und das Haus, in dem seine Familie wohnte. Doch niemals ließ er sich dadurch einschüchtern oder mundtot machen. Sein Glaube an Jesus Christus und seine Überzeugung, für eine gute Sache einzutreten, gaben ihm die Kraft, weiterzumachen und der Freiheit und Gleichheit aller Menschen das Wort zu reden.

Die Rede, die er 1963 in Washington hielt, umfasst mehrere Seiten. Am Anfang dieser Rede hielt er sich streng an sein Manuskript, denn die 250.000 Menschen, die gekommen waren, ihn zu hören, beeindruckten ihn. Doch gegen Ende begann er dann frei zu sprechen, so wie er es am besten konnte. Seine Zuhörer waren begeistert, denn es entwickelte sich eine Rede, die sicherlich zu den Sternstunden der Rhetorik zählt und die bis heute nichts von ihrer Intensität und Leidenschaft, nichts von ihrer zeitlosen Gültigkeit und ihrer prophetischen Zukunftsvision verloren hat, aber hören Sie selbst, was Martin Luther King am 28. August 1963 gegen Ende seiner Rede sagte:

„…Einige von euch sind aus Gegenden gekommen, in denen ihr aufgrund eures Verlangens nach Freiheit mitgenommen und erschüttert wurdet von den Stürmen der Verfolgung und polizeilicher Brutalität. Ihr seid die Veteranen schöpferischen Leidens. Macht weiter und vertraut darauf, dass unverdientes Leiden erlösende Qualität hat. Geht zurück nach Mississippi, geht zurück nach Georgia, geht zurück nach Louisiana, geht zurück in die Slums und Ghettos der Großstädte im Norden in dem Wissen, dass die jetzige Situation geändert werden kann und wird. Lasst uns nicht Gefallen finden am Tal der Verzweiflung. Heute sage ich euch, meine Freunde, trotz der Schwierigkeiten von heute und morgen habe ich einen Traum. Es ist ein Traum, der tief verwurzelt ist im amerikanischen Traum. Ich habe einen Traum, dass eines Tages diese Nation sich erheben wird und der wahren Bedeutung ihres Credos gemäß leben wird: „Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich: dass alle Menschen gleich erschaffen sind.“

Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.

Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und Unterdrückung verschmachtet, in eine Oase der Gerechtigkeit verwandelt.

 Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird.

 Ich habe einen Traum heute…

Ich habe einen Traum, dass eines Tages in Alabama mit seinen bösartigen Rassisten, mit seinem Gouverneur, von dessen Lippen Worte wie „Intervention“ und „Annullierung der Rassenintegration“ triefen …, dass eines Tages genau dort in Alabama kleine schwarze Jungen und Mädchen die Hände schütteln mit kleinen weißen Jungen und Mädchen als Brüdern und Schwestern.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt wird. Die rauhen Orte werden geglättet und die unebenen Orte begradigt werden. Und die Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen. Das ist unsere Hoffnung. Mit diesem Glauben kehre ich in den Süden zurück.

 Mit diesem Glauben werde ich fähig sein, aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung zu hauen. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, die schrillen Missklänge in unserer Nation in eine wunderbare Symphonie der Brüderlichkeit zu verwandeln. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, zusammen zu arbeiten, zusammen zu beten, zusammen zu kämpfen, zusammen ins Gefängnis zu gehen, zusammen für die Freiheit aufzustehen, in dem Wissen, dass wir eines Tages frei sein werden.

 Das wird der Tag sein, an dem alle Kinder Gottes diesem Lied eine neue Bedeutung geben können: „Mein Land von dir, du Land der Freiheit singe ich. Land, wo meine Väter starben, Stolz der Pilger, von allen Bergen lasst die Freiheit erschallen.“

 Soll Amerika eine große Nation werden, dann muss dies wahr werden. So lasst die Freiheit erschallen von den gewaltigen Gipfeln New Hampshires. Lasst die Freiheit erschallen von den mächtigen Bergen New Yorks, lasst die Freiheit erschallen von den hohen Alleghenies in Pennsylvania. Lasst die Freiheit erschallen von den schneebedeckten Rocky Mountains in Colorado. Lasst die Freiheit erschallen von den geschwungenen Hängen Kaliforniens. Aber nicht nur das, lasst die Freiheit erschallen von Georgias Stone Montain. Lasst die Freiheit erschallen von Tennesees Lookout Mountain. Lasst die Freiheit erschallen von jedem Hügel und Maulwurfshügel in Mississippi, von jeder Erhebung lasst die Freiheit erschallen. Wenn wir die Freiheit erschallen lassen — wenn wir sie erschallen lassen von jeder Stadt und jedem Weiler, von jedem Staat und jeder Großstadt, dann werden wir den Tag beschleunigen können, an dem alle Kinder Gottes — schwarze und weiße Menschen, Juden und Heiden, Protestanten und Katholiken — sich die Hände reichen und die Worte des alten Negro Spiritual singen können:

 „Endlich frei! Endlich frei! Großer allmächtiger Gott, wir sind endlich frei!““

Pfarrer Armin Kopper


Foto: D. Binderberger