Andacht für den 2.6.

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Wir haben den Geburtstag der Kirche gefeiert und uns daran erinnert, wie die Jünger vom Heiligen Geist erfüllt wurden: Die Apostelgeschichte erzählt von zwei Naturereignissen: Ein brausender Wind trieb die Jünger aus ihrer Verzweiflung und aus dem Haus heraus. Ja, sie waren „ganz aus dem Häuschen“. Und dann legten sich Feuerzungen auf ihre Köpfe.

Die Jünger waren Feuer und Flamme für Gottes Geist der Liebe. Mit Feuereifer erzählten sie von Jesus, so dass die Menschen ihre Herzen öffneten und von der Begeisterung für Jesu Liebe angesteckt wurden. Daraufhin ließen sich – wie es die Bibel erzählt – 3000 Menschen taufen. Das ist die Geburtsstunde der christlichen Kirche.

(Übrigens ist vielen Menschen die Bedeutung des Pfingstfestes unbekannt. Bei „Wer wird Millionär“ war die Frage „Was ist Pfingsten?“ nicht bei 500 Euro angesiedelt. Es war die drittletzte Frage. Der Kandidat musste seinen Telefonjoker anrufen. 😉)

Heute, am Dienstag nach den beiden Pfingsttagen, nimmt uns die Tageslosung weiter mit auf den Weg des Herzens. Der Lobgesang der Hanna, der Mutter des Propheten Samuel, beginnt mit den Worten: „Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn!“ (1. Samuel 2, Vers 1)

Und auch der Monatsspruch für den Juni weist in die gleiche Richtung: Bei der Einweihung des Jerusalemer Tempels betet der König Salomo: „Du allein, Gott, kennst das Herz aller Menschenkinder.“ (1. Könige 8, Vers 39)

Und wer denkt bei diesen Worten nicht an den „Kleinen Prinzen“ von Antoine Saint-Exupéry? „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Der Schriftsteller mag dabei an einen anderen Vers aus dem Alten Testament gedacht haben: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an.“ (1. Samuel 16, Vers 7)

Unser Herz ist das wichtigste Organ unseres Körpers. Wenn es krank wird oder aus dem Takt kommt, dann sind wir selber in Gefahr. Das Herz ist lebenswichtig, es steht für das Leben. Doch: Es steht ja noch für viel mehr.

Es steht auch für das, was unser Leben lebenswert macht. Es steht für die Liebe, für die Freude, für den Dank und für das Mitgefühl. Das Herz steht für Wärme und Mitmenschlichkeit.

Manchmal ist unser Herz offen, da spüren wir Wärme und Liebe, da empfinden wir Mitgefühl. Und da ist herzliche Verbundenheit.

Manchmal aber verschließen wir unser Herz. Wir sind vielleicht verletzt oder enttäuscht, – und wir wollen uns dagegen wappnen, noch mehr Schmerz zu empfinden. Schmerz, Trauer, Enttäuschung … – all das kann uns manchmal hartherzig werden lassen. Dann wird das Herz wie ein Stein. Und wir spüren: Das tut nicht gut, – uns nicht und anderen auch nicht.

Ob wir es schaffen, mit dem Herzen zu sehen?

Nun, wir können auch herzkrank werden – und hier meine ich es im übertragenen Sinne. So habe ich in dem Zusammenhang einmal gelesen, dass ein Herz kurzsichtig oder weitsichtig sein kann.

Ein kurzsichtiges Herz erkennt nur das, was direkt vor Augen ist, also das Vordergründige. Es sieht am anderen allein die Äußerlichkeiten, und blickt nicht tiefer. So erkennt man nicht das wahre Wesen eines Menschen. Und alles bleibt oberflächlich. Das kurzsichtige Herz kann über Kleinigkeiten nicht hinwegsehen. Es lässt sich leicht von den Alltagssorgen erdrücken und verliert den Blick fürs Ganze.

Ein weitsichtiges Herz ist auch nicht besser: Es übersieht das Nächstliegende. Es übersieht oft sogar den Nächsten, nämlich den Menschen, mit dem man zusammenlebt oder eng befreundet ist. Ein weitsichtiges Herz richtet sich nach Zielen aus, die weit in der Ferne liegen. Ein Beispiel sind diejenigen, die nur nach ihrer Karriere streben und darüber die Menschen an ihrer Seite vergessen. Leidet das Herz an Weitsichtigkeit, dann nimmt es das Kleine und Unscheinbare nicht wahr. Es fixiert sich auf Träume und weit entfernte Ziele.

Es ist gut, wenn wir jemanden haben, der uns immer wieder auf solche Herzkrankheiten aufmerksam macht und uns eine neue Sicht lehrt.

Jesus will unsere Weitsichtigkeit korrigieren, indem er uns die Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählt. Jesus will unsere Augen und Herzen öffnen für die Menschen, denen wir begegnen. So dass wir sehen, wer unseren Zuspruch und unsere Unterstützung braucht, und für ihn da sind.

In der Bibel lese ich, wie Jesus die Frau, die von allen gemieden wird, freundlich ansieht. Wie er dem Mann begegnet, den alle Betrüger nennen, doch Jesus tut ihm die Ehre an, bei ihm zu Gast zu sein. Und ich denke an das wunderbare Evangelium, das wir zu jeder Kindstaufe lesen: Wie Jesus die Kinder zu sich ruft, sie in den Arm nimmt und ihnen segnend die Hände auflegt.

Unsere Kurzsichtigkeit will Jesus korrigieren, indem er uns hinter all dem Chaos im Leben Ziele zeigt, die wir angehen sollen. Ein Beispiel ist die Bewahrung von Gottes Schöpfung. Es ist unübersehbar, wie sehr wir durch unsere leichtsinnige Lebensweise uns selbst und die ganze Welt gefährden. In dieser Beziehung sollten wir weitsichtiger werden und alles dafür tun, dass unsere Erde auch für nachfolgende Generationen Heimat sein kann.

Allen, die mit dem Herzen gut sehen wollen, hilft das Vorbild Jesu. Natürlich …, wir werden nicht wie Jesus sein, aber wir können uns nach ihm ausrichten. Im Neuen Testament lesen wir, wie Jesus jeden einzelnen Menschen wahrnimmt, ihn mit dem Herzen anschaut und auf einen guten Weg bringt.

So ist die Lektüre über Jesu Worte und Taten wohl das beste Handbuch, um mit dem Herzen zu sehen. Das zu beherzigen und danach zu leben, das kann uns froh und glücklich machen.

So wünsche ich Ihnen, Euch und mir, dass wir mit Hanna sagen können: „Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn.“

Ihre / Eure Erika Juckel, Pfarrerin


Foto: D. Binderberger