Andacht für den 30.5.

„Begeisterung“

 

Jesus spricht: „ … aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und ihr werdet meine Zeugen sein …“ [Apostelgeschichte 1,8]

… und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen …“ [Apostelgeschichte 2,4]

 

 

Liebe Leserinnen und Leser,
mit dem morgigen Tag feiern wir das Pfingstfest. Pfingsten, die „Geburtsstunde“ der Kirche. Jesus hat an seiner Himmelfahrt die Verantwortung an seine Jünger abgegeben: „Jetzt seid ihr dran! Geht in die Welt und helft den Menschen im und zum Glauben“ (frei nach Matthäus 28,16ff) und hat ihnen den heiligen Geist als „Beistand“ versprochen. Und an Pfingsten werden die Jünger dann „begeistert“ …

Als Pfarrer bin ich noch nie mit meinen Gottesdienst- und Predigtvorbereitungen für Pfingsten zufrieden gewesen. Immer hatte ich bisher ich den Eindruck, die Freude und die Bedeutung von Pfingsten durch Worte nicht „rüberbringen“ zu können. Wie will man „Begeisterung“ predigen?

Ein Pfarrer wollte an Pfingsten seiner Gemeinde einmal anschaulich helfen, den Heiligen Geist zu verstehen. So kaufte er in einer Tierhandlung eine weiße Taube. Er besprach sich mit seinem Küster ganz genau: „Wenn ich meine Predigt halte und ganz enthusiastisch und laut in die Gemeinde hineinrufe: „Komm Heiliger Geist!“- dann lässt du die Taube aus der Sakristei in das Kirchenschiff fliegen!“    Gesagt, getan. Voll Elan und lautstark predigte der Pfarrer über den heiligen Geist und schließlich rief er laut: „Komm, Heiliger Geist!“ und schaute erwartungsvoll in die Gemeinde. Aber nichts passierte. Er wartete einen Moment und rief noch einmal lauter: „Komm, Heiliger Geist!“ Aber wieder passierte nichts. Während die Gottesdienstbesucher sich irritiert anschauten und anfingen, auf den Bänken rumzurutschen, rief er zum dritten Mal: „Komm, Heiliger Geist!“  Da kam aus der Sakristei die zögerliche leise Stimme des Küsters: „Den hat die Katze gefressen!“

Natürlich kann man so Gottes guten Geist nicht anschaubar machen!

Der Heilige Geist ist auch nicht einfach verfügbar, schon gar nicht instrumentalisierbar, auch durch keinen Prediger! Nein, Gott schenkt ihn und begeistert seine Kinder.

Aber es gehört schon etwas dazu. Bei einem Taufgespräch vor einiger Zeit kam ich mit den Eltern des Täuflings über „Gott und die Welt“ ins Gespräch und schließlich kam das Gespräch auf den geplanten Hausbau. Und auf einmal war „Begeisterung“ im Raum. Unglaublich viel Zeit wurde bisher in das Projekt „Hausbau“ gesteckt. Eigene Baupläne selbst entworfen und mir dann gezeigt. Die Begeisterung der Taufeltern war „greifbar“.

Ist es nicht so? Wenn man sich mit etwas intensiv beschäftigt, eine Leidenschaft dafür entwickelt, dann merkt man Begeisterung. Begeisterung für ein Projekt „Hausbau“, den Fußballverein, für das Hobby, für die Beziehung, den Partner, die Partnerin …

Aber für Gott? Ja klar, in der Kirche vielleicht ein wenig, aber bitte nicht zu enthusiastisch.

Und Gott im Alltag? Dürfen wir da begeistert von ihm sprechen? Das ist uns doch suspekt, oder?

Warum können wir begeistert über das neue Automodell, den Fußballverein, die Schuhmodelle von Prada, den nächsten Urlaub … reden, aber nicht von dem, der verspricht, unser guter Lebensbegleiter zu sein?

Nun, die Pfingstgeschichte möchte uns daran erinnern, dass Gottes guter Geist und seine Begeisterung nicht allein für Kirchräume bestimmt sind, sondern in den Alltag gehören, nach draußen, zu den Menschen, denen ihre Lebenszusammenhänge jegliche Begeisterung rauben. Zu Menschen, die von Gott längst nichts mehr erwarten und für die die Schwelle der Kirchentür nur ganz schwer zu nehmen ist.

Diese Aspekte finde ich in der Pfingstgeschichte [Apostelgeschichte 2, 1-18] wieder.

Da sind die Jünger und Jüngerinnen in einem Haus in Jerusalem zusammen. Ihre Gemeinschaft, ihre Verbundenheit trägt sie. Ich stelle mir vor, wie das war: Sie haben sich nicht über das neue Fischerbootmodell, die neue Schuhmode oder die trendige Kleidung unterhalten, sondern über ihren Herrn, mit dem sie wunderbares erlebt haben und dann kommt Gottes guter Geist über sie und sie werden „begeistert“ …

Ist da nicht was dran, dass man Begeisterung nicht alleine, sondern in einer Gemeinschaft besonders erlebt. Wie schön ist es mit den Kumpels zum Sportverein zu gehen, ein Hobby mit einem lieben Menschen zu teilen, mit mehreren einer Leidenschaft nachzugehen …

Ist es nicht auch in unserer Kirchengemeinde so? Wie schön ist das Erlebnis, als Gemeinschaft zu singen, wie schön ist es, beim Bibelfrühstück oder im Gesprächskreis sich gemeinsam über biblische Geschichten auszutauschen, wie schön ist es, in Gottesdiensten mit anderen zu spüren, wie Gott für uns da ist? Kann man alleine für sich glauben? Viele Menschen äußern mir dies in Gesprächen: „Ich renne nicht immer in die Kirche – aber ich glaube an eine Macht, die mich hält„.

Ich halte dagegen: Begeisterung kommt in der Gemeinschaft auf und wird von der Gemeinschaft getragen. Meine feste Überzeugung ist, und das Zeugnis der Bibel unterstreicht dies, dass der Glaube Gemeinschaft braucht. Wir brauchen das Gegenüber in Gott und unserem Nächsten.

Wir brauchen das Gegenüber, die und den, der mich aufbaut, mir hilft, mich mahnt, mich tröstet, mit der und mit dem ich Begeisterung im Glauben erleben kann.

Übrigens, Gottes guter Geist beziehungsweise die „Auswirkungen“ sind erkennbar: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit …“ [Galater 5,22]

In diesem Sinne wünsche ich uns zum Pfingstfest „Begeisterung“, dass wir „die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, …“ [Apostelgeschichte 1,8]

Pfarrer Thomas Rusch


Foto: D. Binderberger