Andacht für den 26.5.

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Losung vom Bremer Kirchentag im Jahr 2009 hieß: Mensch, wo bist du? Diese Frage wurde uns in ganz verschiedenen Gottesdiensten und Veranstaltungen gestellt. Wir kennen die Frage aus der Urgeschichte, als Gott im Anschluss an den Sündenfall nach Adam ruft.

Mensch, wo bist du?

Ich kann mir gut vorstellen, wie jemand diesen Satz in sein Handy spricht. Ungeduldig steht er am vereinbarten Treffpunkt, doch der Freund ist nicht da. Minute um Minute ist vergangen. Jetzt greift er zum Telefon und ruft an: Mensch, wo bist du?

Bei der Kirchentagslosung ist es Gott, der den Menschen so anruft.

Auf dem Plakat des Kirchentages wird das in fast naiver Weise zum Ausdruck gebracht: Eine Sprechblase aus dem Himmel ist zu sehen. Darauf ist zu lesen: Mensch, wo bist du? Allerdings ist auf dem Bild kein Mensch zu sehen.

Darin kommt zweierlei zum Ausdruck: Zum einen: Wer so angesprochen ist, der ist gerade nicht da. Er stellt sich nicht der Verantwortung. Er entzieht sich. Er versteckt sich. Zum anderen: Es ist nicht ein bestimmter Mensch, der so angesprochen ist. Jeder und jede ist damit gemeint. Auch Du, Sie und ich …

Wo und wann sagt Gott zu einem Menschen: Mensch, wo bist du?

Denken wir an die Geschichte von Jona. Im Advent 2019 haben die Forsbacher Konfis im Jugendgottesdienst die Geschichte als Theaterstück nachgespielt.

Jona war von Gott in die Stadt Ninive geschickt worden, um die Menschen zur Umkehr zu bewegen. Aber Jona wollte kein Prophet sein: Statt sich auf den Weg zu machen, lief er davon. Er flüchtete mit einem Schiff, um seinem Auftrag zu entkommen. Doch dann kam ein Sturm, und Jona wurde von einem Wal verschluckt, der ihn nach drei Tagen vor Ninive wieder ausspuckte. Jona bekam eine zweite Chance, Gottes Auftrag zu erfüllen.

So, wie Jona in der biblischen Geschichte, so verstecken sich auch heute viele Menschen vor Aufgaben, die ihnen Angst machen.

Viele können das gut verstehen. Ich kenne das auch. Wenn Neues auf uns zukommt, wenn wir uns unsicher fühlen. Dann möchte man am liebsten weglaufen, wie Jona. Einfach nur weg …

Das Verrückte ist nur, dass so eine Flucht uns auch an bedrohliche Orte führen kann: So gefährlich wie das stürmische, gefährliche Meer bei Jona. Oder in eine Höhle, dunkel und bedrohlich. Da findet man nicht mehr raus. Außer man bekommt Hilfe von außen.

Aus der Jona-Geschichte lerne ich: Gott gibt auch denen, die vor großer Verantwortung davonlaufen, und auch denen, die sich vor einer Aufgabe drücken, eine zweite Chance.

Vielleicht fragt Gott uns heute: Willst Du wie die Stadt Ninive untergehen mit all dem Müll, den Du verursachst? Oder willst Du mithelfen, diese schöne Erde zu retten? Willst Du in Gottes Rettungsteam mitarbeiten?

Mensch, wo bist du?

Das können wir übertragen auf unser Zusammenleben in unserem Lebensumfeld … in Familie und Freundeskreis, im Beruf, im Wohnort oder auch in der Gemeinde,

Gott ruft uns heraus, dass wir auch schwierige Aufgaben anpacken. Gott will eine Antwort. Er stellt uns in die Verantwortung für andere, jeden und jede von uns!

Er will, dass wir Seine Liebe weitergeben, in Wort und Tat. Gott will, dass wir mutig sind, und Seinen Auftrag erfüllen. Es kann sein, dass wir wie Jona andere zur Umkehr aufrufen sollen, damit sich etwas zum Besseren ändert … Aber das kann auch ganz anders sein …

Oft stellt uns Gott auf einen schwierigen Weg. Dann geht es uns wie dem Jona.

Ninive kann anderswo sein, doch vielleicht auch ähnlich unbequem und anstrengend. Und: man macht sich nicht immer Freunde … Doch zum Glück hängt nicht alles an mir.

Von Jona lernen wir: Wir sind nicht allein unterwegs. Gott geht meinen und Ihren Weg mit. Er lässt sich vieles einfallen. Er benutzt sogar einen Sturm und einen Walfisch, um in meine Nähe zu kommen.

Mensch, wo bist du?

Gott ruft uns heraus, und er fordert uns heraus. In Jesus Christus ist er selbst Mensch geworden, um das Verlorene zu suchen. Er sucht uns in unserem Versteck. Er sucht den Jona auf dem Schiff und im Bauch des Wales. Er sucht uns und richtet uns auf. Er stellt uns neu auf den Weg.

Gott will, dass wir aufrecht gehen können. Er will uns als Menschen, die ihre Verantwortung erkennen und wahrnehmen: Unsere Verantwortung vor Gott … Unsere Verantwortung für die Menschen in unserer Nähe … Unsere Verantwortung für Seine Schöpfung, also unsere Verantwortung für diese Welt.

Gott ruft uns an und fragt: Mensch, wo bist du? Da schwingt die Zusage mit, dass Gott uns dabeihaben will und mit uns sein wird, sowie der Anspruch, dass wir ihm vertrauen können.

Mensch, wo bist du?

Gerade diese schwierigen Zeiten zeigen uns, dass es viele Menschen gibt, die antworten: Hier bin ich, Gott. Schick mich dorthin, wo ich gebraucht werde. Es sind Menschen, ohne deren Dienst wir in der Pandemie-Krise nicht zurechtkommen würden. Immer wieder danke!

Eine Fernsehsendung geht mir nicht aus dem Kopf. Da wurde gezeigt, dass wir oft die Menschen vergessen, die ihre Angehörigen pflegen. Diesen 24-Stunden-Dienst kann man nur mit viel Liebe und Verantwortungsgefühl schaffen. Ich habe Hochachtung vor jedem, der zu Hause die dementiell veränderte Mutter, den Großvater nach einem Schlaganfall, die mehrfach behinderte Tochter betreut … Die Beispiele in der Dokumentation zeigten, dass man auf vieles verzichten muss, und man sich nicht leisten kann, selbst krank zu werden.

Diejenigen, die für andere da sind, haben auf die Frage geantwortet: Hier bin ich.

Der Monatsspruch für den Mai aus dem 1. Petrusbrief spricht von solcher Verantwortung: Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat.  (1. Petrus 4, Vers 10)

Mensch, wo bist du?

Gott helfe uns, dass auch wir antworten: Hier bin ich, Gott. Schick mich dahin, wo Du mich brauchen kannst.

Dazu wünscht Gottes Segen

Deine / Ihre / Eure Pfarrerin Erika Juckel


Foto: D. Binderberger