Andacht für den 16.5.

 

Liebe Gemeinde!

In Norditalien gibt es einen Fluss. Sie alle kennen seinen Namen. Dieser Fluss heißt nämlich „Po“ und wegen seines lustigen Namens hat er bereits Generationen von Schülerinnen und Schülern im Unterricht belustigt, zu Witzen angestachelt oder auch zu Lachkrämpfen animiert. In Norditalien, am Ufer des besagten Flusses, liegt ein Dorf, kaum weniger bekannt als der Fluss selbst. Sie alle kennen es. Denn in diesem Dorf, da wohnt ein Dorfpriester, dessen größtes Hobby es ist, sich seiner Rauflust hinzugeben und seinem Erzrivalen, dem Kommunistenführer und Bürgermeister Peppone eins auszuwischen. Der italienische Schriftsteller Giovannino Guareschi hat mit Don Camillo eine unvergessliche Romanfigur geschaffen, die nicht nur wegen ihres satten Kinnhakens interessant ist, sondern auch wegen ihrer etwas ungewöhnlichen Gebetspraxis. Kommt Don Camillo mit einer Sache nicht klar, dann redet er darüber mit Christus. Als Kruzifix hängt der über dem Altar der Dorfkirche. Als Stimme bloß redet dieser Christus, aber deutlich hörbar: Kostprobe gefällig? Steigen sie mit mir ein in folgende Episode aus dem Leben von Don Camillo:

Gerade eben erst ist Don Camillos Erzfeind, Bürgermeister Peppone bei ihm zur Beichte gegangen. Zum ersten Mal seit dreißig Jahren. Das Gewissen plagte ihn schon lange. Doch für einen aufrichtigen Kommunisten gehört es sich eben nicht zur Kirche zu gehen. Er hätte ja von den Genossen gesehen werden können und das durfte nicht sein. Doch an diesem Tag jetzt musste es einfach sein, denn zu schwer wog die Schuld, die er auf sich und auf seine Gewissen geladen hat. So kommt Bürgermeister Peppone nun also in die Kirche, um zu beichten: Ja, so muss er bekennen, er war es, der den Priester Don Camillo vor zwei Monaten verprügelt hat, und noch mehr hat Peppone zu erzählen, jetzt, da er erst einmal mit dem Beichten angefangen hat. Alles in allem war es dann am Ende für die erste Beichte nach 30 Jahren doch gar nicht so viel, und Don Camillo fertigt ihn kurzer Hand mit zwanzig Vaterunser und zwanzig Ave Maria ab. Die soll Peppone nun gleich zur Buße beten. Als Peppone dann an der Kommunionbank vor dem Altar kniet, um seine Buße abzubeten, fällt auch Don Camillo vor dem Kruzifix dort oben auf die Knie. Auch er hat was mit dem Jesus da oben zu regeln und ins Reine zu bringen. „Jesus“, sagte er, „verzeih mir, aber ich haue ihm jetzt eine herunter.“ „Denke nicht einmal daran“, antwortet Jesus. „Ich habe ihm vergeben und du musst ihm auch vergeben. Im Grunde ist er ein braver Mensch.“ Doch Don Camillo weiß es besser: „Jesus“, sagt er: „traue diesen Roten nicht. Sie sind furchtbar heimtückisch. Schau ihn dir gut an. Hat er nicht ein Räubergesicht?“ „Ein Gesicht wie alle anderen auch. Don Camillo, in dein Herz hat sich Gift eingeschlichen!“ „Jesus, wenn ich Dir je gut und mit Hingabe gedient habe, dann bitte ich dich um diese Gnade. Lass es wenigstens zu, dass ihm dieser Leuchter auf den Nacken fällt.  Was ist schon  so  ein Leuchter,  mein Jesus?“ „Nein“, antwortet Jesus. „Deine Hände sind zum Segnen da, nicht zum Schlagen.“ Don Camillo seufzt. Er verbeugt sich und verlässt den Altar. Doch bevor er geht, wendet er sich noch einmal um, um sich zu bekreuzigen, und befindet sich so gerade hinter Peppones Rücken, während dieser immer noch kniend mittlerweile ganz im Gebet versunken scheint. „In Ordnung“, flüsterte Don Camillo, indem er die Hände faltete und zu Jesus hinaufschaut. „Die Hände sind zum Segnen da, aber nicht die Füße!“ „Auch das ist wahr“, sagt Jesus vom Hochaltar, „aber ich bitte dich, Don Camillo: Nur einen!“ Der Fußtritt trifft Bürgermeister Peppone wie ein Blitz. Doch er steckt den Tritt ohne mit der Wimper zu zucken ein, steht auf und seufzt erleichtert: „Seit zehn Minuten warte ich schon darauf. Jetzt fühle ich mich viel besser.“ „Ich auch“, ruft Don Camillo und sein Herz ist dabei leicht und rein wie der heitere Himmel. Jesus sagt nichts mehr. Man sieht ihm aber an, dass auch er zufrieden ist. Soweit diese Episode von Don Camillo und Peppone, eine Episode, die, wenn auch auf lustige Art und Weise, von Frömmigkeit und vom Beten handelt.

Ich dachte mir, diese Geschichte passt gut zum morgigen Sonntag „Rogate“, denn auch unser Beten zu Gott muss nicht immer todernst sein. Bis heute amüsiert sich das Publikum über die Filme von Don Camillo und Peppone. Doch warum das? Ich denke mir: vielleicht amüsieren sich die Menschen ja gerade deshalb über diese beiden Charaktere, weil sie genau das tun, was wir uns zu tun niemals trauen würden, – was wir im tiefsten Inneren aber ab und an schon gerne einmal tun möchten. Die beiden Akteure halten uns also quasi einen Spiegel vor.

Peppone, der kann, obwohl Kommunist geworden, nicht aus seiner Haut. Aufgrund der kommunistischen Parteidoktrin muss er Gott verleugnen. Doch wenn es hart auf hart kommt, findet er immer wieder den Weg zurück zur Kirche. Der Glaube in ihm ist stärker als die Partei. So wie ihm geht es vielen, die sich zwar in der Öffentlichkeit von Kirche und Glauben distanzieren, sich aber nicht scheuen, wenn es ernst und kritisch wird, Gott im Stoßgebet anzurufen. Und Don Camillo, unser Priester, der versucht für seinen Teil sich Jesus so zu Recht zu biegen, wie er ihm am besten passt. So wie das viele tun, die Gott vor den eigenen Karren spannen wollen.

Bei näherem Beschauen der Episode bleibt trotz aller Komik als Fazit stehen: Don Camillo und Peppone haben eine enge Beziehung zu ihrem Gott. Der Dorfpriester und der Bürgermeister, ohne einander und ohne ihren Glauben können beide nicht.

Aber über das Beten sollen wir doch am morgigen Sonntag nachdenken! Und Don Camillo und Peppone haben uns mit ihrer ganz eigenen Art des Betens einen Zugang zum Thema geliefert. Bloß stellt sich da die Frage: darf man das denn überhaupt, so mit Gott, so mit Jesus Christus reden, wie es Don Camillo tut? „Ein wenig mehr Respekt vor dem Heiligen, guter Mann“, möchte mancher den beiden gewiss zurufen. Ein wenig mehr Pietät wäre in einer Kirche für den Pfarrer doch wohl angebracht! Doch wer so redet, dem geht auch etwas ab. Vermisst er nicht ein wenig die Vertrautheit, mit der Don Camillo hier zu seinem Jesus sprechen kann? Eigentlich doch ganz schön, so ein persönliches Verhältnis! Was also ist nun angemessen beim Gebet? Wie soll es sein? Laut oder leise? Allein oder in Gemeinschaft? Regelmäßig oder ganz spontan? Dankbar oder fordernd? Wer sich mit diesen Fragen überfordert sieht, dem sei gesagt: Wir müssen das heute nicht allein entscheiden. Die Bibel will uns helfen und Wege aufzeigen, wie wir mit Gott reden können. So z. B. in der heutigen Geschichte, die uns als Predigttext gegeben ist. Mancher, der dies Gleichnis noch nicht kennt, wird überrascht sein, was Jesus darin empfiehlt! Aber hören Sie selbst!

Lukas 11, 5-13 Der bittende Freund
5 Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote;
6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann,
7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.
8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.
9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.
10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.
11 Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete?
12 Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete?
13  Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!
Amen.

Mit dieser Geschichte beantwortet Jesus unsere Frage: Wie kann / wie soll ich beten? Ganz einfach, sagt Jesus: So wie dir der Schnabel gewachsen ist! Rede dir von der Seele, was dich belastet! Sorge für dich!

Die Geschichte vom penetrant bittenden Nachbarn und Freund zeigt sehr deutlich: Für großartige diplomatische Reden und Schmeicheleien ist in der Nacht und in der Not eben keine Zeit, da braucht es die direkte Rede. Tut es nicht gut, das zu wissen? Ja, frei und einfach heraus darf ich mit dem, was mir auf der Seele liegt zu meinem Gott kommen und ihn um alles das bitten, was ich brauche. Nichts ist im Gebet zwischen ihm und mir! Und noch eine zweite Frage beantwortet die Geschichte, nämlich die, wie Gott auf intensives Bitten antwortet. Der nervende Bittsteller in der Nacht, er erhält das Brot für seinen späten Gast! Zumindest sagt es so das Gleichnis! Aber trifft das Gleichnis auch die Realität? Bekomme ich meine Bitten wirklich derart schnell erfüllt? Meine bisherige Lebenserfahrung lehrt mich da, doch lieber etwas mehr Geduld mitzubringen, denn sie sagt mir, dass Gott auf meine Bitten nicht immer so unverzüglich antwortet wie hier dargestellt, und auch nicht immer so, wie ich mir das erwartet und ausgedacht habe. Nein, unser Gott ist keine Wunschmaschine! Und beileibe nicht alles, was wir von ihm erbitten, geht auch in Erfüllung. Wer will das bestreiten? Nur, ist unser Glaube durch dieses Wissen denn weniger wert? Für meinen Teil kann ich sagen, auch wenn nicht alle Wünsche und Bitten, die ich je hatte, in Erfüllung gegangen sind, so habe ich dennoch weiterhin das feste Vertrauen, dass Gott alle Dinge für mich bisher gut geregelt hat. Denn wer von uns vermag schon einzuschätzen, ob das, was er sich so sehnlich wünscht, auch wirklich das Richtige für ihn ist? So mancher ersehnte Lottogewinn endete später für den Gewinner im finanziellen Desaster, manchem rasantem gesellschaftlichen Aufstieg folgte umgehend der Absturz. Beispiele dazu kennen auch Sie sicherlich reichlich! Ich denke, es steht uns als Christen gut an, bei all‘ den Bitten, Anliegen und Wünschen, die wir an unseren Gott herantragen, auch ein wenig Gelassenheit und Vertrauen mitzubringen. In solchem Vertrauen hat einst Dietrich Bonhoeffer folgenden Satz formuliert, der für mich wie ein Schlüssel ist, für unser Verständnis vom Gebet: „Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen und seine Zusagen“, schreibt er. Was kann / was solle man sich noch mehr von seinem Gott erwarten?

Zwei Dinge wünsche ich uns, zum einen weiterhin ein intensives Gespräch mit unserem Gott und zum anderen ein wenig Gelassenheit, bei all‘ den Dingen, die im Leben so ganz anders kommen, als wir sie uns zuvor erbeten haben. Amen.

Pfarrer Armin Kopper


Foto: D. Binderberger