Andacht für den 14.5.

„Wer ohne Sünde ist“

 

Liebe Leserinnen und Leser,

Können sie sich folgende Situation vorstellen?

Ein stadtbekannter Unternehmer wird der Steuerhinterziehung angeklagt. Die Steuerschuld beläuft sich auf mehrere hunderttausend Euro. Wegen Flucht- und „Verdunklungsgefahr“ ist der Unternehmer in Untersuchungshaft gesetzt worden. Wenige Tage nach der Festnahme kommt es zum Gerichtstermin. Die Medien nehmen regen Anteil an der Gerichtsverhandlung und auch der Zuschauerraum ist zu Prozessbeginn bis auf den letzten Platz gefüllt. Selbst vor dem Gerichtsgebäude steht eine Menschenansammlung, die den Urteilsspruch vor Ort erfahren will. Die Verhandlung wird pünktlich eröffnet. Ein Gerichtsdiener liest die Anklageschrift vor. Der Prozess beginnt. Zur Verwunderung aller gibt es keine Verteidigung. Der Unternehmer hat keinen Verteidiger. Während der gesamten Verhandlung sitzt er mit gesenktem Haupt auf der Anklagebank und schweigt zu allen Vorwürfen. Zeugen werden aufgerufen und die Beweisführung gegen den Unternehmer ist erdrückend. Nach einigen Stunden der Zeugenbefragung und der Beweisführung von Seiten der Anklage nimmt der Staatsanwalt schließlich ein Gesetzbuch zur Hand und schlägt es auf. „5 ½ Jahre Haft ohne Bewährung schreibt das Gesetz für eine solche Straftat vor“ erläutert der Staatsanwalt dem Publikum. Ein Raunen geht durch die Menge. Einzelne Prozessbeobachter fangen an zu klatschen. Der Staatsanwalt macht eine beschwichtigende Bewegung. Ruhe kehrt ein. Er wendet sich zum Richter und fragt: „Nun hohes Gericht wie lautet ihr Urteil“? Alle Blicke richten sich auf den Richter. Doch was ist das? Der Richter sitzt auf seinem Stuhl und scheint gar nicht bei der Sache zu sein. Stattdessen liest er die Tageszeitung. Erstaunt richtet der Staatsanwalt erneut seine Frage an den Richter: „Wie lautet ihr Urteil?“ Absolute Ruhe herrscht im Gerichtssaal. Alle Augen sind gebannt auf den Richter gerichtet. Langsam blickt dieser auf und legt die Tageszeitung beiseite. Nach ein paar Sekunden des Schweigens antwortet er schließlich: „Wer von euch ohne Schuld ist, der möge doch das Urteil sprechen.“ Betretendes Schweigen im Gerichtsaal. Keiner wagt es ein Urteil zu fällen. Selbst der Staatsanwalt verstummt.

Können sie sich einen solchen Ablauf in einem deutschen Gericht vorstellen? Wohl eher nicht. Aber sie wissen vielleicht, dass sich eine ähnliche Geschichte vor fast 2000 Jahren abgespielt hat.

Damals war es nicht ein stadtbekannter Unternehmer der angeklagt wurde, sondern eine Frau, die in Flagranti beim Ehebruch erwischt wurde. Die Ankläger waren fromme Männer, die Jesus eine Falle stellen wollten. Und Jesus wurde so von ihnen in die Richterrolle gedrängt. Sein Urteil zum Ehebruch, der nach damaliger Gesetzeslage den Tod durch Steinigung bedeutet hatte: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. (Johannes 8, 7)

Eine merkwürdige Geschichte, weil alle Ankläger betroffen nach Hause gehen, ohne einen Stein zu werfen. Merkwürdig auch, dass Jesus, der ohne Sünde war, die Frau nicht verklagt. Er vergibt ihr ihre Schuld und eröffnet so eine Zukunft für sie: „Geh hin, mache es nun besser und sündige nicht mehr.“

Diese Geschichte ist bedenkenswert und hochaktuell, weil man sich sowohl in der Rolle der Ankläger als auch des Angeklagten wiederfinden kann:

In der Rolle des Anklägers findet man sich wieder, da es doch normal ist, Menschen die in Flagranti erwischt worden sind, anzuklagen: Politiker, die sich an Geldern vergreifen, die Nachbarin, die wieder mal nicht die Treppe geputzt hat und sowieso in Sachen Sauberkeit schlampig ist, den Arbeitskollegen, der immer wie gedruckt lügt.

Jesu Urteil: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“.

In der Rolle des Angeklagten findet man sich wieder, da es genauso normal ist, täglich an Menschen und an Gott schuldig zu werden: Dort wo man einem Menschen der in Not ist nicht hilft, dort wo man Gottes gute Gebote missachtet.

Jesu Urteil über uns: „Ich klage dich nicht an. Geh hin in deinen Alltag und sündige nicht mehr.“ (Johannes 8,10)

Auf meinem Schreibtisch liegt ein Stein, den ich von einer Urlaubsreise mit nach Hause genommen habe. Ein gewöhnlicher Stein und doch ein besonderer. Auf der Unterseite des Steines steht mit schwarzem Filzstift geschrieben: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie!“ (Johannes 8,7).

Der „Stein der Weisen“ im Zusammenleben von Menschen ist der Stein, der nicht geworfen wird! Der andere „Stein der Weisen“ ist die Besinnung auf die Liebe Jesu und seine Vergebung, von der wir alle leben.

Dies möge uns Kraft geben nicht „zu werfen“ weil wir selber im „Glashaus“ sitzen.

Ich wünsche uns viel Kraft fürs „Steine fallen lassen“.

Pfarrer Thomas Rusch

 


Foto: D. Binderberger