Andacht für den 13.5.

 

Liebe Gemeinde!

ich habe gerade Urlaub, bin aber dran mit der Andacht heute, deshalb möchte ich zumindest über etwas schreiben, das mich an Urlaub erinnert, und zwar über die Stadt Jericho. Zweimal bin ich schon dort gewesen, und der Ort, was ich in ihm gesehen habe und was ich davon weiß, das hat mich begeistert.

Jericho gilt als älteste Stadt der Welt, am tiefsten Punkt der Erde und an ihrem jüngsten Fluss, so sagte uns der Reiseführer, und dass hier im Jordangraben zwei Erdplatten zusammenstoßen, was immer wieder Erdbeben verursacht. Das Klima im Jordangraben ist stets gleichbleibend warm, es gibt ausreichend Wasser und man kann das ganze Jahr über Ernte einbringen. Seit dem 10. Jahrtausend vor Christus ist Jericho, das auch als Palmenstadt bezeichnet wird, besiedelt. Es wurde mehrmals durch Naturkatastrophen, in erster Linie durch eben genannte Erdbeben zerstört und von seinen Bewohnern verlassen, aber auch immer wieder aufgrund seiner günstigen Lage neu besiedelt und aufgebaut.

Wer als Tourist nach Jericho kommt, der gelangt in der Regel von Israel aus mit dem Bus dorthin. Die Straße führt dabei immer nur bergab, denn Jerusalem, das liegt ca. 800 m hoch auf einem Berg, Jericho dagegen ca. 250 m unter dem Meeresspiegel im palästinensischen Autonomiegebiet.

Bei meinem letzten Besuch sind wir eine Strecke von Jerusalem nach Jericho zu Fuß gewandert. Das war abenteuerlich und faszinierend, denn der Weg führt durch ein tief in den Felsen eingeschnittenes Tal. Jesus siedelt hier sein Gleichnis vom barmherzigen Samariter an, und wenn man über den schmalen Pfad durch dieses Tal wandert, dann kann man sich gut vorstellen, wie sich die Räuber hinter einem Felsvorsprung versteckt haben, um dem einsamen Wanderer einen Hinterhalt zu legen.

Doch warum war der überhaupt hier unterwegs und warum auch gleich so viele „fromme“ Männer? Das hat damit zu tun, dass einer der Hauptverkehrswege Vorderasiens in Nord-Süd Richtung an der Stadt Jericho vorbeiführte. Gleichzeitig nahm hier die Straße hinauf nach Jerusalem ihren Anfang. Alle Pilger und Händler, die von Norden, Süden und Osten aus nach Jerusalem wollten, mussten also durch Jericho reisen.

Auch Jesus selbst kommt auf seiner Pilgerfahrt  von Galiläa nach Jerusalem durch Jericho hindurch, wo er dem blinden Bartimäus und  dem kleinegewachsenen Zöllner Zachäus begegnet, der um Jesus zu sehen, auf einen Maulbeerbaum klettert. Der Baum, auf dem Zachäus einst saß, wird einem natürlich auch heute immer noch gezeigt, auch wenn der jetzige Baum an dieser Stelle garantiert keine 2000 Jahre alt ist. Aber sei dem wie es ist, die Geschichte von Jesus und Zachäus wird durch ihn wieder lebendig.

Auch König David soll, so wird einem erzählt, beim Dichten des 23. Psalms, nämlich dem „Vom guten Hirten“, als er formulierte „und ob ich schon wanderte im finstern Tal“ an jenen „Wadi Qelt“ genannten Weg von Jerusalem nach Jericho gedacht haben.

Und als Jesus sich nach seiner Taufe durch Johannes im Jordan für 40 Tage und Nächte in die Wüste zurückgezogen hat, um zu beten und zu fasten, geschah das eben in dieser Gegend, denn vom Jordan bis hierhin ist es nicht weit. Heut gibt es an der vermuteten Stelle ein orthodoxes Kloster.

Die älteste Geschichte, die sich mit Jericho verbindet, ist aber die, von seiner Eroberung bei der Landnahme im Buch Josua. Schon in der Kinderkirche haben wir diese Geschichte mit den sieben Umrundungen an sieben Tagen und dem Blasen der Posaunen nachgespielt und das hat uns Kindern damals Spaß gemacht. Heute würde man das vermutlich nicht mehr unbedingt so machen, denn letztlich könnte man darin eine Verherrlichung des Krieges und des Kampfes sehen, denn an die Menschen, die in der Stadt Jericho ums Leben kamen, dachten wir Kinder ganz bestimmt nicht dabei, nur an die Sieger, zu denen wir ja in unserem Spiel gehörten.

Doch schildert die Geschichte von der Einnahme Jerichos überhaupt ein historisches Geschehen? Die Städte Kanaans besaßen überhaupt keine Stadtmauern, als das Volk Israel laut Bibel ins Heilige Land kam, sagt die Archäologie heute, also auch Jericho nicht. Vermutlich hat man die Geschichte auch erst zu erzählen begonnen, als die Israeliten schon lange neben anderen Völkern im Heiligen Land wohnten. Mich beruhigt diese Erkenntnis, dass das Volk Gottes gerade nicht mit brachialer Gewalt in das von den Kanaanäern schon lange zuvor besiedelte Land eingedrungen ist, sondern sich dort nach und nach friedlich angesiedelt hat, denn das wäre für mich ein Vorbild für die Gegenwart.

Natürlich gibt es in Jericho dann weiter auch noch viele Bauten und Relikte aus nachbiblischer, aus byzantinischer und islamischer Zeit, die ebenfalls eine Besichtigung lohnen. Auch zeigt sich die Stadt heute überwiegend in einem modernen Gesicht. Doch noch immer werden für den, der die Bibel kennt, ihre Geschichten lebendig, wenn man zur Stadt hinwandert, zu ihr hinfährt und sie betritt.

Wer schon einmal da war, der kann sich auch viel besser vorstellen, in welcher Umgebung Jesus gewirkt hat, worauf er in seinen Geschichten genau Bezug nimmt und warum sich manches genau so und nicht anders ereignet haben wird.

Man kann die Bibel auch lesen und das Wort Gottes recht verstehen, wenn man nicht durchs Heilige Land gereist ist und es besucht hat, doch ist es schön, wenn sich nach einer solchen Reise dann beim Lesen der Bibel und dem Hören ihrer Geschichten, Bilder von Landschaften und Erinnerungen an eigene Erlebnisse einstellen, die man mit eben diesen biblischen Geschichten verbindet.

Pfarrer Armin Kopper


Foto: D. Binderberger