Andacht für den 12.5.

 

Liebe Gemeinde! Liebe Leserin, lieber Leser!

Der letzte Sonntag trug den Namen Kantate (übersetzt ist das die Aufforderung „singt!“). Dazu passend wurde als Wochenlied „Du meine Seele singe“ ausgesucht (EG 302).

Den Text hat der Pfarrer und Liederdichter Paul Gerhardt im Jahr 1653 geschrieben. Er wollte seine Zeitgenossen mit Gottes Wort vertraut machen. Er wusste: Wenn man vom Glauben singt, dann prägt sich der Inhalt besser ein, weil Musik und gemeinsames Singen das Gefühl anspricht.

So ist es bis heute: Singen macht Mut und versprüht gute Laune. Ich erinnere mich an ein Motto aus meiner Jugend. Da hieß es: „Mit Musik geht alles besser.“ Oder vielleicht kennen einige noch Marika Rökk mit ihrem Lied: „Ich brauche keine Millionen. Ich brauch‘ kein Pfennig zum Glück. Ich brauch nur eines und das ist: Musik, Musik, Musik.“

Musik und Singen kann einiges bewirken: Ich werde ruhiger, es gibt mir ein gutes Gefühl. Musik geht uns ins Herz und denen, die gern tanzen, sogar in die Beine. Alle Menschen, die gerne singen – einfach so, in einem Chor oder in Gottesdiensten – können das bestätigen.

Wer von der Verlässlichkeit und Herrlichkeit Gottes singt, für den wird das erlebbar. Man kann Gottes Gegenwart fast spüren. Paul Gerhardt wusste – so wie wir: Im Singen können wir unsere Herzen leichter öffnen für die Liebe, die Gott uns schenkt.

Und so wird es uns fehlen, dass wir nun in unseren Gottesdiensten nicht singen dürfen. Grund dafür: Beim Singen wird extrem viel Aerosol ausgestoßen, und so würde die gesundheitliche Gefährdung größer. Daher ist Gemeindegesang in „Corona-Zeiten“ nicht erlaubt. Trotz der Einschränkungen werden wir bei den Open-Air-Gottesdiensten wunderbare Musik erleben. Darauf freue ich mich.

Drei der acht Strophen des Wochenliedes singe ich leise vor mich hin, wenn ich diesen Text schreibe. (Kein Gemeindegesang, ich sitze ja alleine an meinem Schreibtisch. 😉)

  1. Du meine Seele, singe, / wohlauf und singe schön / dem welchem alle Dinge / zu Dienst uns Willen stehn. / Ich will den Herren droben / hier preisen auf der Erd; / ich will ihn herzlich loben, / solang ich leben werde.
  2. Wohl dem, der einzig schauet / nach Jakobs Gott und Heil! / Wer dem sich anvertrauen, / der hat das beste teil, das höchste Gut erlesen, / den schönsten Schatz geliebt; / sein Herz und ganzes Wesen / bleibt ewig unbetrübt. (EG 302, 1+2)

Paul Gerhard will uns mit seiner Freude am Singen anstecken. Als Mensch hier auf dieser Erde fühlte er sich im Lobgesang enger mit dem Herrn droben verbunden.

Gott, den wir im Lied loben, ist der Gott unserer Väter und Mütter, davon handelt die zweite Strophe. Denn Jakob ist einer der Erzväter im Glauben an Gott. In der Rückschau auf unser Leben – auch in der Rückschau auf die Geschichte Gottes mit Seinem Volk – wird deutlich, dass Gott immer wieder geholfen hat, dass er neue Anfänge möglich gemacht hat. Wer auf Gott baut, „der hat das beste Teil, das höchste Gut erlesen, den schönsten Schatz geliebt“ – was so viel bedeutet wie: Wer Gott vertraut, der hat den Diamanten zwischen vielen Edelsteinen für sich entdeckt.

Wer sich auf Gott verlässt, der ist nicht verlassen. Menschen können uns immer wieder enttäuschen. Doch Gott hält, was er in der Taufe versprochen hat. Wir gehören zu Gottes großer Familie der Christen. Er ist unser Vater, Jesus unser Bruder. Der große Gott liebt uns als Seine Kinder. Er liebt uns, so wie wir sind.

Selbst, wenn uns Böses widerfährt: Gott hält zu uns. Manchmal schickt er uns Menschen, die – wie Engel – für uns da sind. Er gibt neue Kraft durch Sein ermutigendes Wort.

Das jedenfalls ist die Erfahrung von Paul Gerhardt, der im Leben viel Leidvolles er-tragen musste, aber sich von Gottes Liebe ge-tragen wusste. Für seine Lieder fand er Worte mit viel Glaubenstiefe. Und die Melodien, die andere dazu komponierten, verliehen den Texten Kraft.

Und so wie bei einer Melodie jeder Ton wichtig ist, so ist auch in unserem Umgang miteinander jeder Ton wichtig. Es kommt auf den Klang der Stimme an, sowie auf den Gleichklang von Reden und Handeln. Beim gemeinsamen Singen bringt jede/r die eigene Stimme ein. Und so entsteht meist eine schöne Harmonie.

In unserem Leben vor Gott, sowie in unserem Zusammenleben versuchen wir harmonische Akkorde zu erzeugen – nicht nur beim Singen. Unser Leben in Gemeinschaft braucht den Zusammenklang von verschiedenen Menschen. Nicht nur beim Singen und Musizieren, sondern auch bei allem, was wir denken und tun.

Ich freue mich, dass ich von so viel Gutem höre: Dass Menschen in diesen Zeiten ihre Stimmen für andere erheben und / oder im Gebet für die einstehen, die von Isolation oder Krankheit betroffen sind. Ich freue mich über die Nachbarschaftshilfe, von der mir viele berichten. Ich freue mich zu hören, dass man sich in Familien wieder mehr Zeit für Gespräche und das gemeinsame Spielen nimmt.

Auf der anderen Seite ist da die Sorge um Paare oder Familien, die die verordnete Nähe nicht gut aushalten. Wenn es zu Hause zu eng ist, wenn sich dadurch Spannung aufbaut, wenn der Ton aggressiver wird.

Eine traurige Realität ist, dass einige Hotels zu Frauenhäusern umgewandelt werden mussten. Wie gut, dass Frauen und ihre Kinder dort Zuflucht finden. Doch wir wissen auch: Die Dunkelziffer von Gewalt in Familien ist hoch.

Ich hoffe, dass die Betroffenen Unterstützung erfahren und wieder sicher wohnen können. Bitten wir Gott um Hilfe, für alle, die unter der Situation leiden, bitten wir ihn um Schutz für die Schwachen.

Ich hoffe, dass wir es schaffen, uns auch in diesen Krisenzeiten aufeinander einzustellen. So wie man in einem Orchester die Instrumente aufeinander abstimmt, damit es gut klingt. So wie man bei der Chorprobe den gemeinsamen Ton sucht und eine schöne Melodie erklingt.

Ich hoffe, dass wir es schaffen, in unseren Beziehungen, harmonisch miteinander zu leben.

Damit das gelingt, werden wir immer wieder Gottes Zuspruch brauchen, das Wissen darum, dass wir zu ihm gehören. So danken und loben wir Gott mit der letzten Strophe.

  1. Ach ich bin viel zu wenig / zu rühmen seinen Ruhm; / der Herr allein ist König, / ich eine welke Blum. / Jedoch weil ich gehöre / gen Zion in sein Zelt, / ist’s billig, dass ich mehre / sein Lob vor aller Welt.

Deine / Eure / Ihre Pfarrerin Erika Juckel


Foto: D. Binderberger