Andacht für den 10.5.

 

Liebe Gemeinde!

Der Beruf des Gefängnisaufsehers hat eine lange Tradition. Bereits im antiken Rom hatten sie die Aufgabe, Menschen zu inhaftieren. Sie setzten um, was Richter angeordnet hatten. Die Bibel berichtet an einigen Stellen davon, wie es in den Gefängnissen zurzeit Jesu zuging. Jesus selbst wurde in einem solchen Gefängnis gefoltert. Mel Gibson hat das ganze vor Jahren in einem extrem brutalen Film in die Kinos gebracht. Der Predigttext für den heutigen Sonntag nimmt uns mit in eines dieser antiken Gefängnisse. Dem Gefängnisaufseher dort hat der Richter der Stadt zwei Menschen anvertraut mit dem Auftrag, sie bis auf weiteres festzusetzen und zu bewachen. Den Grund, weshalb die beiden Männer verhaftet wurden, erfährt unser Gefängnisaufseher auch. Man sagt ihm: Sie seien Juden und sie hätten Unruhe unter der Bevölkerung gestiftet. Dieser Vorwurf, von einigen reichen Bürgern der Stadt erhoben, genügte damals offensichtlich, die zwei vom Richter aburteilen und ins Gefängnis werfen zu lassen. Die Namen der beiden Gefangenen erfährt er auch. Sie heißen: Paulus und Silas. Seit langem schon sind sie unterwegs auf Reisen und erzählen dabei den Menschen von einem gewissen Jesus, auch genannt der Christus. Mit dem, was sie sagen, verbreiten sie Unruhe, denn sie behaupten, dass bei Gott alle Menschen gleich und frei sind und dass einer dem anderen mit Liebe begegnen soll. Dem damaligen Establishment passt das gar nicht. Sie merken schnell, welch revolutionäre Kraft von der neuen Lehre ausgeht. So versuchen sie, diese beiden Prediger mundtot zu machen, indem sie sie aus der Öffentlichkeit entfernen und einkerkern lassen. Was weiter geschieht, das steht geschrieben in der Apostelgeschichte des Lukas:

23 Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen.
24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.
25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie.
26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab.
27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.
28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!
29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen.
30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?
31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!
32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.
33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen
34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.
(
Apg 16, 23-34)

Was für eine Geschichte! Es gibt darin vieles, worüber man nur staunen kann. Zum einen staune ich, wie hart Paulus und Silas hier bestraft werden. War es denn so schlimm, was sie getan hatten? Die römische Verwaltung sah das wohl so und es war allein die Angst der Mächtigen, die dafür sorgte, dass die zwei so hart gefoltert und dann ins innerste Gefängnis geworfen wurden, dorthin, wo kein Lichtstrahl mehr drang, dorthin, wo niemand ihre Predigt mehr hören konnte, dorthin von wo kein Laut mehr nach außen dringen sollte. In den Block werden sie gelegt, wie schlimmste Schwerverbrecher. Bewegungsunfähig müssen sie so ausharren. Einfach unvorstellbar, wie wenig ein Mensch damals galt, wie wenig Rechte er hatte, war er erst einmal ins Visier der Justiz geraten. Aber was tun die beiden? Das Wort Resignation scheint ihnen gänzlich unbekannt. Wie sie es wohl an jedem Tag taten, so tun sie es auch an diesem. Sie beten und sie singen. Selbst im Gefängnis. An den Füßen gefesselt, ganz im Dunkeln, in all dem Dreck, mit Ratten und Ungeziefer zusammengesperrt, loben sie ihren Gott. Unglaublich!

Es ist noch gar nicht so lange her, da ereigneten sich auch bei uns, hier in Deutschland Dinge, die den Erlebnissen von Paulus und Silas vergleichbar sind. Ihnen allen sagt sicherlich der Name Dietrich Bonhoeffer was. Von ihm stammt z. B. das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Auch mit ihm ist man vor 75 Jahren so umgegangen, wie mit Paulus und Silas. Die Nazis brachten ihn 1943 ins KZ, denn er sagte, dass das, was sie taten, gegen Gottes Wille geschehe: Der Krieg, den sie gegen die Nachbarstaaten vom Zaun brachen, die Willkür, mit der sie ihre menschenverachtende Ideologie durchzusetzen versuchten, die unvorstellbare Grausamkeit, mit der sie Menschen quälten und millionenfach ermordeten. Dietrich Bonhoeffer ließ sich durch ihre Schikanen nicht entmutigen. Er war zeitweise in den USA, hätte problemlos dem Naziterror entkommen können, doch er kehrte nach Nazideutschland zurück. Er sah es als seine Aufgabe an, gegen das Nazi-Regime Stellung zu beziehen – für Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Nächstenliebe einzutreten. Selbst noch im Gefängnis schreibt er Briefe und Gedichte. Das bekannteste habe ich eben schon erwähnt. Dietrich Bonhoeffer ließ sich, so lange er lebte, von den Nazis nicht mundtot machen. So lange er lebte, gab ihm sein Glaube die Kraft, gegen den Terror und die Gewalt der Nazis Stellung zu beziehen. Weil sie wussten, dass das, was er lehrte stärker war als ihre falsche Ideologie, ließen die Nazis den unbequemen Kritiker 1945 im KZ Flossenbürg hinrichten. Dietrich Bonhoeffer war gerade mal 39 Jahre alt. Vieles hat er mit Paulus und Silas, von denen die Bibel berichtet, gemeinsam. Zuallererst den Glauben, der Kraft und Stärke gibt, der Rückrat verleiht, Unrecht als solches auch zu benennen.

Paulus und Silas, anders als Dietrich Bonhoeffer und viele andere, die in den KZ und Vernichtungslagern der Nazis ihr Leben ließen, werden sie befreit. Ein Erdbeben kommt und lässt die Mauern des Gefängnisses einstürzen. Ihre Fesseln sind gesprengt. Ein Wunder? Die göttliche Antwort auf das Gebet der beiden? Nichts davon wird erwähnt. Es interessiert nicht weiter. Erdbeben gibt es häufig am östlichen Mittelmeer. Wer will, darf das ganze getrost als Wunder deuten. Doch viel wichtiger ist, was nach dem Erdbeben geschieht. Das ist es, worum es wirklich in dieser Geschichte geht. Die beiden Gefangenen, die laufen, es mag uns verwundern, nicht einfach weg, dabei hatte unser Gefängnisaufseher doch fest mit ihrer Flucht gerechnet. Dass Leben will er sich sogleich nehmen, sich ins eigene Schwert stürzen, bloß um der Strafe und den Anschuldigungen seiner Vorgesetzten zu entgehen. Doch Paulus und Silas halten ihn davon ab. Sie sind geblieben. Ihre Mitgefangenen auch! In unserem Gefängnisaufseher vollzieht sich derweil eine Verwandlung, denn hier begegnet ihm ein Verhalten, das er nicht kennt. Warum fliehen diese Gefangenen nicht? Sollte mitunter doch etwas dran sein, an ihrer neuen Lehre, die die Menschen auffordert, nicht nur Gott und den Nächsten zu lieben, sondern auch die Feinde? Der Aufseher hat offensichtlich keinen Zweifel mehr daran, dass dem so ist.

Nicht das Erdbeben, das die Gefangenen befreit, ist das Wunder in dieser Geschichte. Das Wunder ist vielmehr die wundersame Verwandlung des Gefängnisaufsehers. Er, der seine Gefangenen bisher so unbarmherzig hart behandelte, erkennt plötzlich in ihnen sein menschliches Gegenüber und er erkennt, was er bisher alles an ihnen falsch gemacht hat. Unser Aufseher möchte, so sagt er, gerettet werden. Er möchte von nun an ein neues Leben beginnen, das anders ist als das, welches er bisher geführt hat. So lädt er Paulus und Silas zu sich nach Hause ein. Wie der barmherzige Samariter im Gleichnis Jesu einst, so wäscht und salbt auch er ihre Wunden. Danach hört er sich an, was sie zu sagen haben. So erfahren er und seine Familie die Geschichte von Jesus Christus. Zum ersten Mal hören sie seine frohe Botschaft für die Menschen. Und alle, die in dieser Nacht im Hause sind und das Wort Gottes hören, lassen sich noch zu selben Stunde taufen und sind fröhlich, schreibt Lukas. Eine wundersame Geschichte.

Ich weiß ja nicht ob ein Leser / eine Leserin dieser Predigt im Justizvollzug tätig ist, aber er bzw. sie dürfte sich zu Gute halten, dass der erste Mann, der sich in Europa zum Christentum bekehrte, ein Justizangestellter war. Der erste Christ in Europa, von dem die Bibel ausführlich erzählt, war dieser Gefängnisaufseher. Hätten Sie das gedacht? Nur eine Einschränkung muss ich dazu machen: Ich sage bewusst Christ, denn wie es im Leben oft so ist, eine Frau war ihm bereits zuvorgekommen. Nur wenige Tage früher hatte sich eine gewisse Lydia als erste Europäerin von Paulus taufen lassen.

Mit unserem christlichen Glauben stehen wir, das zeigt diese Geschichte, in einer langen Kette der Tradition. 2000 Jahre Christentum. Unzählige Millionen von Männern und Frauen haben sich seit Lydia und unserem Gefängnisaufseher, dessen Namen wir nicht erfahren, zu Jesus Christus bekannt. Was uns mit ihnen allen verbindet ist die Taufe.

In der Geschichte von Paulus und Silas im Gefängnis wird offenkundig, wie viel positive Kraft und Stärke der Glaube an Jesus Christus verleiht: Er hilft, die Täler des Lebens zu durchwandern, er lässt uns Ziele erkennen, für die es sich zu leben lohnt, er lässt uns mutig eintreten, für Wahrheit und Gerechtigkeit. Der Glaube an Jesus Christus befreit von Fesseln. Er verleiht Rückrat. Er relativiert unsere Angst vor der Zukunft, das zeigen unser Predigttext und das Beispiel Dietrich Bonhoeffers. Amen.

Pfarrer Armin Kopper


Foto: D. Binderberger