Andacht für den 9.5.

Liebe Gemeinde! Liebe Leserin, lieber Leser!

Das Datum, an dem ich die Andacht für den morgigen Samstag schreibe, ist ein geschichtsträchtiger Termin. Es wird diskutiert, ob der 8. Mai zum gesetzlichen Feiertag erhoben wird. (In Berlin zumindest ist man vorgeprescht, und dort ist es heute schon so.)

Vor genau 75 Jahren, am 8. Mai 1945, endete der 2. Weltkrieg. Diesen Jahrestag nahm man zum Anlass, um heute im Berliner Dom einen ökumenischen Gottesdienst zu feiern. Ich habe den Gottesdienst im Fernsehen verfolgt und war auch beeindruckt, wie Ökumene gelebt wird

Die Dompredigerin führte durch die Stunde. Die Worte aus der Bibel lasen ein orthodoxer Geistlicher und eine Frau aus Polen. Der alttestamentliche Predigttext wurde von Avitall Gerstäcker, der Kantorin der jüdischen Gemeinde, zuerst gelesen und danach in hebräischer Sprache gesungen.

Die Predigt teilten sich der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (1. Mose 4) und der katholische Bischof Georg Bätzing (Johannes 14).

Nachdem Kain seinen Bruder Abel ermordet hatte, stellte Gott ihn zur Rede mit den Worten „Wo ist dein Bruder Abel?“ Und Kain sagte: „Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Darauf Gott: „Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.“ (1. Mose 4, Verse 9 und 10)

Der Landesbischof erinnert mit der Frage „Was hast du getan?“ daran, wie viel Blut im 2. Weltkrieg vergossen wurde und wie viel Leid durch das NS-Regime über die Welt kam.

Er benennt, dass in Deutschland wieder Stimmen lauter werden, die all das bestreiten. Und er verspricht, dass wir diesen Stimmen entgegentreten werden, weil die Stimme des Blutes weiterschreit und Gott auch uns fragt: „Wo ist dein Bruder?“

Kain verweigerte die Antwort. Doch weil Gott nicht vergisst, aber vergibt, wollen wir Gott antworten: „Ja, wir wollen Hüter für unsere Geschwister sein.“

Für mich ist wichtig, dass uns dieser Auftrag so auf die Stirn geschrieben ist, wie Gott damals den Täter Kain bezeichnet hat, um ihn zu schützen Trotz allem. Ja, wir sollen Hüter unserer Geschwister sein. Wir alle auf der Welt sind Brüder und Schwestern. Wir sollen uns für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen. Wir sollen das Unsere dafür tun, dass Versöhnung zwischen den Völkern geschieht. Nie wieder darf Krieg von deutschem Boden ausgehen.

Ich erinnere mich an den Jahrestag in 2018, als wir in Deutschland bedacht haben, dass der 1. Weltkrieg vor 100 Jahren zu Ende ging. Wir waren bei der Festveranstaltung am Kölner Dom: Musik auf dem Vorplatz und die Lichtinstallation mit Worten und Bildern, die von außen auf den Dom projiziert wurden.

Auf diesem Foto lesen wir Begriffe, die ein gutes Miteinander der Menschen fördern.

Foto: E.Juckel

Wer genau hinschaut, liest: Toleranz, Frieden, Freundschaft, Zusammenarbeit, Freiheit, Verantwortung, Gemeinschaft, Mitgefühl.

Am Ende wurden Lichter der Hoffnung angezündet und wir sangen „Dona nobis pacem“ (Gib uns Frieden). Hier ein ausgewähltes Foto vom Domvorplatz. Das Wort Frieden war in vielen Sprachen aufgestellt und mit Kerzen besetzt. (FRIEDEN, PEACE, PAIX, MIR, POKOJ, …)

Foto: E.Juckel

Noch einmal zurück zum ökumenischen Gottesdienst am 75. Jahrestag des Kriegsendes heute, am 8. Mai 2020: Der katholische Bischof predigte zu Jesu Wort: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch wie die Welt euch gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“ (Johannes 14 Vers 27)

Das Fürbittengebet vom heutigen Gottesdienst ist nun mein Vorschlag, diese Bitten vor Gott zu bringen, allein oder mit anderen zu Hause gemeinsam … Doch auf jeden Fall in der großen Gemeinschaft derer, die durch diese Andacht die gleichen Worte sprechen werden.

Wir beten für die Geflüchteten in den Lagern und auf den Meeren, dass sie Trost finden und Hoffnung auf ein Leben mit Würde.

Wir beten für die Kranken und Schwachen, für alle, die von der Pandemie getroffen sind, dass sie Hilfe erfahren über Grenzen hinaus und allen, die pflegen und retten, Kraft geschenkt wird.

Wir beten für die Erde, die so schön ist und so gefährdet, dass wir lernen, sie zu schützen und endlich alle gemeinsam für ihre Zukunft eintreten.

Wir beten für uns, die wir manchmal mutlos und verzagt sind, dass wir eintreten für eine Gesellschaft und eine Welt, in der es Frieden und Brot gibt, genug für alle. – Und wir bitten um Frieden in unseren Familien, in den Beziehungen, in denen wir leben.

Wir bitten um Frieden unter uns.

Amen.

Ich werde dieses Gebet nun immer abends nach dem ökumenischen Läuten sprechen, dann das Vaterunser und natürlich „Der Mond“ singen … Vielleicht und gerne mit Ihnen und Euch.

Deine / Eure / Ihre Pfarrerin Erika Juckel


Foto: D. Binderberger