Andacht für den 7.5.

 

Liebe Gemeinde,

als ich vor vielen Jahren noch Pfarrer in Solingen war und dort u.a. einen Arbeitsschwerpunkt in den Alten- und Pflegheimen der Stadt hatte, bin ich auf ein Büchlein von Anselm Grün gestoßen. Den regelmäßigen Besucherinnen und Besuchern der Kirchentage wird Anselm Grün sicherlich gut bekannt sein, aber auch dem, der sich in der zeitgenössischen christlichen Literatur auskennt. Es gibt wohl kaum eine größere Buchhandlung, in der seine Bücher nicht ausliegen.

Das Büchlein, das ich Ihnen heute vorstellen möchte heißt: 50 Engel für das Jahr. Jeder der 50 Engel trägt dabei einen ganz spezifischen Namen, z.B. „der Engel der Liebe“ oder auch „der Engel der Leichtigkeit“. Als Pfarrer der Versöhnungskirche möchte ich Ihnen heute seinen „Engel der Versöhnung“ vorstellen, der bei Anselm Grün gleich nach dem „Engel der Liebe“ an zweiter Stelle kommt. Zu ihm schreibt er:

„Der Engel der Versöhnung soll Dich befähigen, Dich erst einmal mit Dir selbst auszusöhnen. Viele Menschen leben heute unversöhnt. Sie können sich nicht damit aussöhnen, dass ihr Leben anders verlaufen ist, als sie es geplant hatten. Sie hadern mit ihrem Schicksal, mit den Enttäuschungen, die ihnen das Leben bereitet hat. Sie liegen mit sich selbst im Streit. Sie können sich selbst nicht bejahen. Sie möchten sich gerne anders haben, intelligenter, erfolgreicher und liebenswerter. Sie möchten besser aussehen. Sie haben ein ganz bestimmtes Bild von sich, dem sie gerne entsprechen möchten.

Das Wort Versöhnung kommt vom Mittelhochdeutschen süene und meint: Schlichtung, Friede, Kuß. Und es klingt noch die Bedeutung mit: „still machen, beschwichtigen“. Sich mit sich selbst versöhnen heißt also: Frieden stiften mit mir selbst, einverstanden sein mit mir selbst, so, wie ich geworden bin. Den Streit schlichten zwischen den verschiedenen Bedürfnissen und Wünschen, die mich hin und herzerren. Die Spaltung aufheben, die sich in mir auftut zwischen meinem Idealbild und meiner Realität. Die aufgebrachte Seele beruhigen, die sich immer wieder auflehnt gegen meine Wirklichkeit. Und es heißt, das küssen, was mir schwerfällt, meine Fehler und Schwächen küssen, zärtlich umgehen mit mir selbst, gerade mit dem, was meinem Idealbild widerspricht. Da muss mir schon ein Engel zu Hilfe kommen, damit die Versöhnung mit mir selbst gelingt, damit ich wirklich Ja sagen kann zu meiner Lebensgeschichte, zu meinem Charakter, zu dem, was ich an Last und Belastung mitbekommen habe.

Nur wenn ich mit mir selbst versöhnt bin, kann ich auch daran denken, Menschen in meiner Umgebung, die mit mir und anderen im Streit liegen, zu versöhnen. Menschen, die in sich gespalten und unversöhnt sind, werden auch um sich her Spaltung hervorrufen. Es gibt heute viele fromme Menschen, die ihre innere Spaltung nach außen tragen. Weil sie ein zu hohes Idealbild haben, spalten sie alles Dunkle in sich ab. Und das müssen sie dann auf die anderen projizieren. Sie sehen dann in den anderen ständig den Teufel oder irgendwelche Dämonen. Sie müssen die verteufeln, die nicht nach den Normen der Kirche leben, die nicht ihren eigenen Vorstellungen einer christlichen Moral entsprechen. Weil sie den Teufel im eigenen Herzen abgespalten haben, sehen sie ihn überall in ihrer Umgebung. Um solche Menschen herum entsteht Spaltung. Die einen sind begeistert, dass da endlich jemand kommt, der sich traut, die Wahrheit zu sagen. Die anderen spüren, dass da etwas Krankes und Spaltendes von ihnen ausgeht, und sie wenden sich von ihnen ab.

Der Apostel Paulus versteht den Dienst der Christen gerade als Dienst der Versöhnung. Gott selbst hat uns den Dienst der Versöhnung übertragen.

Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.
Korinther 5, 18

Der Engel der Versöhnung will Dich zu einem Boten der Versöhnung machen, nicht indem Du überall Versöhnung forderst und anmahnst, sondern indem du Versöhnung stiftest. Versöhnung heißt nicht, dass Du alle Konflikte um dich herum mit einem frommen Mantel zudeckst, dass Du alle Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen harmonisieren möchtest. Das verwechseln viele mit Versöhnung. Aber in Wirklichkeit können sie Konflikte nichts aushalten. Sie bekommen Angst, wenn nicht alles um sie herum harmonisch ist. Sie werden erinnert an Situationen in der Kindheit, die sie verunsichert haben, etwa Ehestreitigkeiten, die für sie bedrohlich waren, weil sie ihnen das Gefühl von Geborgenheit und Heimat geraubt haben. Versöhnung heißt schlichten. Und schlichten heißt ebnen, einen Weg ebnen zwischen den verschiedenen Parteien, eine Brücke bauen zwischen den sich widerstrebenden Gruppen. Aber es heißt nicht, alles einebnen, alles harmonisieren. Die Standpunkte dürfen bleiben. Aber sie bekämpfen sich nicht mehr. Es gibt eine Brücke, auf der die beiden Parteien wieder miteinander kommunizieren, auf der sie wieder aufeinander zugehen können.

Bevor Du andere miteinander versöhnen willst, bevor Du den Streit schlichten kannst zwischen verfeindeten Gruppen in Deiner Nähe, mußt Du zuerst mit Dir selbst versöhnt sein. Und Du mußt in Versöhnung mit den Menschen in Deiner Nähe leben. Auch das bedeutet nicht, daß Du um den Preis der Einheit alle Deine Gefühle und Bedürfnisse unterdrücken sollst. Im Gegenteil, wenn Du um des Friedens willen Deinen Ärger unterdrückst, wirst Du nie wirklich versöhnt sein mit dem, über den Du Dich geärgert hast. Du musst Deine Gefühle ernst nehmen. Und Du darfst Deine Gefühle nicht bewerten. Sie haben alle ihren Sinn. Der Ärger ist der Impuls, etwas zu verändern. Wenn ich mich im Gespräch mit jemandem ärgere und den Ärger dann fromm unterdrücke, so vergiftet das die Atmosphäre. Wenn ich den Ärger angemessen anspreche, ohne ihn zu bewerten, so kann der Ärger etwas klären. Der Ärger zeigt oft, daß der andere nicht wirklich das sagt, was er denkt und fühlt, sondern um den heißen Brei herumredet. Wenn ich meinen Ärger äußere, biete ich dem anderen die Möglichkeit, bei sich selbst noch einmal kritisch hinzuschauen. Ich biete ihm eine Brücke an, auf der wir ehrlicher und besser kommunizieren können. Aber entscheidend ist, daß ich nicht unbedingt Recht haben möchte, sondern den anderen achte und mit ihm Versöhnung möchte. Versöhnung heißt, den anderen ernst nehmen, aber auch mich selbst mit meinen Gefühlen ernst nehmen.

Versöhnung hat auch eine politische Dimension. Unversöhnte Menschen spalten nicht nur die Menschen um sich herum. Die Spaltung geht weiter. Sie prägen die Stimmung im Land. Sie bestätigen die Vorurteile gegenüber Andersdenkenden und Anderslebenden. Und sie schaffen eine Atmosphäre, in der man gegen Fremde und Fremdartige gewaltsam vorgeht. So will der Engel der Versöhnung Dich zu einem Sauerteig der Versöhnung machen für unsere Welt. Wenn Du in Deinen Reden versöhnt bist, wird von Dir auch Versöhnung ausgehen. Dann werden sich in Deiner Nähe Ausländer und Randgruppen angenommen fühlen. Dann wirst Du keine Spaltpilze säen, sondern ein Senfkorn der Hoffnung und Versöhnung.“

Gut, denke ich mir, nachdem ich diesen Text jetzt komplett abgetippt habe, dass Anselm Grün uns pro Woche nur einen dieser Engel vorstellt, denn seine Ausführungen sind doch sehr komplex und es braucht Zeit, alle seine Gedankengänge auch nur im Ansatz nachzuvollziehen. Ja, es braucht Zeit darüber nachzudenken, was Anselm Grün schreibt und es braucht noch mehr Zeit, will man das Gesagte verinnerlichen und im eigenen Leben Wirklichkeit werden lassen. Vermutlich braucht es dazu das ganze Leben, doch könnte heute ja der Tag sein, einmal damit anzufangen!

 

Pfarrer Armin Kopper


Foto: D. Binderberger