Andacht für den 4.5.

 

Liebe Gemeinde,

als Lehrtext für den heutigen Montag sind uns im Losungsbüchlein folgende Verse gegeben:

„Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraße und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.“ Lukas 14, 22-23

Dieser kurze Bibelabschnitt gehört zu einem der bekanntesten Gleichnisse Jesu. Darin lädt der Hausherr viele zu einem großen Abendmahl bzw. Festessen ein. Und er lädt nicht etwa nur per Karte dazu ein, vielmehr er lässt einen Bediensteten die Einladung persönlich überbringen. Dadurch widerfährt den Gästen bereits im Vorfeld eine hohe Wertschätzung durch den Gastgeber. Doch was geschieht? Statt sich über die Einladung zu freuen, erfinden die Geladenen Ausreden, haben angeblich Wichtigeres zu tun, und so entschuldigt sich einer nach dem andern. Als der Knecht schließlich zu seinem Herrn zurückkehrt und das berichtet, wird der Hausherr zornig. Er schickt den Knecht erneut aus und lässt ihn nun Arme und Verkrüppelte, Blinde und Lahme einladen. Als der Knecht nach Erledigung dieses Auftrags erneut zurückgekehrt ist, kommt es zu jenem Dialog, der oben steht:

„Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraße und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.“

 Seit ich dieses Gleichnis zum ersten Mal gehört habe, schien mir seine Deutung klar: Der Hausherr ist Gottvater und der Knecht ist Jesus Christus und wenn ich zu ihm gehören will, dann folge ich seiner Einladung, gehe zum Gottesdienst und nehme sooft es angeboten wird, teil am Abendmahl der Gemeinde, denn das ist bereits der Vorgeschmack auf das große himmlische Mahl, das wir alle dereinst mit Christus im Reich Gottes miteinander feiern werden. So war das, wie gesagt, bisher.

Doch nun, in einer vollkommen veränderten Lebenssituation gehen mir bei diesem Bibelwort Gedanken durch den Kopf, wie ich sie zuvor noch niemals gedacht habe. Gottesdienste und Abendmahl, beides ist seit Wochen nicht möglich, und nun, wo wir wieder „Gottesdienste“ feiern dürfen, wie man in der Presse lesen kann, treiben mich und auch die Verantwortlichen in der Kirchenleitung bei diesem Thema Fragen und Sorgen um.

Tun wir den Menschen wirklich etwas Gutes, wenn wir wieder zum Gottesdienst einladen? Und bringe ich im Moment nicht sogar größeres Verständnis für die auf, die sich in unserem Gleichnis entschuldigen, als für die, welche der Einladung folgen? Denn welche Risiken gehen die Menschen ein, wenn sie zum Gottesdienst kommen, insbesondere die, welche zu einer Risikogruppe gehören, wie sie ja auch unser Gleichnis aufzählt?! Zur Zeit ist das überhaupt nicht absehbar!

Auf den verschiedenen Entscheidungsebenen unserer Kirche machen sich Männer und Frauen gerade sehr viele Gedanken darüber, wie es mit unseren Gottesdiensten und auch all den anderen Veranstaltungen, die wir sonst noch anbieten, weitergehen kann, wobei sich so gut wie alle darin einig sind, dass es Gottesdienste, wie wir sie bislang kannten, auf lange Zeit nicht geben wird. Gemeindegesang darf nicht sein. Sitzen oder stehen ob in der Kirche oder im Freien nur mit großem Abstand und eine Abendmahlsfeier, bei der man in Kontakt miteinander kommt, Brot und Wein miteinander teilt und sich am Ende die Hände reicht, das alles ist auf unabsehbare Zeit vollkommen undenkbar.

Ja, es kann vorkommen, dass man in einer neuen Situation die Gleichnisse Jesu und auch so manchen Bibelvers unvermittelt unter bislang ungeahnten Aspekten wahrnimmt. So erlebe ich das gerade. Aber genau das ist ja das Besondere an der Heiligen Schrift, das zeichnet sie aus, dass nämlich die Worte stets dieselben bleiben und uns gleichzeitig doch immer wieder so ganz anders und neu treffen.

1986 z. B., ich war junger Student und besuchte im Sommersemester bei Luise Schottroff eine Vorlesung zum Matthäusevangelium, da ereignete sich der Reaktorunfall von Tschernobyl. Und irgendwie trafen sie in dieser Vorlesung zusammen, die Katastrophe und dieser Vers:

„Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Matthäus 5, 45

Luise Schottroff legte uns Studentinnen und Studenten damals dieses Wort aus der Bergpredigt unter dem Eindruck von Tschernobyl ganz neu aus und sie sprach davon, wie der normalerweise Frucht und Segen bringende Regen mit einem Mal als radioaktiver Fallout zur Bedrohung für die Menschen wurde. Ich vermag heute nicht mehr im Detail nachzuerzählen, was sie noch weiter sagte, doch das Faktum ihrer radikalen Neuinterpretation des Bibelverses blieb mir im Gedächtnis. Und viele haben seitdem umgedacht und ganz neue Wege wurden in Verantwortung gegenüber Gott und seine Schöpfung in der Energiepolitik eingeschlagen.

Heute, 34 Jahre später, erlebe ich es genauso, da habe ich einen fast zweitausend Jahre alten Bibelvers und ein aktuelles Ereignis, die unmittelbar aufeinandertreffen, die einem ins Nachdenken bringen und die im Zusammenspiel meine Gedanken ganz neue, bislang unbekannte Wege führen. Davon sollte man sich aber auf gar keinen Fall im eigenen Glauben verunsichern lassen! Für mich macht es Sinn, bei all der Bedrohung, die wir zur Recht empfinden, in dem allen aber auch die große Chance zur positiven Veränderung zu sehen.

Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit, aber seine Gemeinde, die muss sich immer wieder wandeln, gerade dann, wenn sie dem Wort Gottes in unterschiedlichen Lebenslagen treu sein will.

Luise Schottroff war eine Frau, die in die protestantische Theologie viele neue Sichtweisen eingebracht hat, und die ihre Studentinnen und Studenten lehrte, dogmatische Aussagen, kirchliche Traditionen und gesellschaftliche Ordnungen nicht einfach kritiklos hinzunehmen.

Lassen wir die Chance zu einer Neuaufstellung von Kirche und Gemeinde, die in der aktuellen Krise steckt, also nicht ungenutzt an uns vorübergehen! Denn wenn uns das gelingt, uns im Blick auf Jesus Christus neu auszurichten und neu zu organisieren, dann können wir am Ende sogar gestärkt daraus hervorgehen. Amen.

Pfarrer Armin Kopper


Foto: D. Binderberger