Andacht für den 2.5.

„Gerechtigkeit“

 

Liebe Leserinnen und Leser,
Gerechtigkeit, das ist ein Begriff, den wir schon früh verinnerlichen. Schon Kleinkinder merken schnell, wenn sie ungerecht behandelt werden. Wie oft musste ich mir von meinen Kindern früher anhören, dass ich sie nicht gerecht behandle.

Wie oft erleben wir es im Alltag, dass uns Ungerechtigkeit widerfährt. Wie viele Rechtsstreite gibt es, um Gerechtigkeit einzufordern.

Wie schlimm ist es, wenn man unter Ungerechtigkeit leiden muss.

Auch in unserem „Corona Alltag“ – wie Vieles müssen wir hinnehmen und denken: „Es ist nicht gerecht!“

Eine Geschichte erzählt, dass ein Bauer und ein Bäcker eine Abmachung auf Gegenseitigkeit hatten. Der Bauer bezog vom Bäcker Brot und der Bäcker vom Bauern Butter. Nun schien es dem Bäcker eines Tages, als ob die Butterstücke, die drei Pfund wiegen sollten, immer leichter würden. Seine Waage gab ihm recht, und er verklagte seinen Butterlieferanten beim Richter.

„Ihre Butterstücke sollen nicht die erforderliche Schwere haben“, sagte der Richter zum Bauern. „Dies Stück soll drei Pfund wiegen, nicht wahr? Es wiegt aber viel weniger.“

„Das ist ausgeschlossen, Herr Richter“, sagte der Bauer, „ich habe es jedes Mal nachgewogen.“

„Vielleicht stimmen Ihre Gewichte nicht“, meinte der Richter.

„Gewichte?“ Der Bauer war erstaunt. „Ich habe keine Gewichte, brauche aber auch keine.“

„Aber womit wiegen Sie denn, wenn sie keine Gewichte haben?“

„Das ist ganz einfach, Herr Richter, und auch gerecht. Sehen Sie, ich krieg mein Brot vom Bäcker, so wie er seine Butter von mir. Und so ein Laib Brot wiegt drei Pfund, nicht wahr? Nun – da leg ich auf die eine Seite der Waage meine Butter und auf die andere einen Laib Brot, und dann balancier ich das aus“, sprach er und zog ein „Dreipfundbrot“ des Bäckers hervor. Der Richter wog nach – die Butter war aufs Haar genauso schwer wie das Brot. Der Richter lachte, der Bauer lächelte, der Bäcker tobte. Der Bauer wurde freigesprochen und der Bäcker verurteilt.

Eine Geschichte die es in sich hat. Wir alle wissen wie es ist, wenn einem Unrecht angetan wird. Manchmal ist man richtig hilflos und sieht keine Chance zu seinem Recht zu kommen.

Und oft ist es auch so, dass wir auf unser gutes Recht pochen, alles tun, damit uns Gerechtigkeit widerfährt.

Die Geschichte erinnert uns, dass wir selber in der Gefahr sind, anderen Unrecht anzutun.

Amos, ein Prophet des Alten Testaments, bekam vor vielen hundert Jahren den Auftrag von Gott, seine Zeitgenossen zu ermahnen. Sie verhielten sich ähnlich wie der Bäcker in der Geschichte, denn sie beugten das Recht von Schwächeren.

Die Mahnung des Amos im Auftrage Gottes lautete: „Gott spricht: „Das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Amos 5,24

Für uns ist dieser alte Vers Mahnung und Verheißung zugleich. Mahnung, in seinem Alltag und Umfeld für Recht zu sorgen und es nicht zu beugen, Verheißung, weil Gott selbst eines Tages für Gerechtigkeit in dieser Welt sorgen wird.

Gott gebe uns, dass unsere Worte und Taten im Alltag der Gerechtigkeit dienen.

Pfarrer Thomas Rusch


Foto: D. Binderberger