Andacht für den 1.5.

 

Liebe Gemeinde,

im 2. Korintherbrief schreibt der Apostel Paulus im 4. Kapitel:

16 Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert.

Was empfinden Sie, wenn Sie das hören? Würden Sie dem zustimmen, was Paulus hier schreibt? Oder keimt bei seiner Rede eher Widerspruch in ihnen auf? Wie dem auch sei, an seiner Feststellung, dass der äußere Mensch mit den Jahren verfällt, an der kommt zumindest keiner von uns vorbei. Wir alle altern. Als Kind oder als Jugendlicher freut man sich ja noch darüber, älter zu werden, denn mit dem Älterwerden verbinden sich ja auch gewisse vom Staat garantierte Rechte. Man darf z. B. abends länger ausgehen und den Führerschein fürs Mofa oder fürs Auto machen. Aber auch älter gewordene Menschen können noch aufs Älterwerden freuen. Gegen Ende des Arbeitslebens z. B. da freuen sich nicht wenige auf die Rente und planen bereits frühzeitig, was sie in den Jahren des Ruhestands alles unternehmen wollen. An manchen Menschen scheint das Alter auch fast spurlos vorbei zu gehen, denn man merkt ihnen kaum an, dass ihre Leistungsfähigkeit nachlässt oder dass die Schönheit schwindet. Der Mehrheit der Menschen in diesem Lande wird das Älterwerden aber doch einiges abverlangen.

Was der Apostel Paulus hier im 2. Korintherbrief formuliert, ist also augenscheinlich eine bis heute gültige Tatsache, an der keiner von uns vorbeikommt. Doch wieso schreibt Paulus gerade hier an dieser Stelle etwas vom Verfall des irdischen Körpers? Gibt es für ihn denn einen besonderen Anlass dafür? Mit hoher Wahrscheinlichkeit darf man sagen: Ja, es gibt für ihn einen Anlass. In diesem Moment seine eigene Lebenserfahrung zu diesem Thema.  Wie wir wissen, litt Paulus Zeit seines Lebens an Epilepsie, an einer Krankheit, die ihm schwer zusetzte und über die er sich einige Kapitel weiter in diesem Brief heftig beklagt. Auch werden die beschwerlichen Reisen, die er unternommen hatte, die aufreibenden Streitereien mit den Glaubensgenossen, die Sorge um die jungen Christengemeinden und gegen Ende seines Lebens die mehrfachen Inhaftierungen im Gefängnis, seiner Gesundheit sicherlich weiteren Schaden zugefügt haben. Wer die Biographie des Paulus kennt, den verwundert demzufolge auch nur wenig, wenn er hier vom Verfall des menschlichen Körpers spricht. Denn der Paulus, der hier schreibt, ist mittlerweile ein alter Mann geworden, und er weiß, dass sich das eigene Leben allmählich seinem Ende zuneigt.

Über keine andere Person erfahren wir im Neuen Testament mehr als über Paulus. Die Apostelgeschichte des Lukas berichtet ausführlich aus seinem Leben. Sie fängt an bei der Steinigung des Stephanus, bei der Paulus noch mit Gefallen zusieht und berichtet dann gleich im Anschluss von seinem Bekehrungserlebnis vor Damaskus. Das geschah vermutlich im Jahre 35 nach Christus. Ganz am Ende seines Buches erzählt der Evangelist Lukas dann davon, wie Paulus von den römischen Behörden im Jahre 62 nach Christus nach Rom überstellt wird, wo ihm der Prozess gemacht werden soll. Insgesamt sind das schon 27 Lebensjahre, die wir anhand der Apostelgeschichte bei Paulus überblicken können. Hinzu kommen die 13 neutestamentlichen Briefe, welche Paulus verteilt über annähernd 3 Jahrzehnte an die unterschiedlichen Gemeinden der antiken Welt geschrieben hat. Auch aus ihnen erfahren wir an zahlreichen Stellen, was das Leben des Paulus ausgemacht hat, selbst wenn darin meist das Evangelium/ die frohe Botschaft an erster Stelle steht.

Aus unserem Bibelvers spricht dabei nun ein sichtlich gealterter Paulus. Wieder einmal sitzt er im Gefängnis und wieder einmal macht er sich Sorgen, wie es mit ihm weitergehen soll, denn sein Körper hält den Strapazen, die ihm von außen zugemutet werden, immer weniger Stand. Was aber trägt ihn in dieser Situation? Was gibt ihm Kraft? Sein Glaube an Jesus Christus. Gut, das war nicht schwer herauszufinden. Doch wie sieht dieser Glaube, der ihn trägt, denn so genau aus? Unser Vers und sein Kontext gibt eine Ahnung davon, wie Paulus für sich die Verheißungen Christi von einer kommenden Welt deutet, denn er erzählt darin, wie er sich die eigene Zukunft mit Christus vorstellt. Für Paulus ist klar, es gibt einen äußeren Mensch und einen inneren. Was den äußeren Menschen dabei ausmacht, das können wir alle mit Augen sehen und medizinisch erforschen. Doch was macht den inneren Menschen aus, von dem Paulus spricht? Je öfter ich mir die Verse, in denen er von ihm erzählt, angeschaut habe, desto schwieriger wurde es mir, sie zu deuten: „…sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert.“

Was heißt das nun? Zunächst dachte ich mir, klar, Paulus spricht hier, wie auch schon in einigen seiner anderen Briefe, von jenem himmlischen Körper, welchen Gott den gläubigen Christen für die kommende Welt schenken wird. Dann aber kamen mir Zweifel daran, ob das die einzige möglich Deutung ist, denn was Paulus in diesen Versen schreibt, sagt im Grunde noch wesentlich mehr aus. Paulus hat trotz des Älterwerdens mit der jetzigen Welt lange noch nicht abgeschlossen. Gewiss, das Leben hier ist auch für ihn mit den Jahren immer beschwerlicher geworden, doch ist das für ihn noch lange kein Anlass, aus dieser Welt zu fliehen. Mir scheint, dass Paulus zurzeit gerade folgendes erlebt: egal wie schwach sich der äußere Körper für ihn im Moment auch anfühlt, er spürt die Kraft und die Stärke die ihm im Inneren jetzt erwächst.

Was war er als junger Mann für ein Eiferer! Mit welcher Energie hat er für den Glauben an Christus gekämpft! Mit Petrus hat er sich beim Apostelkonzil zu Jerusalem gestritten, dass die Fetzen flogen, und selbst als man ihn später gesteinigt hat, ließ er sich davon nicht unterkriegen. Er rappelte sich wieder auf und setzte seinen Weg für das Evangelium und die Gemeinde fort. Selbst wenn das alles nun schon an die 30 Jahre her ist, so ist auch dieser älter gewordene Paulus, dem wir im 2. Korintherbrief begegnen, es immer noch nicht müde, das zu tun, was er schon zuvor getan hat, nämlich das Evangelium von Jesus Christus zu verkünden. Eines nur hat sich dabei geändert. Die Kräfte, die ihm früher ein junger Körper verlieh, die speisen sich nun aus einer anderen Quelle, aus einer inneren. Doch was macht sie aus?

Zum einen sicherlich die positive Erfahrung, die Paulus im Laufe von Jahrzehnten mit seinem Glauben an Jesus Christus gemacht hat. Zum anderen der Glauben an ein ewiges Leben mit jenem Christus, der Jahrzehnte zuvor bei Damaskus in einer Vision zu ihm gesprochen hat.

Wie das Leben des Paulus dann letztlich zu Ende ging, steht leider nicht mehr in der Bibel. Die Apostelgeschichte hält im 28. Kapitel lediglich fest, dass Paulus nach seiner Überstellung durch die kaiserlichen Behörden nach Rom, dort noch zwei Jahre in seiner Wohnung lebte und das Evangelium von Jesus Christus predigte. Außerbiblische Texte aber erzählen davon, wie er später durch das Schwert hingerichtet und vor den Mauern Roms beigesetzt wird. Sein Grab befindet sich, so sagt die Tradition, seit dato in der Kirche Sankt Paul vor den Mauern.

16 Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert.

Dieser Vers aus dem 2. Korintherbrief, der uns für den kommenden Sonntag als Predigttext  zu bedenken gegeben ist, will Mut machen, und diese positive Einstellung zum Leben auch noch bei einem sichtlich gealterten Paulus will Vorbild sein.

Ich finde das ein schönes Bild, sich vorzustellen, wie der innere Mensch mit den Jahren stets kräftiger und reifer wird. Kann auch gut sein, dass sich dies im Äußeren eines Menschen dann wiederspiegelt. Der Predigttext für den kommenden Sonntag lädt ein, sich vielleicht mal wieder etwas intensiver mit diesem Mann mit Namen Paulus zu befassen. Er hat uns viel zu sagen, den Jungen wie den Älteren, denn von ihm erfahren wir, wie der Glaube an Jesus Christus gelingen kann, wie er einem Menschen Kraft und Mut verleiht in den Stürmen des Lebens und wie dieser Glaube dann selbst noch in scheinbar aussichtslosen Situationen immer wieder neue Perspektiven schenkt. Amen.

Pfarrer Armin Kopper


Foto: D. Binderberger