Andacht für den 30.4.

 

Liebe Gemeinde! Liebe Leserin, lieber Leser!

Einen Gottesdienst erleben ist immer etwas anderes, als später nur die Predigt zu lesen. Ich weiß. Denn es kommt auch auf den Rahmen an, denn die Musik ist wichtig, die Instrumental-musik und die Lieder mit ihren Inhalten, die Liturgie mit ihren Bibeltexten und Gebeten, sowie das gemeinsame Erleben. In diesen Zeiten konnten wir uns nicht in unseren Kirchen treffen.

In der Andacht für Montag, den 27. April, schrieb ich, dass mich der Fernsehgottesdienst am Ostersonntag berührt und die Predigt von Präses Annette Kurschus mir den bekannten Text aus dem Johannes 20, 11-18 unter dem Titel „Ostern berührt dich“ neu nahegebracht hat. Den ersten Teil der Predigt hatte ich zitiert und in Aussicht gestellt, dass auch der zweite Teil der Predigt folgen wird. Hier die Einlösung meines Versprechens. 😉 – Die Situation:

Als Maria am Felsengrab dem Auferstandenen begegnet, erkennt sie ihn nicht und meint, es wäre der Gärtner. Doch als er sie beim Namen nennt, erkennt sie ihn und weiß, es ist Jesus.

Um „reinzukommen“ der Predigtabschnitt, mit dem ich den 1. Teil der Predigt beendet hatte.

„… Das heißt doch: Auch wenn ich nicht weiß, auch wenn ich gefangen bin in meiner Situation, auch wenn ich im Moment keinen Zugang finden sollte zum auferstandenen Christus, dann macht das dessen Lebendigkeit nicht zunichte. Dass er lebt, das hängt nicht von meinem Glauben ab. Wo ich wie gebannt auf das starre, was mein Leben bedroht, da steht er, der Lebendige, längst hinter mir und wartet darauf, mir zu begegnen …“

Und so geht es in der Predigt von Präses Annette Kurschus weiter, mit einer erstaunlichen Beobachtung zum Predigttext:

„… Wer sich hineinbegibt in diese kleine Ostergeschichte, wer sich buchstäblich hineinstellt in diese Szene, neben Maria ans Grab und ihre Bewegungen mitvollzieht, wird eine verblüffende Entdeckung machen: An einer Stelle stimmt etwas nicht. Maria wendet sich vom Grab um, sieht Jesus stehen, der spricht sie an, sie erkennt ihn nicht, hält ihn für den Gärtner, fragt ihn nach dem Leichnam und Jesus sagt ihren Namen „Maria“. Und dann – heißt es im biblischen Text – dann wandte sie sich um und sagt zu ihm „Rabbuni“, Meister.

Und das ist seltsam, denn eigentlich ist sie ihm da bereits zugewandt. Er stand ja am Grab direkt hinter ihr. Offenbar fehlt da also ein Satz, offenbar hat es in dieser Begegnung zwischen Maria und Jesus einen Moment gegeben, den Johannes nicht erzählt. Ein Moment, in dem Maria losgelaufen sein muss, vom Grab weg auf der Suche nach dem Toten an dem Lebenden vorbei.

Doch der Auferstandene unterbricht ihren Lauf, sagt ihren Namen „Maria“. Dabei muss er sich nach ihr umgedreht haben, sie ist ja gerade an ihm vorbeigelaufen. Er, der Auferstandene, wendet sich um und ruft ihr hinterher „Maria“. Und sie hört ihren Namen, hält inne, wendet sich um, – und jetzt endlich stehen sie einander gegenüber. Jetzt endlich treffen sich ihre Blicke, jetzt endlich sehen sie einander an, und jetzt endlich erkennt sie ihn. Weil er sie kennt. Sie muss nicht mehr suchen, sie ist ja gefunden. Sie braucht nicht mehr dem Toten nahe zu sein. Der Lebendige ist ja da und berührt sie mit seinem liebevollen Blick. Kann es größere Nähe geben?

In diesem winzigen Moment der Geschichte steckt Ungeheuerliches. Das Heil der Welt liegt darin. Deine und meine Zukunft. Gott selbst wendet sich um, nach dir und nach mir, ruft uns hinterher. Gott seinerseits findet uns, während wir ihn verzweifelt suchen. Gott gibt sich zu erkennen, indem er dich und mich beim Namen nennt. „Du liegst mir am Herzen. Dich lass ich nicht im Stich.“

Maria erkennt ihn. Und jetzt will sie ihm wieder nah sein. So wie früher. Nichts hat sie sich doch sehnlicher gewünscht. Jetzt endlich will sie ihn wieder berühren, umarmen, ihn am liebsten nie mehr loslassen. Aber der Auferstandene sagt: „Rühr mich nicht an.“ Das klingt hart und streng. Anders jedenfalls als das liebevolle „Maria“.

„Rühr mich nicht an“ – ein traurig vertrautes Verbot in diesen Zeiten. Menschen kommen uns vor Augen voller Sorge, einsam in strikter Isolation.

Womöglich, liebe Gemeinde, womöglich sind diese Worte der Clou an der ganzen Sache. „Rühr mich nicht an“. Womöglich liegt ausgerechnet in diesem Nicht-berühren-dürfen die Kraft des Ostergeheimnisses. Da liegt eine Nähe darin, die mehr ist als anfassen und umarmen. Eine Nähe, die auch dann gewiss bleibt, wenn wir uns – so wie jetzt – körperlich nicht nahe sein dürfen und können. „Rühr mich nicht an.“

Ohne dieses Verbot des Auferstandenen bliebe Ostern trügerisch und missverständlich. Ein Jesus, den Maria umarmen, begreifen, festhalten könnte, der müsste doch auch irgendwann wieder sterben …

Maria aber begegnet dem Auferstandenen. Für den ist der Tod Vergangenheit. Ein für alle Mal. Sie kann und sie darf ihn nicht festhalten, als wäre wieder alles beim Alten. Sein Leben ist nicht wie vorher. Das Leben ist neu – auch für uns. Der Auferstandene sagt ja: „Ich rufe dich bei deinem Namen. Du gehörst zu mir im Leben, im Sterben und durch den Tod hindurch.“

Ostern ist anders, liebe Gemeinde. Rettend anders, heilsam anders … – Und Ostern macht anders. Ostern verändert dich und mich und die ganze Welt. – Wie auch immer uns unsere Wege führen, wir gehen auf das Leben zu.

Die Frau, die da weinend am Grab stand, und gefangen war in der Welt des Todes, die bleibt nicht die alte. In sie kommt neues Leben, schon jetzt. Der Auferstandene sagt zu Maria: „Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.

Und Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: „Ich habe den Herrn gesehen.“ Maria will es nicht für sich behalten. Sie muss davon erzählen. Anfassen, berühren, begreifen kann sie ihn nicht und darf sie ihn nicht.

Aber ihr Herz ist berührt durch die Liebe des Auferstandenen. Ihr Leben ist berührt durch eine neue Aussicht, die stärker ist als der Tod. Ihr Glaube ist berührt durch eine Hoffnung, die über alles hinausgeht, was wir zu denken vermögen.

Und wenn wir uns gleich am Ende des Gottesdienstes mit unzähligen Menschen in ganz Deutschland zusammentun und gemeinsam singen und musizieren „Christ ist erstanden von der Marter alle. Des soll’n wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein.“ Dann mag es geschehen, dass dieser alte Osterhymnus uns ganz neu berührt. Dass im Singen und Musizieren etwas mit uns geschieht, dass wir spüren: Jetzt reißt es uns mit, weit über unseren kleinen Mut hinaus, weit über unsere zaghafte Hoffnung hinaus. Nicht nur in dieser verrückten Zeit. Das gebe der lebendige Gott. – In diesem Sinne ein ganz anderes und hoffnungsvolles Osterfest. Amen.“

Ich kann nur hinzufügen: Amen, ja, das wünsche ich uns, dass Ostern so in uns nachwirkt.

Herzlichst Ihre / Eure Pfarrerin Erika Juckel


Foto: D. Binderberger