Andacht für den 28.4.

 

Liebe Gemeinde,

alle drei Tage hier eine Morgenandacht zu schreiben ist gar nicht so einfach, und da sich die allgemeine Situation ja seit Wochen nicht wesentlich ändert und sich sehr wahrscheinlich auch in den kommenden Monaten nicht grundlegend ändern wird, fragt man sich nach einiger Zeit, welche Themen es noch gibt, die die Leute interessieren könnten.

Um Anregungen zu bekommen, schaue ich mir daher z. B. immer wieder an, welche Predigttexte am kommenden Sonntag an der Reihe sind oder welches die Tageslosung ist. Es kommt aber auch vor, dass einem weder das eine, noch das andere besonders anspricht. Genau so erging es mir, als ich diese Andacht schreiben wollte. Also suchte ich weiter, blätterte in meinem Losungsheftchen hin und her, und stieß dabei wie zufällig auf den neutestamentlichen Lehrtext zum 1. Januar. Der sprach mich sofort an, brachte mich ins Nachdenken und schien mir auch im April noch wunderbar zu passen, denn da sagt der Apostel Paulus:

„Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“  [Römer 5, 3-5]

Genial! Als hätte der Apostel Paulus schon seinerzeit gewusst, in welcher Situation wir uns in diesem Jahr 2020 bald befinden werden oder als hätte der Mensch, welcher dem alttestamentlichen Losungstext vom 1. Januar, den neutestamentlichen Lehrtext hinzufügte, bereits geahnt, was heute unsere Gegenwart ist, nämlich die Bedrängnis, die wir seit Wochen erfahren.

Und genau aus dieser Bedrängnis, wollen wir jetzt wieder raus, wollen, dass die Geschäfte, Kitas und Schulen wieder geöffnet werden, dass in den Fabriken wieder gearbeitet wird und dass möglichst alles bald wieder genau so ist wie zuvor.

Doch Geduld! So fordert der Apostel und was er sagt, klingt für mich wie ein Appell an die Vernunft, bei so vielen in meinen Ohren derart unvernünftig klingenden Forderungen nach größerer Freizügigkeit, nach mehr Bewegungsfreiheit und nach noch mehr von dem allvertrauten Alltag.

Nein so schnell geht das nicht! Da muss ich Paulus Recht geben. Es braucht Geduld, wie er sagt, denn je mehr Geduld wir jetzt haben, je geduldiger wir die aktuelle Situation akzeptieren, umso schneller und unbeschadeter werden wir aus dieser Bedrängnis wieder herauskommen.

Tja, und dann dieses Wort „Bedrängnis“, schon seltsam, wo wir doch gerade jetzt einander nicht mehr nahe kommen sollen, wo wir einer zum anderen Abstand halten sollen. Nein, wir sollten uns nicht bedrängen lassen, weder von Corona, noch von denen, die vehement Lockerungen der allgemeinen Schutzmaßnahmen fordern.

Ob wir zu Erntedank oder meinetwegen auch zu Weihnachten wieder Gottesdienste mit Gesang, mit Abendmahl und allem, was sonst noch dazu gehört, in unseren Kirchen feiern können, das hängt in erste Linie von unserer Disziplin, unserem Durchhaltevermögen und unserer Geduld ab, die wir jetzt beim Umgang mit dem Corona-Virus aufbringen müssen. Wenn wir uns in dieser Bedrängnis jetzt bewähren, wie Paulus schreibt, dann gibt es Hoffnung, dass in nicht allzu ferner Zukunft etliches in unserem gewohnten Alltagseben, insbesondere aber auch im kirchlichen und Gemeindeleben wieder möglich sein wird.

Die Wochen und Monate, die bereits hinter uns, die aber zum allergrößten Teil noch vor uns liegen, die waren und sind nicht leicht zu bewältigen. Die Bedrängnis ist da! Niemand wird das bestreiten wollen und wir brauchen Kraft, sie durchzustehen. Woher diese Kraft kommen kann, das schreibt Paulus auch. Sie nimmt ihren Ausgang bei der Liebe Gottes, die uns durch den Heiligen Geist in unserer Herzen gegeben ist. Diese Liebe lässt uns zuversichtlich sein. Sie lässt uns auch verantwortungsvoll und rücksichtsvoll mit dem Leben unserer Mitmenschen umgehen, indem wir sie und damit auch uns selbst vor einer weiteren Ausbreitung des Virus schützen. Die Liebe Gottes verleiht uns auch die Fähigkeit, das richtige Wort zu finden, um andere in dieser Zeit der Bedrängnis zu stärken und auf verschiedenste Art und Weise für den anderen / die andere da zu sein.

Am Neujahrstag 2020 passte dieses Wort des Apostel Paulus aus dem Römerbrief noch nicht zu meinem Leben. Auf meine damalige Lebenssituation traf es einfach nicht zu. Aber heute passt es und für die kommenden Tage und Wochen sicher auch. Es lohnt, über dieses Bibelwort weiter nachzudenken und auf die Suche zu gehen, wo in der Bibel sich vielleicht ähnlich Worte finden, die zu mir und meinem Leben heute passen, die mir Hoffnung und Zuversicht schenken, welche uns Christus durch den Heiligen Geist verheißt.

Amen

Pfarrer Armin Kopper

 

 

 


Foto: D. Binderberger u. Wikipedia