Andacht für den 27.4.

Liebe Gemeinde! Liebe Leserin, lieber Leser!

Diese Andacht schreibe ich am Sonntag, den 26. April. Der Sonntag ist in der christlichen Tradition der erste Tag der Woche, weil er uns an das Fest der Auferstehung Jesu, an den Ostersonntag, erinnert.

Vor drei Stunden habe ich den evangelischen Gottesdienst im Fernsehen mitgefeiert. In der kommenden Zeit werden mich die Gedanken aus Predigt, Gebeten und Liedern im besten Sinne „verfolgen“, denn es gab in diesen 45 Minuten Fernsehen so vieles, was mir nahegekommen ist. Vieles, was mich zum Weiterdenken anregt, mich im Glauben weiterbringen und meinen Alltag verändern wird. Denn Gottesdienste können nachhaltig wirken.

So ging es mir auch mit dem Gottesdienst am Ostersonntag. Die Übertragung kam aus der Saalkirche in Ingelheim. Es war ein besonders festlicher Gottesdienst, musikalisch und inhaltlich ein Geschenk. Die Predigt, die Pfarrerin Annette Kurschus hielt, hat mich berührt und tief beeindruckt. (Annette Kurschus ist die Präses, also das Oberhaupt, der Westfälischen Landeskirche.)

Ich hatte den Gottesdienst aufgenommen und mir vieles notiert, denn einigen Konfis im Bezirk Forsbach-Kleineichen hatte ich die Aufgabe gegeben, den Ostergottesdienst anzuschauen und einen Fragebogen zum gesamten Ablauf und Inhalt auszufüllen.

Gerne möchte ich nun mit Ihnen und Euch Gedanken aus der Predigt teilen. Also folgt hier die erste Hälfte der Predigt zitiert und kursiv gedruckt. Wer von Ihnen und Euch denselben Gottesdienst im Fernsehen verfolgt hat, wird sich gern mit mir erinnern. Und ich hoffe, alle anderen werden sich ebenso ansprechen lassen von der Art und Weise, wie die Präses Parallelen aufzeigt zwischen der Situation vor 2000 Jahren und unserer Gegenwart heute.

Nach dem Kanzelgruß beginnt Frau Kurschus ihre Predigt mit folgender Beschreibung:

„Ostern ist anders, liebe Gemeinde. Ganz anders. Gähnende Leere in den Straßen, kein buntes Treiben in den blühenden Gärten der Stadt, kein Besuch von Familie oder Freunden, daheim mit den Allernächsten nur, man hält Abstand, schottet sich ab. Vorsichtshalber, es ist gefährlich da draußen, heißt es, zu gefährlich seit sie Jesus ans Kreuz geschlagen haben. Wenige Tage nur ist das her, und seitdem herrscht Ausnahmezustand bei den Jüngern, damals in Jerusalem. Sie sind auf der Hut, nehmen sich in Acht, viel zu hoch ist die Gefahr, verpfiffen zu werden, viel zu hoch das Risiko sich zu infizieren mit der Wut der anderen, angesteckt zu werden vom Hass, der Jesus ans Kreuz brachte. Schlimmstenfalls könnten sie selbst dabei draufgehen, so wie er.

Ja, Ostern ist anders, ganz anders, und zwar schon immer, von Anfang an. Das erste Osterfest begann mit Abstand und Einsamkeit, mit Furcht und Trauer. Maria ist die allererste, die sich aufmacht am Ostermorgen, die allererste, die merkt, dass etwas nicht stimmt.“

Nach diesen Worten liest eine Lektorin aus dem Johannesevangelium vor (Joh. 20, 11-8):

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den anderen zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte. Und sie sprachen zu ihr: „Frau, was weinst du?“ Sie spricht zu ihnen: „Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben.“ Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: „Frau, was weinst du? Wen suchst du?“ Sie meint, es sei der Gärtner und spricht zu ihm: „Herr, hast du in weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen.“ Spricht Jesus zu ihr: „Maria!“ Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: „Rabbuni!“, das heißt Meister! Spricht Jesus zu ihr: „Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und was er zu ihr gesagt hat.

Danach weiter die Worte von Pfarrerin Annette Kurschus:

„Maria steht am Grab und weint. Die meisten von uns haben schon an Gräbern gestanden. Manche in den letzten Wochen erst, und da durften nur wenige mitkommen, 5 oder 10 höchstens. Einige standen dort vielleicht ganz allein, so wie Maria. Das Grab, an dem Maria steht, ist das Grab Jesu. Sie nannten ihn Christus und sagten, er sei Gottes Sohn. Er hatte einzelne Menschen geheilt und sie ahnten: In ihm war Gott selbst da und schuf neues Leben. Er hatte zu ihnen gesprochen und sie ahnten: Durch ihn sprach Gott selbst und berührte die Herzen. Dieser Jesus war gestorben. Maria steht vor dem Grab und weint. Sie will Jesus nahe sein. Einmal noch wenigstens, selbst wenn es der tote Jesus ist.

Sie will ihm nah sein. Was hat dieser schlichte Wunsch in diesen Wochen für einen Klang. So viele sehnen sich danach, einander nah zu sein, berühren und sich berühren lassen. Umarmen und umarmt werden, das wärmt, und das tröstet und schützt. Zurzeit ist leider auch das anders. Einander nah sein ist jetzt gefährlich und ansteckend und verboten. In mancher Wohnung, in mancher Beziehung, in manchem überfüllten Flüchtlingslager verkehrt es sich in quälende Enge, in gewaltsame Übergriffe, in bedrängende Not.

„Was weinst du?“ fragen zwei Engel aus dem Grab heraus. Behutsam fragen sie, fürsorglich und zart. Aber ihre Nähe tröstet Maria nicht. Jetzt nicht. „Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“

Was für ein verzweifelter Satz in einer Zeit, in der aus Turnhallen Intensivstationen werden, und auf den Hinterhöfen mancher Krankenhäuser Kühlwagen stehen für die Toten. „Ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“

Maria hat all ihre Hoffnung auf ihn gesetzt und jetzt ist er tot. Weg. Nicht einmal der Leichnam ist mehr aufzufinden. Maria stellt fest: Jesus hat mich allein gelassen.

Viele Menschen stellen das fest. Nicht nur an Gräbern. Mein Gott hat mich allein gelassen.

Maria dreht sich um vom Grab und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass er es ist. In diesem kleinen Halbsatz steckt das Geheimnis des Ostertages. Der Auferstandene ist da und sie erkennt ihn nicht. Während sie mit Haut und Haaren verstrickt ist in ihre Situation, überwältigt von ihrer Einsamkeit, gefangen in ihrer Not, ist er längst da.

Das heißt doch: Auch wenn ich nicht weiß, auch wenn ich gefangen bin in meiner Situation, auch wenn ich im Moment keinen Zugang finden sollte zum auferstandenen Christus, dann macht das dessen Lebendigkeit nicht zunichte. Dass er lebt, das hängt nicht von meinem Glauben ab. Wo ich wie gebannt auf das starre, was mein Leben bedroht, da steht er, der Lebendige, längst hinter mir und wartet darauf, mir zu begegnen.“ – – –

Hier möchte ich eine Zäsur setzen und auf die Fortsetzung der Predigt vertrösten. Da wird es noch eine Wendung geben, die uns die heilsame Gegenwart Jesu nahebringt. – Hier passt mein Taufspruch, ein wunderbarer Zuspruch, der bei jeder Taufe gelesen wird. Jesus Christus spricht: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Matthäus 28, 20)

Ich wünsche uns allen, dass wir immer wieder entdecken: Jesus, der Auferstandene, ist da. Er ist bei uns, neben uns, über uns, hinter uns … – heute und an allen kommenden Tagen.

Es grüßt herzlich Ihre / Eure Pfarrerin Erika Juckel


Foto: D. Binderberger