Andacht für den 26.4.

„Haus des Gottes“

Liebe Leserinnen und Leser,

heute ist wieder ein unglaublich „schmerzlicher“ Tag für mich und viele andere auch. Heute, am zweiten Sonntag nach Ostern, hätten wir eigentlich die Konfirmation der Volberger Konfis 2020 gefeiert, die wir nun verschieben mussten.

Auf unserer Konfifreizeit im Februar hatten wir fast schon alles für den Gottesdienst geplant und vorbereitet …

Das Thema, das die Konfis für ihren Konfirmationsgottesdienst gewählt haben lautet „Haus des Gottes“. Das Motto ist angelehnt an die Netflix Serie „Haus des Geldes“ – aber dies will ich nun hier nicht weiter ausführen. Das wird Thema im nachzufeiernden Konfirmationsgottesdienst sein.

Ich möchte hier nun fragen: Wo ist das „Haus des Gottes“?

Vor einigen Jahren wurde uns in der Werbung folgende Frage gestellt: Wohnst du noch oder lebst du schon?

Haben sie diese noch im Ohr? Sie war über viele Wochen das Leitmotto der Ikea Werbung. Damals gab es unter anderem einen Werbespot im Fernsehen, in dem ein Paar in seiner Wohnung zu sehen war:

Der Mann sitzt auf seinem Sessel und liest eine Tageszeitung. Eine Frauenstimme erschallt aus dem Hintergrund: „Schatz kannst du mal den Müll rausbringen?“. Der Mann bejaht, steht auf und fängt an, die Gardinen von den Gardinenstangen runter zu reißen und die Tapeten von den Wänden zu reißen. Von den Geräuschen erschreckt kommt die Frau ins Zimmer gelaufen und fragt ihren Mann entsetzt und ein wenig hysterisch: „Was machst du denn?“. Ihr Mann antwortet: „Müll rausbringen.“

In der nächsten Szene sieht man dann, wie die beiden sich in einer frisch renovierten Wohnung miteinander vergnügen. Eine Stimme aus dem Hintergrund fragt: Wohnst du noch oder lebst du schon?

Eine Werbung, die mich noch heute in der Erinnerung zum Schmunzeln bringt. Sie will die Lebensweise des Betrachters infrage stellen: Wohnst du nur in deiner Wohnung oder kannst du fröhlich und zufrieden in deiner Wohnung leben?

Nach dem Lebensgefühl wird gefragt und gleichzeitig eine Aussage getroffen: Mit einer Grundrenovierung deiner Wohnung mit Ikea Ausstattungsstücken bekommt dein Leben ein völlig neues Lebensgefühl.

An dieser Werbung ist was dran. Oft sehnt man sich nach neuen Tapeten, weil man sich an den alten satt gesehen hat. Oft kann man alte Möbel nicht mehr sehen, weil sie der Wohnung einen bestimmten Charakter geben und eine bestimmte Stimmung erzeugen. Es tut gut eine Wohnung neu nach seinen Wünschen einzurichten. Wohnst du noch oder lebst du schon?

Es gibt eine Geschichte in der Bibel, in der Jesus die Frage nach seiner Wohnung gestellt wird: „Wo ist deine Herberge?“. Es ist die Frage von zwei Menschen, die auf Jesus aufmerksam gemacht wurden und nun mehr von ihm wissen wollen. Am Ende dieser Geschichte finden die beiden „Leben in der Gemeinschaft mit Jesus“. (Johannesevangelium 1, 35- 42)

In der Geschichte gehen zwei junge Männer hinter Jesus her. Ihr Grund: Johannes der Täufer hat ihnen gesagt, dass dieser Mensch etwas ganz Besonderes ist: „Dieser Mensch ist das Lamm Gottes“ bezeugt er ihnen. Lamm Gottes? Die beiden wussten Bescheid, was dies zu bedeuten hat. Das Lamm hatte in ihrer jüdischen Tradition eine besondere Bedeutung. Johannes meinte mit seiner Anspielung das Passahlamm, das Tier, dessen Blut Leben bringt. Weil es nach der Passahtradition die Schuld der Menschen trägt.

Dieser Jesus ist also der Lebensbringer Gottes sagt Johannes indirekt zu diesen beiden jungen Männern. Sie machen sich nun auf den Weg, um das zu prüfen. Sie gehen hinter Jesus her. Jesus bemerkt das und wendet sich ihnen zu. Er stellt ihnen eine Frage: „Was sucht ihr?“ Indirekt fragt er: Wisst ihr was ihr wollt, wisst ihr, was ihr bei mir sucht und was bei mir zu finden ist?

Nachdem, was die beiden Männer über Jesus gehört haben, müsste nun eigentlich die Antwort kommen: „Wir suchen den Sohn Gottes“. Doch die beiden sind nicht so direkt. Wahrscheinlich sind sie skeptisch, ob ihnen Johannes da wohl eine richtige Einschätzung über Jesus gegeben hat. Und so antworten sie nicht direkt, sondern fragen ihrerseits: „Meister, wo ist deine Herberge?

Eine ungewöhnliche Frage, die die beiden stellen. Aber sie haben eine Absicht: Sie fragen, wo wohnst du – und meinen damit: Wir wollen dich besuchen, wir möchten dich näher kennenlernen.

Die Frage nach der Wohnung zielt nicht nur auf das Haus, in dem Jesus wohnt. Die Frage meint mehr: Was gibt dir die Kraft zu leben, in welchen Gedanken lebst du, welcher Glaube ist dein Fundament, welche Hoffnung ist dein „Dach“ …  und worin bist du letztlich geborgen?

Die beiden Jünger stellen die tief gehende Frage nach dem Lebensfundament.

Doch Jesus – er beantwortet diese Frage nicht. Er erklärt sich und seine Person den beiden Männern nicht. Er antwortet anders, als man es erwarten würde: „kommt und seht“. Jesus gibt keine Beschreibung. Er schlägt leise einladende Töne an: „Kommt und seht. Seine Worte sind eine Einladung mitzugehen genau zu schauen, zu prüfen, wer Jesus ist, wo er zu Hause (oder: zuhause) ist.

Kommt und seht“! Jesus lädt die Johannes Jünger ein, sein Lebensgebäude kennenzulernen.

Die beiden Jünger nehmen die Einladung an. In der Geschichte wird uns berichtet: „Sie kamen und sahen`s und blieben diesen Tag bei ihm“.

Was haben die zwei denn gesehen? In der Geschichte erfahren wir darüber seltsamer Weise nichts.

Aber vom Resultat dieser Begegnung wird uns berichtet. Denn am Abend sind sie Freunde Jesu und folgen ihm nach. Sie ziehen bei ihm ein, aber nicht in eine Wohnung, sondern wohnen in seiner Liebe.

„Haus des Gottes“ – wo ist es? Jesus selbst gibt die Antwort: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Matthäus 18,20)

Das Haus Gottes ist da, wo wir in seinem Namen zusammenkommen und in seiner Liebe wohnen … in Kirchen, auf Friedhöfen, in unseren Häusern, … aber eigentlich an jedem Ort und zu jeder Zeit.

Ich hoffe, dass wir uns bald auch wieder physisch in seinem Namen versammeln dürfen – mit mehr als zwei Personen!

Pfarrer Thomas Rusch

 


Foto: D. Binderberger