Andacht für den 24.4.

 

Liebe Gemeinde! Liebe Leserin, lieber Leser!

In diesen Zeiten hinterfragen manche Menschen ihr Leben, kommen zu sich selbst, und bedenken: Welche Wege bin ich bisher gegangen? Welche Wege liegen noch vor mir? Wie geht es weiter? Was ist das Ziel?

Ein Symbol, das gerade in diesen Zeiten der Unsicherheit zu mir „spricht“, ist das Labyrinth.

Das wohl bekannteste Labyrinth finden wir in der Nähe von Paris, in der Kathedrale von Chartres. Es ist in den Fußboden der Kirche eingearbeitet und misst im Durchmesser 12 Meter. Der direkte Weg zur Mitte wäre demzufolge 6 Meter. Doch im Labyrinth folgt man den verschlungenen Wegen und geht in Kehrtwendungen zur Mitte hin. Dabei komme ich zwar näher zur Mitte hin, doch dann führt mich der Weg nach der Kehre wieder von der Mitte weg. So legt man beim Labyrinth von Chartres einen Weg von 240 Metern zurück.

Wenn wir nach der Bedeutung fragen, so ist klar: Dieses Labyrinth ist nicht einfach ein Zierelement, sondern es hat einen religiösen Zweck: Es dient der Meditation.

In der Mitte ist ein Kreuz. Das ist das Zentrum, in dem man am Ende des Weges ankommt. Und hier begegne ich Jesus Christus, dem Überwinder des Todes. Ich begegne dem Sieger über das Böse. So gehe ich den Weg zur Mitte hin im Bewusstsein, dass ich immer mehr in die Nähe Gottes komme, der uns in Jesus begegnet.

Das Labyrinth abzuschreiten ist von der Tradition her ein Pilgerweg. Es ist der Weg der Büßer nach Jerusalem. Das Labyrinth ist eine Art Ersatz für den tatsächlichen weiten Bußweg nach Jerusalem. Damit es auch eine harte Erfahrung ist, sind die Mönche damals auf den Knieen zur Mitte hin gerutscht.

Dann wurde der sog. „Pilgerschritt“ entwickelt, dazu geht man zwei Schritte vorwärts und einen Wiegeschritt zurück. Man ging fast tanzend weiter (inclusive der Rückschritte), kam aber doch vorwärts und erreichte tatsächlich irgendwann die Mitte.

Das Labyrinth ist ein Symbol für das Leben und den Glauben. Wer sich ins Labyrinth hinein begibt, macht sich auf den Weg, das eigene Leben und seinen Glauben bewusst wahrzunehmen. (Man soll also nicht meinen, Selbsterfahrung wäre eine Erfindung der Moderne.)

Wenn wir auf unseren Lebensweg zurückschauen, auf die verschlungenen Wege unseres Lebens, dann entdecken wir, wo uns manche Kehrtwendung dennoch weiter vorwärts gebracht hat. Egal, wie alt wir sind, egal an welchem Punkt im Leben wir stehen, immer wieder stellt sich die Frage nach der Mitte. Immer wieder stellt sich die Frage nach dem Ziel.

Ein Labyrinth will uns zum Nachdenken über unseren Lebensweg bringen.
Wir bemühen uns, weiterzukommen. Man meint, man wäre ganz nah am Ziel, doch plötzlich steht man vor einer begrenzenden Linie, muss eine Kehrtwendung machen und entfernt sich wieder vom Zentrum.

Wir denken über Wege in unserem Leben nach, bedenken, wann wir vielleicht das Ziel aus den Augen verloren haben, weil wir Umwege machen mussten.
Es kommen uns wohl auch Situationen in den Sinn, die uns zum Umkehren zwangen.
Vielleicht gibt es Nischen in unserem Lebenslabyrinth, in denen wir uns bequem eingerichtet haben, wo wir uns selbst eingrenzten in engen Vorurteilen, oder wo wir müde wurden und darüber vergaßen, wie wichtig es ist, vorwärts zu kommen.
Wer irgendwo im Labyrinth steht, gerät immer in die Gefahr, die Mitte zu verlieren und orientierungslos hin und her zu gehen, ohne noch zu wissen, wohin.

Deshalb ist es gut, so ein Labyrinth – wie das in Chartres – zu betrachten …

Mit den Ehrenamtlichen im Ökumenischen Hospizdienst Rösrath sind wir an einem Teamtreffen ein großes Labyrinth abgegangen. Eine Weile in Stille und dann sangen wir zwischendurch den Kanon: „Wechselnde Pfade, Schatten und Licht. Alles ist Gnade, fürchte dich nicht.“ Da wir den Weg im Pilgerschritt gegangen sind, brauchte es lange Zeit, bis man in der Mitte ankam. Der Weg aus dem Labyrinth heraus dauerte genauso lang.

Auf dem Weg sind wir einander begegnet, so wie wir auch auf den wechselnden Pfaden unseres Lebens ganz unterschiedliche Begegnungen erleben. Für mich war diese Erfahrung mit mir, den anderen und mit Gott sehr dicht. So vieles ging mir im Kopf herum, dabei berührten mich manche Gedanken und Erinnerungen tief im Herzen.

Auch mein Stein, auf dem ein Labyrinth eingeprägt ist, hilft mir, mich zu zentrieren. Vor allem, wenn ich den Stein in Stille betrachte oder bei ruhiger meditativer Musik.

Foto: E. Juckel

Im Labyrinth kann ich mich vergewissern, dass alle diese Linien nicht sinnlos in die Irre führen. (Ein Labyrinth ist eben kein Irrgarten.) Ich kann erfahren, dass der Weg eine gute Mitte hat. Ich erlebe, dass ich dort nach den vielen Wendepunkten ankomme.

So ist das Labyrinth ein Bild für das Leben mit allen seinen Wendungen und Windungen. Es ist auch ein Symbol für den Glaubensweg, weil Gott mit uns auf dem Weg ist. Wir machen immer wieder neue Erfahrungen mit unserem Glauben. Denn es gibt Phasen, da bin ich mal näher dran an der Mitte, dem Kreuz, und mal weiter weg von der Mitte.

So wie das Leben keine gerade Linie ist, so ist auch der Glaube keine solche gerade Linie. Er verändert sich je nach der Lebenssituation. So ist der Glaube immer in Bewegung. Wir sprechen ja auch vom Glaubensweg. Wichtig ist, dass wir offen bleiben für Begegnungen mit unserem Gott.

Schauen wir noch einmal auf das Bild vom Labyrinth. Wenn man das Labyrinth abgeht, dann ist das ein meditatives Gehen. Wir werden eingeladen zu Meditation und Gebet.

Von der christlichen Tradition her gibt es drei Abschnitte beim Abschreiten des Labyrinths:

  • Die Reise ins Labyrinth hinein: Wir bedenken das, was uns belastet und geben es ab.
  • Das Bleiben im Zentrum: In der Mitte gibt es Klarheit und Weiterkommen. Das ist der Ort für meditatives Gebet, für die Gottesbegegnung; es ist der Ort, wo man Frieden spürt.
  • Die Reise wieder zurück: Wer das Labyrinth so abschreitet, kann auf diesem Wege Gott begegnen – auch in seinem Alltag.

Beim Gang durch das Labyrinth des Lebens ist das Kreuz Zentrum und Ziel. Es ist ein Weg zu Gott hin und von Gott her. Es ist ein Weg der Begegnung mit Gott, dem wir unsere Wege anvertrauen können. Wie es der Psalmbeter sagt:

„Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn. Er wird’s wohl machen.(Psalm 37, 5)

Wir sind auch in diesen Tagen gemeinsam unterwegs – wenn auch mit viel Distanz, so doch in herzlicher Verbundenheit. Mein Wunsch für uns alle ist, dass wir immer wieder zur Mitte finden, zu unserem gütigen Gott, dem wir unsere Wege anvertrauen können.

Deine / Ihre / Eure Pfarrerin Erika Jucke


Foto: D. Binderberger