Andacht für den 23.4.

„Lieblingsworte“ zum „einwickeln“

 

Liebe Leserinnen und Leser,

was tut Ihnen gut, in dieser unserer ganz eigenen Zeit, wie wir sie gerade durchleben müssen?

Ich merke, wie ich mich mehr und mehr nach sozialen Kontakten sehne. Wie gut ist es, übers Telefon im Kontakt mit Menschen zu bleiben. Wie schön ist es, mit den Kindern, die nicht mehr zuhause leben, sich über Videotelefonie zu unterhalten und Neuigkeiten auszutauschen …

Die Tage schrieb Frau Margot Käßmann: „Wir brauchen jetzt nicht „Facebook“ sondern „Face to Face““. Ja, das kann ich nur unterstreichen und ich denke, Sie, liebe Leserinnen und Leser, auch, oder?

„Face to Face“, Gespräche mit einem echten Gegenüber! Wie schön ist es, wenn ich z.B. beim Einkauf eine mir bekannte Person treffe und man sich auf Abstand unterhält. Begegnungen tun gut.

Als Menschen sind wir auf Beziehungen angewiesen. Wir brauchen das Gegenüber, das Gegenüber in meinem „Nächsten“ und in Gott.

Ja, das, was mir auch unglaublich guttut, sind die täglichen Begegnungen mit meinem Gott. Und wie schön ist es, mich in die „Verheißungen Gottes einzuwickeln“. Was meine ich damit? Für mich ist die Bibel der Liebesbrief Gottes an uns Menschen und die Worte der Bibel sind für mich wie eine Kraftquelle, die Halt gibt, die mich aufbaut, die mich tröstet. Und in manche Verheißungen der Bibel kann ich mich wie in mein „Bettzeug“ einwickeln.

Eines meiner (zugegeben vielen) „Lieblingsworte“ der Bibel sind Teile des 139 Psalms.

Ich hole ein wenig aus. Seit meiner Konfirmation war der christliche Glaube mein Lebensfundament. Ich fing damals an, täglich meine Bibel zu lesen. Die Geschichten, Aussagen und Verheißungen der Bibel wurden vor allem dort für mich von Bedeutung, wo ich mich selber wiederfand.

Als ich das Theologiestudium anfing, da fiel mir das Sprachenlernen (Griechisch und Hebräisch) sehr schwer. Vor allem an Griechisch verzweifelte ich. Meine Lernergebnisse waren meistens nicht ausreichend. Ich lebte damals mit 5 weiteren Studenten in einer WG. Einer meiner Mitbewohner (Pastorensohn) merkte meine Verzweiflung und wollte mir helfen. Was tat er? Er sagte: „Thomas, ich komme jetzt jeden Abend vorm Schlafengehen zu dir und lese dir einen Psalm vor“. Nun war es damals so, dass mir die Psalmen in der Bibel überhaupt nichts bedeuteten, ich hatte einfach keinen Zugang zu ihnen. Die neutestamentlichen Geschichten um Jesus und die Briefe, die begeisterten mich. Aber die Psalmen? Mit ihrer „prosaischen Sprache“ konnte ich einfach nichts anfangen. Ich dachte damals: „Die Psalmen vorgelesen bekommen – bloß nicht“ konnte aber das liebevolle Angebot meines Freundes einfach nicht ablehnen, denn seine Anteilnahme tat mir unglaublich gut. Und dann passierte es, dass die Worte aus den Psalmen auf einmal für mich „lebendig“ wurden! Ich fand mich in den Situationen der Verfasser wieder und dies tat sehr gut. Seitdem gehören einige Psalmen zu meinen „Lieblingsworten“.

Einer meiner Lieblingspsalmen ist Psalm 139:
Herr, du erforschest mich und kennst mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es, du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe es ist kein Wort auf meiner Zunge, dass du, Herr, nicht schon wüsstest. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen … (Psalm 139, 1-5)

„Lieblingsworte“? Vielleicht denkt jetzt manch einer, dass ihm genau diese Vorstellungen von Gott, die hier in den ersten Versen des 139 Psalms durchscheinen, überhaupt nicht gefallen. Gott als einer der alles sieht, durchschaut, durchblickt? Manch einer hat vielleicht den Zeigefinger anderer Personen vor Augen und die Worte: „Pass auf, der liebe Gott sieht alles“. Ja, schon oft habe ich von älteren Menschen gehört, dass sie mit diesen Worten in ihrer Kindheit „erzogen“ worden sind: „Der liebe Gott sieht alles … also sei schön brav … sonst wird er dich bestrafen …“ Gott musste oft als „Erziehungshilfe“ herhalten! Wie traurig, für mich ein „Missbrauch“ des Wortes Gottes!

Der Gott der Bibel zeigt sich in Psalm 139 ganz anders!

Herr, du erforschest mich und kennst mich. Ja, das tut mir gut, wie oft bin ich mit mir selber nicht im „Reinen“. Wie gut ist es, dass mich einer wirklich kennt, tiefer blickt und nicht nur an der „Oberfläche“ kratzt.

Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es, du verstehst meine Gedanken von ferne. Gott sieht mich, er sieht meine aktuelle Situation und das wunderbarste: Er versteht mich. Wie sehr leide ich manchmal darunter nicht verstanden zu werden, weil ich mich manchmal selber nicht erklären kann. Wie oft werden wir von Mitmenschen „Missverstanden“, wie oft werden unsere „guten Absichten“ nicht verstanden. Gott sei Dank, er versteht uns!

Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Im Ruhen wie im Arbeiten – Gott ist dabei auf jedem Lebensweg! Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal fürchte ich kein Unglück, denn du (Gott) bist bei mir (Psalm 23).

Denn siehe es ist kein Wort auf meiner Zunge, dass du, Herr, nicht schon wüsstest. Wunderbar, ich brauche mich meinem Gott nicht zu erklären! Aber dennoch, es tut gut, es im Gebet zu tun!

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Ja, von dieser Verheißung lasse ich mich gerne „einwickeln“. Wie gut ist es, dass der Herr der Herren seine Hand über mir hält.

Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen. Nein, begreifen kann ich diese Liebe und Fürsorge Gottes nicht wirklich, aber ich will sie dankbar annehmen und mich in meinen Sorgen und Nöten immer wieder daran erinnern. Und so kann ich mich in seinen Verheißungen bergen.

Liebe Leserinnen und Leser,
der Psalm 139 ist noch viel länger … Mein Tipp: „wickeln“ sie sich doch heute in ihn ein oder lesen sie ihn einem lieben Menschen vor.

Alles Gute und Gottes Segen fürs „einwickeln in Gottes Verheißungen“ …

Pfarrer Thomas Rusch

 


Foto: D. Binderberger