Andacht für den 22.4.

Liebe Gemeinde,
In der Gemäldegalerie neben Schloss Sanssouci in Potsdam hängt ein großartiges Bild. Wer es einmal gesehen hat, kann es nie wieder vergessen.
Gemalt wurde es von Michelangelo Merisi da Caravaggio um das Jahr 1600. Jesus ist darauf zu sehen, Thomas ist zu sehen, zwei weitere Jünger sind zu sehen. Und Jesus zeigt dem Thomas seine Seitenwunde, die Wunde, die ihm mit einer Lanze zugefügt wurde, als er am Kreuz hing. Nein, er zeigt sie ihm nicht nur. Er lässt es zu, dass Thomas seinen Zeigefinger in diese Seitenwunde einführt. Ja, es sieht so aus, als ob Jesus selber die Hand des Thomas ergreift und sie führt. Eine unglaubliche Szene. Unglaublich auch die Blicke der Jünger: Eine Mischung aus Faszination und Erschrecken. Ein großartiges Bild.

Freilich kann man sich fragen, ob dem Maler nicht seine Fantasie durchgegangen ist. Denn davon, dass Thomas wirklich seinen Finger in die Seitenwunde legt, ist im Text nicht ausdrücklich die Rede. Und zur Theologie des Johannesevangeliums würde es nicht wirklich passen, dass Thomas den gewünschten greifbaren Beweis bekommt.

Wenn man sich hineindenkt in die Art und Weise, wie das Johannesevangelium Jesus versteht und schildert, dann erscheint es plausibler, zu sagen: Thomas hat das Angebot Jesu ausgeschlagen.

Das Johannesevangelium schildert in seinen Ostererzählungen verschiedene Menschentypen und die Art und Weise, wie sie zum Glauben kommen. Thomas ist einer von ihnen. Thomas ist der Skeptiker, der gerne Beweise hätte für den Glauben. Aber der Verfasser des Johannesevangeliums ist zutiefst davon überzeugt, dass es letztlich für den Glauben keine Beweise gibt.

Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott!  (Johannes 20, 26-28)

Thomas spricht hier ein Bekenntnis zu Jesus aus, wie es umfassender und höher gar nicht gedacht werden kann: „Mein Herr und mein Gott!“ Ausgerechnet der Zweifler Thomas, der große Skeptiker, kommt hier zur tiefsten Einsicht über Jesus. Dass Thomas tatsächlich das Angebot Jesu angenommen hat, das steht nicht im Text. Das Bekenntnis des Thomas schließt sich ganz direkt an die Aufforderung Jesu an. Es steht da eben nicht: „Und Thomas legte seine Hand in die Wunde“.

Was hat ihn überzeugt? Vielleicht war es einfach die Art und Weise, auf die Jesus ihn angesprochen hat. Vielleicht hat es ihn einfach überwältigt, dass Jesus sein Anliegen nicht einfach abgelehnt hat. Aber selbst wenn wir annehmen, dass Thomas wirklich seine Hand in die Seitenwunde Jesu gelegt hat: Gelobt wird er dafür nicht. Denn Jesus sagt zu ihm: „Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ (Johannes 20, 29)

Jesus kritisiert hier einen Glauben, der sich auf Greifbarkeit und auf Sichtbarkeit gründet. Was er aber nicht kritisiert, ist das Verlangen des Thomas nach Beweisen und Gründen für seinen Glauben. Sonst würde er ihn nicht dazu auffordern, seine Hand in seine Wunde zu legen. Könnte es so gewesen sein: Jesus akzeptiert die Zweifel des Thomas. Jesus akzeptiert den Thomas als einen Zweifelnden. Jesus kommt dem Thomas entgegen. Und Thomas kommt zum Glauben einfach dadurch, dass Jesus ihn anspricht. Thomas geht die Einsicht auf, dass der Glaube sich nicht auf Greifbares gründet.

Das Johannesevangelium setzt Thomas, diesem Zweifler, ein großartiges Denkmal:
Gerade er gewinnt den tiefsten Zugang zum Geheimnis Jesu: „Mein Herr und mein Gott.“ Gerade Thomas geht es auf, dass in dem Menschen Jesus kein anderer begegnet als Gott selber.

Thomas muss nicht den Maßstab abgeben. Niemand muss wie Thomas sein. Glücklich, wer einfach fraglos in den Glauben hineinwächst! Glücklich, wer glaubt mit der gleichen Fraglosigkeit, mit der er atmet.

Pfarrer Armin Kopper


Foto: D. Binderberger u. Public Domain, DW