Andacht für den 16.4.

 

Liebe Gemeinde,

gestern Morgen bekam ich aus Paris die Absage für meinen Aufenthalt im Foyer le Pont, den ich für Mai geplant hatte. Schon am Ostermontag war mir beim Schauen der Nachrichten klar geworden, dass es mit dieser Reise wohl nichts werden würde, nachdem Staatspräsident Emmanuel Macron die bislang für ganz Frankreich geltende Ausgangssperre bis zum 11. Mai verlängert hatte.

 

Sehr schade finde ich das. Ich hatte mich wirklich auf die Reise gefreut. Es verbinden sich für mich so viele positive Erinnerungen mit diesem Haus, dem Foyer le Pont, denn schon sehr oft war ich dort zu Gast, allein oder zu zweit, mit Freunden oder einer Reisegruppe. Besonders schön finde ich die wunderbare Dachterrasse, auf der man bei gutem Wetter gemütlich zusammensitzen und diskutieren kann, auf der man den Himmel über Paris betrachten oder auch miteinander singen kann.

Das Haus selbst stammt aus dem 19. Jahrhundert und ist immer wieder umgebaut und erweitert worden. Es will von seinen Besuchern erkundet werden, denn kein Raum gleicht dem anderen. Alles an diesem Haus ist individuell und verwinkelt. Kein Luxus. Alles ist praktisch, funktional und schlicht und gerade deshalb so einzigartig.

Die Menschen, die im Foyer Le Pont leben und arbeiten, sind mir nach so vielen Aufenthalten fast alle wohl vertraut. Man freut sich jedes Mal einander zu begegnen. Auch an sie denke ich jetzt. Wie geht es Ihnen, wenn sie fast zwei Monate lang ihre Wohnung so gut wie nicht mehr verlassen dürfen? Ob sie weiterhin ihr Auskommen haben, jetzt wo der Betrieb im Haus über so lange Zeit ruht?

Wie, Sie kennen das Foyer Le Pont gar nicht? Na, dann sei Ihnen kurz folgendes gesagt: Das Foyer Le Pont liegt im Pariser Stadtteil Montparnasse und ist eine Einrichtung unserer Evangelischen Kirche im Rheinland. Man kann sich dort als Gast einmieten, an Tagungen teilnehmen oder es z. B. als Gemeinde selbst für Tagungen anmieten. Das Foyer le Pont ist gemäß eigener Definition „Begegnungszentrum der evangelischen Kirchen in Europa“ und es bietet seit 1998 „christlichen Gruppen Raum zur Begegnung und zum Dialog zwischen den Kirchen.“

Bei meinen Aufenthalten im Foyer le Pont habe ich schon einiges über die Protestantische Kirche in Frankreich erfahren, über ihrer Geschichte und die gegenwärtige Situation. Die Strukturen der protestantischen Kirche Frankreichs sind in vieler Beziehung so ganz anders als bei uns. Das Verhältnis Staat und Kirche ist zu dem unseren vollkommen verschieden.

Parallelen zu entdecken und Unterschiede zu benennen, das braucht Zeit und fordert Interesse. Doch wer will und sich unvoreingenommen auf das Unbekannte einlässt, dem eröffnen sich ganz neue Blickweisen, vor allem auch auf sich selbst, und er lernt, das eigen Ich nicht als den Nabel der Welt und Maßstab aller Dinge anzusehen. Protestantische Kirche gibt es auch unter anderen Rahmenbedingungen als den unseren.

Mit am interessantesten im Haus finde ich den Frühstücksraum, nein, nicht wegen dem, was es da zu essen gibt, wobei das Baguette schon hervorragend ist, vielmehr wegen der Menschen, auf die man da trifft. Da die Tische eng beieinander stehen und so gut wie alle Gäste, die sich hier aufhalten, eine Beziehung zur evangelischen Kirche haben, kommt man immer schnell miteinander ins Gespräch und man tauscht sich aus, woher man kommt, und weshalb man jetzt hier ist, ob dienstlich oder privat, und man erzählt sich, was man noch vorhat oder was man bereits besichtig hat. Mir gefällt das.

Wer unsere Gottesdienste besucht, dem wird aufgefallen sein, dass wir regelmäßig für das Foyer Le Pont in Paris Spenden sammeln, um die Arbeit, die es leistet, zu unterstützen. Auch jeder Aufenthalt trägt dazu bei, dass uns das Haus langfristig erhalten bleibt.

Warum ich Ihnen heute in dieser Andacht vom Foyer Le Pont erzähle? Zum einen um Ihnen das Haus bekannt zu machen, in dem Seelsorge und Verkündigung auf so ganz andere Art und Weise geschieht, als wir sie uns normalerweise vorstellen, zum anderen um für das Foyer le Pont zu werben, damit auch Sie vielleicht einmal hinfahren, in seinen Räumlichkeiten zu Gast sind und mit ihrem Aufenthalt, ebenso wie ich dafür sorgen, dass dieses Haus der Evangelischen Kirche und damit uns allen erhalten bleibt.

Pfarrer Armin Kopper


Foto: D. Binderberger