Andacht – Ostermontag

 

Liebe Ostergemeinde,

nein, Ostern fällt in diesem Jahr nicht aus, wie man immer wieder hört. Wir feiern es in diesem Jahr nur einmal ganz anders, als wir es bislang gewohnt waren. Vielleicht sogar wesentlich besinnlicher, nachdenklicher, tiefgehender. Im engsten Familienkreis. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen. Doch es geht. Und die Botschaft, die von Ostern ausgeht, bleibt auch in diesem Jahr dieselbe wie in den 2000 Jahren zuvor: Christ ist erstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!

Es waren damals auch nicht die Massen, die am Ostermorgen zum leeren Grab gelaufen kamen. Drei Frauen und verschiedene Jünger. Anschließend saßen sie zusammen, die engsten Freundinnen und Freunde Jesu. Ihnen fühle ich mich an diesem Osterfest ganz nahe, denn ich weiß: die Menschen, die mir wichtig sind, die feiern Ostern jetzt genauso wie ich, auch wenn wir räumlich nicht zusammen sind, denn und auch sie fühlen sich an diesem Morgen angesprochen von der Botschaft der Auferstehung Jesu Christi.

„Siehe, ich sage euch ein Geheimnis, wir werden nicht alle entschlafen, wir werden alle verwandelt werden, und das plötzlich, in einem Augenblick!“      [Korinther 15, 51]

Diese Worte des Apostel Paulus, die er seiner Gemeinde zum Thema Ostern und Auferstehung schreibt, die bekommen jetzt für mich eine ganz neue, eine nie geahnte, eine viel unmittelbarere Bedeutung:

„Wir werden nicht alle entschlafen!“ Sicherlich hat Paulus das damals, als er es schrieb, ganz anders gemeint, als ich das gerade in meiner aktuellen Lebenssituation verstehe, nämlich dass Christus wiederkommen wird, noch bevor die erste Christengeneration verstorben ist.

„Wir werden nicht alle entschlafen“, merkwürdig, wie beruhigend dieses Apostelwort auf mich beim Lesen wirkt. Es lässt mich die gegenwärtige Lage realistisch einschätzen. Bewahrt mich davor, panisch zu reagieren. Meine Ängste und Sorgen sind damit nicht ganz weg, aber sie werden geringer.

„Wir werden alle verwandelt werden, und das plötzlich, in einem Augenblick!“

 Sagt Paulus. Auch das hat er damals vermutlich ganz anders gemeint, dass nämlich Christus, der Messias, kommen und alle Lebenden und Toten in sein Reich, in seine neue Welt mitnehmen wird. So haben wir das im Studium zu deuten gelernt.

Und nun hat sein Wort von der Verwandlung für mich schlagartig eine Präsenz, eine Unmittelbarkeit bekommen, wie nie zuvor, denn das, was Paulus an die Thessalonicher schreibt, betrifft mich in allem, was gerade mit mir und um mich herum geschieht. So vieles hat sich in den vergangen Wochen gewandelt in einem nie für möglich gehalten Tempo. Fast alles ist jetzt schon vollkommen anders und alles wird sich weiter wandeln. So gut wie nichts wird in Zukunft mehr so sein, wie es vorher war.

Ist das nun gut oder schlecht? Ich bilde mir nicht ein, das auch nur entfernt beurteilen zu können. Doch ich sehe Bilder, wie sich die Natur erholt, wie in der Lagune von Venedig Delphine aus dem Wasser springen und sich offensichtlich ihres Lebens freuen. Ich höre von Freunden, wie gut es ihnen tut, nun endlich einmal so viel Zeit für sich und die Kinder zu haben und nicht ständig irgendwohin unterwegs zu sein.

„Wir werden alle verwandelt werden, und das plötzlich, in einem Augenblick!“

Schreibt Paulus. Eine grundlegende Verwandlung, ein Wandel von allem, was wir bislang kannten, hat vor einigen Wochen begonnen. Zwar hat sich schon immer alles auf dieser Welt gewandelt, doch haben wir es vermutlich nie so intensiv wahrgenommen wie im Augenblick.

Die kommende Welt, von der Paulus in seinen Briefen immer wieder spricht und die er den Christen verheißt, wird von ihm nie konkret beschrieben. Er verheißt nur, dass sie kommt und dass wir mit Christus in sie eingehen werden.

Trifft das nicht auch auf uns zu? Wir wissen schon jetzt, der Wandel der sich vollzieht, wird eine andere Welt heraufführen, aber ebenso wie Paulus wissen wir nicht, wie sie sich gestalten wird. Und wir sollten klug sein wie er, uns wilder Spekulationen darüber zu enthalten.

Mir tun die Worte von Paulus aus dem 1. Korintherbrief gut. Sie helfen mir, mit der Gegenwart umzugehen und sie schenken mir Hoffnung und Zuversicht für die Zukunft. Nichts wird bleiben wie es ist, doch mein Glaube an Jesus Christus gibt mir Stärke, das Schwere, wenn es kommen sollte, zu tragen, und er gibt mir die Kraft, mich als Christ für alles, was an diesem Wandel positiv sein kann, einzusetzen.
Amen.

Pfarrer Armin Kopper


Foto: D. Binderberger