Andacht – Ostersonntag

Liebe Gemeinde! Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Losung für diesen 1. Ostertag steht im Prophetenbuch des Jesaja, im 60. Kapitel: „Siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ (Jesaja 60, Vers 2)

Die alttestamentlichen Losungen werden tatsächlich – wie an einer Losbude – ausgelost. In einem kleinen Ort in Ostdeutschland, in Herrnhut, treffen sich Mitglieder der Herrnhuter Brüdergemeine (tatsächlich ohne „d“ geschrieben) jeweils drei Jahre vorher, um die Bibelverse auszulosen. Also wurde dieses Wort aus Jesaja in 2017 ausgelost. Ich finde, dieses „Zufallswort“ passt zum diesjährigen Osterfest, das so ganz anders ist als sonst …

Denn viele Menschen erleben diese Krisenzeit als finster und dunkel. Viele fühlen sich an Leib und Seele bedroht. Da ist die Angst vor Ansteckung, die Sorge um sich und andere. Wir hören davon, dass die Kontaktsperre zu Depressionen führen kann oder auch zu Gewalt in Familien.
Und in vielen anderen Regionen dieser Erde ist die Lage noch bedrohlicher als bei uns.

Es trifft zu, was Jesaja sagt: „Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker.“

Doch Gott sei Dank folgt danach die Verheißung: „Aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“

Der Losungspfarrer in Herrnhut hat passend zum Jesajawort als Lehrtext aus dem Neuen Testament Verse aus der Ostergeschichte ausgewählt: „Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war.“ (Markus 16, Verse 2-4)

Die Frauen wollen den Leichnam Jesu salben. Auf dem Weg zum Grab kommt ihnen die Frage in den Sinn: Wer wälzt uns den riesigen STEIN vom Eingang des Felsengrabes? Sie wissen um das Hindernis. Und sie fragen danach, wer den STEIN aus dem Weg räumen kann? Sie fragen, wer hier helfen kann?

Ähnlich können wir auch heute fragen: Wer wälzt uns den STEIN von der Seele?
… den schweren STEIN der Depression, der uns niederdrückt und vom Leben abschließt?
… den riesigen STEIN der Trauer, der bleischwer auf uns lastet und uns den Atem nimmt?
… den STEIN der Vergangenheit, der uns daran erinnert, wo wir falsch gehandelt und Menschen enttäuscht haben?

Andere fragen: Wer hilft mir, den harten STEIN der Krankheit zu tragen?

Wer steht mir bei in beruflichen Belastungen, die mich verunsichern und mir die Hoffnung auf Zukunft nehmen?

Wer hilft mir, die Hindernisse zu überwinden, die mein Leben schwer machen?

Was uns als Hindernis im Leben aufgegeben ist, was unser Leben wie ein Stein beschwert, das können wir anschauen, und uns Hilfe holen.

Manchmal ist es die Hilfe von Mitmenschen; manchmal einfach nur ihr Da-Sein. Vielleicht sind sie von Gott geschickt? Wie der Engel, der den drei Frauen die Auferstehungsbotschaft sagte: Jesus lebt! –

Vielleicht sagen mir andere Boten Gottes, die wie Engel sind, auch eine Botschaft vom Leben … – gerade jetzt in dieser so schwierigen Zeit …

Doch vielleicht verstehe auch ich zunächst nicht, da geht es mir ähnlich wie den Frauen. Vielleicht begreife auch ich zuerst nicht, welches Wunder geschehen ist.

Manchmal hilft Gott auch direkt und ganz konkret, – Doch wir halten es nur für einen glücklichen Zufall. Weil wir ihm zu wenig zutrauen …

Es steht aber fest, dass wir im Leben nicht ohne Hilfe zurechtkommen, und dass wir auch nicht ohne Hilfe bleiben. Ich denke, jeder von uns kennt die Erfahrung, dass er in manch schwieriger Situation Unterstützung und Zuspruch bekommen hat.

Wir müssen die richtigen Fragen, die uns und unser Leben betreffen, stellen. Wir dürfen wissen, dass wir uns an Menschen – und ganz bestimmt auch an Gott – wenden können …

„WER wälzt uns den STEIN von des Grabes Tür?“ fragen die Frauen. Und als sie zum Grab kommen, ist der schwere STEIN an die Seite geräumt. Der Zugang zum Grab Jesu ist frei. Der STEIN – das Symbol der Hoffnungslosigkeit – ist fort.

Die Frauen gehen in das Grab hinein. Doch die Wohnung des TODES ist besetzt von einem Boten des LEBENS. Gott hat die Hoffnungslosigkeit beseitigt. Er hat dem Tod die Macht genommen. Und so ist Ostern ein Umsturz aller Gewissheiten: Das bedeutet: Der Tod ist nicht mehr das Ende. Ostern eröffnet eine neue Zukunft. Ostern ist der Sieg des Lebens.

Doch das können die Frauen nicht sofort verstehen. Erst später! Es ist ja auch schwer, dieser Botschaft vom Leben zu vertrauen. Dass Jesus lebt, das kann nicht sein. Die Frauen fürchten sich. Sie schweigen. Sie erzählen zunächst niemandem von dieser Begebenheit.

Und wir Menschen von heute können gut nachvollziehen, dass man das so nicht glauben kann. Zu massiv sind unsere Erfahrungen in der Welt des Todes. Leiden, Sterben und Tod in unserem Umfeld … Unrecht, Hunger und Krieg überall auf der Welt … Und die Pandemie …

Doch Ostern ist das Trotzdem … Es ist die unendliche Geschichte der Liebe Gottes zu uns! Eine Liebe, die stärker ist als der Tod.

Die Osterbotschaft will auch uns in Bewegung setzen: Auf den Weg der Hoffnung, auf den Weg des Friedens. Wir sollen zu Boten des Lebens werden. Wir können einander zum Leben erwecken, indem wir anderen neue Hoffnung geben, anderen die Last abnehmen, anderen den STEIN überwinden helfen, der ihr Leben schwer macht. Und anderen davon erzählen, dass das Leben siegt. Auch in diesen Zeiten … trotz allem.

Es fehlt mir, mit Ihnen und Euch im Gottesdienst die Osterlieder zu singen. Das afrikanische Lied „Er ist erstanden“ sagt uns in der 4. Strophe: „Geht und verkündigt, dass Jesus lebt, darüber freu sich alles, was lebt. Was Gott geboten, ist nun vollbracht, Christ hat das Leben wiedergebracht.“ (EG 116)

Doch wir sagen es weiter mit dem altchristlichen Ostergruß: „Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!“

Ein gesegnetes Osterfest wünsche ich Ihnen und Euch allen!

Ihre / Eure Pfarrerin Erika Juckel


Fotos: D. Binderberger