Andacht für den 11.4.

Karsamstag, 11. April 2020

“Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?”

Liebe Leserinnen und Leser,
“Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?” so überliefert uns der Evangelist Markus Worte von Jesus am Kreuz (die Geschichte von Jesu Kreuzigung und Tod,  Markus 15, 20-41).

Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber für mich waren diese Worte viele Jahre “unbegreiflich”:

Wie kann Jesus, der Sohn Gottes, der die unmittelbare Nähe zu Gott hat, so etwas sagen? Das passt doch nicht zu dem Jesus, wie er sonst in der Bibel beschrieben wird. Das passt nicht zu dem Jesus, der mit seinen Worten Dinge und Situationen verändert, der die Vollmacht hat Menschen zu helfen.

Nein, ich habe diese Worte lange nicht verstanden! Erst, nachdem ich schon einige Jahre als Pfarrer im Dienst war, “trafen” mich diese Worte tief im Herzen … .

Das Schwierigste, was meinen Dienst ausmacht – ich denke da spreche ich für alle “Geistlichen” – sind Trauerfeiern für Menschen, die nach menschlichem Ermessen, viel zu früh verstorben sind. Ungeboren verstorbene Kinder, Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, Menschen mit denen man befreundet war,  … sie ahnen sicherlich, wie schwer es ist, hier Menschen in der Trauer zu begleiten.

Für mich selber ist der Aufschrei Jesu am Kreuz hier zum “Balsam” geworden.

Für die Trauerfeier zum Tode der Frau meines Freundes (ich habe ihn gefragt, ob ich den Auszug anonymisiert “veröffentlichen” darf!) habe ich es vor Jahren so formuliert:

„Es gibt eine Stelle in der Bibel, die mir bisher theologisch gesehen Probleme gemacht hat, die mir aber heute unglaublich guttut. Es sind die Worte, die uns der Evangelist Markus von Jesus überliefert hat. Es sind die unglaublichen Worte Jesu, die er kurz vor seinem Tod am Kreuz herausschreit (Markus 15, 34): Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Unglaublich, wie der Sohn Gottes, der die unmittelbare Verbindung zu Gott dem Vater hat, diese Worte sagen kann. Unglaublich – Theologen haben diese Worte versucht zu harmonisieren, zu erklären. Für mich brauchen diese Worte heute keine Erklärung – ich bin dankbar, dass sie so unkommentiert in der Bibel stehen in all ihrer Härte und Anklage.  Diese Worte Jesu sind auch bei einem anderen Menschen der Bibel – dem Verfasser von Psalm 22  –   zu finden: Dort schreit ein Mensch: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe“ (Psalm 22, 2+3) Gott sei Dank stehen dies Worte so da – und ich denke, nicht nur ich finde mich hier in diesen Worten wieder. Du XXXXX (Freund) hast schon vor vielen Wochen gesagt, wie sinnlos grausam und ungerecht XXXXX  (Name der Verstorbenen) Diagnose und  Überlebenskampf sei, hast gesagt, dass du an Gott als den liebenden Vater zweifelst. Diesen Zweifel an Gott hatten auch unsere Glaubensvorfahren in den schweren Situationen ihres Lebens und auch Jesus schreit sie am Kreuz heraus … “

Gott sei Dank! Stehen die Worte so in der Bibel, sage ich auch heute an Karsamstag – dem stillen Feiertag vor Ostern

Der Psalmbeter von Psalm 22 bleibt nicht nur bei seinem Unverständnis und seiner Anklage! Einen Vers weiter bekennt er: Du aber (Gott) bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels. Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus …. (Es lohnt sich diesen Psalm in Gänze zu lesen!).

Erinnert uns Jesus, indem er am Kreuz Psalm 22 zitiert nicht schon daran, was Ostern – morgen – unsere wunderbare Hoffnung ist?  „… halfst du ihnen heraus …“

Der Freund schrieb (gestern) zu meinen Gedanken: „Den Trauernden wird ja oft gesagt: frag nicht „warum“, das ist ein Blick zurück, frag „wozu“, das ist der Blick nach vorne. Mir hat das manchmal geholfen, aber auch nicht immer.

In der Oster-Geschichte macht das aber einen ganz wichtigen Unterschied, denn wir wissen ja, wie es weitergeht. Ohne Tot und Leiden, ohne Karfreitag kein Ostern, keine Auferstehung, kein ewiges Leben. Auch in unserer jetzigen Corona-Situation wird ja gerne versucht eine „Prognose“ zu stellen: wie geht’s weiter, wann geht es weiter, was wird werden? Ich habe jetzt schon mehrfach das Gegenteil dazu gehört und gelesen, nämlich die „Regnose“. Der Blick zurück auf diese Zeit, z.B. in einem Jahr. Was hat diese Krise verändert in unserer Gesellschaft? Wie hat sich die Wirtschaft und das Arbeitsleben (weiter)-entwickelt? Was haben wir daraus gelernt? Manches Positive sehen wir jetzt schon, in Bezug auf Solidarität, Nachbarschaftshilfe, Entschleunigung, Verbesserung der Umweltsituation, …

So können wir auch an Karfreitag fragen, „wozu“ dieses Leiden und Sterben? Wie hat das mein Leben verändert? Was für Auswirkungen, welche Bedeutung, hat es für mich?“

Ich wünsche Ihnen einen besinnlichen gesegneten Karsamstag

Ihr Pfarrer Thomas Rusch (und mein Freund)


Foto: D. Binderberger